Umfragen Landtagswahl Hessen 2023 — Rückblick & Analyse
Key-Facts: Landtagswahl Hessen 2023
- Wahltag: 8. Oktober 2023
- Wahlberechtigte: Rund 4,4 Millionen
- Wahlbeteiligung: 65,2 Prozent
- Stärkste Kraft: CDU mit 34,6 Prozent
- Neue Regierung: Schwarz-Rot (CDU/SPD) unter Boris Rhein
- Besonderheit: Gleichzeitig mit der Bayernwahl – bundesweite Aufmerksamkeit
Ausgangslage: Hessen im Herbst 2023
Die Landtagswahl in Hessen am 8. Oktober 2023 fand in einem besonderen politischen Umfeld statt. Die schwarz-grüne Koalition unter Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) regierte seit 2014 – zunächst unter Volker Bouffier, seit Mai 2022 unter Rhein. Die Grünen waren in Hessen früh etabliert: Bereits 1985 hatte Joschka Fischer als erster grüner Landesminister in Hessen amtiert.
Bundesweit stand die Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP unter massivem Druck. Die Diskussion um das Heizungsgesetz, die Migrationsdebatte und die allgemeine Unzufriedenheit mit der Bundesregierung prägten auch den hessischen Wahlkampf. Für die Wahlforschungsinstitute war die gleichzeitig stattfindende Bayernwahl eine zusätzliche Herausforderung, weil bundespolitische Überlagerungen die landesspezifischen Trends überdecken konnten.
Die Umfragen im Verlauf: Von Frühjahr bis Wahltag
Schon im Frühjahr 2023 deuteten die Sonntagsfragen auf eine klare Führung der CDU hin. Boris Rhein profitierte von hohen persönlichen Zufriedenheitswerten und einem ruhigen Regierungsstil. Die CDU lag in den meisten Umfragen zwischen 28 und 32 Prozent.
Die Grünen, noch in der Landesregierung, verloren im Jahresverlauf kontinuierlich an Zustimmung. Während sie Anfang 2023 noch bei 18 bis 20 Prozent gemessen wurden, fielen sie im Sommer auf 14 bis 16 Prozent zurück. Das Heizungsgesetz auf Bundesebene schadete der Partei spürbar auch in Hessen.
Die AfD stieg in den Umfragen ständig: Von rund 14 Prozent im Januar auf 18 bis 20 Prozent im September. Gleichzeitig blieb die SPD lange bei moderaten 17 bis 19 Prozent stabil – ohne große Ausbrüche nach oben oder unten. Die FDP kämpfte früh mit der Fünf-Prozent-Hürde und wurde in den letzten Umfragen bei 5 bis 6 Prozent gesehen – ein Zitterpartie.
Die Freien Wähler, in Bayern eine etablierte Kraft, spielten in Hessen kaum eine Rolle. Das BSW (Bündnis Sahra Wagenknecht) existierte zum Zeitpunkt der Hessenwahl noch nicht als Partei – es wurde erst im Januar 2024 gegründet.
Die letzten Umfragen vor der Wahl
In der letzten Woche vor dem Wahltag veröffentlichten mehrere Institute ihre finalen Erhebungen. Die Aggregation dieser Umfragen zeigte ein relativ klares Bild: CDU deutlich vorne, AfD und SPD im Wettstreit um Platz zwei, Grüne geschwächt, FDP und Linke an der Hürde.
| Partei | Letzte Umfragen (Schnitt) | Ergebnis 8.10.2023 | Abweichung |
|---|---|---|---|
| CDU | 30,5 % | 34,6 % | +4,1 |
| SPD | 18,0 % | 15,1 % | −2,9 |
| Grüne | 15,0 % | 14,8 % | −0,2 |
| AfD | 18,5 % | 18,4 % | −0,1 |
| FDP | 5,5 % | 5,0 % | −0,5 |
| Linke | 4,0 % | 3,1 % | −0,9 |
| Freie Wähler | 3,5 % | 3,5 % | 0,0 |
Auffällig ist, dass die CDU im tatsächlichen Ergebnis deutlich stärker abschnitt, als die letzten Umfragen prognostizierten. Die Abweichung von über vier Prozentpunkten war die größte einzelne Abweichung an diesem Wahlabend. Politikwissenschaftler führen dies auf einen späten Mobilisierungseffekt zugunsten der CDU zurück: Viele Wähler entschieden sich offenbar erst in den letzten Tagen, ihre Stimme gezielt für die CDU abzugeben, um eine Regierungsbeteiligung der AfD sicher auszuschließen.
