Friedrich Merz unter Druck: Kanzlertausch-Gerüchte und Reformstreit im Mai 2026

Kanzlertausch-Gerüchte und Steuerstreit: Verspricht Merz zu viel?

Schlechte Zahlen aus der Wirtschaft, schlechte Zahlen in den Umfragen, und plötzlich die Frage: Soll man den Kanzler einfach austauschen? So beschrieb Maybrit Illner die Ausgangslage ihrer Sendung am 28. Mai 2026. In Berlin kursierte ein Gerücht über einen möglichen Kanzlertausch, prominent genannt wurde NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst. Die Wirtschaftsweisen hatten kurz zuvor ihre Konjunkturprognose auf ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von nur noch 0,5 Prozent nach unten korrigiert, verbunden mit der Warnung: "In der Geschichte der Bundesrepublik gab es noch nie eine so lange Wirtschaftsflaute." Allein in der Industrie waren seit dem Vorjahr fast 200.000 Jobs weggefallen.

Passend dazu bröckelt die Zustimmung zur Koalition: 71 Prozent der Befragten waren zum Sendungszeitpunkt unzufrieden mit der Regierung, ebenso viele mit dem Kanzler selbst. In dieser angespannten Lage saßen bei Illner Kanzleramtsminister Torsten Frei, die Grünen-Politikerin Ricarda Lang sowie die Journalisten Robin Alexander und Julia Friedrichs.

Video: Reformdruck und Kanzlertausch-Gerüchte

"Wüstespekulationen": Wer streut die Gerüchte?

Frei bezeichnete die Kanzlertausch-Debatte als "absurde These", räumte aber ein, dass es dazu bereits eine Reaktion aus dem Kanzleramt gegeben habe, wonach solche Spekulationen "das Geschäft der AfD" betrieben. Journalist Robin Alexander lieferte die entscheidende Präzisierung: Berichte, wonach das Dementi "aus dem Umfeld des Bundeskanzlers" stamme, seien von Table Media veröffentlicht worden, "und wenn so etwas dann nicht aus dem Umfeld des Bundeskanzlers käme, würde es scharf dementiert". Er ordnete das selbstkritisch ein: Als Journalist seien ihm solche Personaldebatten "eigentlich lieb", "aber als Bürger hat man doch irgendwann die Faxen dicke", nach den Debatten um Merkel, Kramp-Karrenbauer und Laschet brauche es "jetzt wieder eine innere Unionsdebatte" nicht.

Lang: "Kein Funken an Empathie"

Grünen-Politikerin Ricarda Lang attestierte der Regierung eine "objektiv schlechte" Performance, während die Aufgaben selbst "objektiv schwierig" seien. Ihr zentraler Vorwurf an Merz: Ihm fehle "keinen Funken an Empathie für die Menschen, die am stärksten von den Reformen betroffen sind". Sie kritisierte zudem, dass 1,3 Milliarden Überstunden jährlich geleistet würden, davon die Hälfte unbezahlt, während gleichzeitig die Zahl der Superreichen in Deutschland auf über 5.000 gestiegen sei: "Die Menschen sind nicht doof. Die Menschen spüren das."

Der ungelöste Streit: Wer finanziert die Steuerreform?

In der Sache besteht zwischen Union und SPD Einigkeit, kleine und mittlere Einkommen bei der Einkommensteuer zu entlasten. Ungeklärt blieb im Studio, wie das finanziert werden soll. Ein eingespieltes Zitat von SPD-Chef Lars Klingbeil machte die Position der Sozialdemokraten deutlich: "Es kann keine Einkommenssteuerreform geben, bei der nicht auch die Spitzenverdiener in diesem Land mehr bezahlen müssen." Frei entgegnete, die Union wolle "nicht nur eine Umverteilung im Bereich der Einkommensteuer", sondern eine wachstumsfördernde Entlastung, und verwies darauf, dass viele hohe Einkommen in Wirklichkeit mittelständische Personengesellschaften betreffen, "das sind Handwerksbetriebe", die im Wettbewerb stehen.

