Neue Version verfügbar
Junge Frau freut sich über Wahlumfrage-Nachrichten

Stell dir vor, du bist 18 — und darfst zum ersten Mal wählen

Es ist der 19. November 1972. Du bist 19 Jahre alt. Vor einem Jahr hättest du nicht wählen dürfen — das Wahlalter lag bei 21. Aber vier Tage zuvor, am 15. November, ist die Grundgesetzänderung in Kraft getreten. Gerade noch rechtzeitig. Du gehst zum Wahllokal, zeigst deinen Ausweis, bekommst deinen Stimmzettel. Zum ersten Mal in deinem Leben bestimmst du mit, wer Deutschland regiert.

So ging es rund 2,5 Millionen jungen Menschen bei der Bundestagswahl 1972 — der ersten, bei der 18-Jährige wählen durften. Die Wahl wurde zur Rekordwahl: 91,1 % Beteiligung. Nie wieder gingen so viele Deutsche an die Urne.

Die Fakten zum Wahlalter

  • Vor 1970: Wählen ab 21, gewählt werden ab 25
  • Ab 1970: Gewählt werden ab 21 (passives Wahlrecht gesenkt)
  • Ab 1972: Wählen ab 18 (Grundgesetzänderung)
  • Ab 1975: Volljährigkeit ab 18, passives Wahlrecht ab 18
  • Debatte seit 2010: Wahlalter 16 bei Bundestagswahlen?

Das Argument, das alles entschied

Wer mit 18 zum Wehrdienst eingezogen werden kann, muss auch wählen dürfen. So einfach war das zentrale Argument. Wer Steuern zahlt, Verträge schließen kann, strafmündig ist — der sollte auch über die Zukunft des Landes mitentscheiden dürfen. Die 68er-Bewegung hatte die Debatte befeuert. Willy Brandt setzte sie um.

Die Gegenargumente klingen heute kurios: 18-Jährige seien „politisch unreif“, ließen sich zu leicht beeinflussen, hätten keine „Lebenserfahrung“. Die 68er-Bewegung hatte diese Argumente eindrucksvoll widerlegt — Hunderttausende junge Menschen beschäftigten sich intensiver mit Politik als die meisten Erwachsenen. Nur eben außerhalb des Parlaments.

Was die jungen Wähler 1972 wählten

Die 2,5 Millionen Erstwähler wählten überproportional SPD. Brandt war ihr Kandidat. „Mehr Demokratie wagen“ sprach sie an. Die SPD erreichte 45,8 % — ihr bestes Ergebnis aller Zeiten. Ob das an den jungen Wählern lag? Teilweise. Aber die Gesamtmobilisierung durch die Ostpolitik war der entscheidende Faktor.

Was sich später zeigte: Junge Wähler sind keine sichere Bank für eine einzelne Partei. Bei der Bundestagswahl 2017 wählten Erstwähler überdurchschnittlich häufig Grüne und FDP. 2021 lag die FDP bei den Unter-25-Jährigen bei 23 % — ihr bestes Ergebnis in jeder Altersgruppe. 2025 wechselten viele junge Wähler zur CDU/CSU. Die Vorstellung, dass junge Menschen automatisch links wählen, ist ein Mythos.

Junge Menschen diskutieren über Wahlentscheidungen
Die Absenkung des Wahlalters 1972 mobilisierte Millionen junger Erstwähler.

19. November 1972: 91,1 % Wahlbeteiligung — ein Rekord für die Ewigkeit

Die Bundestagswahl am 19. November 1972 hält bis heute den deutschen Rekord. 91,1 Prozent aller Wahlberechtigten gingen zur Urne — kein anderer Demokratieakt der Bundesrepublik hat das jemals übertroffen. Zur Einordnung: Die Bundestagswahl 2021 kam auf 76,4 Prozent, die Wahl 2025 auf rund 82,5 Prozent. Der Unterschied liegt nicht allein an den neuen 18-jährigen Wählern — sondern an der Mobilisierung einer Generation, die für Brandts Ostpolitik brannte und das erste Mal die Chance hatte, etwas zu verändern. Mitentscheidend: Die Wahl fand im November statt, nur wenige Wochen nach dem misslungenen Misstrauensvotum gegen Brandt. Das Thema war emotional, die Fronten klar. Und die neuen Wähler — 18 bis 20 Jahre alt, 2,5 Millionen Menschen — kamen in einem Umfang zur Wahl, der selbst gestandene Wahlkampfstrategen überraschte. Dieses Niveau wurde nie wieder erreicht. Und es ist kein Zufall, dass es in dem Jahr eintrat, in dem zum ersten Mal wirklich alle Erwachsenen wählen durften.

