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Englands Grüne und der Streit um die eigene Identität

Ein muslimischer Co-Vizechef als Fortschrittssymbol, ein eigener Wikipedia-Artikel über Antisemitismus in der Partei, ein verweigertes LGBTQ-Bekenntnis: Wir ordnen ein, was an der britischen Grünen-Affäre um Mothin Ali wirklich belegt ist — und was die Partei über sich selbst entscheiden muss.

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Politisches Gebäude in London, Symbolbild für die britische Parteienlandschaft
Das Wichtigste
Co-Vizechef seit 09/2025
Mothin Ali, Leeds — erster muslimischer Vize der Partei
Vorwurf
Post nach dem 7. Oktober 2023 + TikTok-Attacke auf jüdischen Uni-Kaplan
Parteichef
Zack Polanski, selbst jüdisch, seit 09/2025 "Öko-Populist"
Aktuell
Zionismus-Antrag + Wahlniederlage Holborn & St Pancras (10/2026)

Ein Instagram-Post der muslimischen Nachrichtenseite "5 Pillars" feiert ihn als Meilenstein: "Pro-Palestine Muslim councillor Mothin Ali elected as Green Party's co-deputy leader." Fortschritt, Repräsentation, ein bärtiger Mann mit Kufi-Mütze im grünen Parteihemd. Wer sich das Bild allein ansieht, sieht eine Erfolgsgeschichte von Diversität. Wer tiefer nachschaut, findet etwas deutlich Komplizierteres — und genau darüber hat dieser Tage auch der deutsche FOCUS-Kolumnist Jan Fleischhauer in seinem Podcast "Der schwarze Kanal" gesprochen, unter dem Titel "Endlich wieder Widerstand". Der Fall zeigt exemplarisch, wie schwer sich eine Partei tut, die gleichzeitig für Minderheitenschutz, Klimaschutz und LGBTQ-Rechte stehen will — und plötzlich zwischen zwei eigenen Minderheiten vermitteln muss, die sich beim Nahost-Konflikt nicht einig sind.

Der Auslöser aus Deutschland: Jan Fleischhauer und Carolin Blüchel ordnen den Fall in "Der schwarze Kanal" (FOCUS) ein.

Mothin Aligeb. 1982 Sheffield, Buchhalter & Islamlehrer, Stadtrat Leeds seit 2024
Parteiwechsel2020 von Labour zu den Grünen (wegen Starmer-Kurs)
Zack PolanskiParteichef seit September 2025, selbst jüdisch, früherer Schauspieler
LGBTQ-BekenntnisAli einziger Vizechef-Kandidat, der es nicht unterschrieb (09/2025)
Eigener Wikipedia-Artikel"Antisemitism in the Green Party of England and Wales"
Jüngste NiederlageNachwahl Holborn & St Pancras, Oktober 2026 — Labour gewinnt

Worum der Streit wirklich geht

Es geht nicht darum, ob ein Muslim Vizechef einer britischen Partei werden darf — das ist in einer Demokratie trivial und richtig. Der eigentliche Konflikt ist ein anderer: Die Grünen von England und Wales verkaufen sich seit Jahren als die konsequenteste Partei für Minderheitenschutz, Klimaschutz und queere Rechte im britischen Parteiensystem. Gleichzeitig wählte sie 2025 einen Co-Vizechef, der wenige Jahre zuvor öffentlich in die Nähe einer Verharmlosung des schwersten antisemitischen Massakers seit dem Zweiten Weltkrieg gerückt war — und der als einziger Kandidat ein parteiinternes Bekenntnis zu LGBTQ-Rechten verweigerte. Zwei Ansprüche der eigenen Identität stoßen hier direkt aufeinander, nicht nur in der Außenwahrnehmung, sondern laut Wikipedia-Eintrag und mehreren britischen Medien auch parteiintern.

Wer ist Mothin Ali — und was ist am 7. Oktober wirklich passiert

Mothin Mohammed Ali wurde 1982 in Sheffield geboren, seine Familie stammt aus Bangladesch und kam in den Sechzigerjahren nach Großbritannien. Er arbeitete tagsüber als Buchhalter und unterrichtete abends islamische Studien, bevor er mit einem Garten-YouTube-Kanal mit mittlerweile mehr als sechsundfünfzigtausend Abonnenten bekannt wurde. Politisch war er bis 2020 Labour-Mitglied, wechselte dann wegen des neuen Kurses unter Keir Starmer zu den Grünen und gewann 2024 mit gut der Hälfte der Stimmen einen Sitz im Stadtrat von Leeds, den zuvor Labour hielt.

