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Plenarsaal des Deutschen Bundestags während einer Debatte über die Sitzverteilung

Überhangmandate erklärt — Entstehung, Wirkung & Reform

Key-Facts

  • Definition: Mandate, die eine Partei über ihren Zweitstimmenanteil hinaus durch gewonnene Wahlkreise erhält
  • Ursache: Differenz zwischen Direktmandaten (Erststimme) und Sitzanspruch (Zweitstimme)
  • Höchststand: 36 Überhangmandate bei der Bundestagswahl 2021
  • Folge: Aufblähung des Bundestags auf bis zu 736 Abgeordnete
  • Reform 2023: Überhangmandate abgeschafft — feste Bundestagsgröße von 630 Sitzen

Überhangmandate gehören zu den kompliziertesten Elementen des deutschen Wahlsystems. Sie entstehen durch das Zusammenspiel von Erststimme und Zweitstimme und haben über Jahrzehnte dazu geführt, dass der Deutsche Bundestag immer größer wurde. Bei der Bundestagswahl 2021 saßen 736 Abgeordnete im Parlament — ein historischer Höchststand. Die Wahlrechtsreform 2023 hat das Thema grundlegend neu geregelt. Doch um die Reform einordnen zu können, muss man verstehen, wie Überhangmandate überhaupt entstehen und welche Rolle sie in der Geschichte des Bundestags gespielt haben.

Wie entstehen Überhangmandate?

Das deutsche Wahlsystem ist eine personalisierte Verhältniswahl. Jeder Wähler hat zwei Stimmen: Mit der Erststimme wählt er einen Direktkandidaten im Wahlkreis, mit der Zweitstimme eine Partei. Die Zweitstimme bestimmt, wie viele Sitze einer Partei insgesamt im Bundestag zustehen. Die Erststimme entscheidet, welche konkreten Personen diese Sitze besetzen.

Ein Überhangmandat entsteht, wenn eine Partei in einem Bundesland mehr Wahlkreise direkt gewinnt, als ihr nach dem Zweitstimmenanteil Sitze zustünden. Das geschieht vor allem dann, wenn eine Partei regional sehr stark ist und in vielen Wahlkreisen die relative Mehrheit holt, während sich die Zweitstimmen auf mehr Parteien verteilen.

Ein konkretes Beispiel verdeutlicht den Mechanismus: Partei A gewinnt in einem Bundesland 15 von 20 Wahlkreisen direkt. Nach dem Zweitstimmenanteil stehen ihr aber nur 11 Sitze zu. Die vier zusätzlichen Mandate waren nach altem Recht Überhangmandate — die Partei durfte alle 15 Abgeordneten behalten, obwohl sie nur Anspruch auf 11 hatte.

Stimmensplitting als Verstärker

Ein wesentlicher Treiber von Überhangmandaten war das sogenannte Stimmensplitting. Wähler können ihre Erst- und Zweitstimme unterschiedlichen Parteien geben. Wenn beispielsweise viele Wähler einem CDU-Direktkandidaten die Erststimme geben, ihre Zweitstimme aber der FDP, erhöht das die Zahl der CDU-Direktmandate, ohne dass sich der CDU-Zweitstimmenanteil proportional erhöht. Dieses Splitting-Verhalten war besonders zwischen CDU und FDP sowie zwischen SPD und Grünen verbreitet und trug erheblich zur Entstehung von Überhangmandaten bei.

Historische Entwicklung der Überhangmandate

In den frühen Jahrzehnten der Bundesrepublik waren Überhangmandate selten. Bei der ersten Bundestagswahl 1949 gab es zwei, in den 1960er und 1970er Jahren traten oft gar keine auf. Der Grund: CDU/CSU und SPD vereinten zusammen regelmäßig über 80 Prozent der Zweitstimmen auf sich. Die Direktmandate verteilten sich dadurch weitgehend proportional zum Zweitstimmenanteil.

Mit dem Aufkommen neuer Parteien änderte sich die Situation. Die Grünen zogen 1983 erstmals in den Bundestag ein und reduzierten die Zweitstimmenanteile der großen Parteien. Nach der Wiedervereinigung 1990 verstärkte sich der Effekt: In den neuen Bundesländern gewann die PDS Direktmandate, was das Stimmenverhältnis weiter verschob. Ab den 2000er Jahren stiegen die Zahlen rapide an.

