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Wahlverhalten und Migrationshintergrund — Wie eine wachsende Wählergruppe wählt

Key-Facts: Migration und Wahlverhalten

  • Wahlberechtigte mit Migrationshintergrund: Ca. 8–9 Mio. (13–15% aller Wahlberechtigten)
  • Größte Gruppen: Türkischstämmige, Spätaussiedler, EU-Europäer
  • Präferenz: SPD und Grüne überdurchschnittlich, AfD weit unter Durchschnitt
  • Wahlbeteiligung: Ca. 10–15 Pp. unter dem Gesamtdurchschnitt
  • Trend: Diversifizierung — jüngere Generationen wählen breiter als die Eltern

5,3 Millionen Deutsche mit Migrationshintergrund dürfen wählen. Wie sie das tun, weiß kaum jemand — denn die Datenlage ist dünn und die Gruppe alles andere als homogen. Deutschland ist ein Einwanderungsland — spätestens seit der Gastarbeiteranwerbung der 1960er Jahre. Heute haben rund 23 Millionen Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund, das sind etwa 28% der Bevölkerung. Davon sind schätzungsweise 8 bis 9 Millionen wahlberechtigt (deutsche Staatsbürgerschaft erforderlich). Diese Gruppe wächst mit jeder Generation — und damit auch ihr Einfluss auf Wahlergebnisse.

Das Wahlverhalten von Deutschen mit Migrationshintergrund ist allerdings kein monolithischer Block. Es variiert erheblich nach Herkunftsland, Generation, Bildung und Wohnort. Dieser Artikel analysiert die wichtigsten Muster und Trends.

Wer darf überhaupt wählen — und wer nicht?

Wahlrecht und Migration: Die Regeln

  • Bundestagswahl: Nur deutsche Staatsbürger ab 18 Jahren. Kein Aufenthaltstitel, keine Duldung und kein Dauervisum ermöglichen die Teilnahme.
  • Europawahl: Deutsche Staatsbürger + EU-Bürger mit Wohnsitz in Deutschland (ab 16 Jahren).
  • Kommunalwahl: Deutsche Staatsbürger + EU-Bürger mit Wohnsitz in der Gemeinde. In einigen Bundesländern ab 16 Jahren.
  • Landtagswahl: Nur deutsche Staatsbürger (Alter je nach Bundesland 16 oder 18).
  • Nicht-EU-Ausländer: Kein Wahlrecht auf irgendeiner Ebene — unabhängig von Aufenthaltsdauer.
  • Einbürgerungsstatistik: 2023 wurden ca. 200.000 Menschen eingebürgert (destatis.de), 2024 stieg die Zahl auf über 210.000. Seit der Reform des Staatsbürgerschaftsrechts 2024 (Einbürgerung nach 5 statt 8 Jahren) wird ein weiterer Anstieg erwartet.
  • Demokratielücke: Ca. 9–10 Mio. erwachsene Nicht-Deutsche leben dauerhaft in Deutschland, haben aber kein Wahlrecht auf Bundes- und Landesebene.

Ein grundlegendes Problem bei der Analyse des Wahlverhaltens von Menschen mit Migrationshintergrund ist die Frage der Wahlberechtigung. Bei Bundestagswahlen dürfen nur deutsche Staatsbürger wählen. Von den 23 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund besitzen rund 12 Millionen die deutsche Staatsbürgerschaft. Abzüglich der Minderjährigen bleiben rund 8 bis 9 Millionen Wahlberechtigte.

Das bedeutet: Ein erheblicher Teil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist von der politischen Teilhabe auf Bundesebene ausgeschlossen. EU-Bürger dürfen immerhin bei Kommunalwahlen und Europawahlen wählen, Nicht-EU-Ausländer haben kein Wahlrecht auf irgendeiner Ebene — unabhängig davon, wie lange sie in Deutschland leben.

Die Einbürgerungsstatistik zeigt einen klaren Trend: Mit der Reform des Staatsbürgerschaftsrechts 2024, die eine Einbürgerung nach fünf statt acht Jahren ermöglicht, wird die Zahl wahlberechtigter Bürger mit Migrationshintergrund in den nächsten Jahren voraussichtlich um 100.000 bis 200.000 pro Jahr steigen. Langfristig könnte der Anteil der Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund von aktuell rund 14% auf über 20% in den 2030er Jahren wachsen. Dieser demografische Wandel wird die Parteienlandschaft verändern — Parteien, die diese Wählergruppe ignorieren, verlieren ein wachsendes Stimmpotenzial.

