Erstmals ab 16 gewählt: Die Wahrheit hinter der 47-Prozent-Zahl
Faktencheck: In sozialen Medien kursiert am Wahlabend die Zahl "47 Prozent der 16- bis 18-Jährigen für Die Linke, 20 Prozent für die Grünen". Wir haben nachrecherchiert — die Details und die belastbaren Original-Zahlen finden Sie unten im Artikel.
Die Berlin-Wahl 2026 war nicht nur wegen des historischen Erfolgs der Linken bemerkenswert. Erstmals durften auch 16- und 17-Jährige über die Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses mitentscheiden — rund 50.000 junge Menschen, die 2023 noch gar nicht wahlberechtigt gewesen wären. Wie haben sie tatsächlich abgestimmt, und was ist dran an der Zahl, die seit dem Wahlabend die Runde macht?
| Wahlalter Berlin (Landesebene) | 16 Jahre, seit Beschluss vom 14.12.2023 |
| Rang unter den Bundesländern | 7. Bundesland mit Landtags-Wahlalter 16 |
| Neu wahlberechtigt 2026 | rund 50.000 16- und 17-Jährige |
| Reale Wahl, 16–24 Jahre | Die Linke 42 % (Infratest dimap) |
| Reale Wahl, 25–34 Jahre | Die Linke 48 % (Infratest dimap) |
| U16-Wahl (symbolisch, unter 16) | 39.374 Teilnehmende, 7.–11.09.2026 |
| U16-Wahl, Sieger | Die Linke 32,8 %, Grüne 20,9 % |
| Berlin-Ergebnis gesamt | Die Linke 25,8 % (Hochrechnung) |
Erstmals wahlberechtigt: Was sich 2026 wirklich geändert hat
Das Berliner Abgeordnetenhaus hatte bereits am 14. Dezember 2023 per Verfassungsänderung beschlossen, das Wahlalter für die eigene Wahl von 18 auf 16 Jahre zu senken (Senatsverwaltung Berlin). Bei den Bezirksverordnetenversammlungen durften 16-Jährige schon länger mitwählen, bei der eigentlichen Landtagswahl war es 2026 aber eine Premiere. Damit ist Berlin das siebte Bundesland, das ein Landtags-Wahlalter von 16 Jahren eingeführt hat (jugendgerecht.de). Nach Angaben des Landesjugendrings Berlin und der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus waren dadurch rund 50.000 16- und 17-Jährige neu wahlberechtigt, die bei der letzten Wahl 2023 noch außen vor geblieben wären (Landesjugendring Berlin, SPD-Fraktion Berlin).

Woher stammt die Zahl "47 Prozent"?
Am Wahlabend verbreitete sich in Chats und sozialen Netzwerken die Behauptung, 47 Prozent der 16- bis 18-Jährigen hätten Die Linke gewählt, rund 20 Prozent die Grünen. Wir haben diese Zahl systematisch recherchiert — bei keinem seriösen Meinungsforschungsinstitut, weder bei Infratest dimap noch bei der Forschungsgruppe Wahlen, ließ sich ein Wert von exakt 47 Prozent für exakt diese Altersgruppe finden. Zwei echte, belegbare Zahlen kommen dem nahe und dürften der Ursprung der kursierenden Behauptung sein:
1. Infratest dimap, echte Wahl, Altersgruppe 16–24 Jahre: 42 Prozent für Die Linke — die höchste Zustimmung neben der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen (48 Prozent). Eine gesonderte Auswertung nur für 16- bis 18-Jährige wurde nicht veröffentlicht.
2. Die U16-Wahl, symbolische Juniorwahl für unter 16-Jährige: Die Linke 32,8 Prozent, Grüne 20,9 Prozent. Die Grünen-Zahl von 20,9 Prozent liegt sehr nah an der kursierenden "20 Prozent" — hier dürfte die Verwechslung mit den echten 16- bis 18-Jährigen liegen, denn an der U16-Wahl durften nur Kinder und Jugendliche unter 16 teilnehmen, die selbst noch gar nicht wählen durften.
Die ehrliche Antwort lautet also: Eine exakte, seriös belegte 47-Prozent-Zahl für Erstwähler zwischen 16 und 18 Jahren gibt es nach unserer Recherche nicht. Was es gibt, sind zwei echte, aber unterschiedliche Datensätze, die vermutlich zu dieser Zahl verschmolzen wurden.
