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Junge Leute diskutieren draußen über Wahlentscheidungen

Fraktionen im Bundestag — Das Rückgrat des Parlaments

Key-Facts: Fraktionen

  • Mindestgröße: 5% der Bundestagsmitglieder (aktuell 32 von 630)
  • Rechte: Gesetzentwürfe einbringen, Ausschussmitglieder entsenden, Redezeit im Plenum
  • Besonderheit: CDU und CSU bilden eine Fraktionsgemeinschaft
  • Finanzierung: Fraktionen erhalten staatliche Zuschüsse für Personal und Arbeit
  • Alternative: Gruppen (unter 5%) haben eingeschränkte Rechte
  • Rechtsgrundlage: § 10 Geschäftsordnung des Bundestags

Wer den Bundestag verstehen will, muss die Fraktionen verstehen. Sie sind die organisatorischen Einheiten, in denen sich die 630 Abgeordneten zusammenfinden. Ohne Fraktionen wäre das Parlament ein chaotischer Haufen von Einzelkämpfern — mit Fraktionen wird es zu einer strukturierten Entscheidungsmaschine.

Ohne Fraktionen wäre der Bundestag handlungsunfähig — 630 Einzelmeinungen müssten zu jeder Frage einen Konsens finden.

Eine Fraktion ist ein Zusammenschluss von Abgeordneten derselben Partei (oder nicht konkurrierender Parteien wie CDU und CSU). Sie koordiniert die politische Arbeit ihrer Mitglieder, legt Abstimmungslinien fest und organisiert die Ausschussarbeit.

Wie entsteht eine Fraktion?

Die Gründung einer Fraktion unterliegt klaren Regeln der Geschäftsordnung des Bundestags:

  • Mindestgröße: 5% der Mitglieder des Bundestags (bei 630 Sitzen: mindestens 32 Abgeordnete)
  • Parteizugehörigkeit: Die Mitglieder müssen derselben Partei angehören oder Parteien, die in keinem Bundesland miteinander konkurrieren
  • Formale Gründung: Die Fraktion konstituiert sich zu Beginn der Legislaturperiode, wählt einen Vorstand und gibt sich eine Geschäftsordnung

Erreicht eine Parteiengruppe die 5%-Schwelle nicht, kann sie als „Gruppe“ anerkannt werden. Gruppen haben ähnliche, aber eingeschränkte Rechte. So konnte beispielsweise die PDS/Linke in den 1990er-Jahren zeitweise nur als Gruppe im Bundestag arbeiten.

Rechte der Fraktionen

Fraktionen haben im Bundestag weitreichende Privilegien, die einzelnen Abgeordneten nicht zustehen:

Stimmzettel und Wahlurne — Abstimmung bei der Bundestagswahl in Deutschland
Die Stimmabgabe — Herzstück der deutschen Demokratie.
RechtBeschreibung
Gesetzesinitiativen Fraktionen können Gesetzentwürfe und Anträge einbringen
Ausschussbesetzung Fraktionen entsenden Mitglieder in Ausschüsse proportional zu ihrer Größe
Redezeit Redezeit im Plenum wird nach Fraktionsstärke verteilt
Anfragen Große und Kleine Anfragen an die Regierung
Aktuelle Stunde Beantragung kurzfristiger Plenardebatten
Finanzierung Staatliche Zuschüsse für Personal, Büros und Sachkosten
Ältestenrat Vertretung im Ältestenrat, der die Arbeit des Bundestags organisiert
Menschen und Besucher vor dem Bundestag in Berlin an einem Werktag
Der Bundestag ist ein lebendiger Arbeitsort — Fraktionen strukturieren den parlamentarischen Alltag.

Fraktionsdisziplin und freies Mandat

Ein zentrales Spannungsfeld im Bundestag: Artikel 38 des Grundgesetzes garantiert jedem Abgeordneten ein freies Mandat. Jeder Abgeordnete ist „an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur seinem Gewissen unterworfen“. In der Praxis herrscht dennoch eine hohe Fraktionsdisziplin.

Das bedeutet: Vor wichtigen Abstimmungen besprechen die Fraktionsmitglieder die Linie. Die Fraktionsführung empfiehlt ein bestimmtes Abstimmungsverhalten. Die allermeisten Abgeordneten folgen dieser Empfehlung — nicht aus Zwang, sondern weil sie sich in der Regel mit der Parteilinie identifizieren und weil Abweichler politische Konsequenzen fürchten müssen (z.B. schlechtere Listenplätze bei der nächsten Wahl).

