Fraktion — Definition, Rechte und Bedeutung im Bundestag
630 Abgeordnete sitzen im 21. Deutschen Bundestag. Würde jeder für sich allein arbeiten, wäre das Parlament innerhalb von Tagen handlungsunfähig. Keine Tagesordnung, kein koordiniertes Abstimmungsverhalten, kein Gesetzentwurf, der eine Mehrheit findet. Deshalb gibt es Fraktionen — und sie sind weit mehr als ein organisatorisches Detail. Sie sind die Macht- und Arbeitszentren des Parlaments.
Key-Facts: Fraktion
- Definition: Zusammenschluss von Abgeordneten einer Partei im Parlament
- Mindestgröße: 5 % der Bundestagsmitglieder (aktuell 32 von 630)
- Sonderfall: CDU und CSU bilden eine gemeinsame Fraktion
- Alternative: Kleinere Zusammenschlüsse heißen „Gruppe“
- Rechtsgrundlage: § 10 Geschäftsordnung des Bundestages (GOBT)
Fraktionen im 21. Bundestag
Nach der Bundestagswahl 2025 haben sich im 21. Bundestag vier Fraktionen und eine Gruppe konstituiert:
| Fraktion | Partei(en) | Sitze | Status |
|---|---|---|---|
| CDU/CSU | CDU + CSU | 220 | Regierungsfraktion |
| AfD | AfD | 160 | Opposition |
| SPD | SPD | 158 | Regierungsfraktion |
| Grüne | Bündnis 90/Die Grünen | 89 | Opposition |
| BSW | BSW | 2 | Gruppe |
| SSW | Südschleswigscher Wählerverband | 1 | Fraktionslos |
Das BSW erzielte mit 4,97 % knapp zu wenig für den Fraktionsstatus, gewann aber 2 Direktmandate — und sitzt damit als parlamentarische Gruppe im Bundestag, mit deutlich weniger Rechten und Ressourcen als eine Fraktion. FDP (4,3 %) und Die Linke (3,8 %) scheiterten an der 5-Prozent-Hürde und gewannen keine Direktmandate — sie sind im 21. Bundestag nicht vertreten.
Der Sonderfall CDU/CSU ist historisch gewachsen: Die CSU tritt nur in Bayern an, die CDU in allen übrigen Ländern. Da sie sich keine Konkurrenz machen, dürfen sie eine gemeinsame Fraktion bilden — seit 1949 ohne Unterbrechung.
Was eine Fraktion darf — und ein einzelner Abgeordneter nicht
Die Rechte einer Fraktion gehen weit über das hinaus, was einem einzelnen Abgeordneten zusteht. Das ist kein Zufall — es ist ein bewusstes System, das Effizienz und Ordnung im Parlamentsbetrieb sicherstellen soll.
Gesetzesinitiativen: Fraktionen können eigenständig Gesetzentwürfe einbringen. Ein einzelner Abgeordneter braucht dafür die Unterstützung von mindestens 5 % der Parlamentsmitglieder.
Ausschussarbeit: Die Besetzung der Bundestagsausschüsse erfolgt proportional nach Fraktionsstärke. Wer in welchem Ausschuss sitzt, entscheidet die Fraktion — nicht der einzelne Abgeordnete.
Kontrollinstrumente: Große Anfragen, Aktuelle Stunden, Untersuchungsausschüsse — das schärfste Werkzeug der Opposition steht nur Fraktionen zur Verfügung.
Redezeit: Im Plenum wird die Redezeit nach Fraktionsstärke verteilt. Eine große Fraktion bekommt mehr Zeit am Mikrofon. Für fraktionslose Abgeordnete bleiben Restminuten — wenn überhaupt.
Fraktionsdisziplin — Pflicht oder Fiktion?
In der Praxis stimmen Abgeordnete fast immer geschlossen mit ihrer Fraktion ab. Das nennt man Fraktionsdisziplin, und sie funktioniert vor allem über sozialen Druck, Karriereanreize und die Tatsache, dass Abweichler bei der nächsten Listenaufstellung ganz hinten stehen könnten.
Formal sieht es anders aus: Laut Grundgesetz (Art. 38) sind Abgeordnete „nur ihrem Gewissen unterworfen“ und an Weisungen nicht gebunden. Bei ethisch sensiblen Themen — Organspende, Sterbehilfe, Schwangerschaftsabbruch — wird die Fraktionsdisziplin aufgehoben. Jeder stimmt nach eigenem Gewissen ab. Diese Gewissensentscheidungen gehören zu den seltenen Momenten, in denen man im Plenarsaal echte Überraschungen erleben kann.