Bundestagswahl Überhangmandate CDU/CSU SPD Bundestagsgröße
1990660662
199416124672
199813013669
2002514603
20051679614
200924240622
2013440631
201746363709
202136342736

Die Tabelle zeigt: Nach 2009 explodierten die Zahlen. Der Normalwert des Bundestags liegt bei 598 Sitzen (299 Wahlkreise, verdoppelt durch Listenmandate). 2017 wurde mit 709 Abgeordneten ein Rekord aufgestellt, der 2021 mit 736 Sitzen nochmals übertroffen wurde. Deutschland hatte damit eines der größten Parlamente der Welt — größer als der Chinesische Volkskongress in Relation zur Bevölkerung.

Abgeordnete diskutieren die Wahlrechtsreform im Bundestag
Die Debatte um Überhangmandate prägte die parlamentarische Diskussion über viele Jahre hinweg.

Warum sind Überhangmandate problematisch?

Das Grundprinzip der Verhältniswahl besagt: Die Sitzverteilung im Parlament soll den Zweitstimmenanteil der Parteien widerspiegeln. Überhangmandate verzerren dieses Prinzip, weil eine Partei mehr Sitze erhält, als ihr nach den Stimmenverhältnissen zustehen.

Das Bundesverfassungsgericht befasste sich mehrfach mit dem Problem. In einem Urteil von 2008 stellte es fest, dass das damalige Wahlrecht zu einem „negativen Stimmgewicht“ führen konnte: Unter bestimmten Umständen konnte eine Partei durch mehr Zweitstimmen Sitze verlieren. 2012 entschied Karlsruhe, dass Überhangmandate nur in begrenztem Umfang zulässig sind, weil sie den Grundsatz der Wahlgleichheit verletzen.

Einführung der Ausgleichsmandate 2013

Als Reaktion auf die Rechtsprechung führte der Gesetzgeber 2013 Ausgleichsmandate ein. Das Prinzip: Wenn eine Partei Überhangmandate erhält, bekommen die übrigen Parteien zusätzliche Sitze, bis die Verhältnismäßigkeit wiederhergestellt ist. Die Proportionalität war damit gerettet — aber der Bundestag wuchs noch stärker. Aus 46 Überhangmandaten 2017 wurden insgesamt 111 zusätzliche Sitze (46 Überhang plus 65 Ausgleich).

Kosten eines übergroßen Bundestags

Die personelle Aufblähung hatte erhebliche finanzielle Folgen. Jeder Abgeordnete erhält eine Abgeordnetenentschädigung (2024: rund 11.227 Euro monatlich), eine steuerfreie Kostenpauschale (rund 4.725 Euro), eine Amtsausstattung und beschäftigt Mitarbeiter mit einem Budget von über 22.000 Euro monatlich. Der Bund der Steuerzahler schätzte die Mehrkosten durch den vergrößerten Bundestag auf 100 bis 150 Millionen Euro pro Legislaturperiode. Auch die parlamentarische Arbeit wurde aufwändiger: größere Ausschüsse, längere Redelisten, mehr logistischer Aufwand.

Die Wahlrechtsreform 2023

Nach jahrelanger Debatte beschloss die Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP im März 2023 eine grundlegende Wahlrechtsreform. Der zentrale Punkt: Überhangmandate werden vollständig abgeschafft. Die Größe des Bundestags wird auf 630 Sitze festgelegt.

Das neue System funktioniert nach dem Prinzip der „Zweitstimmendeckung“. Die Zweitstimme bestimmt allein, wie viele Sitze einer Partei zustehen. Gewinnt eine Partei mehr Wahlkreise direkt, als ihr nach Zweitstimmen Sitze zustehen, verfallen die überzähligen Direktmandate. Es werden jene Wahlkreisgewinner gestrichen, die in ihrem Wahlkreis den geringsten Stimmenvorsprung erzielt haben.

Kritik und Verfassungsklage

Die Reform war von Anfang an umstritten. CDU/CSU und die Linke klagten vor dem Bundesverfassungsgericht. Die Hauptargumente der Kläger: Erstens könne ein Kandidat trotz Wahlkreissieg nicht in den Bundestag einziehen, was die demokratische Legitimation der Direktwahl untergrabe. Zweitens verliere die Erststimme faktisch an Bedeutung. Das Bundesverfassungsgericht bestätigte die Reform im Juli 2024 im Wesentlichen, erklärte aber die Streichung der Grundmandatsklausel für verfassungswidrig. Diese wurde daraufhin wieder eingeführt.