Bei besonders persönlichen Themen (Sterbehilfe, Organspende, Abtreibung) wird die Fraktionsdisziplin gelegentlich aufgehoben. Dann stimmen die Abgeordneten nach „Gewissensentscheidung“ ab.

Aktuelle Fraktionen und Gruppen im 21. Bundestag

Nach der Bundestagswahl 2025 setzt sich der 21. Bundestag wie folgt zusammen. Weder FDP noch Die Linke zogen über die 5%-Hürde ein — sie sind nicht im Bundestag vertreten. Das BSW gewann 2 Direktmandate und sitzt als Gruppe (nicht als Fraktion) im Bundestag:

Fraktion / GruppePartei(en)BTW 2025StatusRegierung/Opposition
CDU/CSU-Fraktion CDU + CSU 28,5% Fraktion (größte) Regierung
SPD-Fraktion SPD 20,5% Fraktion Regierung
AfD-Fraktion AfD 20,8% Fraktion (stärkste Opposition) Opposition
Grüne-Fraktion Bündnis 90/Die Grünen 11,6% Fraktion Opposition
BSW-Gruppe Bündnis Sahra Wagenknecht 4,97% (unter 5%) Gruppe (nur 2 Direktmandate) Opposition

Kein Einzug 2025: FDP und Die Linke

Die FDP scheiterte mit 4,3% knapp an der 5%-Hürde und gewann kein Direktmandat. Die Linke kam auf 3,8% und ebenfalls ohne Direktmandat. Beide Parteien sind im 21. Bundestag nicht vertreten. Das BSW zog mit 4,97% knapp unter der Hürde ein — ausschließlich dank zweier gewonnener Direktwahlkreise, was nach Grundgesetz den Einzug als Gruppe ermöglicht.

Mythen und Missverständnisse über Fraktionen

Rund um Fraktionen kursieren einige weit verbreitete Irrtümer. Hier die wichtigsten — und was wirklich stimmt:

MythosRealität
„Fraktion = Partei“ Falsch. Eine Fraktion ist der parlamentarische Zusammenschluss. CDU und CSU sind zwei Parteien, bilden aber eine Fraktion. Umgekehrt kann eine Partei im Bundestag vertreten sein, ohne eine Fraktion zu bilden (wenn sie unter 5% der Sitze hat).
„Abgeordnete müssen so abstimmen, wie die Fraktion sagt“ Falsch. Das freie Mandat (Art. 38 GG) garantiert jedem Abgeordneten das Recht, nach eigenem Gewissen abzustimmen. Fraktionsdisziplin ist eine politische, keine rechtliche Pflicht.
„Fraktionslose Abgeordnete haben keine Rechte“ Falsch. Auch fraktionslose Abgeordnete haben Rederecht, Stimmrecht und Zugang zu Ausschüssen (ohne Stimmrecht dort). Sie können sogar Gesetzentwürfe mitunterzeichnen — sie haben nur deutlich weniger organisatorische Unterstützung.
„Jede Partei im Bundestag bildet automatisch eine Fraktion“ Falsch. Nur wer die 5%-Hürde innerhalb des Bundestags erreicht (32 von 630 Sitzen), kann eine Fraktion bilden. Kleinere Zusammenschlüsse werden nur als „Gruppe“ anerkannt.
„Die größte Fraktion stellt automatisch den Kanzler“ Falsch. Nicht die größte Fraktion, sondern die Fraktion, die eine Regierungsmehrheit organisieren kann, stellt den Kanzler. Theoretisch könnte die zweit- und drittgrößte Fraktion zusammen regieren.

Die Fraktionsfinanzierung

Fraktionen erhalten erhebliche staatliche Zuschüsse für ihre parlamentarische Arbeit. Diese Mittel sind von der Parteienfinanzierung strikt getrennt und dürfen nur für parlamentarische Zwecke verwendet werden (Personal, Gutachten, Öffentlichkeitsarbeit).

Im Jahr 2024 betrugen die Fraktionszuschüsse insgesamt rund 130 Millionen Euro. Die Verteilung richtet sich nach Fraktionsgröße: Je mehr Abgeordnete, desto mehr Geld. Zusätzlich erhalten Oppositionsfraktionen einen Oppositionszuschlag von 15%, der ihre strukturelle Benachteiligung gegenüber der Regierung ausgleichen soll.

Große Fraktionen beschäftigen mehrere hundert Mitarbeiter — Juristen, Politikwissenschaftler, Pressesprecher, Referenten für jedes Fachgebiet. Diese Mitarbeiter sind das Rückgrat der parlamentarischen Arbeit und ermöglichen es den Abgeordneten, die Regierung auf Augenhöhe zu kontrollieren.

