Europäische Politiklandschaft — Gebäude und Regierungsviertel

Die Europawahl erklärt — So wählt Europa sein Parlament

Key-Facts: Europawahl

  • Turnus: Alle 5 Jahre (letzte: Juni 2024, nächste: 2029)
  • Sitze gesamt: 720 Abgeordnete aus 27 EU-Staaten
  • Deutsche Sitze: 96 (Maximum pro Land)
  • Wahlalter DE: 16 Jahre (seit 2024)
  • Sperrklausel DE: Keine (seit 2014 vom BVerfG gekippt)
  • Wahlsystem DE: Reine Verhältniswahl mit geschlossenen Listen
  • Wahlbeteiligung DE 2024: 64,8 %

Die Europawahl ist die größte transnationale demokratische Wahl der Welt. Rund 400 Millionen Bürgerinnen und Bürger in 27 EU-Mitgliedstaaten wählen alle fünf Jahre das Europäische Parlament — die einzige direkt gewählte Institution der Europäischen Union.

Und doch: Wer sind eigentlich die Spitzenkandidaten? Bei der Europawahl 2024 hätten die wenigsten Deutschen den europaweit nominierten Spitzenkandidaten der konservativen EVP-Fraktion benennen können — obwohl er den mächtigsten Posten der EU-Kommission anstrebte. Die Europawahl leidet unter einem Paradox: Sie bestimmt ein Parlament, das über Milliarden und Gesetze entscheidet, die jeden EU-Bürger betreffen, doch die Gesichter hinter den Listen bleiben für die meisten Wähler unsichtbar. Erst wenn ein EU-Gesetz den Alltag spürbar verändert — wie das Verbrenner-Aus oder die Datenschutzgrundverordnung — wird die Bedeutung des Europäischen Parlaments plötzlich greifbar.

Für deutsche Wähler unterscheidet sich die Europawahl deutlich von der Bundestagswahl: Es gibt nur eine Stimme, keine 5-Prozent-Hürde und keine Wahlkreise. Die Parteien treten mit bundesweiten Listen an, und seit 2024 dürfen bereits 16-Jährige wählen.

Das Wahlsystem in Deutschland

Bei der Europawahl gilt in Deutschland die reine Verhältniswahl. Jeder Wahlberechtigte hat eine Stimme, die er einer Parteiliste gibt. Die 96 deutschen Sitze werden proportional nach Stimmenanteil verteilt.

Die wichtigsten Unterschiede zur Bundestagswahl:

  • Nur eine Stimme (statt zwei bei der Bundestagswahl)
  • Keine Wahlkreise — bundesweite oder Landeslisten
  • Keine Sperrklausel — auch Parteien mit unter 1 % können Sitze gewinnen
  • Geschlossene Listen — die Reihenfolge der Kandidaten ist fest

Keine Hürde — Vielfalt im EU-Parlament

Das Bundesverfassungsgericht hat 2011 die 5-Prozent-Hürde und 2014 auch eine ersatzweise eingeführte 3-Prozent-Hürde für die Europawahl als verfassungswidrig erklärt. Seitdem reichen in Deutschland rund 0,5–0,7 % für einen Sitz. Bei der Europawahl 2024 zogen deshalb auch Kleinstparteien wie die Familienpartei, Volt und die Tierschutzpartei ins EU-Parlament ein.

Wählerinnen und Wähler im Wahllokal bei der Stimmabgabe — Demokratie in Deutschland
Im Wahllokal: Bürgerinnen und Bürger geben ihre Stimme ab.

