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Fernseher zeigt Bundestagswahl-Ergebnisse 2017 am Wahlabend

Bundestagswahl 2017 — Ergebnis und Analyse

Key-Facts: Bundestagswahl 2017

  • Datum: 24. September 2017
  • Wahlberechtigte: ca. 61,7 Millionen
  • Wahlbeteiligung: 76,2%
  • Stärkste Kraft: CDU/CSU mit 32,9%
  • Bundeskanzlerin: Angela Merkel (CDU), 4. Amtszeit
  • Koalition: CDU/CSU + SPD (Große Koalition, ab März 2018)
  • Sitze im Bundestag: 709

Die Bundestagswahl am 24. September 2017 war eine Zäsur in der deutschen Parteienlandschaft. Die beiden Volksparteien CDU/CSU und SPD erlitten zusammen historische Verluste — ihr gemeinsamer Stimmenanteil sank auf 53,4%, den niedrigsten Wert in der Geschichte der Bundesrepublik. Gleichzeitig zog die AfD mit 12,6% erstmals in den Deutschen Bundestag ein und wurde auf Anhieb drittststärkste Kraft.

Der Abend, an dem sich das Parteiensystem veränderte — und niemand es kommen sah. Noch wenige Monate vor der Wahl hatten die Umfragen ein vergleichsweise konventionelles Ergebnis vorhergesagt. Dass die AfD auf Anhieb 12,6% erreichen, sechs Fraktionen in den Bundestag einziehen und die Regierungsbildung fünf Monate dauern würde, ahnte am Wahlabend kaum jemand. Die Bundestagswahl 2017 markierte das Ende einer Ära, in der zwei Volksparteien allein über die Geschicke des Landes bestimmten.

Die Wahl fand im Schatten der Flüchtlingskrise 2015/16 statt, die das politische Klima in Deutschland nachhaltig verändert hatte. Angela Merkels Entscheidung, die Grenzen offen zu halten, war das beherrschende Thema — auch zwei Jahre später.

Das amtliche Endergebnis (Zweitstimmen)

ParteiZweitstimmen (%)SitzeVeränderung zu 2013
CDU/CSU32,9%246−8,6%
SPD20,5%153−5,2%
AfD12,6%94+7,9%
FDP10,7%80+5,9%
Die Linke9,2%69+0,6%
Grüne8,9%67+0,5%
Sonstige5,2%0

Mit sechs Fraktionen im Parlament war der 19. Deutsche Bundestag das vielfältigste seit den 1950er Jahren. Die FDP kehrte nach ihrem Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde 2013 mit starken 10,7% zurück in den Bundestag.

Das Drama der Regierungsbildung

Die Regierungsbildung nach der Wahl 2017 dauerte so lange wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik — insgesamt 171 Tage vom Wahltag bis zur Vereidigung der Regierung.

Phase 1: Jamaika-Sondierung (Oktober–November 2017)

Rechnerisch war eine Jamaika-Koalition (CDU/CSU + FDP + Grüne) möglich. Die Sondierungsgespräche begannen am 18. Oktober 2017. Nach fünf Wochen zäher Verhandlungen brach FDP-Chef Christian Lindner die Gespräche am 19. November 2017 ab und erklärte: „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren.“

Phase 2: SPD-Wende und GroKo (Januar–März 2018)

Die SPD hatte am Wahlabend eine Regierungsbeteiligung kategorisch ausgeschlossen — der sogenannte „Schulz-Schwur“. Nach dem Jamaika-Scheitern und einem Gespräch mit Bundespräsident Steinmeier revidierte SPD-Chef Martin Schulz seine Position. Ein SPD-Parteitag stimmte im Januar 2018 knapp für die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen.

Wahlkampfveranstaltung mit Publikum auf einem öffentlichen Platz
Der Wahlkampf 2017 war stark von der Flüchtlingsdebatte geprägt.

Am 4. März 2018 stimmten die SPD-Mitglieder in einem Mitgliedervotum mit 66% für den Koalitionsvertrag. Am 14. März 2018 — fast sechs Monate nach der Wahl — wurde Angela Merkel zum vierten Mal zur Bundeskanzlerin gewählt.

AfD-Einzug: Eine Zäsur in der Parlamentsgeschichte

Der Einzug der AfD in den Bundestag mit 12,6% und 94 Sitzen war das politisch bedeutsamste Ereignis der Wahl. Erstmals seit den 1950er Jahren saß eine Partei rechts von der Union im Deutschen Bundestag. Die AfD hatte von der Flüchtlingskrise 2015/16 massiv profitiert — 2013 war sie mit 4,7% noch knapp an der Sperrklausel gescheitert.

Die Wählerwanderungsanalysen (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung) zeigten: Die AfD gewann von allen im Bundestag vertretenen Parteien Wähler, am stärksten aber von CDU/CSU (ca. 980.000) und von ehemaligen Nichtwählern (ca. 1,2 Millionen).

