Landtagswahl Rheinland-Pfalz — Dreyers Triumph und der Ampel-Prototyp
Malu Dreyer zeigte im März 2021, dass die SPD Wahlen gewinnen kann. Sechs Monate später tat Olaf Scholz es ihr nach. Was in Mainz als Landesereignis begann, wurde rückblickend zum Fanal: Die SPD war nicht tot — sie brauchte nur die richtigen Köpfe.
35,7 Prozent holte Dreyer am 14. März 2021. In einem Bundesland, das bis 1991 fest in CDU-Hand war. In einem Umfeld, in dem die SPD bundesweit bei 15 Prozent dümpelte. Es war ein persönlicher Sieg — und der Beweis, dass Amtsbonus und Beliebtheit stärker sein können als jeder bundesweite Trend.
Rheinland-Pfalz 2021
- Wahltag: 14. März 2021 (zeitgleich mit Baden-Württemberg)
- Nächste Wahl: Frühjahr 2026
- Sitze: 101 (18. Wahlperiode)
- Wahlkreise: 52
- Besonderheit: Vergabe über vier Bezirkslisten (Koblenz, Trier, Rheinhessen-Pfalz, Pfalz)
- Wahlbeteiligung: 64,4 %
Das Ergebnis: SPD hält, CDU fällt, Freie Wähler kommen
| Partei | Ergebnis | Sitze | Δ zu 2016 |
|---|---|---|---|
| SPD | 35,7 % | 39 | +0,2 % |
| CDU | 27,7 % | 31 | −4,1 % |
| Grüne | 9,3 % | 10 | +4,0 % |
| AfD | 8,3 % | 9 | −4,1 % |
| FDP | 5,5 % | 6 | −0,7 % |
| Freie Wähler | 5,4 % | 6 | +2,6 % |
Bemerkenswert: Die Freien Wähler schafften erstmals den Einzug in den Landtag. Sechs Fraktionen in einem 101-Sitze-Parlament — Rheinland-Pfalz wurde vielfältiger. Die AfD verlor, die CDU rutschte unter 28 Prozent. Was folgte, war eine Ampel aus SPD, Grünen und FDP — das gleiche Modell, das wenige Monate später auch den Bund regieren sollte.
Was Rheinland-Pfalz wirtschaftlich trägt: BASF, Weinbau, US-Militär
Rheinland-Pfalz ist wirtschaftlich stärker als sein politisches Profil suggeriert. In Ludwigshafen sitzt BASF — der größte Chemiekonzern der Welt (Umsatz über 70 Milliarden Euro). Das BASF-Werk am Rhein ist der größte zusammenhängende Chemiestandort der Erde: 200 km interne Rohrleitungen, eigenes Kraftwerk, 40.000 Mitarbeiter auf dem Gelände. BASF ist für die Landesregierung das, was Volkswagen für Niedersachsen ist — ein nicht wegzudenkender Wirtschaftsanker.
Dazu kommt: Rheinland-Pfalz ist das weinreichste Bundesland Deutschlands. Drei der vier größten Weinbauregionen (Rheinhessen, Pfalz, Mosel-Saar-Ruwer) liegen hier. Über 65.000 Hektar Rebfläche. Und die US-Militärbasis Ramstein (Kaiserslautern) ist der größte US-Luftwaffenstützpunkt außerhalb der USA — rund 50.000 US-Angehörige (Soldaten, Familienangehörige, Zivilpersonal) leben in der Region und sind wirtschaftlich bedeutsam für die Westpfalz.
Von Kohl zu Beck zu Dreyer: Ein CDU-Land wird rot
Bis 1991 war Rheinland-Pfalz CDU-Stammland. Helmut Kohl regierte hier, bevor er Kanzler wurde. Dann kam Rudolf Scharping, dann Kurt Beck — 19 Jahre SPD-Ministerpräsident. Dreyer setzte die rote Serie fort. Und nun Alexander Schweitzer, ihr handverlesener Nachfolger. Über 30 Jahre SPD an der Macht — in einem ehemaligen CDU-Land.
Die Ahrtal-Katastrophe: Wie eine Flut die Landespolitik veränderte
In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 überschwemmte eine Sturzflut das Ahrtal im Kreis Ahrweiler. Rund 135 Menschen starben allein in Rheinland-Pfalz — das schlimmste Naturkatastrophen-Ereignis der deutschen Nachkriegsgeschichte. Städte wie Bad Neuenahr-Ahrweiler und Altenahr wurden weitgehend zerstört. Was danach kam, war nicht nur Wiederaufbau, sondern eine politische Aufarbeitung, die Dreyers Regierung dauerhaft beschwädigte.
Innenminister Lewentz und der Rücktritt im Oktober 2022
Innenminister Roger Lewentz (SPD) hatte in der Flut-Nacht Video-Nachrichten erhalten, die das Ausmaß der Katastrophe frühzeitig zeigten. Trotzdem wurde kein flächendeckender Katastrophenalarm ausgelöst, das Warn-System versagte, Feuerwehren und Rettungskräfte wurden zu spät alarmiert. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss im Landtag arbeitete die Ereignisse auf — genau das, wozu Landtage da sind. Im Oktober 2022 trat Lewentz als Innenminister zurück, nachdem belastende Videos aufgetaucht waren. Es war der erste Ministerrücktritt in Rheinland-Pfalz seit Jahren und eine direkte Folge parlamentarischer Kontrolle. Für die Landtagswahl 2026 ist die Ahrtal-Aufarbeitung das politische Erbe, das die SPD-Landesregierung mitträgt — und das die CDU als Angriffspunkt nutzt.
Ausblick: Frühjahr 2026
Die nächste Wahl steht unmittelbar bevor. Erstmals seit 2013 tritt kein Dreyer-Bonus an. Schweitzer muss sich als eigenständige Marke beweisen. Die CDU wittert ihre Chance, nach 35 Jahren wieder den Ministerpräsidenten zu stellen. Und die Frage, ob die Ahrtal-Katastrophe von 2021 die Regierung noch einholt, schwebt über allem.
2023: Landtag und Koalition – wenn kleine Parteien im Land großen Einfluss haben
Die Besonderheit der Länder-Koalitionen: Kleine Parteien haben dort mänchmal mehr Einfluss als im Bund. FDP regiert in mehreren Bundesländern mit 5-7 Prozent als Juniorpartner mit stark prägenden Ministerien. Grüne haben in Thüringen (2020: 5,2 Prozent) den Migrationsminister gestellt. BSW hat in Brandenburg (2024: 13,5 Prozent) die Koalition von außen mitgeprägt. Der Föderalismus erlaubt Experimente: Was im Bund nicht möglich ist (z.B. R2G-Koalition), funktioniert in einigen Ländern. Thüringen hatte von 2014 bis 2019 Deutschlands erste Rot-Rot-Grüne Landesregierung.
Häufige Fragen
Wann findet die nächste Landtagswahl in Rheinland-Pfalz statt?
Frühjahr 2026. Der genaue Termin wird von der Landesregierung festgelegt.
Wie funktioniert das Wahlsystem?
Personalisierte Verhältniswahl mit zwei Stimmen. 52 Direktmandate, 49 Sitze über vier Bezirkslisten. 101 Sitze insgesamt.
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