Das Europäische Parlament — Aufgaben und Macht

Das EU-Parlament hat in den letzten Jahrzehnten erheblich an Einfluss gewonnen. Seine wichtigsten Aufgaben:

  1. Gesetzgebung: Gemeinsam mit dem Rat der EU beschließt das Parlament EU-Gesetze (Verordnungen, Richtlinien).
  2. Haushalt: Das Parlament genehmigt den EU-Haushalt (ca. 170 Milliarden Euro jährlich).
  3. Kontrolle: Es kontrolliert die EU-Kommission und kann sie durch Misstrauensvotum absetzen.
  4. Kommissionspräsident: Das Parlament wählt den Präsidenten der EU-Kommission.
Schüler diskutieren über Europapolitik im Unterricht
Europapolitik im Klassenzimmer: Seit 2024 dürfen 16-Jährige bei der Europawahl mitbestimmen.

Fraktionen im EU-Parlament

FraktionSitze (2024)Deutsche ParteienPolitische Ausrichtung
EVP188CDU/CSUChristdemokratisch, konservativ
S&D136SPDSozialdemokratisch
Renew Europe77FDP, FWLiberal
Grüne/EFA53GrüneÖkologisch, progressiv
EKR78Nationalkonservativ
ID / PfE84AfD (zeitweise)Rechtspopulistisch
Die Linke / GUE46Die Linke, BSWLinkspopulistisch, sozialistisch
Fraktionslos58DiverseGemischt

Europawahl 2024 — Ergebnis in Deutschland

Die Europawahl im Juni 2024 brachte in Deutschland deutliche Verschiebungen. Die CDU/CSU gewann klar, die AfD legte zu, während die Ampel-Parteien herbe Verluste erlitten:

ParteiErgebnis 2024Veränderung zu 2019Sitze
CDU/CSU30,0 %+1,429
AfD15,9 %+4,915
SPD13,9 %−1,914
Grüne11,9 %−8,612
BSW6,2 %neu6
FDP5,2 %−0,25
Sonstige16,9 %15

Europawahl vs. Bundestagswahl — Was ist anders?

Viele Wähler kennen das System der Bundestagswahl gut, sind aber bei der Europawahl unsicher. Die beiden Wahlen unterscheiden sich in fast jedem Detail. Die folgende Gegenüberstellung zeigt die wichtigsten Unterschiede auf einen Blick:

Bundestagswahl

  • Stimmen: 2 (Erst- und Zweitstimme)
  • Wahlkreise: 299 Wahlkreise
  • Sperrklausel: 5-Prozent-Hürde
  • Sitze: 630 (fest seit 2025)
  • Wahlalter: Ab 18 Jahren
  • EU-Bürger: Nicht wahlberechtigt
  • Turnus: Alle 4 Jahre
  • System: Personalisierte Verhältniswahl
  • Listen: Starre Landeslisten
  • Ergebnis: Bestimmt den Kanzler

Europawahl

  • Stimmen: 1 (nur Listenstimme)
  • Wahlkreise: Keine (bundesweite Listen)
  • Sperrklausel: Keine in Deutschland
  • Deutsche Sitze: 96 von 720
  • Wahlalter: Ab 16 Jahren (seit 2024)
  • EU-Bürger: Wahlberechtigt
  • Turnus: Alle 5 Jahre
  • System: Reine Verhältniswahl
  • Listen: Geschlossene Bundeslisten
  • Ergebnis: Beeinflusst Kommissions-Präsident

Der gravierendste Unterschied aus Sicht der Wähler: Die fehlende Sperrklausel macht die Europawahl zum Experimentierfeld. Wähler, die bei der Bundestagswahl strategisch für eine große Partei stimmen, trauen sich bei der Europawahl häufiger, eine Kleinstpartei zu wählen — weil die Stimme nicht „verloren" gehen kann. Das erklärt, warum bei der Europawahl 2024 insgesamt 15 deutsche Parteien Sitze im EU-Parlament gewannen.

Das Spitzenkandidaten-Prinzip

Seit 2014 versucht das EU-Parlament, die Europawahl stärker zu personalisieren: Die europäischen Parteienfamilien stellen Spitzenkandidaten auf, die Präsident der EU-Kommission werden sollen, wenn ihre Fraktion die meisten Sitze gewinnt. 2014 funktionierte das: Jean-Claude Juncker (EVP) wurde Kommissionspräsident. 2019 setzte sich der Europäische Rat jedoch über das Prinzip hinweg und nominierte Ursula von der Leyen, die gar nicht Spitzenkandidatin war.