Der AfD-Einzug veränderte den parlamentarischen Alltag grundlegend. Die Partei stellte den Alterspräsidenten (Wilhelm von Gottberg), erhielt Sitze in allen Ausschüssen und nutzte parlamentarische Instrumente wie Kleine Anfragen und Aktuelle Stunden intensiv. Gleichzeitig beschlossen alle anderen Fraktionen informell, keine gemeinsamen Abstimmungen mit der AfD zu ermöglichen — die später so genannte „Brandmauer“.

AfD-Ergebnis nach Region 2017Zweitstimmen (%)Stärkste Kraft?
Sachsen27,0%Ja
Thüringen22,7%Ja
Brandenburg20,2%Nein (CDU)
Sachsen-Anhalt19,6%Nein (CDU)
Mecklenburg-Vorpommern18,6%Nein (CDU)
Bayern12,4%Nein (CSU)
Nordrhein-Westfalen9,4%Nein (CDU)

Die 709-Sitze-Frage

Der 19. Bundestag hatte 709 Sitze — deutlich mehr als die regulhaften 598. Ursache waren 46 Überhangmandate und 65 Ausgleichsmandate. Das alte Wahlrecht erzeugte einen sich selbst verstärkenden Effekt: Je mehr Überhangmandate eine Partei bekam, desto mehr Ausgleichsmandate erhielten alle anderen.

BundestagswahlReguläre SitzeÜberhang + AusgleichGesamt
2009598+24622
2013598+33631
2017598+111709
2021598+138736

Wählerwanderungen und regionale Unterschiede

Regional zeigte die Wahl 2017 ein stark gespaltenes Land:

  • Ostdeutschland: Die AfD wurde in Sachsen (27,0%) und Thüringen (22,7%) stärkste Kraft bei den Zweitstimmen.
  • Westdeutschland: Die CDU/CSU blieb fast überall stärkste Partei, verlor aber flächendeckend.
  • Städte vs. Land: In Universitätsstädten waren die Grünen stark, auf dem Land dominierte weiterhin die Union.
  • Bayern: Die CSU fiel von 49,3% auf 38,8% — ein innerparteiisches Erdbeben.

Das Jamaika-Scheitern als historischer Wendepunkt

Das Scheitern der Jamaika-Sondierungen am 19. November 2017 war ein Wendepunkt mit langfristigen Folgen. FDP-Chef Christian Lindner verließ das Verhandlungszimmer um 23:37 Uhr und sprach vor den Kameras den mittlerweile legendären Satz: „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren.“

Die Konsequenzen dieses Abbruchs waren tiefgreifend:

  • SPD-Wende: Die SPD musste ihren „Schulz-Schwur“ brechen und doch in eine Große Koalition eintreten — was die Partei innerlich zerriss und den Grundstein für die spätere Erosion legte.
  • GroKo-Müdigkeit: Die dritte Große Koalition unter Merkel wurde von Anfang an als „Notlösung“ wahrgenommen. Die Zufriedenheit der Bevölkerung mit der Regierung lag bereits bei Amtsantritt auf niedrigem Niveau.
  • Lindners Kalkül: Die FDP hoffte, durch die Verweigerung an Profil zu gewinnen. Tatsächlich erreichte sie 2021 mit 11,5% ein starkes Ergebnis. Doch als Lindner 2024 erneut eine Koalition verließ (die Ampel), war das Vertrauen aufgebraucht — 2025 scheiterte die FDP mit 4,3% an der Hürde.
  • Vertrauenskrise: Dass Koalitionsverhandlungen scheitern können, war für viele Bürger neu. Es schürte eine Politikverdrossenheit, von der vor allem die AfD profitierte.

Rückblickend war das Jamaika-Scheitern der Beginn einer Instabilitätsphase, die über die GroKo (2018–2021) und die Ampel (2021–2024) bis zur vorgezogenen Bundestagswahl 2025 reichte.

Langfristige Bedeutung

Die Bundestagswahl 2017 leitete eine Phase der politischen Fragmentierung ein, die bis heute anhält. Die Bildung stabiler Zweierkoalitionen wurde schwieriger, Dreierbündnisse oder Große Koalitionen wurden zur Regel. Der Einzug der AfD veränderte die politische Debattenkultur und die Koalitionsoptionen grundlegend (Quelle: Bundeswahlleiter).

Die SPD am historischen Tiefpunkt: Erosion einer Volkspartei

Das SPD-Ergebnis von 20,5 % bei der Bundestagswahl 2017 war das schlechteste seit Gründung der Bundesrepublik. Zum Vergleich: Bei der Bundestagswahl 1998 hatte die SPD unter Gerhard Schröder noch 40,9 % erreicht — innerhalb von nur 19 Jahren verlor die Partei die Hälfte ihrer Wähler. Die Ursachen reichten tief: Drei Große Koalitionen (2005, 2013, 2018) hatten das Profil der SPD verwaschen. Die Agenda-2010-Reformen unter Schröder hatten die Arbeiterschaft verprellt und den Aufstieg der Linken befördert. Der SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz erlebte zwar im Januar 2017 einen kurzen „Schulz-Hype“ in den Umfragen (bis zu 33 %), konnte diesen aber nicht in ein Wahlergebnis übersetzen. Am Wahlabend verkündete Schulz den Weg in die Opposition — ein Versprechen, das er vier Monate später brechen musste.

