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Politikerin hält eine Rede im Bundestag

BSW-Parteiprogramm — Friedenspolitik, Sozialpolitik, Migration, Wirtschaft

Key-Facts: BSW-Parteiprogramm

  • Beschluss: 27. Januar 2024 (Gründungsparteitag Berlin)
  • Vollständiger Name: Bündnis Sahra Wagenknecht – Vernunft und Gerechtigkeit
  • Einordnung: Links-konservativ, wirtschaftlich links, gesellschaftlich konservativ
  • Kernthemen: Frieden, soziale Gerechtigkeit, Migrationsskepsis, Wirtschaftsnationalismus
  • Bundestagswahl 2025: 4,97 % der Zweitstimmen (2 Sitze, Gruppe)

Links bei den Löhnen, rechts bei der Migration — das BSW-Programm passt in keine Schublade. Genau das ist der Plan. Als am 27. Januar 2024 im Berliner Kosmos-Gebäude rund 400 Delegierte über das Gründungsprogramm abstimmten, war das Ergebnis ein Dokument, das sich der üblichen Sortierung der deutschen Parteienlandschaft konsequent verweigert. Was die Politikwissenschaft seit Jahrzehnten in ein Links-Rechts-Schema presst, zerreißt dieses Programm bewusst in zwei Hälften — und klebt sie auf eine Weise wieder zusammen, die vorher niemand für marktfähig gehalten hätte.

Man stelle sich eine Schere vor. Der eine Griff zeigt nach links: Mindestlohn 15 Euro, Vermögensteuer, Rentenreform. Der andere zeigt nach rechts: Migrationsbegrenzung, Absage an Gendern und Identitätspolitik. Was beide Hälften zusammenhält, ist ein Feindbild — die „abgehobene Elite“, die nach Lesart des BSW beides verschuldet hat: die soziale Krise und den kulturellen Graben. Ob man das populistisch nennt oder volksnah, hängt davon ab, wen man fragt.

Frieden als Alleinstellungsmerkmal

In keinem anderen Punkt ist das BSW so kompromisslos wie in der Außenpolitik. Diplomatische Lösung des Ukraine-Konflikts. Keine Waffenlieferungen. Abzug sämtlicher US-Atomwaffen aus Deutschland. Das Zwei-Prozent-Ziel der NATO wird nicht nur abgelehnt — es wird als Symptom einer verfehlten Sicherheitslogik beschrieben, die Europa in einen Rüstungswettlauf treibe.

Naiv oder prinzipientreu? Die Antwort fällt regional unterschiedlich aus. In den ostdeutschen Bundesländern, wo die Skepsis gegenüber der NATO-Erweiterung tief sitzt und die Erinnerung an sowjetische Raketenstationierungen noch präsent ist, trifft das BSW einen Nerv, den weder SPD noch Union bedienen können. Die Linke vertritt ähnliche Positionen, hat daraus aber nie vergleichbaren Wählerzuspruch generiert. Der Unterschied ist personell: Wagenknechts Reichweite übertrifft die der gesamten Linke-Führung.

Der sozialpolitische Kern: 15 Euro, Bürgerversicherung, Rente

Hier liest sich das BSW-Programm wie ein Dokument, das auch die Linke unterschreiben könnte. Mindestlohn auf 15 Euro. Rentenniveau bei 50 Prozent. Abschlagsfreie Rente nach 40 Beitragsjahren. Eine Bürgerversicherung, in die alle Erwerbstätigen einzahlen, auch Beamte und Selbstständige. Die Beitragsbemessungsgrenze soll fallen. Krankenhäuser gehören nach Ansicht des BSW nicht in private Hand.

Wahlumfrage-Auswertung am Laptop — Meinungsforschung und Sonntagsfrage Deutschland
Wahlumfragen liefern ein aktuelles Stimmungsbild der deutschen Bevölkerung.

Der Unterschied zur Linken liegt nicht im Was, sondern im Wie. Wo die Linke systemkritische Grundsatzdebatten führt und den Kapitalismus als Ganzes in Frage stellt, spricht das BSW die Sprache des Pragmatismus: „Wer 40 Jahre gearbeitet hat, verdient eine anständige Rente.“ Die Forderungen sind nahezu identisch, die Rhetorik nicht — weniger Marx, mehr Küchentisch. Das ist kein Zufall, sondern Kalkül. Wagenknecht hat verstanden, dass inhaltlich linke Politik in Deutschland nur dann mehrheitsfähig wird, wenn sie nicht nach Seminar klingt.

