383 Tage — Die kürzeste Regierung der Bundesrepublik
Ludwig Erhard war ein genialer Wirtschaftsminister — und ein überforderter Kanzler. Seine zweite Regierung hielt genau 383 Tage. Kein Kabinett in der Geschichte der Bundesrepublik war kürzer im Amt.
Dabei hatte alles so gut angefangen. Bei der Bundestagswahl am 19. September 1965 holte die CDU/CSU unter Erhard 47,6 % — ein komfortables Ergebnis. Die Koalition mit der FDP stand. Doch als die erste echte Wirtschaftsrezession der Bundesrepublik einsetzte, zeigte sich Erhards Schwäche: Er konnte Krisen nicht managen. Am 27. Oktober 1966 traten die FDP-Minister zurück. Erhard regierte noch ein paar Wochen mit Minderheitskabinett, dann war Schluss.
Fun Fact: Regierungsdauer-Extreme
- Kürzeste: Erhard II — 383 Tage (1965–66)
- Längste: Adenauer II — 1.470 Tage (1953–57)
- Langsamste Bildung: 171 Tage nach der Wahl 2017
- Schnellste Bildung: 31 Tage nach der Wahl 1949
- Weimarer Durchschnitt: 287 Tage pro Regierung
Das Ranking: Alle Regierungen nach Dauer
| Kabinett | Kanzler | Zeitraum | Tage | Ende durch |
|---|---|---|---|---|
| Erhard II | Erhard | 1965–66 | 383 | Koalitionsbruch |
| Brandt II | Brandt | 1972–74 | 535 | Rücktritt (Guillaume) |
| Adenauer IV | Adenauer | 1961–63 | 746 | Rücktritt (Alter) |
| Kiesinger | Kiesinger | 1966–69 | 1.055 | Reguläre Wahl |
| Scholz | Scholz | 2021–24 | ca. 1.060 | Koalitionsbruch |
| Merkel I | Merkel | 2005–09 | 1.405 | Reguläre Wahl |
| Kohl III | Kohl | 1990–94 | 1.446 | Reguläre Wahl |
| Adenauer II | Adenauer | 1953–57 | 1.470 | Reguläre Wahl |
Übrigens: Die Wahlwiederholung in Berlin 2024 — ausgelöst durch Organisationspannen bei der Bundestagswahl 2021 — war die erste partielle Wahlwiederholung in der Geschichte der Bundesrepublik. Ein Kuriosum, das in keinem Schulbuch steht.
Warum deutsche Regierungen so stabil sind
383 Tage klingen kurz. Aber im internationalen Vergleich ist selbst das noch lang. Italien hatte im gleichen Zeitraum 31 Ministerpräsidenten, Japan 35 Premierminister. Die Bundesrepublik brachte es auf gerade einmal 10 Kanzler in 76 Jahren.
Das liegt am Grundgesetz. Das konstruktive Misstrauensvotum, die eingeschränkte Parlamentsauflösung und die Fünf-Prozent-Hürde machen es schwer, eine Regierung zu stürzen. In der Weimarer Republik hielten Regierungen im Schnitt 287 Tage — weniger als ein Jahr. Die Bundesrepublik hat aus diesem Scheitern gelernt.
Vier Mal Vertrauensfrage, vier Mal Neuwahlen
Alle vier vorgezogenen Bundestagswahlen nutzten dasselbe Instrument: die Vertrauensfrage nach Artikel 68 GG. Brandt 1972, Kohl 1983, Schröder 2005, Scholz 2025 — jedes Mal verlor der Kanzler absichtlich, um Neuwahlen zu erzwingen. Das Grundgesetz kennt kein Selbstauflösungsrecht des Parlaments. Dieser Umweg über die „unechte Vertrauensfrage“ ist verfassungsrechtlich umstritten, aber mittlerweile etablierte Praxis.
171 Tage kein Kanzler: Der Regierungsbildungsrekord 2017/18
Nach der Bundestagswahl vom 24. September 2017 dauerte es 171 Tage, bis am 14. März 2018 Angela Merkel als Bundeskanzlerin für ihre vierte Amtszeit vereidigt wurde — längste Regierungsbildung in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Timeline: Jamaika-Sondierungen (19. Oktober bis 19. November, Scheitern), SPD-Ablehnung einer Großen Koalition (Parteitag 19. Oktober 2017), Neuverhandlungen nach Bundespräsident-Druck (7. Januar bis 7. Februar 2018 Koalitionsvertrag), SPD-Mitgliedervotum (4. bis 4. März 2018, 66 % Ja), Wahl und Vereidigung (14. März 2018). Während dieser 171 Tage regierte Angela Merkel als Geschäftsführende Bundeskanzlerin. Deutschland führte EU-Ratspräsidentschaftsverpflichtungen, NATO-Verpflichtungen und Haushaltsentscheidungen mit einer Regierung ohne Mehrheit aus. Zum Vergleich: Die schnellste Regierungsbildung 1957 dauerte 18 Tage.
Internationaler Vergleich: Wie stabil ist Deutschland wirklich?
383 Tage klingen kurz — sind es aber nicht. Italien zählte zwischen 1945 und 2023 insgesamt 69 Regierungen, das sind im Schnitt weniger als 400 Tage pro Kabinett. Japan hatte in den zehn Jahren von 2001 bis 2011 neun verschiedene Premierminister. Frankreich erlebte in der Vierten Republik (1946–1958) 24 Regierungen in 12 Jahren — was Charles de Gaulle zum Anlass nahm, die Fünfte Republik mit starker Präsidialmacht zu gründen. Die Bundesrepublik hatte in 76 Jahren nur 9 Bundeskanzler. Das konstruktive Misstrauensvotum (Art. 67 GG) macht es strukturell schwer, eine Regierung ohne fertige Alternative zu stürzen. Erhard war die Ausnahme, die die Regel bestätigt.
Häufige Fragen zur Regierungsdauer
Welche war die kürzeste Regierung der Bundesrepublik?
Die kürzeste regulär gewählte Regierung war das Kabinett Erhard II (1965–1966) mit nur 383 Tagen. Die Koalition aus CDU/CSU und FDP zerbrach an Haushaltsstreitigkeiten. Es folgte die erste Große Koalition.
Welche Regierung dauerte am längsten?
Die längste einzelne Regierungsperiode hatte das Kabinett Adenauer II (1953–1957) mit 1.470 Tagen. Insgesamt regierten Helmut Kohl und Angela Merkel mit jeweils 16 Jahren am längsten als Bundeskanzler.
Wie oft gab es vorgezogene Neuwahlen?
Es gab vier vorgezogene Neuwahlen: 1972 (Brandt), 1983 (Kohl), 2005 (Schröder) und 2025 (Scholz). In allen Fällen wurde die Vertrauensfrage nach Artikel 68 des Grundgesetzes als Instrument zur Parlamentsauflösung genutzt.
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