Parteienpräferenzen nach Herkunftsgruppe

Die folgende Tabelle zeigt die ungefähren Parteienpräferenzen der wichtigsten Herkunftsgruppen. Die Daten basieren auf verschiedenen Studien und Nachwahlbefragungen, die aufgrund kleiner Stichproben als Tendenzwerte zu verstehen sind.

ParteiTürkischst.Spätaussiedler (Russlanddt.)EU-SüdeuropaOhne Migr.-Hintergrund
CDU/CSUca. 15%ca. 38%ca. 22%ca. 30%
SPDca. 40%ca. 18%ca. 30%ca. 20%
Grüneca. 18%ca. 5%ca. 16%ca. 13%
AfDca. 3%ca. 22%ca. 5%ca. 22%
FDPca. 5%ca. 4%ca. 6%ca. 5%
BSWca. 4%ca. 8%ca. 4%ca. 5%
Sonstige/Linkeca. 15%ca. 5%ca. 17%ca. 5%

Quelle: Eigene Zusammenstellung auf Basis von Studien der Universität Duisburg-Essen, SVR-Forschungsbereich und Nachwahlbefragungen (Tendenzwerte, gerundet). Die Zahlen verdeutlichen: Es gibt kein einheitliches „Migrantenwahlverhalten“. Türkischstämmige Wähler und Spätaussiedler wählen fundamental unterschiedlich.

Türkischstämmige: Die SPD-Hochburg bröckelt

Die rund 1,5 Millionen wahlberechtigten Deutschtürken waren über Jahrzehnte die zuverlässigste Wählerbasis der SPD außerhalb der Gewerkschaften. In den 1990er Jahren wählten über 60% SPD. Diese Bindung schwächt sich aber ab: Bei der Bundestagswahl 2025 lag die SPD noch bei rund 40% — immer noch deutlich überdurchschnittlich, aber mit fallendem Trend.

Die Gründe für die schwindende Bindung sind vielfältig — und sie erzählen zugleich eine Integrationsgeschichte. Jüngere Deutschtürken identifizieren sich weniger über die Migrationserfahrung ihrer Großeltern. Konservativere türkischstämmige Wähler finden bei der CDU eine Heimat. Und seit 2024 treten verstärkt migrantische Kleinparteien an (DAVA, BIG), die gezielt muslimische Wähler ansprechen — der Posten „Sonstige“ in der Tabelle ist bei türkischstämmigen Wählern deshalb ungewöhnlich hoch.

Belebte Einkaufsstraße in Berlin — multikulturelles Stadtleben
In deutschen Großstädten hat oft über die Hälfte der Bevölkerung einen Migrationshintergrund — das prägt auch die Wahlergebnisse.

Spätaussiedler: Konservativ und zunehmend AfD

Die rund 2,5 Millionen Spätaussiedler (Russlanddeutsche) sind die zweitgrößte Migrantengruppe mit deutscher Staatsbürgerschaft. Ihr Wahlverhalten unterscheidet sich grundlegend von dem anderer Migrantengruppen: Sie wählen überdurchschnittlich CDU/CSU und — zunehmend — AfD.

Die CDU-Präferenz (ca. 38%) erklärt sich durch konservative Werte, Dankbarkeit für die Aufnahme unter Kohl und eine starke Kirchenbindung. Der AfD-Anteil (ca. 22%) ist bemerkenswert und liegt auf dem Niveau der Gesamtbevölkerung. Forscher führen dies auf die Erfahrung als „Verlierer der Integration“ zurück: Viele Spätaussiedler fühlen sich trotz deutscher Staatsbürgerschaft nicht vollständig akzeptiert und identifizieren sich mit der Anti-Establishment-Rhetorik der AfD.

Wahlbeteiligung: Das größte Problem

Die Wahlbeteiligung von Deutschen mit Migrationshintergrund liegt deutlich unter dem Gesamtdurchschnitt. Schätzungen schwanken zwischen 55 und 70%, je nach Herkunftsgruppe und Generation. Zum Vergleich: Die Gesamtwahlbeteiligung lag 2025 bei rund 82%.

Die Gründe ähneln denen für niedrige Wahlbeteiligung bei anderen Gruppen: Geringeres politisches Wissen über das deutsche System (insbesondere bei Neubürgern), sprachliche Barrieren, das Gefühl, nicht vertreten zu werden, und häufig niedrigerer sozialer Status (der wiederum mit niedrigerer Beteiligung korreliert, wie bei Geringverdienern und niedrig Gebildeten allgemein).