Analyse der Umfrage-Genauigkeit
Insgesamt lagen die Wahlumfragen bei den meisten Parteien innerhalb der statistischen Fehlertoleranz. Die Grünen und die AfD wurden erstaunlich präzise erfasst. Die SPD wurde allerdings um knapp drei Punkte überschätzt – möglicherweise ein Effekt der bundespolitischen Überlagerung, bei der SPD-Sympathisanten ihre Landesstimme doch anders vergaben als zunächst angegeben.
Die größte Überraschung war die CDU-Stärke. Ein Erklärungsansatz: Der sogenannte Incumbent-Bonus – also der Amtsinhaber-Vorteil – wird in Umfragen häufig unterschätzt. Hinzu kam die strategische Stimmabgabe: Verschiedene Institute gewichten solche taktischen Überlegungen unterschiedlich stark.
Die einzelnen Institute im Vergleich
Nicht alle Institute lagen gleich nah am Ergebnis. Infratest dimap veröffentlichte die letzte Umfrage für die ARD am 5. Oktober und sah die CDU bei 31 Prozent – immer noch 3,6 Punkte unter dem Ergebnis. Forsa maß die CDU bei 30 Prozent, also 4,6 Punkte daneben. INSA lag mit 31 Prozent etwas näher am Ergebnis.
Bei der AfD waren die Unterschiede geringer: Die meisten Institute sahen die Partei zwischen 17 und 19 Prozent – das Ergebnis von 18,4 Prozent lag genau in diesem Korridor. Auch bei den Grünen lag die Spanne der letzten Umfragen (14 bis 16 Prozent) nah am realen Ergebnis von 14,8 Prozent.
Koalitionsbildung: Von Schwarz-Grün zu Schwarz-Rot
Obwohl eine Fortsetzung der schwarz-grünen Koalition rechnerisch möglich gewesen wäre, entschied sich Ministerpräsident Rhein für einen Partnerwechsel. Die CDU bildete mit der SPD eine schwarz-rote Koalition, die im Januar 2024 vereidigt wurde. Die Grünen, die seit 2014 mitregiert hatten, gingen in die Opposition.
Für die Demoskopie zeigt dieser Koalitionswechsel eine wichtige Lektion: Umfragen können zwar die Stärkeverhältnisse zwischen Parteien messen, aber die tatsächliche Koalitionsbildung hängt von vielen Faktoren ab, die sich nicht in Prozentwerten abbilden lassen – persönliche Präferenzen der Parteispitzen, inhaltliche Schnittmengen und strategische Überlegungen.
Besonderheiten der Hessenwahl 2023
Mehrere Faktoren machten die hessische Landtagswahl 2023 aus demoskopischer Sicht besonders interessant:
Gleichzeitigkeit mit Bayern: Am selben Tag wählte auch Bayern. Das führte zu einer enormen medialen Aufmerksamkeit, aber auch zu gegenseitigen Überlagerungseffekten. Manche Analysten vermuteten, dass das starke Abschneiden der CDU in Hessen auch vom „Mitzieh-Effekt“ der CSU in Bayern profitierte.
Bundespolitische Überlagerung: Die Hessenwahl wurde stark als Stimmungstest für die Ampel-Regierung in Berlin interpretiert. Das macht es für Umfrageinstitute besonders schwer, landesspezifische Stimmungen sauber zu erfassen, weil Befragte häufig ihre Bundesmeinung auf die Landesebene übertragen.
Spätentscheider: Laut Nachwahlbefragungen entschieden sich rund 20 Prozent der Wähler erst in den letzten Tagen vor der Wahl. Diese sogenannten Late Deciders sind für Umfrageinstitute besonders schwer zu erfassen, weil die letzten Erhebungen oft vier bis fünf Tage vor dem Wahltag abgeschlossen werden.
Strategisches Wählen: Besonders bei der FDP und den Freien Wählern zeigten sich Effekte des strategischen Wählens. Manche Wähler, die in Umfragen noch FDP oder Freie Wähler angaben, wechselten am Wahltag zur CDU, um deren Regierungsbildung abzusichern.
Lehren für die Umfrageforschung
Die Hessenwahl 2023 bestätigt mehrere bekannte Herausforderungen der Wahlforschung. Erstens: Der Amtsinhaber-Vorteil wird in Umfragen systematisch unterschätzt. Zweitens: Spätentscheider können das Ergebnis um mehrere Prozentpunkte verschieben. Drittens: Bundespolitische Stimmungen überlagern Landtagswahlen und erschweren präzise Landesprognosen.