Politikfeld BSW-Position Abgrenzung zu Linke/SPD
Frieden Diplomatie statt Waffen, NATO-Kritik, Abrüstung Schärfer als SPD, ähnlich wie Linke
Soziales Mindestlohn 15 €, Rente mit 63, Bürgerversicherung Ähnlich Linke, deutlich links von SPD
Migration Begrenzung, Kontingente, Kapazitätsgrenzen Restriktiver als Linke und SPD
Wirtschaft Reindustrialisierung, gegen Freihandel, Vermögensteuer Protektionistischer als SPD und Linke
Energie Günstige Energie, gegen schnellen Kohleausstieg Pragmatischer als Linke und Grüne
Gesellschaft Gegen Identitätspolitik, konservativer Kurs Deutlich konservativer als Linke und SPD

Migration: Wo das BSW mit der Linken bricht

Kein anderer Programmpunkt hat dem BSW so viel Zuspruch eingebracht — und so viel Kritik. Die Partei fordert Begrenzung der Zuwanderung, klare Kontingente, schnellere Asylverfahren, konsequente Abschiebungen. Die Begründung ist klassenanalytisch verpackt: Unkontrollierte Migration drücke die Löhne im Niedriglohnsektor. Sie verschlechtere die Wohnsituation in überlasteten Kommunen. Sie zerstöre die Akzeptanz des Sozialstaats bei denen, die ihn am meisten brauchen.

Damit erschließt das BSW eine Wählerschaft, die es in dieser Kombination vorher nicht gab: Menschen, die höhere Löhne und bessere Renten wollen, aber gleichzeitig Vorbehalte gegen offene Grenzen haben. Die Linke bot ihnen nur die erste Hälfte. Die AfD nur die zweite. Dass beide Gruppen denselben Kreuzbogen ausfüllen könnten, hätten bis 2024 die wenigsten Parteienforscher für möglich gehalten.

Wirtschaftspolitik: Protektionismus mit sozialer Fassade

CETA wird abgelehnt. TTIP sowieso. Strategisch wichtige Industrien sollen geschützt, globale Lieferketten reduziert, die Abhängigkeit von Billigimporten beendet werden. Das BSW nennt das Reindustrialisierung; Ökonomen nennen es Protektionismus. Beides ist korrekt. Die Vermögensteuer soll wiederkommen, eine Finanztransaktionssteuer eingeführt werden, kleine und mittlere Einkommen Entlastung erfahren.

Plenarsaal im Bundestag während einer Debatte
Das BSW-Programm verbindet linke Sozialpolitik mit konservativeren Positionen bei Migration und Gesellschaft.

Bei der Energiepolitik folgt das BSW einer Logik, die im Osten sofort anschlussfähig ist: Günstige Preise vor überhasteter Transformation. Der Kohleausstieg wird nicht grundsätzlich abgelehnt, aber an Bedingungen geknüpft — Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit, industrielle Wettbewerbsfähigkeit. Das ist eine klare Absage an die Grünen, ohne den Klimawandel zu leugnen. Eine Position, die man auch pragmatischen Konservatismus nennen könnte.

Gegen Gendern, gegen die „Lifestyle-Linke“

Die Ablehnung von Identitätspolitik durchzieht das gesamte Programm wie ein roter Faden. Gendersternchen, kulturelle Aneignung, Diversitätsquoten — für das BSW sind das Symptome einer akademischen Linken, die den Kontakt zur arbeitenden Bevölkerung verloren hat. Wagenknechts Buch „Die Selbstgerechten“ von 2021 lieferte die intellektuelle Blaupause für diese Haltung, das Parteiprogramm setzt sie in Forderungen um.

Das ist mehr als nur ein kultureller Graben. Die Spaltung der Linken war im Kern genau dieser Konflikt: Klassenpolitik gegen Identitätspolitik, Kassiererinnen-Interessen gegen Universitätsdiskurse. Das BSW hat sich entschieden — und seine Wahlergebnisse zeigen, dass diese Entscheidung einen politischen Markt bedient, den vorher niemand bedient hat. Ob das reicht, um dauerhaft eine Partei zu tragen, wird sich zeigen. Dass es gereicht hat, um eine zu gründen, steht außer Frage.

