Sachsen-Anhalt, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern: AfD gewinnt zweimal, regiert nirgends
Drei Landtagswahlen in vierzehn Tagen, eine Pointe, die man sich nicht hätte ausdenken können: Die AfD gewinnt zweimal die meisten Stimmen — und regiert am Ende in keinem einzigen der drei Länder. Der eigentliche Gewinner des Wahlmonats sitzt in Berlin bei der Linken. Der eigentliche Verlierer trägt zweimal denselben Namen: CDU.
Sachsen-Anhalt (6. September): Rekord ohne Mehrheit
Die AfD holt 43,8 % — ihr bislang stärkstes Ergebnis in einem westlich orientierten Flächenland. Die CDU unter dem seit Januar amtierenden Sven Schulze (Nachfolger von Reiner Haseloff) stürzt auf 17,2 % ab, ein Verlust von fast 20 Punkten. SPD (9,3 %), Grüne (8,9 %) und Linke (8,6 %) liegen eng im Mittelfeld, das BSW zieht mit 5,3 % erstmals ein, die FDP scheitert mit 2,6 %. Wahlbeteiligung: Rekordwert 77,8 %.
Mit 39 von 83 Sitzen verpasst die AfD die absolute Mehrheit knapp — findet aber keinen Koalitionspartner. Eine Mehrheit ohne AfD gäbe es nur mit CDU, SPD, Grünen, Linke und BSW gemeinsam. Stand der Analyse: keine neue Regierung, verfassungsrechtliche Frist für die konstituierende Sitzung ist der 6. Oktober.
Berlin (20. September): Die Linke gewinnt mit dem Wohnungsthema
Entgegen Umfragen von bis zu 18 % für die AfD landet diese bei 16,3 %. Stattdessen holt die Linke 25,7 % und wird stärkste Kraft — getragen von einem Wahlkampf rund um die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne wie Vonovia, der praktischen Umsetzung des Volksentscheids „Deutsche Wohnen & Co enteignen" (2021). Spitzenkandidatin: Elif Eralp.
Rechnerisch möglich: Rot-Rot-Grün (95 von 158 Sitzen) oder Kenia-Koalition mit CDU (82 Sitze). Die Linke hat Sondierungen mit Grünen und SPD beschlossen — belastet durch Vorwürfe von Antisemitismus und Clan-Kontakten gegen Teile der Partei.
CDU (18,8 %, Stefan Evers als möglicher Bürgermeisterkandidat gehandelt) wird Zweiter, SPD erlebt mit 12,1 % ihr historisch schlechtestes Ergebnis in der Stadt.
Mecklenburg-Vorpommern (20. September): Schwesig bleibt, CDU fliegt raus
Die AfD wird mit 38,2 % stärkste Kraft (Spitzenkandidat Leif-Erik Holm), knapp vor der SPD mit 35,5 %. Weil nicht die stimmenstärkste Partei automatisch regiert, sondern wer eine Mehrheit organisiert, bleibt Manuela Schwesig (SPD, seit 2017 im Amt) Ministerpräsidentin — SPD, Linke (6,5 %) und Grüne (5,7 %) haben zusammen eine knappe Mehrheit, Sondierungen laufen seit dem 21. September.
Historischer Einschnitt: Die CDU scheitert mit 4,9 % erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik überhaupt an einer Fünf-Prozent-Hürde auf Landesebene. Kanzler Merz nannte es ein „Desaster" — für das CDU-Ergebnis in Berlin am selben Abend reichte ihm „ordentlich".
Drei Lehren aus einem Wahlmonat
Die Brandmauer hält bislang gegen eine Partei, die zweimal die meisten Stimmen bekommen hat — das nährt die AfD-Erzählung vom verwehrten Wählerwillen. Die Linke ist Doppelgewinnerin mit gespaltenem Gesicht: stark in Berlin, blass in beiden ostdeutschen Flächenländern — ein lokales Wohnungsthema, keine bundesweite Trendwende. Und die SPD zeigt exemplarisch ihre Zerrissenheit: Splitterpartei in Sachsen-Anhalt, historisches Tief in Berlin, aber Regierungschefin in Schwerin dank persönlicher Beliebtheit von Manuela Schwesig, die stärker wiegt als der Bundestrend der eigenen Partei.
Drei Wahlen, drei völlig unterschiedliche Geschichten — und trotzdem ein gemeinsamer roter Faden: Die politische Mitte in Deutschland wird enger, während sich die Ränder in beide Richtungen ausdehnen.
Häufige Fragen
Die AfD mit 43,8 %. Bis heute gibt es keine neue Regierung, Frist für die konstituierende Sitzung ist der 6. Oktober 2026.
Die Linke wurde mit 25,7 % stärkste Kraft. Wahrscheinlichstes Szenario: Rot-Rot-Grün mit Grünen und SPD.
Weil SPD, Linke und Grüne zusammen eine knappe Mehrheit ohne die AfD organisieren können.
Ja — mit 4,9 % in Mecklenburg-Vorpommern, erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik.


