AfD Migrationspolitik — Positionen, Forderungen, Entwicklung
Key-Facts: AfD-Migrationspolitik
- Kernforderung: Änderung des Grundrechts auf Asyl (Art. 16a GG)
- Einwanderung: Punktesystem nach kanadischem Vorbild
- Abschiebungen: Konsequente Rückführung abgelehnter Asylbewerber
- Islam: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“
- Stellenwert: Wichtigstes Thema für AfD-Wähler seit 2015
Migration ist das Kernthema der AfD. Ohne die Flüchtlingskrise 2015 wäre die Partei vermutlich bei 5 Prozent geblieben — eine eurokritische Nischenpartei, die bei Bundestagswahlen um die Sperrklausel kämpft. Stattdessen lag sie zeitweise über 20 Prozent, und der Grund dafür lässt sich in einem Wort zusammenfassen.
Das heißt nicht, dass die AfD eine Ein-Themen-Partei ist. Ihr Programm umfasst Positionen zu Wirtschaft, Energie, Familie, Sicherheit und Europa. Aber die Migrationspolitik ist der Treibstoff, der alles andere antreibt. 80 Prozent der AfD-Wähler nennen sie als wichtigstes oder zweitwichtigstes Thema für ihre Wahlentscheidung. Kein anderes Thema kommt auch nur in die Nähe dieser Zahl.
2013 bis 2015: Ein Thema am Rand
Bei der Gründung 2013 spielte Migration für die AfD praktisch keine Rolle. Bernd Lucke hatte eine klare Vorstellung: Wirtschaftspolitik, Währungskritik, bürgerlicher Konservatismus. Im Gründungsprogramm umfasste das Thema Migration wenige Absätze. Es war Beiwerk, nicht Identität.
Im Sommer 2015 änderte sich das innerhalb weniger Wochen. Angela Merkels Entscheidung, die Grenzen für Flüchtlinge offen zu halten, die Bilder überfüllter Züge und Erstaufnahmelager, die Ankunft von über einer Million Asylsuchender — die AfD erkannte das Mobilisierungspotenzial schneller als jede andere Partei und stellte die Migration ins Zentrum. In den Wahlprogrammen lässt sich die Verschiebung Zeile für Zeile nachverfolgen: 2013 ein Randthema, 2017 das mit Abstand umfangreichste Kapitel.
Die zentralen Forderungen
Asylrecht: Die weitreichendste Forderung betrifft das Grundgesetz. Die AfD will das individuelle Grundrecht auf Asyl (Art. 16a GG) abschaffen und durch eine „institutionelle Garantie“ ersetzen. Praktisch bedeutet das: Deutschland soll nur noch begrenzte Kontingente aufnehmen. Asylverfahren sollen in Drittstaaten außerhalb Europas durchgeführt werden. Eine solche Änderung erfordert eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundestag — die die AfD nicht hat und absehbar nicht bekommen wird.
Einwanderungsgesetz: Qualifizierte Arbeitsmigration soll über ein Punktesystem nach kanadischem oder australischem Vorbild gesteuert werden. Nur Fachkräfte mit Sprachkenntnissen und Integrationsperspektive sollen einwandern dürfen. Unqualifizierte Zuwanderung soll gestoppt werden.
Abschiebungen: Abgelehnte Asylbewerber sollen konsequent und ohne Ausnahme abgeschoben werden. Die Partei fordert Rücknahmeabkommen mit Herkunftsstaaten und die Möglichkeit, Abschiebungen auch gegen den Willen der Betroffenen durchzusetzen.
Familiennachzug: Der Nachzug von Familienangehörigen für Flüchtlinge soll stark eingeschränkt oder ganz ausgesetzt werden.
| Forderung | AfD | Union (CDU/CSU) | SPD/Grüne |
|---|---|---|---|
| Asylrecht | Grundrecht abschaffen | Beibehalten, verschärfen | Beibehalten |
| Obergrenze | Ja, sehr niedrig | Ja, moderat | Nein |
| Abschiebungen | Konsequent, ohne Ausnahme | Konsequenter, Ausnahmen | Im Einzelfall, humanitär |
| Familiennachzug | Stoppen / stark begrenzen | Begrenzen | Beibehalten |
| Islam | „Gehört nicht zu Deutschland“ | Differenziert | Gehört zu Deutschland |
| Drittstaatenlösung | Ja, Verfahren außerhalb Europas | Teilweise | Überwiegend nein |
Der Islam-Satz
Das Grundsatzprogramm enthält den Satz „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. Minarette, der Muezzin-Ruf und die Vollverschleierung sollen verboten werden. Die Formulierung unterscheidet programmatisch nicht zwischen dem politischen Islam und der religiösen Praxis. Kritiker sehen darin eine pauschale Stigmatisierung der rund 5,5 Millionen Muslime in Deutschland. Die AfD argumentiert, der Islam als Gesellschaftssystem sei mit dem Grundgesetz nicht vereinbar.
