Wahlkreis 103: Erfurt – Weimar – Wo sich Demokratiegeschichte und Gegenwart überlagern
Kann ein einzelner Wahlkreis die Widersprüche eines ganzen Bundeslandes abbilden? Im Fall von Wahlkreis 103 lautet die Antwort: fast. Hier liegt Erfurt, die Landeshauptstadt Thüringens mit Regierungsviertel und Fachhochschule. Hier liegt Weimar, die Stadt von Goethe und Schiller, von Bauhaus und Buchenwald. Und hier liegt das Weimarer Land – Dörfer, Felder, Landgasthöfe. Bei der Bundestagswahl 2025 holte die CDU das Direktmandat knapp von der AfD zurück. Der Vorsprung: 1,7 Prozentpunkte.
Wahlkreis 103 auf einen Blick
Zwei Städte, zwei Welten
Erfurt, rund 215.000 Einwohner, ist Verwaltungssitz und wirtschaftliches Zentrum Thüringens. Der Erfurter Dom, die Krämerbrücke und die mittelalterliche Altstadt ziehen Touristen an. Die Universität und zahlreiche Landesbehörden sorgen für eine jüngere, städtische Wählerschaft, die eher zur Mitte oder nach links tendiert.
Weimar (ca. 66.000 Einwohner) ist eine Kulturstadt von Weltrang. 1919 tagte hier die Nationalversammlung und verabschiedete die erste demokratische Verfassung Deutschlands – die “Weimarer Verfassung”. Am gleichen Ettersberg, nur acht Kilometer vom Stadtzentrum, errichteten die Nationalsozialisten das KZ Buchenwald. Diese Doppelbedeutung – Wiege der Demokratie und Ort des Grauens – prägt Weimar bis heute.
Das Bauhaus, 1919 in Weimar gegründet, zieht Kunst- und Architekturstudenten an. Die Bauhaus-Universität und die Hochschule für Musik Franz Liszt geben der Stadt ein akademisches, progressives Milieu.
Das Weimarer Land: Der ländliche Gegenpol
Jenseits der Stadtgrenzen beginnt eine andere Welt. Das Weimarer Land ist dünn besiedelt, landwirtschaftlich geprägt und konservativ. Hier fehlen die Universitäten, die Kulturszene, die jungen Zuzugler. Die Wahlpräferenzen unterscheiden sich entsprechend: Während Erfurt und Weimar die CDU-Ergebnisse nach oben drücken und gleichzeitig Grünen und SPD Stimmen liefern, wählt das Weimarer Land überproportional AfD.
Ergebnis der Bundestagswahl 2025
Die CDU gewann das Direktmandat mit 28,4 Prozent der Erststimmen zurück – nach vier Jahren AfD-Vertretung. Der knappe Vorsprung zeigt, wie umkämpft der Wahlkreis ist.
| Partei | Erststimmen 2025 | Rang |
|---|---|---|
| CDU | 28,4 % | 1 – Direktmandat |
| AfD | 26,7 % | 2 |
| SPD | 14,1 % | 3 |
| BSW | 9,3 % | 4 |
| Grüne | 7,5 % | 5 |
| Linke | 6,8 % | 6 |
| FDP | 2,4 % | 7 |
| Sonstige | 4,8 % | – |
Pendelbewegung: CDU, AfD – und zurück
Die Wahlgeschichte des Wahlkreises 103 liest sich wie ein Seismograph der thüringischen Stimmungslage:
| Bundestagswahl | Direktmandat | Bemerkung |
|---|---|---|
| 2025 | CDU | Knapper Sieg, 1,7 PP Vorsprung |
| 2021 | AfD | Erstmals AfD-Direktmandat |
| 2017 | CDU | Noch deutlicher Vorsprung |
Dass die CDU den Wahlkreis 2025 zurückholte, lag mutmaßlich an der höheren Mobilisierung in Erfurt und Weimar. In Wahlkreisen, die solche Stadt-Land-Gegensätze vereinen, entscheidet oft die Wahlbeteiligung über den Sieger – nicht die Stimmungsverschiebung.
Lage des Wahlkreises
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1994: Gerhard Schröder gewinnt Hannover direkt – und verliert trotzdem
Bei der Bundestagswahl 1994 gewann Gerhard Schröder das Direktmandat in Hannover – mit 48,2 Prozent der Erststimmen. Doch bundesweit verlor die SPD (36,4 Prozent) gegen Helmut Kohls CDU/CSU (41,5 Prozent). Schröder zog über das Direktmandat trotzdem in den Bundestag ein. Das Beispiel zeigt die Besonderheit des deutschen Wahlrechts: Ein starkes Direktmandat kann einem Kandidaten den Einzug sichern, selbst wenn die Partei bundespolitisch verliert. 1998 gewann Schröder dann die Bundestagswahl und wurde Kanzler.
Häufige Fragen
Warum ist der Wahlkreis Erfurt-Weimar politisch so gespalten?
Erfurt als Landeshauptstadt und Weimar als Kulturstadt tendieren stärker zur politischen Mitte, während das ländliche Weimarer Land konservativer bis rechtspopulistisch wählt. Diese Gegensätze führen zu knappen Ergebnissen – 2025 lag nur 1,7 Prozentpunkte zwischen CDU und AfD.
Welche Bedeutung hat Weimar für die deutsche Demokratiegeschichte?
In Weimar wurde 1919 die erste demokratische Verfassung Deutschlands verabschiedet. Gleichzeitig liegt auf dem Ettersberg das KZ Buchenwald. Diese Doppelbedeutung – Demokratiegründung und NS-Verbrechen – macht Weimar zu einem einzigartigen Erinnerungsort.
Wer profitiert von der Wahlbeteiligung im Wahlkreis 103?
Wenn die Wahlbeteiligung in den städtischen Gebieten (Erfurt, Weimar) hoch ist, profitieren CDU, SPD und Grüne. Ist sie niedrig, gewinnt die AfD an relativem Gewicht, weil ihre Wählerschaft im ländlichen Raum zuverlässiger zur Urne geht.
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