Historische Fraktionen — Wer saß im Bundestag?

Die Fraktionslandschaft im Bundestag hat sich über die Jahrzehnte dramatisch verändert. In den 1950er-Jahren saßen bis zu zehn Parteien im Parlament. Ab den 1960er-Jahren dominierte das „Zweieinhalb-Parteiensystem“ (CDU/CSU, SPD, FDP). Die Grünen zogen 1983 erstmals ein, die PDS/Linke nach der Wiedervereinigung. Von 2017 bis 2025 war der Bundestag mit bis zu sechs Fraktionen besonders vielfältig. Seit der Bundestagswahl 2025 hat sich die Landschaft wieder verdichtet: Nur vier Fraktionen sitzen im 21. Bundestag — CDU/CSU, AfD, SPD, Grüne — ergänzt durch die BSW-Gruppe (2 Sitze) und den SSW-Abgeordneten (1 Sitz).

CDU und CSU — Die Sonder-Fraktion

Eine Besonderheit des deutschen Bundestags: CDU und CSU sind formal zwei verschiedene Parteien, die aber seit 1949 eine gemeinsame Fraktion bilden. Die CDU tritt in 15 Bundesländern an, die CSU nur in Bayern. Da sie nicht in denselben Ländern konkurrieren, ist die Fraktionsgemeinschaft nach der Geschäftsordnung zulässig.

Diese Fraktionsgemeinschaft ist nicht selbstverständlich — sie muss zu Beginn jeder Legislaturperiode neu beschlossen werden. In Krisenzeiten (zuletzt 2018 im Streit um die Flüchtlingspolitik) wurde ein Bruch der Fraktionsgemeinschaft diskutiert, kam aber nie zustande.

Die innere Organisation einer Fraktion

Fraktionen sind keine monolithischen Blöcke, sondern intern hochkomplex organisiert. An der Spitze steht der Fraktionsvorsitzende, der die politische Richtung vorgibt und die Fraktion nach außen vertritt — in Großen Koalitionen ist der Vorsitzende der größten Oppositionsfraktion faktisch der wichtigste Gegenspieler des Kanzlers. Unter ihm arbeiten Parlamentarische Geschäftsführer, die den organisatorischen Ablauf koordinieren: Sie stellen sicher, dass bei Abstimmungen genügend Abgeordnete anwesend sind, verhandeln Redezeiten und organisieren die Ausschussbesetzung. Jede größere Fraktion unterhält zudem interne Arbeitsgruppen für jedes Politikfeld — von Außenpolitik über Finanzen bis Gesundheit —, in denen die fachliche Vorarbeit geleistet wird, bevor ein Thema ins Plenum kommt. Diese Arbeitsgruppen sind für die Qualität der Gesetzgebung entscheidend, denn hier findet die inhaltliche Auseinandersetzung statt, die in der oft formelhaften Plenardebatte kaum sichtbar wird.

Bemerkenswert ist auch die finanzielle Dimension der Fraktionsarbeit. Die Fraktionszuschüsse des Bundes betragen insgesamt rund 130 Millionen Euro jährlich und ermöglichen es den Fraktionen, eigene Rechtsabteilungen, Pressestellen und wissenschaftliche Stäbe zu unterhalten. Die CDU/CSU-Fraktion als größte Fraktion beschäftigt mehrere hundert Mitarbeiter, die SPD-Fraktion ähnlich viele. Selbst kleinere Fraktionen verfügen über dutzende Referenten für verschiedene Fachgebiete. Dieser Apparat ist unverzichtbar, um die Arbeit der Bundesregierung mit ihren rund 25.000 Ministerialbeamten auf Augenhöhe kontrollieren zu können. Ohne eine professionell ausgestattete Fraktion wäre ein einzelner Abgeordneter der Informationsüberlegenheit der Exekutive schutzlos ausgeliefert.