Generationsunterschiede: Die zweite und dritte Generation

Ein zentraler Befund der Forschung: Mit jeder Generation nähert sich das Wahlverhalten von Deutschen mit Migrationshintergrund dem Gesamtdurchschnitt an. Die erste Generation (selbst eingewandert) wählt am homogensten innerhalb der Herkunftsgruppe. Die zweite Generation (in Deutschland geboren, Eltern eingewandert) verteilt sich breiter. Die dritte Generation wählt nahezu identisch wie Deutsche ohne Migrationshintergrund — der Herkunftseffekt verschwindet weitgehend.

Allerdings gibt es eine wichtige Ausnahme: Bei stark identitätsbezogenen Themen (Migrationspolitik, Rassismus-Debatte, Nahost-Konflikt) kann auch bei der zweiten und dritten Generation der Migrationshintergrund die Wahlentscheidung beeinflussen. Das zeigte sich 2024, als der Gaza-Krieg viele arabisch- und türkischstämmige Wähler von SPD und Grünen abwandern ließ.

Politische Repräsentation: Unterrepräsentiert

Obwohl 13–15% der Wahlberechtigten einen Migrationshintergrund haben, liegt der Anteil der Bundestagsabgeordneten mit Migrationshintergrund bei nur rund 11% (Stand 2025). Die Unterrepräsentation ist bei CDU/CSU am stärksten, bei Grünen und SPD am geringsten. Studien zeigen: Wähler mit Migrationshintergrund wählen häufiger, wenn Kandidaten mit ähnlichem Hintergrund auf dem Stimmzettel stehen — ein Effekt, der als „descriptive representation“ bekannt ist.

Migrantische Parteien: Ein neues Phänomen

Seit 2024 treten verstärkt Parteien an, die gezielt Wahlberechtigte mit Migrationshintergrund ansprechen. Die „Demokratische Allianz für Vielfalt und Aufbruch“ (DAVA) und das „Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit“ (BIG) sind die bekanntesten Beispiele. Bei der Europawahl 2024 erzielte DAVA in einzelnen Wahlbezirken mit hohem türkischstämmigem Bevölkerungsanteil über 5%. Auf Bundesebene blieben die Ergebnisse im Promillebereich.

Die Existenz dieser Parteien signalisiert zweierlei: Erstens fühlen sich nicht alle wahlberechtigten Migranten von den etablierten Parteien vertreten. Zweitens hat die zunehmende Zahl von Einbürgerungen ein Wählerreservoir geschaffen, das groß genug ist, um eigene politische Strukturen zu tragen. Ob diese Parteien dauerhaft relevant werden, hängt davon ab, ob die großen Parteien — insbesondere SPD und Grüne — ihre Bindungskraft gegenüber Wählern mit Migrationshintergrund aufrechterhalten können.

Die doppelte Fremdheit: Ostdeutsche Migranten

Eine besonders untererforschte Gruppe sind Menschen mit Migrationshintergrund in Ostdeutschland. Ihr Anteil an der Bevölkerung ist mit 8–12% (je nach Bundesland) deutlich niedriger als im Westen (30–35% in Großstädten). Gleichzeitig sind sie in einer Umgebung, die Migration kritischer sieht als der westdeutsche Durchschnitt. Das erzeugt eine „doppelte Fremdheit“: Migrantische Wähler in Sachsen oder Thüringen sind nicht nur als Migranten, sondern auch als Ostdeutsche eine Minderheit in der Minderheit.

Erste Studien der Universität Leipzig deuten darauf hin, dass wahlberechtigte Migranten in Ostdeutschland noch stärker zu SPD und Grünen tendieren als im Westen — als Gegenreaktion auf das migrationsfeindliche Umfeld. Gleichzeitig ist ihre Wahlbeteiligung besonders niedrig, was auf ein Gefühl der Machtlosigkeit hindeutet.