Auswirkungen auf die Parteien

Die Abschaffung der Überhangmandate betrifft die Parteien unterschiedlich stark. Die CDU/CSU ist am stärksten betroffen, da sie als Partei mit den meisten Direktmandaten überproportional vom alten System profitierte. Besonders für die CSU als rein bayerische Partei ist die Situation heikel: Sie gewinnt traditionell fast alle 46 bayerischen Wahlkreise. Sinkt ihr Zweitstimmenanteil unter einen bestimmten Wert, könnten nach neuem Recht einzelne bayerische Wahlkreisgewinner nicht mehr einziehen.

Die SPD war in geringerem Maß betroffen. Kleinere Parteien wie Grüne, FDP oder AfD gewannen traditionell nur wenige oder gar keine Direktmandate und hatten daher auch keine Überhangmandate. Für sie ändert sich durch die Reform wenig.

Internationale Perspektive

Überhangmandate sind kein rein deutsches Phänomen. Neuseeland nutzt seit 1996 ein ähnliches Mischwahlsystem (MMP — Mixed Member Proportional) und kennt ebenfalls Überhangmandate. Dort dürfen sie bestehen bleiben, das Parlament wird entsprechend vergrößert. In Schottland und Wales gibt es vergleichbare Systeme mit eigenen Lösungsansätzen. Lesotho, Bolivien und Mexiko verwenden ebenfalls Mischwahlsysteme mit ähnlichen Mechanismen.

Das Sainte-Laguë-Verfahren, das in Deutschland zur Berechnung der Sitzverteilung verwendet wird, beeinflusst die Häufigkeit von Überhangmandaten indirekt. Im Vergleich zum früher verwendeten d’Hondt-Verfahren behandelt es kleinere und größere Parteien gleichmäßiger, was die Verhältnismäßigkeit verbessert.

Bedeutung für Koalitionsbildungen

Überhangmandate konnten in seltenen Fällen die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag beeinflussen. Vor Einführung der Ausgleichsmandate 2013 gab es Konstellationen, in denen Überhangmandate einer Koalition zu einer knappen Mehrheit verhalfen. Nach 2013 stellten die Ausgleichsmandate die Proportionalität wieder her, sodass die Mehrheitsverhältnisse dem Zweitstimmenergebnis entsprachen.

Mit der Reform 2023 und der festen Bundestagsgröße von 630 Sitzen basieren Koalitionsbildungen ausschließlich auf den tatsächlichen Stimmenverhältnissen. Für die Berechnung möglicher Mehrheiten können Sie unseren Koalitionsrechner nutzen.

Politikerin hält eine Rede im Plenarsaal des Bundestags
Die Debatte über die Parlamentsgröße war ein zentrales Thema mehrerer Legislaturperioden.

Zukunftsperspektive

Die Abschaffung der Überhangmandate stellt einen historischen Einschnitt im deutschen Wahlrecht dar. Der Bundestag hat nun eine planbare Größe, die parlamentarische Arbeit wird effizienter und die Kosten sinken. Gleichzeitig verändert sich das Verhältnis zwischen Abgeordneten und ihren Wahlkreisen: Die Garantie, dass der Wahlkreisgewinner auch tatsächlich einzieht, besteht nicht mehr.

Die langfristigen Auswirkungen dieser Reform werden sich erst in den kommenden Bundestagswahlen zeigen. Entscheidend wird sein, wie die Wähler auf die neue Situation reagieren und ob das Vertrauen in die demokratische Repräsentation erhalten bleibt. Aktuelle Umfragewerte der Sonntagsfrage finden Sie auf unserer Startseite.

12 Sitze zu viel: Wie Überhangmandate 1994 die Kanzlerschaft sicherten

Am 16. Oktober 1994 gewann die CDU/CSU die Bundestagswahl mit 41,5 Prozent — und zog mit 294 Abgeordneten ins Parlament ein. Nach dem reinen Zweitstimmenanteil hätte ihr nur 282 Sitze zugestanden. Die Differenz von 12 Sitzen stammte aus Überhangmandaten: CDU/CSU hatten in 12 Wahlkreisen direkt gewonnen, ohne dass die Zweitstimmen dies „deckten“. Ausgleichsmandate gab es 1994 noch nicht. Die Regierungskoalition aus CDU/CSU und FDP erreichte damit 341 Sitze, die Opposition (SPD + Grüne) 329 — eine knappe Mehrheit von 12 Mandaten. Exakt die Zahl der Überhangmandate. Ohne diese 12 Extra-Sitze hätte die Koalition nur eine Mehrheit von null Mandaten besessen — jede Abweichung eines Abgeordneten hätte die Regierung gefährdet. Kohl regierte vier weitere Jahre. Ein Richter am BVerfG schrieb 1997 in einem Sondervotum, Überhangmandate ohne Ausgleich seien „schwerlich mit dem Grundsatz der Wahlrechtsgleichheit vereinbar“. Es dauerte noch 16 Jahre bis zur Reform.