Erbschaftssteuer: Die Debatte, die die Union vermeidet

Besonders zugespitzt wurde die Debatte um die Erbschaftssteuer. Julia Friedrichs, die seit 20 Jahren zum Thema recherchiert, warf der Union vor, so zu tun, "als gebe es das Problem nicht, bis das Verfassungsgericht uns zwingt". Ihr Kernvorwurf: Die aktuelle Verschonungsregel erlaube es Erben von Vermögen über 26 Millionen Euro, unter bestimmten Bedingungen vollständig von der Erbschaftssteuer verschont zu werden, während jemand, der drei Wohnungen erbt, Steuern zahlen müsse, jemand mit 300 Wohnungen im Zweifel nicht. Frei verteidigte die geltende Regelung als verfassungsgemäß, verwies auf den Schutz von "betrieblich gebundenem Vermögen" in Familienunternehmen der vierten und fünften Generation. Robin Alexander merkte an, dass es längst auch in der Union Stimmen gebe, etwa von Jens Spahn, die eine Überarbeitung der Vermögensbesteuerung fordern, und riet: "Ich persönlich fände besser, wenn die einfach mal ihren Plan sagen würden."

Sind die Bürger überhaupt reformbereit?

Eine im Studio gezeigte Politbarometer-Erhebung relativierte das oft gezeichnete Bild einer reformmüden Bevölkerung: Nur 3 Prozent der Befragten lehnten jede Belastung kategorisch ab, weitere 20 Prozent würden "nicht so große" Nachteile akzeptieren, 43 Prozent generell, 27 Prozent sogar "große" und 3 Prozent "sehr große". Zusammengenommen wären demnach rund zwei Drittel der Bürger zu persönlichen Einschnitten bereit, wenn diese als gerecht verteilt gelten. Frei bestätigte diesen Befund, mahnte aber zugleich, man dürfe "nicht in ein Nullsummenspiel verfallen": Ohne Wirtschaftswachstum lasse sich Umverteilung allein nicht durchhalten.

Ausblick: Generationenungleichheit als Zeitbombe

Besonders eindringlich war der Verweis von Julia Friedrichs auf eine Berechnung der Wirtschaftsweisen zur Belastung durch Sozialabgaben im Lebensverlauf: Wer 1940 geboren wurde, zahlte im Schnitt 34 Prozent Sozialabgaben über das Erwerbsleben, die um 1980 Geborenen bereits 44 Prozent, und ohne Reform würden es für heute Geborene 56 Prozent. "Wir können das nicht so laufen lassen", so ihr Fazit. Ob die Koalition diese strukturelle Schieflage tatsächlich angeht oder, wie Robin Alexander es formulierte, weiter über Personalfragen streitet statt über Sachthemen, wird sich auch daran zeigen, ob es der Union gelingt, bei Erbschaft- und Vermögensbesteuerung endlich eine eigene, klare Position zu formulieren, statt auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu warten. Die kommenden Wochen mit der parallel laufenden Debatte um Rentenreform und Gesundheitsfinanzierung werden zeigen, ob aus dem "additiven Kompromiss", von dem in der Koalition zunehmend gesprochen wird, tatsächlich ein tragfähiges Reformpaket wird.

Häufige Fragen

Gibt es tatsächlich Pläne für einen Kanzlertausch?

Kanzleramtsminister Torsten Frei bezeichnete entsprechende Gerüchte um NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst als absurd. Laut Journalist Robin Alexander stammte ein scharfes Dementi allerdings direkt aus dem Umfeld des Bundeskanzlers, was die Spekulation erst richtig befeuerte.

Worüber streiten Union und SPD bei der Steuerreform?

Einigkeit besteht darin, kleine und mittlere Einkommen zu entlasten. Strittig ist die Gegenfinanzierung: Die SPD fordert einen höheren Spitzensteuersatz für Topverdiener, die Union lehnt eine reine Umverteilung ab und verweist auf mittelständische Personengesellschaften, die über die Einkommensteuer besteuert werden.

Wie sehr wollen die Bürger laut Umfrage tatsächlich sparen?

Laut einer in der Sendung zitierten Politbarometer-Umfrage wären 3 Prozent der Befragten zu sehr großen persönlichen Belastungen bereit, 27 Prozent zu großen und 43 Prozent zu nicht so großen. Nur 23 Prozent lehnten jede Belastung ab, insgesamt zwei Drittel wären demnach zu Nachteilen bereit.

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