Deutschland im Herbst: Wo bleibt der Ruck für Reformen, Herr Bundeskanzler?
Rund ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt musste sich Bundeskanzler Friedrich Merz am 5. Oktober 2025 bei Caren Miosga gleich zwei Krisen stellen: einer akuten Sicherheitslage und dem Vorwurf, seine eigenen Reformversprechen nicht einzuhalten. Ausgangspunkt des Gesprächs waren die Drohnenvorfälle, die am Oktoberfestwochenende den Flughafen München und zuvor auch Frankfurt sowie Kopenhagen lahmgelegt hatten. Erst danach ging es um die eigentliche innenpolitische Kernfrage der Sendung: Warum der von Merz selbst angekündigte "Herbst der Reformen" bislang ausgeblieben war.
Die Ausgangslage für den Kanzler war denkbar unbequem. Nach Angaben des Deutschlandtrends äußerten 63 Prozent der Befragten große oder sehr große Sorge, Russland könne ein weiteres europäisches Land angreifen, eine Zahl, die die gesamte Sendung wie ein roter Faden begleitete und die auch für die Debatte um die Sonntagsfrage im Herbst 2025 nicht ohne Bedeutung war.
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Drohnen, Russland und "kein Frieden mehr"
Auf die Frage nach der Herkunft der Drohnen antwortete Merz zurückhaltend, aber deutlich: "Wahrscheinlich wird jedenfalls ein wesentlicher Teil davon aus Russland gesteuert." Er ordnete den Vorfall in eine Reihe weiterer Ereignisse ein, darunter russische Drohnen im polnischen Luftraum und russische Kampfflugzeuge über Estland, und formulierte den vielzitierten Satz: "Wir sind nicht im Krieg, aber wir leben auch nicht mehr im Frieden." Zur Beruhigung der gestrandeten Reisenden in München sagte er, es habe bislang "nicht einen einzigen Vorfall oder Vorgang mit einer bewaffneten Drohne" gegeben, es handle sich um Ausspähversuche und Versuche, die Bevölkerung zu verunsichern.
Zur rechtlichen Zuständigkeit erklärte Merz, dass grundsätzlich die Polizei für die Gefahrenabwehr zuständig sei, diese aber die Bundeswehr im Wege der Amtshilfe einbeziehen könne, ein Verfahren, das laut Merz "erprobt" sei. Das Luftsicherheitsgesetz solle zudem präzisiert werden, ein Vorhaben, das schon in der vorherigen Koalition geplant, aber am Regierungswechsel gescheitert war. Auf mögliche nächste Ziele Russlands angesprochen, nannte Merz Moldau, das Baltikum und Polen und verwies auf einen gemeinsamen Auftritt mit Emmanuel Macron und Donald Tusk in Chisinau, bei dem man "ein ganz klares Statement abgegeben" habe.
Die Rede von Saarbrücken und der ausgebliebene Ruck
Im Zentrum der innenpolitischen Debatte stand die Rede, die Merz wenige Tage zuvor zum Tag der deutschen Einheit in Saarbrücken gehalten hatte. Der Gesellschaftsforscher Stefan Grünewald, dessen Analyse Miosga einspielte, kritisierte, die Rede sei "nicht konkret genug" gewesen und Merz habe "eine Chance vertan", den notwendigen gesellschaftlichen Wandel klar zu benennen. Merz verteidigte sich damit, dass es sich um eine Festansprache und keine Regierungserklärung gehandelt habe: "Das war nicht der Platz."
Deutlich unangenehmer wurde es für den Kanzler, als Miosga ihm einen eigenen Post von der Plattform X aus dem Juni vorhielt, in dem er angekündigt hatte, "bis Sommer" solle für jeden sichtbar werden, dass es mit der Wirtschaft vorangehe. Merz reagierte ausweichend und verwies stattdessen auf beschlossene Gesetze und Investitionszusagen "in der Größenordnung mehrerer hundert Milliarden Euro" für die kommenden Jahre. Zum eigentlichen "Herbst der Reformen", der ebenfalls nicht wie angekündigt eintrat, erklärte er trocken: "Dieser sogenannte Herbst der Reform ist längst eingeleitet, und der Herbst der Reform wird auch nicht die letzte Jahreszeit sein." Auf Miosgas Nachfrage, ob ihm die eigene Formulierung nicht selbst ein wenig zu glatt vorkomme, antwortete Merz lediglich: "Ist doch schön formuliert gewesen, oder?"