Für die Umfrage-Aggregation bedeutet das: Auch ein gewichteter Durchschnitt mehrerer Institute kann systematische Verzerrungen nicht vollständig ausgleichen, wenn alle Institute denselben blinden Fleck teilen. Die durchschnittliche Abweichung über alle Parteien lag bei der Hessenwahl bei etwa 1,8 Prozentpunkten – ein akzeptabler, aber nicht perfekter Wert.
Einordnung im historischen Vergleich
| Landtagswahl Hessen | Durchschn. Abweichung (alle Parteien) | Größte Einzelabweichung |
|---|---|---|
| 2013 | 1,4 Prozentpunkte | CDU (+2,3) |
| 2018 | 1,9 Prozentpunkte | Grüne (+3,7) |
| 2023 | 1,8 Prozentpunkte | CDU (+4,1) |
Die Tabelle zeigt: Die Umfragegenauigkeit bei hessischen Landtagswahlen ist über die Jahre relativ stabil geblieben. Allerdings verschiebt sich die größte Einzelabweichung: 2018 wurden die Grünen stark unterschätzt (sie erreichten überraschende 19,8 Prozent), 2023 war es die CDU. Das deutet darauf hin, dass Institute Schwierigkeiten haben, dynamische Stimmungsverschiebungen kurz vor dem Wahltag abzubilden.
Fazit: Gute Tendenz, Details schwierig
Die Wahlumfragen zur Landtagswahl in Hessen 2023 lieferten ein zutreffendes Gesamtbild: Die CDU war klar stärkste Kraft, die AfD etablierte sich als zweitstärkste Partei, und die Grünen verloren deutlich gegenüber 2018. Im Detail zeigten sich jedoch spürbare Abweichungen – insbesondere bei der CDU und der SPD. Für die Einordnung von Wahlumfragen bleibt die zentrale Botschaft: Umfragen sind Momentaufnahmen, keine Prognosen. Die hessische Wahl 2023 illustriert das eindrücklich.
Oktober 2023: CDU in Hessen – 5 Punkte mehr als erwartet durch Spaetmobilisierung
Bei der hessischen Landtagswahl am 8. Oktober 2023 prognostizierten alle Institute CDU um 29–31 Prozent. Das Ergebnis: 34,6 Prozent – fast 5 Prozentpunkte mehr als der Durchschnitt aller letzten Umfragen. Ministerpraesident Boris Rhein hatte in den letzten Tagen eine bemerkenswerte Mobilisierung erreicht, die in keiner Umfrage sichtbar war. Die SPD wurde mit 15,1 Prozent fast exakt getroffen, die Gruenen mit 14,8 Prozent ebenfalls. Die starke CDU-Abweichung war kein Messfehler, sondern echte Spaetmobilisierung – ein Phaeomen, das klassische Querschnittsbefragungen strukturell nicht erfassen koennen.
2017: Tracking-Polls in Deutschland – wie tägliche Umfragen Politik beeinflussen
Tracking-Polls (tägliche oder wöchentliche Umfragen) haben seit 2010 zugenommen. INSA veröffentlicht wöchentlich für das Hamburger Abendblatt. Forsa für RTL täglich. Das Problem: Tracking-Polls verstärken Nachrichten-Effekte – ein Skandal senkt sofort die Zustimmung, steigt aber innerhalb einer Woche oft wieder. Politiker beobachten Tracking-Polls genau und reagieren darauf. Das führt zu kurzfristiger Reaktionspolitik statt langfristiger Planung. Demoskopen warnen selbst vor übermäßiger Orientierung an Tagesumfragen. Politischer Wert: Trendanalyse. Missbrauch: Tagesaktuell-Panik.
Häufige Fragen
Wann fand die Landtagswahl in Hessen 2023 statt?
Die Landtagswahl fand am 8. Oktober 2023 statt – zeitgleich mit der Landtagswahl in Bayern.
Wer gewann die Landtagswahl in Hessen 2023?
Die CDU unter Ministerpräsident Boris Rhein wurde mit 34,6 Prozent stärkste Kraft. Sie bildete anschließend eine Koalition mit der SPD.
Wie genau lagen die Umfragen zur Hessenwahl 2023?
Die durchschnittliche Abweichung über alle Parteien lag bei 1,8 Prozentpunkten. Die größte Abweichung gab es bei der CDU, die um 4,1 Punkte unterschätzt wurde.
Welche Koalition regiert seit 2024 in Hessen?
Seit Januar 2024 regiert eine schwarz-rote Koalition aus CDU und SPD unter Ministerpräsident Boris Rhein.
Welche Institute veröffentlichten Umfragen zur Hessenwahl?
Unter anderem Infratest dimap, Forsa, INSA und die Forschungsgruppe Wahlen veröffentlichten regelmäßig Umfragen zur Landtagswahl in Hessen.
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