2024: BSW-Wähler kommen zu je einem Drittel von SPD, Linke und AfD

Nach der Europawahl im Juni 2024 analysierte infratest dimap, woher die BSW-Wähler kamen. Das Ergebnis war ungewöhnlich: Je rund 700.000 Wähler kamen von SPD, Linke und AfD. Außerdem: 500.000 ehemalige Nichtwähler. Das BSW hatte ein Elektorat versammelt, das politisch kaum kohärent war – von früheren Linken-Wählern mit Sozial-Prioritäten bis zu früheren AfD-Wählern mit Migrationsskepsis und Russland-Sympathien. Verbindende Klammer: Skepsis gegenüber dem politischen Establishment.

2025: Programm trifft Realität – BSW als Gruppe im Bundestag

Das BSW-Programm formuliert ambitionierte Forderungen: höherer Mindestlohn, Rentenreform, Friedenspolitik, Migrationsbegrenzung. Aber: Mit nur 2 Sitzen im 21. Bundestag (als Gruppe, nicht Fraktion) fehlen die Instrumente, um Programm in Gesetz zu verwandeln. Keine eigenen Ausschussvorsitze, eingeschränkte Redezeit, kaum parlamentarische Mitarbeiter. Das BSW kann Positionen artikulieren – aber nicht gestalten. Die Landeskoalitionen in Thüringen und Brandenburg bieten mehr gestalterischen Spielraum als der Bundestag. Ein Parteiprogramm ist nur so stark wie die parlamentarischen Mittel, es durchzusetzen.

BSW 2025: Gruppe statt Fraktion – was das politisch bedeutet

Mit 4,97 % und lediglich 2 gewonnenen Direktmandaten zog das BSW bei der Bundestagswahl 2025 in den 21. Bundestag ein — jedoch nur als „Gruppe“, nicht als anerkannte Fraktion. Eine Fraktion braucht mindestens 5 % der Mitglieder des Bundestages (derzeit 630 Sitze), also 32 Abgeordnete. Das BSW hat nur 2 Sitze. Als Gruppe erhält BSW deutlich weniger Ressourcen (keine vollen Redezeiten, eingeschränkte Ausschussrechte) und weniger politischen Einfluss. Das BSW-Programm, das auf einer starken Parteipersönlichkeit (Sahra Wagenknecht) aufgebaut ist, steht damit vor der Frage: Wie überlebt eine Programm-Partei ohne Fraktionsstatus und ohne die mediale Aufmerksamkeit des Bundestages?

Häufige Fragen

Was sind die Kernpunkte im BSW-Parteiprogramm?

Das BSW-Programm umfasst eine diplomatische Friedenspolitik, starke Sozialpolitik mit höheren Mindestlöhnen und Renten, eine restriktivere Migrationspolitik sowie wirtschaftspolitische Forderungen nach Reindustrialisierung und gegen Freihandelsabkommen.

Wie positioniert sich das BSW zur NATO und Aufrüstung?

Das BSW lehnt das Zwei-Prozent-Ziel der NATO ab, fordert den Abzug US-amerikanischer Atomwaffen aus Deutschland und setzt auf diplomatische Konfliktlösung statt militärischer Aufrüstung.

Unterscheidet sich das BSW-Programm von der Linken?

Ja, das BSW kombiniert linke Sozialpolitik mit konservativeren Positionen bei Migration und Gesellschaftspolitik. Die Partei lehnt identitätspolitische Debatten ab und vertritt eine restriktivere Haltung zur Zuwanderung als Die Linke.

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SonntagsfrageCDU/CSU25,3%SPD13,3%Grüne14,0%AfD25,7%BSW3,5%FDP3,0%Linke10,3%INSA · 11.04.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%Tagesschau Koalition will Autofahrer durch Steuersenkung entlastenFAZ Politik Nach Orbáns Niederlage: Freudentaumel am DonauuferWelt Politik Irans Marinechef nennt Trumps Drohung „lächerlich“ – Blockade sei „Akt der Piraterie“Welt Politik „Wir werden die Energiesteuer um 17 Cent pro Liter senken“FAZ Politik Deutschland-Liveblog: Regierung senkt Mineralölsteuer auf Diesel und Benzin für zwei MonateSpiegel Politik Deutschland: Koalition beschließt Entlastung wegen hoher SpritpreiseWelt Politik Hunderte Afghanen klagen gegen Entzug von AufnahmezusagenSpiegel Politik Livestream: Friedrich Merz stellt Ergebnisse der Verhandlungen der Koalition vorFAZ Politik Liveblog Irankrieg: USA beginnen Seeblockade Irans am NachmittagSpiegel Politik FDP: Parteienforscher sieht Wolfgang Kubicki als Risiko für weiteren RechtsruckZDF heute Zahlen Kassen zu viel für ein Krebsmittel?

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