Stimmzettel — Aufbau, Inhalt und Bedeutung
Ein weißes Blatt, DIN A3 oder größer, bedruckt mit Namen, Parteien und kleinen Kreisen zum Ankreuzen. Mehr ist der Stimmzettel nicht. Und doch entscheidet er über Regierung und Opposition, über 630 Sitze im Bundestag und die politische Richtung des Landes.
| Spalte | Stimme | Inhalt | Wirkung |
|---|---|---|---|
| Links | Erststimme | Name, Beruf und Partei der Direktkandidaten | Wählt den Direktkandidaten |
| Rechts | Zweitstimme | Parteiname und die ersten 5 Kandidaten der Landesliste | Bestimmt die Sitzverteilung |
Die Reihenfolge der Parteien auf dem Stimmzettel ist kein Zufall: Sie richtet sich nach dem Ergebnis der letzten Bundestagswahl im jeweiligen Bundesland. Erst die etablierten Parteien, dann die neuen in alphabetischer Reihenfolge. Jeder Wahlkreis hat einen anderen Stimmzettel — wegen der unterschiedlichen Direktkandidaten.
Wann zählt er, wann nicht?
Genau ein Kreuz pro Spalte. Mehr braucht es nicht. Erst- und Zweitstimme dürfen an verschiedene Parteien gehen — das nennt sich Stimmensplitting. Wer nur eine der beiden Stimmen vergibt, dessen abgegebene Stimme zählt trotzdem.
Ungültig wird ein Stimmzettel, wenn er nicht amtlich hergestellt wurde, mehrere Kreuze in derselben Spalte enthält, den Wählerwillen nicht erkennen lässt oder mit Kommentaren versehen ist. Wer „Alle doof“ auf den Zettel schreibt, hat ungültig gewählt. Bei der Bundestagswahl 2025 waren rund 0,8% der Stimmzettel ungültig — in absoluten Zahlen über 400.000 Stück.
Nicht überall gleich
Bei Landtagswahlen sieht der Stimmzettel je nach Bundesland anders aus. In Hamburg können Wähler zehn Stimmen vergeben und diese auf verschiedene Kandidaten verteilen (Kumulieren und Panaschieren). Bei der Europawahl gibt es nur eine Stimme. Der Bundestagsstimmzettel mit seinen zwei Spalten ist also keineswegs der Standard für alle Wahlen in Deutschland.
Auch die physische Größe variiert stark: In großen Bundesländern wie NRW oder Bayern, wo viele Parteien zugelassen sind, wurde der Stimmzettel zuletzt über 70 Zentimeter lang. Druckereien, die solche Formate produzieren, müssen Spezialpapier und große Pressen einsetzen — und liefern dennoch millionenfach auf Bestellung der Bundeswahlbehörde.
Der 26. September 2021: Als Berlin den Stimmzettel zum Skandal machte
Es war der chaotischste Wahltag der deutschen Nachkriegsgeschichte. Am 26. September 2021 fanden in Berlin gleichzeitig statt: Bundestagswahl, Abgeordnetenhauswahl, sechs Bezirksverordnetenversammlungen — und der Berliner Marathon mit 47.000 Teilnehmern. Das Ergebnis war Verwaltungschaos. Hunderte Wahllokale erhielten falsche Stimmzettel — für den falschen Wahlkreis. Wähler warteten teilweise über eine Stunde, weil Nachlieferungen organisiert werden mussten. Einzelne Wahllokale schlossen kurz nach 18:00 Uhr die Türen, obwohl noch Wähler in der Schlange standen — was gegen das Wahlgesetz verstößt.
Berliner Wahlwiederholung: Abgeordnetenhaus 2023
Der Berliner Verfassungsgerichtshof erklärte am 16. November 2022 die Abgeordnetenhauswahl vom 26. September 2021 für ungültig — und ordnete eine vollständige Wahlwiederholung an. Die Neuwahl fand am 12. Februar 2023 statt. Das Ergebnis kehrte das Ergebnis von 2021 um: Die CDU unter Kai Wegner wurde stärkste Kraft (28,2%), während die SPD unter der damaligen Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey von 21,4% auf 18,4% fiel. Der Grund für die Ungültigkeit: falsche Stimmzettel, ausgelaufene Stimmzettel-Vorräte, vorzeitig geschlossene Wahllokale. Die Bundestagswahl 2021 in den betroffenen Berliner Wahlkreisen wurde hingegen nicht wiederholt — der Bundestag befand in seinem Wahlprüfungsverfahren, dass die Unregelmäßigkeiten das bundesweite Ergebnis nicht verändert hätten.
Ungültige Stimmzettel: Wann ein Kreuz zählt und wann nicht — und was bei Unklarheit gilt
Bei der Bundestagswahl 2021 wurden 279.000 Erst- und 206.000 Zweitstimmen als ungültig gezählt — weniger als 0,4 Prozent. Ungültig ist ein Stimmzettel, wenn: kein Kreuz gesetzt wurde, mehr als ein Kreuz gesetzt wurde (Erststimme), ein handschriftlicher Kommentar den Wahlwillen nicht eindeutig macht, ein nicht zugelassenes Kreuz-Symbol verwendet wurde. Nicht ungültig ist: ein Kreuz außerhalb des Kästchens (solange eindeutig), ein schiefer Strich (solange erkennbar), ein durchgestrichener Name mit neuem Kreuz (wenn eindeutig). Die Wahlvorstände entscheiden über Zweifelsfälle — ihre Entscheidung kann angefochten werden. Nach der Wahl kann die Gültigkeit von Stimmzetteln im Wahlprüfungsverfahren gerichtlich überprüft werden.
Häufige Fragen
Was steht auf dem Stimmzettel bei der Bundestagswahl?
Der Stimmzettel enthält zwei Spalten: Links die Erststimme mit den Direktkandidaten des Wahlkreises, rechts die Zweitstimme mit den Landeslisten der Parteien. Jeder Wähler hat genau zwei Stimmen.
Wann ist ein Stimmzettel ungültig?
Ein Stimmzettel ist ungültig, wenn er nicht amtlich hergestellt wurde, keinen Wahlvorschlag kennzeichnet, den Willen des Wählers nicht erkennen lässt oder einen Zusatz oder Vorbehalt enthält.
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