26. September 2017, 22:00 Uhr: Frauke Petry erklärt ihren Austritt — auf dem Höhepunkt des AfD-Erfolgs

Kaum war die AfD mit 12,6 Prozent in den Bundestag eingezogen, zerbrach die Partei an ihrer eigenen Spitze. Frauke Petry, die Vorsitzende, hatte das historische Ergebnis mitgestaltet — und trat auf der ersten Pressekonferenz nach der Wahl demonstrativ an einem anderen Tisch. Sie verlasse die AfD und werde nicht der AfD-Fraktion beitreten. Sie hatte ihren Wahlkreis in Sachsen mit 37,4 Prozent der Erststimmen gewonnen — ein phänomenales Direktmandat. Jetzt saß sie als parteilose Einzelabgeordnete. Das Beispiel zeigt, wie trennend die Fraktionszugehörigkeit im Bundestag wirkt: Ohne Fraktion hat ein Abgeordneter deutlich weniger Ressourcen, keine gesicherten Redestunden und keinen institutionellen Rückhalt. Petry gründete später eine Mini-Gruppe „Die blaue Partei“ mit ihrer Partei, schaffte bei der Sächsischen Landtagswahl 2019 nur 0,3 Prozent und verschwand vollständig aus der Politik. Der Austritt aus der Fraktion am Abend ihres größten Erfolgs markiert eines der ungewöhnlichsten Kapitel in der Geschichte des Deutschen Bundestags.

Fraktion vs. Gruppe – wenn fünf Prozent über alles entscheiden

Wer im Bundestag eine Fraktion bilden will, braucht mindestens 5 Prozent der Mitglieder oder 5 Abgeordnete (§10 GOBT). Was wie eine Kleinigkeit klingt, entscheidet über Macht und Mittel: Fraktionen erhalten deutlich mehr Geld aus der staatlichen Fraktionsfinanzierung, garantierte Redeminuten im Plenum, Ausschusssitze nach Stärke und eigene Büros samt Mitarbeiterstab. Wer darunter liegt, ist nur eine Gruppe – mit stark eingeschränkten Rechten. Das erlebte Die Linke 2024 in voller Härte: Nach parteiinternen Spaltungen schrumpfte die einst 69-köpfige Fraktion auf unter 5 Prozent der Bundestagsmitglieder. Der Status „Gruppe“ bedeutete: Weniger Redezeit, kein Antragsrecht wie eine Fraktion, reduzierte Ausschussbeteiligung. Parlamentarische Macht beginnt mit den fünf Prozent – und endet abrupt darunter.

Häufige Fragen

Was ist eine Fraktion im Bundestag?

Eine Fraktion ist ein Zusammenschluss von mindestens 5% der Bundestagsabgeordneten, die derselben Partei oder nicht konkurrierenden Parteien angehören. Fraktionen organisieren die parlamentarische Arbeit.

Wie viele Abgeordnete braucht man für eine Fraktion?

Mindestens 5% der Mitglieder des Bundestags. Bei 630 Sitzen sind das 32 Abgeordnete. Kleinere Zusammenschlüsse können als „Gruppe“ anerkannt werden.

Was ist Fraktionsdisziplin?

Fraktionsdisziplin bedeutet, dass Abgeordnete bei Abstimmungen der Linie ihrer Fraktion folgen. Sie ist nicht gesetzlich vorgeschrieben — Artikel 38 GG garantiert das freie Mandat — aber in der Praxis die Regel.

Warum bilden CDU und CSU eine gemeinsame Fraktion?

CDU und CSU sind zwei eigenständige Parteien, die nicht in denselben Bundesländern antreten. Seit 1949 bilden sie eine Fraktionsgemeinschaft, die zu Beginn jeder Legislaturperiode erneuert wird.

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SonntagsfrageCDU/CSU25,3%SPD13,3%Grüne14,0%AfD25,7%BSW3,5%FDP3,0%Linke10,3%INSA · 11.04.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%Tagesschau "Soziale Schieflage": Deutliche Kritik an Entlastungsplänen der KoalitionFAZ Politik Rechte in Europa: Mit Orbán verliert die AfD ein Vorbild – und ist besorgtWelt Politik Zweieinhalb Jahre Haft wegen Attacke auf jüdischen StudentenWelt Politik Streit um schlüpfrige Geburtstagskarte – US-Gericht verwirft Trump-Klage gegen ZeitungWelt Politik „Ihr habt es wieder geschafft“ – von der Leyen vergleicht Orban-Abwahl mit 1956 und 1989Spiegel Politik Friedrich Merz und Katherina Reiche: Machtkampf in der Energiepreis-KriseFAZ Politik Liveblog Irankrieg: Seeblockade der Straße von Hormus hat begonnenSpiegel Politik Mecklenburg-Vorpommern: Die AfD ist nicht zu stoppen? Das glaubt nicht mal die AfDFAZ Politik Luftangriff in Nigeria: Berichte über Massaker auf WochenmarktSpiegel Politik Friedrich Merz stellt sich hinter Wirtschaftsministerin Katherina Reiche - »Volle Unterstützung«

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