Forsa — Das Ritual am Dienstagabend
Jeden Dienstag um 18 Uhr wird in deutschen Redaktionen auf eine Zahl gewartet. Nicht auf einen Börsenkurs, nicht auf eine Arbeitslosenstatistik — sondern auf das RTL/ntv-Trendbarometer. Seit über drei Jahrzehnten liefert das Forsa-Institut mit dieser wöchentlichen Erhebung den Takt der politischen Stimmungsmessung in Deutschland. Kein anderes Institut hat es geschafft, einen einzelnen Wochentag so fest mit seinem Namen zu verbinden. Wenn am Dienstag die neuen Forsa-Zahlen kommen, beginnt in Berlin das Spiel der Interpretation: Wer hat gewonnen, wer hat verloren, welcher Trend zeichnet sich ab?
Dass ausgerechnet ein privater Fernsehsender zum wichtigsten Umfragekunden des Landes wurde, ist eine Geschichte, die viel über das Verhältnis von Medien und Demoskopie in Deutschland erzählt.
Key-Facts: Forsa
- Vollständiger Name: Forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen mbH
- Gründung: 1984 in Dortmund
- Sitz: Berlin
- Geschäftsführer: Prof. Manfred Güllner
- Hauptauftraggeber: RTL / ntv
- Methode: Telefon (CATI) + Online
- Frequenz: Wöchentlich (Dienstag)
- Stichprobe: ca. 2.500 Befragte
- Letzte Erhebung: 07.04.2026
Vom Ruhrgebiet nach Berlin — die Forsa-Geschichte
Forsa wurde 1984 von dem Sozialwissenschaftler Manfred Güllner in Dortmund gegründet. Der Name steht für „Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen“. Noch im selben Jahrzehnt verlegte das Institut seinen Hauptsitz nach Berlin — ein Schritt, der sich spätestens nach der Wiedervereinigung als strategisch klug erwies. Berlin wurde zum Zentrum der deutschen Politik, und Forsa war bereits da.
In den frühen 1990er Jahren begann die Zusammenarbeit mit RTL, die das Institut einem Millionenpublikum bekannt machte. Das war damals unüblich: Politische Umfragen galten als Domäne der öffentlich-rechtlichen Sender. Dass ein Privatfernsehen eigene Wahlforschung beauftragte, signalisierte einen Wandel im Mediensystem — und Güllner nutzte diese Lücke geschickt.
Das Institut beschäftigt rund 200 Mitarbeiter am Standort Berlin und unterhält ein eigenes Telefonstudio mit mehreren hundert Interviewerplätzen. Zum Forsa-Netzwerk gehört auch ein umfangreiches Online-Panel, das für ergänzende Befragungen genutzt wird. Neben politischen Umfragen führt Forsa auch Marktforschung, Organisationsforschung und Politikberatung durch.
Der Güllner-Faktor — ein Institutschef, der polarisiert
Man kann über Forsa nicht sprechen, ohne über Manfred Güllner zu sprechen. Der promovierte Sozialwissenschaftler und ehemalige SPD-Kommunalpolitiker ist nicht nur Gründer und Geschäftsführer, sondern auch das öffentliche Gesicht des Instituts — regelmäßiger Gast in Talkshows, kommentierfreudig in Interviews und gelegentlich provokant in seinen Einordnungen.
Das unterscheidet Forsa von den meisten Konkurrenten. Während Institute wie die Forschungsgruppe Wahlen bewusst keine öffentliche Persönlichkeit in den Vordergrund stellen, ist Güllner selbst eine Marke. Seine pointierten Kommentare zur Lage der SPD, seine öffentlichen Konflikte mit der Grünen-Führung und seine gelegentlich scharfe Kritik an konkurrierenden Instituten haben ihm den Ruf eingebracht, mehr Meinungsmacher als Meinungsforscher zu sein.
Aus methodischer Sicht ist diese Personalisierung ein zweischneidiges Schwert. Einerseits erhöht sie die mediale Sichtbarkeit des Instituts enorm. Andererseits stellt sich die Frage, ob ein Institutschef, der regelmäßig politisch Stellung bezieht, die wahrgenommene Neutralität der eigenen Erhebungen gefährdet. Güllner selbst weist solche Kritik zurück und betont die strikte Trennung zwischen persönlicher Meinung und methodisch erhobenen Daten.