Die Wahl 2017 machte auch den Wandel der Wahlkampfkommunikation sichtbar. Erstmals spielten soziale Medien eine zentrale Rolle: Die AfD nutzte Facebook und YouTube effektiver als alle anderen Parteien und erreichte damit Millionen potenzielle Wähler außerhalb der traditionellen Medien. Gleichzeitig dominierten Fake News und gezielte Desinformation die Debatte — ein Phänomen, das bei der französischen Präsidentschaftswahl im selben Jahr und der US-Wahl 2016 bereits aufgefallen war. Die Bundesregierung reagierte mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG), das soziale Netzwerke zur Löschung strafbarer Inhalte verpflichtete — ein international beachteter, aber umstrittener Schritt.

24. September 2017, 18:02 Uhr: AfD zieht ein — Frauke Petry verlässt sie sofort

Als die ersten Hochrechnungen die AfD bei 12,6% zeigten, saß Frauke Petry als AfD-Vorsitzende im Konrad-Adenauer-Haus und wirkte wie erstarrt. Minuten später gab sie in einer Pressekonferenz bekannt, dass sie nicht als Mitglied der AfD-Fraktion in den Bundestag einziehen werde — am Tag des größten Wahlerfolgs ihrer Partei. Es war einer der dramatischsten Momente in der deutschen Nachkriegspolitik: Die Parteivorsitzende verließ ihre Partei auf dem Höhepunkt des Triumph. Die AfD zog mit 94 Sitzen als drittstärkste Fraktion in den Bundestag ein — zum ersten Mal eine Partei weit rechts der CDU. SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz sprach noch am Wahlabend von der Opposition. Merkel begann die längsten Koalitionsverhandlungen der deutschen Geschichte: 172 Tage.

2021: Wahlbeteiligung 76,6 Prozent – warum knapp ein Viertel nicht wählt

Bei der Bundestagswahl 2021 gingen 76,6 Prozent der Wahlberechtigten zur Wahl – der höchste Wert seit 1998. Trotzdem: 23,4 Prozent (fast 14 Millionen Menschen) wählten nicht. Gründe für Nichtwahl: Keine Partei fühlt sich representativ (43 Prozent), keine Lust/kein Interesse (23 Prozent), alle Parteien gleich schlecht (18 Prozent). Nichtwahl ist ungleich verteilt: Ärmere Wähler, weniger Gebildete, Junge (18-25) wählen deutlich seltener. Nichtwahl ist kein neutraler Akt – sie verändert das politische Gewicht verschiedener Gruppen.

Häufige Fragen

Wer hat die Bundestagswahl 2017 gewonnen?

Die CDU/CSU wurde mit 32,9% stärkste Kraft, verlor aber 8,6 Prozentpunkte. Angela Merkel wurde erneut Bundeskanzlerin.

Warum scheiterten die Jamaika-Verhandlungen 2017?

Die FDP brach die Sondierungsgespräche am 19. November 2017 ab. FDP-Chef Christian Lindner erklärte: „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren.“

Wann zog die AfD erstmals in den Bundestag ein?

Bei der Bundestagswahl 2017 zog die AfD mit 12,6% erstmals in den Deutschen Bundestag ein und wurde drittststärkste Kraft.

Wie viele Parteien waren im 19. Bundestag vertreten?

Sechs Fraktionen: CDU/CSU, SPD, AfD, FDP, Linke und Grüne. Es war das erste Sechs-Fraktionen-Parlament seit den 1950er Jahren.

Alle Bundestagswahlen im Vergleich: Wahlergebnisse übersicht

Mehr dazu: Bundesländer-Umfragen · Briefwahl · Umfrage-Institute
SonntagsfrageCDU/CSU25,7%SPD12,3%Grüne13,7%AfD25,7%BSW3,5%FDP3,3%Linke10,2%INSA · 08.04.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%FAZ Politik Ungarns Nähe zu Moskau: Und Orbán versprach Putin: Ich bin Dir zu DienstenFAZ Politik Elsass will mehr Rechte: Autonomie in Straßburg und ParisWelt Politik „Wir brauchen Planungssicherheit in der Reserve“Spiegel Politik News des Tages: Mario Adorf, der Zauberer. Donald Trumps Ultimatum.Welt Politik Flasche mit Aufschrift „Polonium“ bei Ostereiersuche gefunden – Ergebnis steht festSpiegel Politik Boris Pistorius: Kommunikationsdesaster und die Frage nach seiner TauglichkeitTagesschau Ankündigung von Merz: Deutschland will wieder Gespräche mit Iran aufnehmenFAZ Politik In Tschechien: Langjähriger Rechtsextremist Liebich gefasstWelt Politik Trump erhöht den Druck auf Europa – und fordert laut Bericht konkrete Zusagen einZDF heute Europas KI-AufholjagdSpiegel Politik München: Nach Tod von Surferin wächst Streit um Risiko am EisbachTagesschau Ein Jahr Koalitionsvertrag: Von Liebe, Brücken und Reformen
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