736 Abgeordnete: Wie der Bundestag 2021 zum größten Parlament der Bundesgeschichte wurde

Bei der Bundestagswahl 2021 zogen 736 Abgeordnete ins Parlament ein – 138 mehr als die Regelgröße von 598 Sitzen. Auslöser waren 34 Überhangmandate der CDU/CSU sowie 2 der SPD, die durch 100 Ausgleichsmandate für die anderen Parteien kompensiert wurden. Der Bund der Steuerzahler berechnete die Mehrkosten auf über 100 Millionen Euro pro Legislaturperiode. Der Rekord-Bundestag war der unmittelbare Anlass für die Wahlrechtsreform 2023, die Überhangmandate vollständig abschaffte und die Parlamentsgröße auf 630 Sitze deckelerte.

Häufige Fragen

Was sind Überhangmandate?

Überhangmandate entstehen, wenn eine Partei in einem Bundesland mehr Direktmandate über die Erststimme gewinnt, als ihr nach dem Zweitstimmenanteil Sitze zustehen würden. Die überschüssigen Sitze hießen Überhangmandate und wurden bis 2023 zusätzlich zugeteilt.

Warum vergrößern Überhangmandate den Bundestag?

Bis 2023 erhielten Parteien zusätzliche Sitze über ihren Zweitstimmenanteil hinaus. Um die Verhältnismäßigkeit wiederherzustellen, bekamen andere Parteien Ausgleichsmandate, wodurch der Bundestag noch stärker wuchs. 2021 saßen deshalb 736 statt der regulären 598 Abgeordneten im Parlament.

Gibt es nach der Reform 2023 noch Überhangmandate?

Nein. Seit der Wahlrechtsreform 2023 werden Überhangmandate nicht mehr zugeteilt. Gewinnt eine Partei mehr Wahlkreise als ihr Zweitstimmenanteil hergibt, verfallen die überzähligen Direktmandate. Der Bundestag ist auf 630 Sitze festgelegt.

Welche Partei hatte die meisten Überhangmandate?

Die CDU/CSU profitierte historisch am stärksten. Bei der Bundestagswahl 2021 entfielen 34 der 36 Überhangmandate auf die Union. Auch 2009 und 2017 war sie Hauptnutznießerin.

Was sind Ausgleichsmandate?

Ausgleichsmandate waren zusätzliche Sitze für andere Parteien, um die Verhältnismäßigkeit nach Überhangmandaten wiederherzustellen. Das trieb den Bundestag auf bis zu 736 Sitze. Mit der Wahlrechtsreform 2023 wurden beide abgeschafft.

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SonntagsfrageCDU/CSU25,3%SPD13,3%Grüne14,0%AfD25,7%BSW3,5%FDP3,0%Linke10,3%INSA · 11.04.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%Welt Politik „Es werden Steuergelder mobilisiert, die man woanders besser gebrauchen könnte“FAZ Politik Migration und Gewalt: Den inneren Frieden sichernFAZ Politik Merz und die Erwartungen: Eine Koalition der blanken NervenWelt Politik „Anders als Ursula von der Leyen kann man Orbán abwählen“FAZ Politik Nach Belästigungsvorwürfen: Mansoori entlässt seinen engsten politischen VertrautenSpiegel Politik AfD: Rüdiger Lucassen zum Rückzug gedrängtTagesschau Verteidigungspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion zurückgetretenWelt Politik „Ungarns Platz ist in Europa“ – Warum Russland für den neuen Premier dennoch wichtig bleibtTagesschau "Soziale Schieflage": Deutliche Kritik an Entlastungsplänen der KoalitionSpiegel Politik Friedrich Merz und Katherina Reiche: Machtkampf in der Energiepreis-KriseSpiegel Politik Mecklenburg-Vorpommern: Die AfD ist nicht zu stoppen? Das glaubt nicht mal die AfD

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