Bundestagswahl-Ergebnisse am Wahlabend im Fernsehen

Wahlkreis 104: Gera – Jena – Saale-Holzland-Kreis – Wo Welten aufeinanderprallen

Steckbrief: Wahlkreis 104

  • Wahlkreis-Nr.: 104
  • Name: Gera – Jena – Saale-Holzland-Kreis
  • Bundesland: Thüringen
  • Zentrale Städte: Gera, Jena
  • Charakter: extrem heterogen (universitär, industriell, ländlich)
  • Gewinner BTW 2025: AfD (29,8 %)
  • Gewinner BTW 2021: AfD

Wer den Wahlkreis 104 verstehen will, muss zwei Städte kennen, die nur 35 Kilometer voneinander entfernt liegen – und trotzdem in verschiedenen Epochen zu leben scheinen.

Jena: Die Erfolgsgeschichte

Jena ist Thüringens Vorzeigestadt. 1846 gründete Carl Zeiss hier seine optische Werkstatt, Ernst Abbe und Otto Schott folgten. Aus der Dreier-Konstellation entstand ein Technologie-Cluster, das bis heute trägt: Carl Zeiss, Schott, Jenoptik. Die Friedrich-Schiller-Universität hat über 17.000 Studierende, das Universitätsklinikum ist der größte Arbeitgeber der Region.

Das Ergebnis: Jena wächst. Die Stadt zieht junge Menschen an, hat eine lebendige Gastroszene, Start-ups im Technologiepark und Mieten, die für ostdeutsche Verhältnisse hoch sind. In Jena liegt die AfD bei Bundestagswahlen spürbar unter dem thüringischen Schnitt. Grüne, SPD und Linke sind zusammen stärker als AfD und CDU.

Gera: Die offene Wunde

35 Kilometer östlich beginnt eine andere Realität. Gera, mit rund 92.000 Einwohnern drittgrößte Stadt Thüringens, war in der DDR ein Zentrum der Uranverarbeitung und Textilindustrie. Nach 1990 brach beides zusammen. Die Bevölkerung schrumpfte von 130.000 auf unter 95.000. Ganze Straßenzüge stehen leer. Die einst repräsentativen Gründerzeithäuser in der Innenstadt verfällen teilweise.

In Gera liegt der AfD-Anteil bei Bundestagswahlen deutlich über 35 Prozent. Die Frustration über den wirtschaftlichen Niedergang, das Gefühl, von der Politik vergessen zu werden, und die sichtbare Verarmung der Innenstadt bilden den Nährboden.

Wahlkabine bei der Bundestagswahl – Stimmzettel und Demokratie

Dazwischen: Das Saale-Holzland

Der Saale-Holzland-Kreis liegt zwischen den beiden Städten und ist ländlich geprägt: Weinbau an der Saale, Landwirtschaft, Handwerk. Politisch ähnelt er eher Gera als Jena. Die Infrastruktur ist dünn, ärztliche Versorgung ein Problem, öffentlicher Nahverkehr kaum vorhanden. Die AfD holt hier überdurchschnittliche Ergebnisse.

Bundestagswahl 2025: Gera und Saale-Holzland überstimmen Jena

Im Gesamtergebnis setzt sich die AfD mit 29,8 Prozent durch – obwohl sie in Jena vergleichsweise schwach abschneidet. Die Bevölkerungszahl von Gera plus dem ländlichen Saale-Holzland-Kreis überwiegt schlicht das progressive Jena.

Partei Erststimmen 2025 Rang
AfD29,8 %1 – Direktmandat
CDU25,1 %2
SPD13,6 %3
BSW9,7 %4
Linke7,4 %5
Grüne6,1 %6
FDP2,3 %7
Sonstige6,0 %
Bundestagswahl Direktmandat
2025AfD
2021AfD
2017CDU

Lage des Wahlkreises

2002: Franz Josef Strauß Nachfolger verliert Wahlkreis an SPD – historischer Wechsel in Bayern

Bei der Bundestagswahl 2002 verlor die CSU erstmals seit 1961 einzelne bayerische Wahlkreise an die SPD. In Augsburg-Stadt und Schwabing wechselte das Direktmandat. Gerhard Schröder nutzte die Flutkatastrophe und den Irak-Krieg für eine Aufholjagd: Am Wahlabend lagen SPD und Union gleichauf (38,5 zu 38,5 Prozent). Die SPD bildete erneut die Regierung – dank FDP-Verlusten (7,4 Prozent) und Grünen-Stabilität. Die Wahlkreisdaten zeigten: Fluthilfe-Gebiete wählten 2002 deutlich mehr SPD als vier Jahre zuvor.

Video: Bundestagswahl und Politik erklärt

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Gera, Jena und Saale-Holzland — Kontrast zwischen Boomstadt und Schrumpfungsregion | BWU Redaktion

Jena boomt — Gera kämpft

Jena ist Thüringens Boomstadt. Die Friedrich-Schiller-Universität Jena (gegründet 1558) ist eine der ältesten deutschen Universitäten und zieht international Forschende an. Der Carl-Zeiss-Konzern, in Jena gegründet und heute Weltmarktführer in Optik und Feinmechanik, ist der prägende Arbeitgeber. Jena hat als einzige thüringische Stadt Bevölkerungswachstum und steigende Mieten — ein Zeichen echten Aufschwungs.

Gera, die drittgrößte Stadt Thüringens, kämpft dagegen mit strukturellen Herausforderungen: Bevölkerungsrückgang, Leerstand und wirtschaftliche Stagnation. Gera war in der DDR ein bedeutendes Zentrum der Textilindustrie. Nach 1990 verlor die Stadt viele Arbeitsplätze und Einwohner. Dieser Kontrast innerhalb eines einzigen Wahlkreises macht das politische Bild komplex. Die Hochschulstadt Jena wählt anders als Gera. Mehr zu Thüringens Umfragen. Das Wahlsystem erklärt Direktmandate. Auf bundestag.de alle Abgeordneten.

Häufige Fragen

Warum wählen Jena und Gera so unterschiedlich?

Jena ist eine boomende Universitätsstadt mit Carl Zeiss, Jenoptik und einem jungen Milieu – Grüne und SPD sind stark. Gera hat nach 1990 einen massiven Bevölkerungsverlust erlitten und kämpft mit Leerstand. Die Frustration darüber treibt die AfD-Werte nach oben.

Welche Rolle spielt Carl Zeiss für Jena?

Carl Zeiss gründete 1846 in Jena seine optische Werkstatt. Heute ist der Konzern global tätig, aber Jena bleibt wichtiger Forschungs- und Produktionsstandort. Zusammen mit Schott und Jenoptik bildet Zeiss das wirtschaftliche Fundament der Stadt.

Könnte ein eigener Wahlkreis Jena das Ergebnis ändern?

Ein reiner Jena-Wahlkreis würde wahrscheinlich an CDU, SPD oder Grüne gehen – die AfD läge dort unter 20 %. Durch den Zuschnitt mit Gera und dem Saale-Holzland-Kreis wird Jenas progressives Milieu aber überstimmt.

Mehr dazu: Wahlbeteiligung · Umfrage-Institute · Politik-News

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