Methodik — Telefon plus Online, große Stichprobe
Forsa setzt bei der Sonntagsfrage auf eine Kombination aus Telefoninterviews (CATI — Computer Assisted Telephone Interviewing) und Online-Befragungen. Die Telefonstichprobe wird über ein Zufallsverfahren generiert, das sowohl Festnetz- als auch Mobilfunknummern einschließt — ein Punkt, der in der Branche lange umstritten war, weil reine Festnetzstichproben systematisch ältere und sesshaftere Bevölkerungsgruppen überrepräsentieren.
Die wöchentliche Stichprobe umfasst in der Regel rund 2.500 Befragte — die größte unter den wöchentlich erhebenden Instituten. Zum Vergleich: Infratest dimap befragt etwa 1.500 Personen, INSA rund 2.000. Die größere Fallzahl reduziert den statistischen Fehler auf etwa ±2,5 Prozentpunkte und macht Forsa-Erhebungen zu den statistisch stabilsten wöchentlichen Messungen.
Ein Merkmal der Forsa-Methodik ist die sogenannte „Recall-Frage“: Die Befragten werden zunächst gefragt, welche Partei sie bei der letzten Bundestagswahl gewählt haben. Diese Information fließt in die Gewichtung ein und soll systematische Verzerrungen korrigieren — etwa die bekannte Tendenz, dass sich Befragte eher an die Seite der Wahlsieger erinnern. Dieses Verfahren ist unter Methodikern nicht unumstritten: Kritiker argumentieren, dass die Rückerinnerung an vergangenes Wahlverhalten selbst verzerrt sein kann und so neue Fehlerquellen einführt.
Die Befragung erstreckt sich typischerweise über drei bis vier Werktage. Anschließend werden die Rohdaten nach Alter, Geschlecht, Bildung und Region gewichtet, um die Stichprobe an die Struktur der wahlberechtigten Bevölkerung anzupassen.
Das RTL/ntv-Trendbarometer — Reichweite und Einfluss
Hauptauftraggeber der politischen Umfragen ist die Mediengruppe RTL Deutschland. Das wöchentliche Trendbarometer wird jeden Dienstag bei RTL und ntv veröffentlicht und erreicht ein Millionenpublikum. Es ist bemerkenswert, wie stark sich die Wahrnehmung von Forsa auf dieses eine Format konzentriert: Fragt man Menschen auf der Straße nach Forsa, kommt meistens „die machen doch die Umfrage bei RTL“.
Neben dem Trendbarometer erstellt Forsa für RTL auch Sonderbefragungen zu aktuellen politischen Themen, Kanzler-Direktwahlfragen und Kompetenzwerte der Parteien. Darüber hinaus führt das Institut Umfragen für das Magazin Stern, verschiedene Tageszeitungen und öffentliche Einrichtungen durch. Im Bereich Marktforschung zählen Unternehmen aus Industrie, Finanzwirtschaft und Handel zu den Kunden.
Aktuelle Forsa-Umfragen — Sonntagsfrage
| Datum | CDU/CSU | SPD | Grüne | FDP | AfD | BSW | Linke |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 07.04.2026 | 26,0% | 12,0% | 15,0% | — | 26,0% | — | 10,0% |
| 31.03.2026 | 26,0% | 12,0% | 15,0% | — | 25,0% | 3,0% | 10,0% |
| 24.03.2026 | 26,0% | 12,0% | 15,0% | — | 25,0% | 3,0% | 10,0% |
| 17.03.2026 | 27,0% | 12,0% | 15,0% | — | 23,0% | 3,0% | 11,0% |
| 10.03.2026 | 26,0% | 14,0% | 12,0% | 3,0% | 24,0% | 3,0% | 11,0% |
Die Tabelle zeigt die jüngsten Forsa-Erhebungen zur Sonntagsfrage. Die Werte basieren auf einer wöchentlichen Stichprobe von rund 2.500 Befragten. Die statistische Fehlermarge liegt bei ±2,5 Prozentpunkten. Was auf den ersten Blick wie minimale Schwankungen aussieht, ergibt über Wochen und Monate ein dichtes Stimmungsbild — und genau das ist der Mehrwert einer wöchentlichen Erhebung.
