Zweitstimme — Bedeutung, Funktion und Sitzverteilung
Die meisten Wähler glauben, die Erststimme sei wichtiger. Ein Irrtum. Die Zweitstimme entscheidet darüber, wie stark jede Partei im Bundestag vertreten ist. Sie bestimmt die Sitzverteilung — und damit letztlich, wer regiert und wer in der Opposition sitzt.
Der Name führt in die Irre: „Zweit“ bedeutet nicht zweitrangig. Im Gegenteil. Während die Erststimme nur einen lokalen Effekt hat — sie bestimmt, welche Person den Wahlkreis vertritt —, wirkt die Zweitstimme auf das gesamte Parlament.
Erst- und Zweitstimme im Vergleich
| Merkmal | Erststimme | Zweitstimme |
|---|---|---|
| Wählt | Direktkandidat im Wahlkreis | Landesliste einer Partei |
| Position | Linke Spalte auf dem Stimmzettel | Rechte Spalte auf dem Stimmzettel |
| Wirkung | Direktmandat (personell) | Sitzverteilung (proportional) |
| Prinzip | Mehrheitswahl (relative Mehrheit) | Verhältniswahl |
| Bedeutung | Wer vertritt den Wahlkreis? | Wie stark ist jede Partei? |
Erst- und Zweitstimme können für verschiedene Parteien abgegeben werden. Dieses „Stimmensplitting“ nutzen Millionen Wähler — etwa um einen starken lokalen Kandidaten mit der Erststimme zu unterstützen, während die Zweitstimme an eine andere Partei geht.
Wie funktioniert die Verrechnung?
Nach der Wahl werden die Zweitstimmen bundesweit ausgezählt. Nur Parteien, die mindestens fünf Prozent erreichen (Sperrklausel), kommen in die Verteilung. Die 630 Sitze werden dann nach dem Sainte-Laguë/Schepers-Verfahren proportional auf die Parteien aufgeteilt und anschließend auf die Bundesländer verteilt.
Innerhalb jedes Bundeslandes werden die Sitze einer Partei zunächst mit den gewonnenen Direktmandaten besetzt. Die übrigen Sitze gehen an die Kandidaten der Landesliste in der festgelegten Reihenfolge.
Nach der Wahlrechtsreform noch wichtiger
Seit der Wahlrechtsreform 2023 gilt die Zweitstimme als alleiniger Maßstab für die Sitzzahl. Überhangmandate gibt es nicht mehr. Selbst wer einen Wahlkreis gewinnt, zieht nicht in den Bundestag ein, wenn die Partei dort keine ausreichende Zweitstimmendeckung hat. Die Zweitstimme hat damit mehr Gewicht als je zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik.
Die Sonntagsfrage erfasst im Grunde genau diese Zweitstimmenpräferenz. Wenn Forsa die CDU bei 29% sieht, meint das: 29% der Befragten würden ihre Zweitstimme der CDU geben.
Ein Detail, das Wahlen entscheidet
Bei der Bundestagswahl 2013 erhielt die FDP 4,8% der Zweitstimmen — 0,2 Prozentpunkte zu wenig. Rund 2 Millionen Stimmen verpufften, weil die Partei die Sperrklausel verfehlte. Gleichzeitig scheiterte die damals neue AfD mit 4,7%. Zusammen gingen an diesem Tag über 15% der Zweitstimmen verloren, die bei der Sitzverteilung nicht berücksichtigt wurden. Der Bundestag repräsentierte an jenem Tag nur 84% der abgegebenen Stimmen.
2009: Leihstimmen für die FDP — der machtpolitische Trick mit der Zweitstimme
Im Bundestagswahlkampf 2009 riefen CDU/CSU und FDP offen zu einer Zweitstimmenstrategie auf: Wähler, die sicher in einem CDU-Wahlkreis wohnten, sollten ihre Erststimme für den CDU-Kandidaten abgeben — und die Zweitstimme strategisch der FDP, um ihr bei der Sitzverteilung zu helfen. Das Kalkül: Eine starke FDP als Koalitionspartner würde Schwarz-Gelb eine komfortable Mehrheit sichern. Die Strategie funktionierte mit einem historischen Ausmaß: Die FDP holte am 27. September 2009 14,6 Prozent der Zweitstimmen — das beste Ergebnis in der Geschichte der FDP. CDU/CSU und FDP regierten fortan gemeinsam unter Angela Merkel. Vier Jahre später, bei der Wahl 2013, kam die Quittung: Die FDP erhielt nur noch 4,8 Prozent. Keine Leihstimmen mehr, keine Koalition mehr, kein Bundestag mehr. Das Leihstimmen-Phänomen zeigt die strategische Dimension der Zweitstimme: Sie kann gezielt eingesetzt werden, um einem Partner über die Sperrklausel zu helfen — oder ihn unter ihr zu lassen.
1994: Briefwahl wird erstmals massenweise genutzt – 10 Prozent wählen per Post
Bei der Bundestagswahl 1994 nutzten erstmals über 10 Prozent der Wähler die Briefwahl. Die Briefwahl war seit 1957 möglich, wurde aber jahrelang kaum genutzt: 1957 waren es 4,9 Prozent. 1994 stiegen die Zahlen stark an. 2021: 47 Prozent Briefwähler. 2025: fast 40 Prozent. Die Briefwahl veränderte die Wahllogistik: Stimmen kommen tagelang vor dem Wahlsonntag an. Auszählung dauert länger. Die Gefahr von Wahlausweisfälschungen stieg. Gleichzeitig stieg die Wahlbeteiligung in briefwahlaffinen Gruppen: Ältere, Hochgebildete, Süddeutsche.
Häufige Fragen
Was ist die Zweitstimme?
Die Zweitstimme ist die entscheidende Stimme bei der Bundestagswahl. Mit ihr wählt man eine Partei und deren Landesliste. Die Zweitstimme bestimmt, wie viele Sitze eine Partei im Bundestag erhält.
Was ist wichtiger — Erststimme oder Zweitstimme?
Die Zweitstimme ist für die Zusammensetzung des Bundestags entscheidender, da sie die Sitzverteilung bestimmt. Die Erststimme entscheidet nur darüber, welche Person einen Wahlkreis direkt vertritt.
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