Fraktion, Gruppe, Partei — drei verschiedene Dinge
Die Begriffe werden oft durcheinandergeworfen. Kurz gesagt: Eine Partei existiert außerhalb des Parlaments und tritt bei Wahlen an. Eine Fraktion ist deren Zusammenschluss innerhalb des Parlaments. Und eine Gruppe entsteht, wenn die Abgeordneten einer Partei die 5 %-Schwelle nicht erreichen — mit weniger Rechten, weniger Personal und weniger Budget.
26. September 2021: Die Linke scheitert an der 5 %–Hürde — und kommt trotzdem in den Bundestag
Am Wahlabend des 26. September 2021 sah es für Die Linke lange nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag aus. Das Ergebnis: 4,9 Prozent der Zweitstimmen — genau 0,1 Prozentpunkte unter der Sperrklausel. Unter normalen Umständen wären 2,3 Millionen Stimmen für die Partei ohne parlamentarische Wirkung verpufft. Doch dann griffen die Grundmandatsklausel: Drei Direktkandidaten hatten ihren Wahlkreis gewonnen — Gesine Lötzsch in Berlin-Lichtenberg, Gregor Gysi in Berlin-Treptow-Köpenick und Sören Pellmann in Leipzig-Süd. Wer mindestens drei Direktmandate gewinnt, zieht ins Parlament ein — unabhängig vom Zweitstimmenergebnis. Die Linke kam so auf 39 Sitze und bildete eine Fraktion. Der Effekt: Eine Partei, die formal die Hürde verfehlte, bekam mehr Sitze als die FDP mit 11,4 Prozent in der vorherigen Legislatur. Die Wahlrechtsreform 2023 strich die Grundmandatsklausel — das Bundesverfassungsgericht erklärte diese Streichung jedoch 2024 für verfassungswidrig und hob die Klausel wieder in Kraft. Bei der Wahl 2025 erhielt Die Linke nur 3,8 Prozent und gewann kein einziges Direktmandat — damit war die Grundmandatsklausel wirkungslos und Die Linke ist im 21. Bundestag nicht vertreten.
1953: Die Fünf-Prozent-Hürde wird bundesweit – kleinen Parteien nützt Eile nicht
Die Fünf-Prozent-Hürde existierte seit 1949, galt aber zunächst nur auf Landesebene. 1953 wurde sie bundesweit einheitlich. Ziel: Keine Zersplitterung wie in der Weimarer Republik. Erste Konsequenz: Bei der Wahl 1953 verschwanden die Deutsche Rechtspartei (1,1 Prozent), die Wirtschaftliche Aufbauvereinigung (1,0 Prozent) und vier weitere Parteien aus dem Bundestag. 1956 wurde die Grundmandatsklausel ergänzt: Wer 3 Direktmandate gewinnt, kommt ohne 5-Prozent-Hürde rein. PDS 1994, WASG 2005, Linke – alle nutzten diese Ausnahme.
Häufige Fragen
Was ist eine Fraktion im Bundestag?
Eine Fraktion ist ein Zusammenschluss von mindestens 5 % der Abgeordneten einer Partei (oder verbundener Parteien wie CDU/CSU) im Bundestag. Sie organisiert die parlamentarische Arbeit und vertritt gemeinsame politische Positionen.
Welche Rechte hat eine Fraktion?
Fraktionen können Gesetzentwürfe einbringen, Große und Kleine Anfragen stellen, Ausschussmitglieder benennen, Aktuelle Stunden beantragen und Untersuchungsausschüsse einsetzen. Einzelne Abgeordnete können das in der Regel nicht.
Wie viele Fraktionen gibt es im Bundestag?
Was ist Fraktionsdisziplin?
Fraktionsdisziplin (auch Fraktionszwang) bezeichnet die Erwartung, dass Abgeordnete im Sinne ihrer Fraktion abstimmen. Offiziell haben Abgeordnete ein freies Mandat — d.h. sie sind nur ihrem Gewissen verpflichtet. Fraktionsdisziplin ist politische Praxis, kein Gesetz.
Was passiert wenn eine Fraktion die Mindestgröße verliert?
Die Fraktion verliert ihren Status und wird zur Gruppe degradiert. Gruppen haben weniger Rechte: weniger Redezeit, keine eigenen Ausschussvorsitze, geringere finanzielle Förderung. Das betrifft aktuell Linke und BSW im 21. Bundestag.
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