Das Spitzenkandidaten-Prinzip ist politisch umstritten und rechtlich nicht bindend. Es zeigt aber den grundlegenden Unterschied zur Bundestagswahl: Während bei der Bundestagswahl relativ klar ist, welche Koalition welchen Kanzler wählt, bleibt bei der Europawahl der Zusammenhang zwischen Wahlergebnis und Spitzenpersonal indirekt.

Die degressive Proportionalität — Warum Malta mehr Sitze pro Einwohner hat

Die Sitzverteilung im EU-Parlament folgt einem besonderen Prinzip: der degressiven Proportionalität. Das bedeutet: Kleine Länder erhalten verhältnismäßig mehr Sitze pro Einwohner als große Länder. Deutschland hat bei rund 84 Millionen Einwohnern 96 Sitze (ein Sitz pro 875.000 Einwohner), Malta bei 500.000 Einwohnern 6 Sitze (ein Sitz pro 83.000 Einwohner).

Dieses Prinzip soll sicherstellen, dass auch die kleinsten Mitgliedstaaten im Parlament vertreten sind und gehört werden. Es ist ein Kompromiss zwischen dem demokratischen Prinzip „eine Person, eine Stimme" und dem föderalen Prinzip, das jedem Mitgliedstaat eine Mindestvertretung garantiert.

Wahlbeteiligung bei Europawahlen: Der lange Weg nach oben

Die Wahlbeteiligung bei Europawahlen in Deutschland war lange ein Problem. Zwischen 1979 und 2014 fiel sie kontinuierlich — von 65,7 % auf einen Tiefpunkt von 48,1 % (2004). Erst seit 2019 steigt sie wieder deutlich an, getrieben durch die Klimadebatte, den Brexit und eine generelle Politisierung Europas:

JahrBeteiligung DEBeteiligung EU gesamtKontext
197965,7 %61,9 %Erste Europawahl
198456,8 %58,9 %
198962,3 %58,4 %Fall der Mauer
199460,0 %56,7 %Maastricht-Vertrag
199945,2 %49,5 %Euro-Einführung
200443,0 %45,5 %EU-Osterweiterung
200943,3 %42,6 %Historischer EU-Tiefstwert
201448,1 %42,6 %Keine Sperrklausel in DE
201961,4 %50,7 %Klimadebatte, Brexit-Mobilisierung
202464,8 %51,0 %Wahlalter 16, Ukraine-Krieg

Der Anstieg seit 2019 gilt als eine der positiven Entwicklungen der europäischen Demokratie. Die Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre hat 2024 zusätzlich rund 1,4 Millionen neue Wahlberechtigte gebracht.

Quelle: Bundeswahlleiter, Bundeszentrale für politische Bildung, Europäisches Parlament

Reform-Debatte: Wie könnte die Europawahl demokratischer werden?

Die Europawahl steht seit Jahren in der Kritik — vor allem wegen der unterschiedlichen Wahlregeln in den 27 Mitgliedstaaten. Während in Deutschland eine reine Verhältniswahl ohne Sperrklausel gilt, haben andere Länder Sperrklauseln von bis zu 5 % (Frankreich, Polen). In manchen Ländern gibt es offene Listen (Schweden, Finnland), in anderen geschlossene (Deutschland, Spanien). Die Wahltage variieren innerhalb einer Woche: Die Niederlande wählen donnerstags, Irland freitags, die meisten Länder sonntags. Das EU-Parlament hat wiederholt Reformvorschläge eingebracht — darunter transnationale Listen (ein Teil der Sitze würde EU-weit vergeben), eine einheitliche Sperrklausel und ein gemeinsamer Wahltag. Bisher scheiterten alle Vorschläge am Widerstand einzelner Mitgliedstaaten. Für die Europawahl 2029 wird eine Reform diskutiert, die zumindest teilweise umgesetzt werden könnte.