Die echte Wahl: Die Linke dominiert bei jungen Wählern klar
Unabhängig von der 47-Prozent-Behauptung zeigt die Infratest-dimap-Auswertung der tatsächlichen Stimmabgabe ein eindeutiges Muster: Bei den 16- bis 24-Jährigen kam Die Linke auf 42 Prozent, bei den 25- bis 34-Jährigen sogar auf 48 Prozent. Erst bei den 35- bis 44-Jährigen sinkt der Wert auf 31 Prozent (nius.de, Wählerwanderungs-Analyse). Die CDU zeigt laut ZDF-Auswertung exakt das gegenteilige Muster: Ihre Zustimmung steigt mit zunehmendem Alter der Wählenden deutlich an (ZDFheute). Damit bestätigt sich beim Wahlalter 16 ein Trend, der sich bereits bei der 2026 erstmals mitwählenden Gruppe abzeichnete: Wer neu ins Wahlrecht kommt, wählt in Berlin überdurchschnittlich häufig Die Linke — mehr zu den Gründen für den Gesamterfolg der Partei in unserem Porträt zu Spitzenkandidatin Elif Eralp.

Die U16-Wahl: ein Blick auf die nächste Generation
Parallel zur echten Wahl fand vom 7. bis 11. September 2026 die sogenannte U16-Wahl statt — eine bundesweit etablierte, rein symbolische Juniorwahl, an der laut Veranstalter fast 40.000 Berliner Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren teilnahmen (U18 Berlin). Das Ergebnis hat keinerlei amtliche Bedeutung, gibt aber einen Ausblick darauf, wie die nächste Generation künftiger Erstwähler tickt: Die Linke gewann mit 32,8 Prozent deutlich vor den Grünen mit 20,9 Prozent, der SPD mit 11,9 Prozent, der CDU mit 8,3 Prozent, der Tierschutzpartei mit 7,7 Prozent und der AfD mit 5,8 Prozent (Tagesspiegel/dpa).
Fazit: Kein Einzelbeleg für 47 Prozent, aber ein klarer Trend
Die konkrete Zahl "47 Prozent bei den 16- bis 18-Jährigen" lässt sich nach unserer Recherche keiner seriösen Quelle zuordnen und sollte nicht weiterverbreitet werden. Der zugrundeliegende Trend stimmt aber: Sowohl in der echten Wahl (42 Prozent bei den 16- bis 24-Jährigen) als auch in der symbolischen U16-Wahl (32,8 Prozent) liegt Die Linke bei jungen Menschen in Berlin klar vorn — deutlich über ihrem Gesamtergebnis von 25,8 Prozent. Was das insgesamt für den Wahlausgang bedeutet, lesen Sie in unserer Live-Analyse zur Berlin-Wahl 2026.
Häufige Fragen
Ja. Für die Abgeordnetenhauswahl galt erstmals ein Wahlalter von 16 Jahren, beschlossen am 14.12.2023 per Verfassungsänderung.
Rund 50.000 junge Menschen, laut Landesjugendring Berlin und SPD-Fraktion Berlin.
Nein, Berlin ist das siebte Bundesland mit einem Landtags-Wahlalter von 16 Jahren.
Eine exakt belegte 47-Prozent-Zahl für genau diese Altersgruppe fanden wir bei keinem Institut. Belegt ist: 42 Prozent bei den 16- bis 24-Jährigen (Infratest dimap).
Eine symbolische Juniorwahl für unter 16-Jährige ohne amtliche Bedeutung, unabhängig von der echten Abgeordnetenhauswahl.
Bei knapp 40.000 Teilnehmenden gewann Die Linke mit 32,8 Prozent vor den Grünen mit 20,9 Prozent, SPD 11,9 Prozent, CDU 8,3 Prozent.
42 Prozent bei 16- bis 24-Jährigen, 48 Prozent bei 25- bis 34-Jährigen, nur noch 31 Prozent bei 35- bis 44-Jährigen (Infratest dimap).
Laut ZDF- und Infratest-dimap-Auswertungen steigt die CDU-Zustimmung mit dem Alter der Wählenden deutlich an — bei jungen Menschen liegt sie dagegen weit hinten.