Die Debatte darüber, ob diese Differenzierung fehlt oder ob sie bewusst unterlassen wird, ist so alt wie der Satz selbst. Innerparteilich gibt es Stimmen, die eine differenziertere Formulierung bevorzugen würden. Sie haben sich bisher nicht durchgesetzt.
Remigration und die Correctiv-Recherche
Im Januar 2024 veröffentlichte die Rechercheplattform Correctiv einen Bericht über ein Treffen in Potsdam. Teilnehmer: AfD-Politiker, rechtsextreme Aktivisten, Unternehmer. Thema: sogenannte „Remigration“ — Pläne, auch deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund „zurückzuführen“.
Die Veröffentlichung löste die größten Demonstrationen seit der Wiedervereinigung aus. In Dutzenden Städten gingen hunderttausende Menschen auf die Straße. Die AfD bestritt die Darstellung teilweise, räumte aber die Teilnahme einzelner Mitglieder ein. Der Begriff „Remigration“ wurde zum Wort des Jahres 2024 und ist seitdem fester Bestandteil des politischen Diskurses.
Die Verschärfung über die Jahre
Die migrationspolitischen Positionen der AfD haben sich seit 2015 schrittweise verschärft. Das Grundsatzprogramm von 2016 war vergleichsweise allgemein formuliert. Die Wahlprogramme 2017 und 2021 enthielten konkretere, radikalere Forderungen. Der Begriff „Remigration“ wurde zum festen Bestandteil des Parteivokabulars.
Innerparteilich gibt es dabei Abstufungen. Der gemäßigtere Flügel um Alice Weidel betont die Steuerung qualifizierter Zuwanderung — eine Position, die sich in Teilen mit der der Union deckt. Der rechte Flügel um Björn Höcke vertritt eine deutlich restriktivere Linie, die über das hinausgeht, was andere europäische rechtspopulistische Parteien fordern. Diese Spannung ist ungelöst und prägt die Partei bei jeder internen Debatte um Wahlprogramme und öffentliche Positionierung.
2015: Wir schaffen das – und die AfD verdoppelt sich in drei Monaten
Im September 2015, als Angela Merkel mit Wir schaffen das die Grenzen oeffnete, lag die AfD bei 3–4 Prozent. Innerhalb von drei Monaten verdoppelte sich ihr Wert auf 8–10 Prozent. Parteichefin Frauke Petry nutzte die Migrationsdebatte als Hebel: Im Maerz 2016 gewann die AfD in Baden-Wuerttemberg 15,1%, in Sachsen-Anhalt 24,2%. Migration als Kernthema hatte die Partei in 18 Monaten von 3% auf 24% gebracht – ein Wachstum ohne Vergleich in der deutschen Nachkriegsgeschichte.
2025: Migration als Wahlkampf-Nummer-eins – und was davon bleibt
Bei der Bundestagswahl 2025 war Migration das dominierende Wahlkampfthema. Die AfD erreichte 20,8 Prozent – ihr bundesweit bestes Ergebnis. Die Union verschärfte kurz vor der Wahl ihren Kurs: Friedrich Merz stellte Migrationsräntrage, die nur mit AfD-Stimmen eine Mehrheit fanden — ein Bruch mit der jahrelangen Brandmauer-Politik. Die 5. Große Koalition aus CDU/CSU und SPD steht nun vor der Frage, wie eine effektive Migrationspolitik AfD-Wähler zurückgewinnen kann, ohne das demokratische Profil der Mitte-Rechts-Regierung zu gefährden.
Häufige Fragen
Was fordert die AfD in der Migrationspolitik?
Die AfD fordert unter anderem die Änderung des Grundrechts auf Asyl, eine Obergrenze für Flüchtlinge, ein Einwanderungsgesetz nach Punktesystem, konsequente Abschiebungen und die Einschränkung des Familiennachzugs.
Seit wann ist Migration das Kernthema der AfD?
Migration wurde ab der Flüchtlingskrise 2015 zum Kernthema der AfD. Zuvor stand die Euro-Kritik im Mittelpunkt. Seitdem dominiert die Migrationspolitik das öffentliche Profil der Partei.
Wie unterscheidet sich die AfD-Migrationspolitik von der Union?
Die AfD geht deutlich über die Unionspositionen hinaus: Sie will das individuelle Asylrecht abschaffen, den Islam pauschal als nicht zu Deutschland gehörig erklären und die Zuwanderung drastischer begrenzen.
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