Wahlrecht: Wer darf wählen?

Bei der Europawahl in Deutschland sind wahlberechtigt:

  • Alle deutschen Staatsangehörigen ab 16 Jahren
  • Alle EU-Bürger mit Wohnsitz in Deutschland ab 16 Jahren (müssen sich ins Wählerverzeichnis eintragen lassen)

Die Absenkung des Wahlalters von 18 auf 16 Jahre trat erstmals bei der Europawahl 2024 in Kraft. Damit dürfen junge Menschen bei der Europawahl früher mitbestimmen als bei der Bundestagswahl (dort weiterhin ab 18).

26. Mai 2014: Das Bundesverfassungsgericht schafft die Sperrklausel ab — Die PARTEI zieht ins Europaparlament ein

Am 26. Februar 2014 erklärte das Bundesverfassungsgericht die 3%-Sperrklausel für Europawahlen für verfassungswidrig. Das Urteil: Im Europäischen Parlament gebe es keine Koalitionszwänge wie im Bundestag — daher sei keine Mindestschwelle nötig. Das Ergebnis der Europawahl im Mai 2014 war entsprechend einzigartig: 15 verschiedene Parteien gewannen mindestens einen Sitz für Deutschland — darunter die Satirepartei "Die PARTEI" mit 0,6% (1 Mandat für Martin Sonneborn), die NPD mit 1,0% (1 Mandat) und die Tierschutzpartei (1 Mandat). Deutschland ist seither das einzige größere EU-Land komplett ohne Sperrklausel bei Europawahlen. Eine parlamentarische Konsequenz: In keiner anderen nationalen Delegation des Europäischen Parlaments sitzen MEPs aus so vielen verschiedenen Parteien wie in der deutschen.

Spitzenkandidaten-System: Wie die Europawahl die EU-Kommission bestimmt — oder es versucht

Seit 2014 nominieren die europäischen Parteifamilien vor der Europawahl Spitzenkandidaten, die bei einem Wahlsieg Kommissionspräsident werden sollen. Die Idee: Wähler sollen wissen, wer die Wahl „gewinnt". 2014 gewann Jean-Claude Juncker für die EVP — und wurde tatsächlich Präsident. 2019 gewann Manfred Weber für die EVP — wurde aber vom EU-Rat übergangen. Ursula von der Leyen war kein offizieller Spitzenkandidat und wurde trotzdem Kommissionspräsidentin. Das System ist politisch umstritten: Nationale Regierungen im EU-Rat haben ein Vetorecht bei der Kommissionsbenennung, unabhängig vom Europawahl-Ergebnis. Für Wähler in Deutschland bedeutet das: Eine Stimme für die CDU/EVP ist nicht gleichbedeutend mit der Wahl eines CDU-Kommissionspräsidenten. Mehr: Wahlrecht im internationalen Vergleich.

Häufige Fragen

Wie oft findet die Europawahl statt?

Die Europawahl findet alle fünf Jahre statt. Die letzte Wahl war im Juni 2024, die nächste ist für 2029 geplant.

Gibt es bei der Europawahl eine 5-Prozent-Hürde?

In Deutschland wurde die Sperrklausel für die Europawahl vom Bundesverfassungsgericht gekippt. Seit 2014 gibt es keine Hürde mehr, wodurch auch Kleinstparteien Sitze gewinnen können.

Wie viele Sitze hat Deutschland im EU-Parlament?

Deutschland stellt als bevölkerungsreichstes EU-Land 96 der 720 Abgeordneten im Europäischen Parlament. Das ist die maximale Sitzzahl pro Land.

Wer darf bei der Europawahl in Deutschland wählen?

Wahlberechtigt sind alle deutschen Staatsangehörigen und EU-Bürger mit Wohnsitz in Deutschland ab 16 Jahren (seit 2024).

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