Am Tag des Hamas-Massakers am 7. Oktober 2023 schrieb Ali auf der Plattform X, der "weiße, suprematistische europäische Siedlerkolonialismus" müsse enden, und sprach in Videos von Israelis als "Besatzern", die den Vorwand des Gegenangriffs nutzen würden. Mehrere britische Medien, darunter die Jewish Chronicle und LBC, werteten das als Versuch, den Angriff als legitime Gegenwehr darzustellen. Nach seiner Wahl in den Stadtrat im Mai 2024 rief er zusätzlich "Allahu Akbar" und bezeichnete seinen Sieg als "Sieg für die Menschen in Gaza". Die Partei kündigte eine Untersuchung an, der Rat der Juden Großbritanniens verurteilte die Aussagen öffentlich. Ali entschuldigte sich wenige Tage später: Er bedauere "jeden Kummer", den seine Kommentare zum Gaza-Konflikt verursacht hätten, unterstütze keine Gewalt auf irgendeiner Seite und habe stets einen sofortigen Waffenstillstand sowie die Freilassung aller Geiseln gefordert.

Der Fall des jüdischen Kaplans

Im Februar 2024 veröffentlichte Ali ein TikTok-Video über Rabbi Zecharia Deutsch, den jüdischen Universitätskaplan in Leeds, der als israelischer Reservist einberufen worden war. Ali nannte ihn ein "Ekel" und ein "Tier" und forderte die Universität auf, Studierende vor "so einem Tier" zu schützen. Nach Veröffentlichung des Videos erhielt der Rabbiner laut mehreren britischen Medien so viele Morddrohungen, dass er mit seiner Familie untertauchen musste. Ein direkter Straf- oder Parteiausschluss-Folgeschritt gegen Ali ist öffentlich nicht dokumentiert — anderthalb Jahre später wurde er Co-Vizechef der Partei.

Kein Einzelfall — und kein reiner Islamismus-Vorwurf

Der Fall Ali steht nicht isoliert. Das Online-Lexikon Wikipedia führt inzwischen einen eigenen Artikel unter dem Titel "Antisemitism in the Green Party of England and Wales" — ein ungewöhnlicher Schritt, der zeigt, dass es sich um ein wiederkehrendes, breit dokumentiertes Muster handelt, nicht um einen einzelnen Ausrutscher. Bei Kommunalwahlen 2026 geriet etwa die Grünen-Kandidatin Feda Shahin aus Bournemouth in die Kritik, weil sie bei einer Kundgebung behauptete, "Zionisten" hätten während der Bolschewiki-Zeit zwanzig Millionen Christen getötet — eine historisch widerlegte Verschwörungserzählung. Shahin verlor ihre Wahl deutlich. Andere Grünen-Kandidaten gerieten wegen ähnlicher Äußerungen zum Nahost-Konflikt in die Schlagzeilen britischer Medien.

Wichtig für die Einordnung: Parteichef Zack Polanski, der die Grünen seit September 2025 führt und sie als "öko-populistisch" lauter nach links positionieren will, ist selbst jüdisch. Das widerspricht jeder simplen Erzählung von einer "islamistisch unterwanderten" Partei. Trotzdem stand Polanski zuletzt unter Druck, weil ein Antrag für den Parteitag Unterstützer sammelte, der Zionismus mit Rassismus gleichsetzen und eine Ein-Staaten-Lösung fordern sollte — ein Antrag, der laut Kritikern das Sicherheitsgefühl britischer Juden weiter untergräbt, egal wie er am Ende ausgezählt wird.

Die Überraschung: Der Riss verläuft nicht da, wo man ihn erwartet

Wer eine einfache Geschichte von "konservativer Islamist gegen progressive Partei" erwartet, wird von den eigenen Fakten der Partei widerlegt. Bei der Vizechef-Wahl im September 2025 war Ali der einzige Kandidat, der ein parteiinternes Bekenntnis zu LGBTQ-Rechten nicht unterschrieb — er lehnte es grundsätzlich ab, sich auf Versprechen einzelner Interessengruppen festzulegen, und wich einer direkten Aussage dazu aus, ob Transfrauen Frauen seien. Gleichzeitig warb er aktiv dafür, dass Muslime und LGBTQ-Menschen zusammenhalten sollten, weil beide Gruppen Ziel derselben rechtsextremen Bewegungen seien — ein Bündnisangebot, keine Abgrenzung. Und im Juli 2024, während der Unruhen im Leeds-Stadtteil Harehills, bildete ausgerechnet Ali eine Menschenkette, um eine Eskalation zu verhindern, und rief öffentlich zur Ruhe auf — der Muslimrat Großbritanniens lobte ausdrücklich seinen Mut. Rechtsextreme Kommentatoren behaupteten fälschlich das Gegenteil, wofür Ali inzwischen rechtlich vorgeht. Das Bild ist also weder reine Hetzkampagne noch reine Verleumdung — es ist ein Mann mit einer dokumentierten Geschichte beider Seiten.