Treffsicherheit — wie nah kommt Forsa an die Realität?
Bei der Bundestagswahl 2021 lag die letzte Forsa-Umfrage im Schnitt rund 1,5 Prozentpunkte neben dem Ergebnis — ein Wert im üblichen Rahmen der statistischen Schwankungsbreite. Bei der Bundestagswahl 2025 zeigte sich ein ähnliches Bild: Die großen Parteien CDU/CSU und SPD wurden vergleichsweise präzise eingeschätzt, während kleinere Parteien wie FDP oder Linke erwartungsgemäß stärkere Abweichungen aufwiesen.
Ein Muster, das bei Forsa auffällt: Das Institut tendiert dazu, die AfD etwas niedriger einzuschätzen als Online-basierte Institute wie INSA oder YouGov. Ob das am Telefonverfahren liegt — Stichwort Social Desirability Bias — oder an unterschiedlichen Gewichtungsmodellen, ist in der Fachwelt umstritten. Die Wahlergebnisse der letzten Jahre deuten darauf hin, dass die Online-Institute bei der AfD tendenziell näher am Ergebnis lagen.
Grundsätzlich gilt: Keine Umfrage ist eine Prognose. Auch Forsa betont regelmäßig, dass die Sonntagsfrage ein Stimmungsbild darstellt und keine Vorhersage des tatsächlichen Wahlausgangs.
Forsa im Vergleich — die Dienstag-Donnerstag-Montag-Achse
Im deutschen Umfragemarkt bilden drei Institute eine Art wöchentliche Taktung: Forsa am Dienstag, Infratest dimap am Donnerstag und INSA am Montag. Diese drei liefern das Gerüst, auf dem Journalisten und Politiker ihre Einschätzung der politischen Lage aufbauen.
Während Infratest dimap vor allem für die öffentlich-rechtlichen Sender arbeitet und die Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF, ist Forsa fest im privaten Mediensegment verankert. Diese unterschiedlichen Auftraggeber führen gelegentlich zu leicht verschiedenen Fragestellungen und Gewichtungsverfahren — ein Grund, warum die Ergebnisse der Institute nicht immer deckungsgleich sind. Die Unterschiede betragen selten mehr als zwei bis drei Prozentpunkte, aber in einem System, in dem Koalitionen an einzelnen Mandaten scheitern können, macht auch das einen Unterschied in der öffentlichen Debatte.
1998: Forsa-Gruender Guellner prophezeit Schroeder – monatelang belacht, dann bestaetigt
Im Fruehling 1998, als Helmut Kohl noch als unbesiegbar galt, publizierte Forsa-Gruender Manfred Guellner eine Sonntagsfrage mit SPD klar vor der CDU. Konkurrierende Institute bezeichneten die Zahlen als Ausreisser. Am 27. September 1998 gewann die SPD mit 40,9 Prozent – exakt wie von Forsa vorhergesagt. Das Resultat kostete Helmut Kohl nach 16 Jahren das Kanzleramt und machte Guellner zu einer der profiliertesten Figuren der deutschen Demoskopie.
Häufige Fragen zu Forsa
Wie oft veröffentlicht Forsa die Sonntagsfrage?
Forsa veröffentlicht jeden Dienstag eine neue Sonntagsfrage im Auftrag von RTL und ntv. Das sogenannte RTL/ntv-Trendbarometer ist damit die regelmäßigste wöchentliche Wahlumfrage in Deutschland. In Wahlkampfzeiten können zusätzliche Sonderbefragungen hinzukommen.
Welche Methode verwendet Forsa bei Umfragen?
Forsa nutzt eine Kombination aus Telefoninterviews (CATI) und Online-Befragungen. Die Stichprobengröße liegt bei rund 2.500 Befragten pro Erhebung. Die Telefonstichprobe umfasst sowohl Festnetz- als auch Mobilfunknummern, um alle Altersgruppen abzudecken.
Wer hat Forsa gegründet?
Forsa wurde 1984 von dem Sozialwissenschaftler Manfred Güllner in Dortmund gegründet. Güllner leitet das Institut bis heute als Geschäftsführer und ist einer der bekanntesten Meinungsforscher Deutschlands.
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