2009 bis 2021: Von 70% zu 29% — der Zerfall des türkisch-deutschen SPD-Blocks

2009 wählten schätzungsweise 70% der wahlberechtigten Deutschen türkischer Herkunft die SPD — laut Forschungsgruppe Wahlen der stabilste Wählerblock der Partei. Bis 2021 war diese Zahl auf 29% gesunken. Der Rückgang vollzog sich in drei Schritten: Erstens enttäuschten die GroKo-Jahre die sozioökonomischen Erwartungen der türkischstämmigen Mittelschicht. Zweitens führte die Türkei-Politik (insbesondere Erdoğan-Distanzierungen durch SPD-Spitzenpolitiker) zu Entfremdung. Drittens diversifizierte sich die Gemeinschaft: Höheres Einkommen und Bildung führten zu individuelleren Wahlentscheidungen. Bei der Wahl 2021 wählten türkischstämmige Wahlberechtigte: SPD 29%, Grüne 21%, CDU 16% — ein plurales Muster, das dem Gesamtelektorat ähnelt. Der monolithische SPD-Block existiert nicht mehr.

2025: Wahltermine-Planung – warum der Kalender für Regierungen entscheidend ist

Die Bundestagswahl findet am dritten Sonntag im September statt – normalerweise. 2025 war sie am 23. Februar (Neuwahlen wegen Ampel-Bruch). Für Regierungen ist der Wahltermin ein Zwang: In den 12 Monaten vor der Bundestagswahl entscheiden sich Haushaltspolitik und große Reformen – denn alles muss noch verabschiedet werden. Der "Bundestagswahlkampf" beginnt de facto 6-8 Monate vor dem Termin. Gleichzeitig: Landtagswahlen können den Bundesrat-Kurs verändern. Der politische Kalender ist das unsichtbare Framework, das alle großen Entscheidungen rahmt.

Häufige Fragen

Wie viele Wahlberechtigte haben einen Migrationshintergrund?

Bei der Bundestagswahl 2025 hatten schätzungsweise 8 bis 9 Millionen der rund 61 Millionen Wahlberechtigten einen Migrationshintergrund. Das entspricht etwa 13 bis 15 Prozent.

Welche Parteien wählen Menschen mit Migrationshintergrund?

SPD und Grüne sind traditionell die stärksten Parteien bei Wählern mit Migrationshintergrund. Die CDU/CSU holt aber auf, insbesondere bei türkischstämmigen Wählern der zweiten und dritten Generation. Die AfD erzielt in dieser Gruppe die niedrigsten Werte.

Ist die Wahlbeteiligung bei Migranten niedriger?

Ja. Deutsche mit Migrationshintergrund wählen im Durchschnitt seltener als Deutsche ohne Migrationshintergrund. Die Differenz beträgt schätzungsweise 10 bis 15 Prozentpunkte, variiert aber stark nach Herkunftsland und Generation.

Warum wählen viele Deutschtürken SPD?

Die SPD profitiert von ihrer historischen Rolle als Gastarbeiter-freundliche Partei, ihrer integrationspolitischen Tradition und starken Netzwerken in türkischen Communities. Allerdings schwächt sich diese Bindung bei jüngeren Generationen ab.

Mehr dazu: Politik TV · Forsa
SonntagsfrageCDU/CSU25,7%SPD12,3%Grüne13,7%AfD25,7%BSW3,5%FDP3,3%Linke10,2%INSA · 08.04.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%Welt Politik „Sieht nach nächstem transatlantischen Krach aus“Spiegel Politik NRW-Ministerin Ina Scharrenbach: Vorwürfe von Machtmissbrauch bleiben interne SacheFAZ Politik Dienste für Putin: Orbán ist ein Ärgernis, aber über ihn entscheiden Ungarns WählerWelt Politik „Werden weiterhin die Hisbollah überall dort angreifen, wo es nötig ist“, bekräftigt NetanjahuWelt Politik Mann verschanzt sich in Bankfiliale und löst Großeinsatz ausTagesschau Untergetauchte Rechtsextremistin Liebich in Tschechien gefasstFAZ Politik Liveblog Irankrieg: Netanjahu kündigt direkte Verhandlungen mit Libanon anSpiegel Politik USA, Donald Trump und Marco Rubio: Warum Standorte wie Ramstein entscheidend sindFAZ Politik Deutschland-Liveblog: Merz: Koalition uneinig über EntlastungenSpiegel Politik News des Tages: Mario Adorf, der Zauberer, Donald Trumps Ultimatum, russische U-BooteTagesschau Ankündigung von Merz: Deutschland will wieder Gespräche mit Iran aufnehmenZDF heute Europas KI-AufholjagdTagesschau Ein Jahr Koalitionsvertrag: Von Liebe, Brücken und Reformen
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