Wahlalter 16: Die nächste Debatte

In Brandenburg, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen dürfen 16-Jährige bereits an Kommunal- oder Landtagswahlen teilnehmen. Österreich erlaubt seit 2007 Wahlrecht ab 16 bei allen Wahlen — die Erfahrungen sind positiv: Die Beteiligung junger Wähler ist höher als bei 18-Jährigen, die erstmals zur Wahl gehen.

Für Bundestagswahlen fehlt bisher die nötige Zweidrittelmehrheit für eine Grundgesetzänderung. Die Ampel-Koalition hatte die Absenkung in den Koalitionsvertrag geschrieben, scheiterte aber an CDU/CSU und AfD. Das Argument ist dasselbe wie 1972 — nur die Altersgrenze hat sich verschoben: Wer Steuern zahlt, Pflichten hat und von politischen Entscheidungen betroffen ist, sollte mitbestimmen dürfen.

1919-1933: 14 Jahre Weimarer Republik – 20 Regierungen scheitern

Die Weimarer Republik hatte zwischen 1919 und 1933 genau 20 Regierungen – keine einzige überstand die volle Legislaturperiode. Die durchschnittliche Regierungsdauer: 8 Monate. Das Grundgesetz 1949 zog die Lehre: Starke Bundesregierung, schwacher Bundespräsident, konstruktives Misstrauensvotum, Fünf-Prozent-Hürde. Die Stabilität der Bundesrepublik ist kein Zufall, sondern Architektur.

Häufige Fragen zum Wahlalter

Seit wann dürfen 18-Jährige bei Bundestagswahlen wählen?

Seit der Bundestagswahl am 19. November 1972. Die Grundgesetzänderung trat am 15. November 1972 in Kraft — nur vier Tage vor der Wahl.

Wie alt musste man vorher sein?

Vor 1972 lag das aktive Wahlrecht bei 21 Jahren und das passive Wahlrecht bei 25 Jahren. 1970 wurde das passive Wahlrecht auf 21 gesenkt, 1975 dann auf 18.

Wird das Wahlalter auf 16 gesenkt?

Die Debatte läuft seit Jahren. Einige Bundesländer erlauben 16-Jährigen die Teilnahme an Kommunal- und Landtagswahlen. Für Bundestagswahlen fehlt die Zweidrittelmehrheit.

Mehr dazu: der Bundestag · Politik TV · Bundesländer-Umfragen · Wahlrecht-Geschichte
SonntagsfrageCDU/CSU25,7%SPD12,3%Grüne13,7%AfD25,7%BSW3,5%FDP3,3%Linke10,2%INSA · 08.04.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%FAZ Politik Liveblog Ukrainekrieg: Putin kündigt Feuerpause zum orthodoxen Osterfest anFAZ Politik Liveblog USA unter TrumP: Melania Trump weist Verbindung zu Epstein zurückWelt Politik „Die Lügen müssen ein Ende haben“ – Melania Trump bestreitet Verbindungen zu EpsteinFAZ Politik Waffenstillstand: Ist China der Sieger des Irankrieges?Welt Politik Martin Sellner hält Migrationsvortrag in Straßenbahn – Unternehmen ist „schockiert“Welt Politik „Situation wie vorher, nur mit einer besseren Position für Iran“Spiegel Politik USA, Donald Trump und Marco Rubio: Warum Standorte wie Ramstein entscheidend sindSpiegel Politik Buchenwald: Gericht bestätigt Verbot für »Kufiyas in Buchenwald«Spiegel Politik NRW-Ministerin Ina Scharrenbach: Vorwürfe von Machtmissbrauch bleiben interne SacheTagesschau Untergetauchte Rechtsextremistin Liebich in Tschechien gefasstTagesschau Ankündigung von Merz: Deutschland will wieder Gespräche mit Iran aufnehmenZDF heute Europas KI-Aufholjagd
Bundestagwahlumfrage als App installieren

Wahlumfrage-Benachrichtigungen

Sofort informiert bei neuen Umfragen — direkt im Browser, kein Spam.

Mehr erfahren →