Was daraus folgt

Für die britischen Grünen bedeutet das eine echte Zerreißprobe, keine Randnotiz. Die Partei will gleichzeitig die stimmlautesten Verteidiger jüdischer Sicherheit, die verlässlichsten Verbündeten muslimischer Communities und die konsequentesten Vertreter von LGBTQ-Rechten sein — und merkt gerade schmerzhaft, dass sich diese drei Ansprüche in konkreten Personalentscheidungen nicht immer vereinbaren lassen. Die jüngste Nachwahl in Holborn & St Pancras im Oktober 2026, die Polanski gegen die Labour-Kandidatin Sagal Abdi-Wali verlor, zeigt zusätzlich: Die Strategie, mit einer klar pro-palästinensischen Positionierung enttäuschte Labour-Wähler zu gewinnen, trägt bislang nicht so, wie es sich die neue Parteiführung erhofft hatte.

Auflösung: Keine einfache Antwort, aber eine klare Frage

Zurück zur Ausgangsfrage: Passt das zu den Werten einer Partei, die sich offen "von LGBTQ bis queer bis alle zusammen" versteht? Die ehrliche Antwort ist: teilweise, und das ist das eigentlich Unbequeme an dieser Geschichte. Ali hat sich für frühere Äußerungen entschuldigt, aber die Vorfälle selbst sind durch mehrere unabhängige britische Medien und einen eigenen Wikipedia-Artikel solide belegt. Er hat ein LGBTQ-Bekenntnis verweigert, aber gleichzeitig aktiv für ein Bündnis mit LGBTQ-Menschen geworben. Seine Partei wird von einem jüdischen Vorsitzenden geführt und diskutiert trotzdem einen Antrag, der genau diese Gruppe verunsichert. Wer hier einfache Schlagzeilen sucht, wird sie nicht finden — wer wissen will, warum eine Partei der Vielfalt gerade an ihrer eigenen Vielfalt zu zerbrechen droht, findet in diesem Fall den vielleicht klarsten Einzelfall des Jahres.

Häufige Fragen

Wer ist Mothin Ali?

Ein britisch-bangladeschischer Kommunalpolitiker aus Leeds, geboren 1982 in Sheffield. Er war Buchhalter und Islamlehrer, wechselte 2020 von Labour zu den Grünen und wurde 2024 Stadtrat in Leeds. Im September 2025 wurde er Co-Vizechef der Grünen Partei von England und Wales — der erste muslimische Stellvertreter in der Parteigeschichte.

Was postete Mothin Ali nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023?

Er schrieb auf X, der "weiße, suprematistische europäische Siedlerkolonialismus" müsse enden, und bezeichnete Israelis in Videos als Besatzer. Ihm wurde vorgeworfen, das Vorgehen der Hamas als legitime Gegenwehr darzustellen. Er entschuldigte sich später und betonte, Gewalt auf keiner Seite zu unterstützen.

Was geschah mit dem jüdischen Kaplan von Leeds?

Im Februar 2024 nannte Ali in einem TikTok-Video den jüdischen Universitätskaplan Rabbi Zecharia Deutsch, der als israelischer Reservist gedient hatte, ein "Ekel" und ein "Tier". Der Kaplan erhielt danach so viele Drohungen, dass er mit seiner Familie untertauchen musste.

Wie hat die Grüne Partei darauf reagiert?

Die Partei leitete 2024 eine Untersuchung ein, der Rat der Juden Großbritanniens verurteilte die Aussagen. Eine strafende Konsequenz ist nicht bekannt — gut ein Jahr später wurde Ali trotzdem zum Co-Vizechef gewählt.

Warum ist es wichtig, dass Parteichef Zack Polanski selbst jüdisch ist?

Es macht die Erzählung von einer rein islamistisch unterwanderten Partei zu einfach. Polanski führt eine Partei an, die gleichzeitig einen Antrag diskutiert, Zionismus als Rassismus einzustufen, und selbst wegen Antisemitismus-Fällen bei mehreren Kandidaten in der Kritik steht.

Was ist der Streit um das LGBTQ-Versprechen bei der Vizechef-Wahl?

Ali war 2025 der einzige Kandidat für das Vizechef-Amt, der ein parteiinternes Pro-LGBTQ-Bekenntnis nicht unterschrieb. Er lehnte es ab, sich auf einzelne Interessengruppen festzulegen, warb aber dafür, dass Muslime und LGBTQ-Menschen als gemeinsame Ziele des Rechtsextremismus zusammenhalten sollten.

Ist die britische Grüne Partei dasselbe wie die deutsche Grüne?

Nein, es sind zwei komplett unabhängige Parteien in unterschiedlichen politischen Systemen. Gemeinsam ist nur der Markenkern: Umweltpolitik verbunden mit einem klar progressiven, diversitätsorientierten Selbstbild — und genau an diesem Selbstbild entzündet sich in Großbritannien gerade der Streit.

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