Bürgergeld: Aus 30 Milliarden werden 5
Besonders scharf hakte Miosga bei den Ankündigungen zum Bürgergeld nach. Im Wahlkampf hatte Merz von "zweistelligen Milliardenbeträgen" an Einsparpotenzial gesprochen, konkret war einmal von 30 Milliarden Euro die Rede gewesen. Bei Miosga rechnete Merz das nun deutlich kleiner: Realistisch seien "10 Prozent in diesem System", also rund 5 Milliarden Euro einsparbar, etwa wenn es gelinge, 300.000 der rund 5 Millionen Bürgergeldempfänger zurück in den Arbeitsmarkt zu holen. Das System solle künftig "Grundsicherungsgesetz" heißen, das Wort Bürgergeld werde verschwinden. Zu geplanten Sanktionen und dem Umgang mit Schonvermögen wollte Merz sich nicht im Detail äußern und verwies auf den noch ausstehenden Referentenentwurf von Arbeitsministerin Bärbel Bas.
Rente: Aktivrente statt hartem Renteneintrittsalter 70
Auch beim Rentenstreit positionierte sich Merz. Er wies den Vorstoß seiner eigenen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche zurück, die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre gefordert hatte: "Ich bleibe trotzdem dabei, dass es richtig ist, das Renteneintrittsalter bei 67 Jahren zu belassen." Stattdessen brachte er ein alternatives Modell ins Spiel, das die Zahl der eingezahlten Beitragsjahre statt eines starren Alters berücksichtigen solle. Als kurzfristige Maßnahme verwies er auf die zum 1. Januar 2026 startende Aktivrente mit einem Steuerfreibetrag von 2000 Euro monatlich für Menschen, die über das Renteneintrittsalter hinaus arbeiten. Bei einer im Studio gezeigten Modellrechnung, wonach der Rentenbeitrag bis auf 21,2 Prozent steigen könnte, räumte Merz ein: "Das ist ein großer Batzen." Zugleich verglich er sich mit Gerhard Schröders Agenda 2010 und äußerte den Wunsch, die anstehende Rentenreform "zusammen mit den Sozialdemokraten" zu gestalten, auch mit Blick auf mögliche Belastungen für die SPD.
Ausblick: Reformdruck ohne klaren Zeitplan
Am Ende des Gesprächs blieb der Eindruck eines Kanzlers, der sich zwischen konkreten Ankündigungen und dem Eingeständnis begrenzter Handlungsmacht in der Koalition bewegte. Merz betonte mehrfach, er sei "nicht alleine in der Regierung" und müsse die SPD mitnehmen, verwies aber auch auf eine "junge Gruppe" in seiner eigenen Fraktion, die ungeduldiger sei. Für die kommenden Monate kündigte er weitere Entscheidungen im Koalitionsausschuss und Fortschritte bei der Rentenkommission an, deren Ergebnisse laut Merz bereits im Herbst 2026 vorliegen sollten. Wie belastbar diese Zusagen sind, dürfte sich auch daran zeigen, wie die Koalition mit den ungelösten Konflikten um Wehrpflicht und Bürgergeld umgeht, Themen, die seither die politische Debatte in Deutschland weiter bestimmt haben.
Häufige Fragen
Was sagte Kanzler Merz zu den Drohnenvorfällen über deutschen Flughäfen?
Merz sagte, man vermute, dass ein wesentlicher Teil der Drohnenflüge über München, Frankfurt und Kopenhagen aus Russland gesteuert werde. Er betonte, es habe bislang keinen einzigen Vorfall mit einer bewaffneten Drohne gegeben, es handle sich um Ausspähversuche, gegen die Polizei und Bundeswehr im Wege der Amtshilfe vorgehen sollen.
Warum wurde der angekündigte Herbst der Reformen nicht wie versprochen umgesetzt?
Merz verteidigte sich damit, dass bereits Reformen bei Migration und Infrastruktur beschlossen worden seien und weitere Entscheidungen zu Bürgergeld und Rente in den kommenden Wochen folgen sollten. Er räumte ein, dass ihn Faktoren wie der Zollstreit mit den USA gebremst hätten, wies aber den Vorwurf zurück, nur Enttäuschung produziert zu haben.
Was plant die Bundesregierung beim Bürgergeld?
Das Bürgergeld soll laut Merz in ein Grundsicherungsgesetz umbenannt werden. Ziel sei ein Sparpotenzial von rund 10 Prozent beziehungsweise 5 Milliarden Euro durch bessere Anreize, Menschen zurück in den Arbeitsmarkt zu bringen, sowie schärfere Regeln gegen organisierten Leistungsmissbrauch.


