Landtagswahl Hessen — Von Schwarz-Grün zu Schwarz-Rot
Zehn Jahre lang war Hessen das Labor für Schwarz-Grün. Die CDU regierte mit den Grünen — zuerst unter Volker Bouffier, dann unter Boris Rhein. Das Modell galt als Blaupause für den Bund. Dann kam die Landtagswahl 2023 — und Rhein wechselte den Partner. Schwarz-Grün war Geschichte, Schwarz-Rot begann. Warum?
Die Antwort liegt in den Zahlen. Die AfD wurde mit 18,4 Prozent zur zweitstärksten Kraft. FDP und Linke flogen raus. Die Grünen verloren fünf Prozentpunkte. Rhein nutzte die Gelegenheit für einen Neuanfang mit der SPD.
| Partei | Ergebnis 2023 | Sitze | Trend |
|---|---|---|---|
| CDU | 34,6 % | 52 | +7,6 |
| AfD | 18,4 % | 28 | +5,3 |
| SPD | 15,1 % | 22 | −4,6 |
| Grüne | 14,8 % | 22 | −5,0 |
| FDP | 4,8 % | 0 | −2,7 |
| Linke | 3,1 % | 0 | −3,2 |
Wahlsystem Hessen
- System: Personalisierte Verhältniswahl, zwei Stimmen
- Wahlkreise: 55
- Mindestsitze: 110 (aktuell 133)
- Wahlperiode: 5 Jahre
- Sperrklausel: 5 Prozent
- Nächste Wahl: Voraussichtlich Herbst 2028
Hessen als Wechselland
Im Gegensatz zu Bayern oder Bremen wechselt Hessen häufiger. CDU und SPD regierten im Wechsel, oft mit knappen Mehrheiten. Roland Koch (CDU) gewann 1999 mit einem polarisierenden Unterschriftenkampagne-Wahlkampf. Schwarz-Grün unter Bouffier (2013–2022) war dann das ruhigste Jahrzehnt hessischer Politik seit langem.
Rhein öffnete 2023 ein neues Kapitel. Ob es hält, hängt davon ab, ob die CDU den Finanzplatz Frankfurt, das ländliche Nordhessen und die wachsende Rhein-Main-Region gleichzeitig bedienen kann.
Roland Koch 1999: Die Unterschriftenkampagne und ihre Folgen
Die Landtagswahl 1999 sollte Roland Koch verlieren — alle Umfragen zeigten die SPD vorn. Koch lancierte eine CDU-Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft mit Unterschriftensammlungen vor Rathäusern. Die Aktion polarisierte, würde in heutiger Sprache als Stimmungsmache bezeichnet. Koch gewann mit 43,4% — und fand sich wenige Monate später in einem anderen Skandal: Die hessische CDU hatte jahrelang illegale Spendengelder auf Schwarzen Konten versteckt, teilweise Entschädigungsfonds für Holocaust-Überlebende. CDU-Schatzmeister Walter Wallmann und Ex-Bundes-CDU-Chef Kohl standen im Verdacht der Kenntnis. Koch selbst blieb — nach einer Amnestie-Debatte und politischem Druck — im Amt. Die Spendenaffäre kostete die Bundes-CDU Kohl als Ehrenvorsitzenden. Koch regierte trotzdem bis 2010.
Frankfurt nach Brexit: Hesens unerwarteter Glücksfall
Seit dem britischen Brexit-Referendum 2016 hat Frankfurt systematisch Finanzfunktionen übernommen, die London verlor. Die Zahlen sind eindrucksvoll: Goldman Sachs baute seine Frankfurter Präsenz von 200 auf über 1.000 Mitarbeiter aus. Citigroup, Morgan Stanley, Bank of America und JPMorgan haben EU-Hauptquartiere in Frankfurt eingerichtet. Die Europäische Zentralbank (EZB), deren Sitz schon seit 1998 in Frankfurt liegt, gewann politisch massiv an Bedeutung. Und der Frankfurter Flughafen (Fraport) ist der größte Arbeitgeber Hessens mit direkt über 81.000 Beschäftigten auf dem Gelände — und einer Funktion als wichtigstem Cargo-Flughafen Kontinentaleuropas. All das macht Hessen zum wirtschaftsstärksten Bundesland nach Bayern (Bruttoinlandsprodukt pro Kopf sogar höher als Bayern) — ein Faktum, das in der politischen Debatte selten auftaucht, weil Hessen keine spektakulären Imagekampagnen betreibt.
Die Grenze: Was Günther konnte, was Rhein nicht kann
Günther in Schleswig-Holstein gilt als Modell der modernen CDU. Rhein in Hessen ist eher ein traditionell-konservativer CDU-Mann ohne Reibungsfläche. Der Vergleich ist relevant: Beide regieren Bundesländer, beide ohne AfD. Aber wo Günther 43% holte, blieb Rhein bei 34%. Der Unterschied: Günther hatte den Amtsbonus, die persönliche Bekanntheit und das Charisma eines Lokalphänomens. Rhein trat als Stiefsohn von Bouffier an — der in guten Umfragen 45% hatte. 34% von 45% sind keine Kontinuität, sondern ein Abfall. Für 2028 muss Rhein beweisen, dass er eine eigene politische Identität entwickeln kann, die über "Bouffiers Nachfolger" hinausgeht.
46 Jahre CDU: Hessen als schwarze Hochburg (1946–1999)
Hessen galt lange als sicheres CDU-Territorium — von 1946 bis 1999 mit nur kurzen Unterbrechungen in CDU-Hand. Diese Dominanz war keine Selbstverständlichkeit: In den 1970er und frühen 1980er Jahren regierte die SPD unter Holger Börner. Doch ab 1987 übernahm Walter Wallmann (CDU) das Amt, gefolgt von Hans Eichel (SPD, 1991–1999). Der eigentliche CDU-Dauerblock endete erst mit der Wahl 1999, als Roland Koch eine kontroverse Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft zum Sieg nutzte. Hessens wechselvolle Geschichte macht es zum Musterfall für Bundesland-Volatilät im deutschen Parteiensystem.
Häufige Fragen
Warum hat Rhein den Koalitionspartner gewechselt?
Die Grünen verloren deutlich, die SPD bot sich als stabilerer Partner an. Rhein wollte einen Neuanfang markieren.
Wann wählt Hessen wieder?
Voraussichtlich Herbst 2028.
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