Wahlkreis 108: Greiz – Altenburger Land – 35,6 % AfD
Wenn Politikwissenschaftler erklären wollen, warum Menschen in Ostdeutschland AfD wählen, landen sie früher oder später im Wahlkreis 108. Greiz und das Altenburger Land liegen im äußersten Osten Thüringens, eingeklemmt zwischen Sachsen und Sachsen-Anhalt. Hier hat die AfD bei der Bundestagswahl 2025 ihr stärkstes Ergebnis in ganz Thüringen geholt: 35,6 Prozent der Erststimmen. Die CDU liegt fast 13 Prozentpunkte dahinter.
Altenburg: Wo das Skat erfunden wurde
Altenburg (ca. 31.000 Einwohner) hat mindestens eine gute Karte auf der Hand: Das Kartenspiel Skat wurde hier um 1810 erfunden. Das Deutsche Spielkartenmuseum im Schloss Altenburg dokumentiert die Geschichte, die Altenburger Spielkartenfabrik produziert seit 1832 – eines der wenigen Unternehmen, die den Strukturbruch überdauert haben.
Ansonsten zeigt Altenburg, was Abwanderung mit einer Stadt macht. In der DDR lebten hier noch über 50.000 Menschen. Ganze Wohnblöcke stehen leer, Schulen wurden zusammengelegt, Geschäfte in der Innenstadt haben geschlossen. Der Altenburger Bahnhof, einst ein Verkehrsknoten, wirkt überdimensioniert für die verbliebene Nachfrage.
Key-Facts: Wahlkreis 108
Greiz: Vogtländische Residenz ohne Fürst
Greiz (ca. 20.000 Einwohner) war bis 1918 Residenz des Fürstentums Reuß älterer Linie – eines der kleinsten deutschen Fürstentümer. Das Obere Schloss thront über der Stadt, das Untere Schloss beherbergt ein Museum. Der Fürstenweg entlang der Weißen Elster und der Park im Stil englischer Landschaftsgärten zeugen von einer Zeit, als Greiz mehr war als heute.
Die Textilindustrie, die Greiz und die Nachbarstadt Zeulenroda-Triebes prägte, existiert nur noch in Resten. Die Talsperre Zeulenroda ist ein beliebtes Ausflugsziel, ersetzt aber keine Arbeitsplätze. Schmölln im Altenburger Land ist als “Stadt der Knöpfe” bekannt – hier wurden einst Steinnussknöpfe gefertigt.
Die Zahlen: Bundestagswahl 2025
| Partei | Erststimmen 2025 | Rang |
|---|---|---|
| AfD | 35,6 % | 1 – Direktmandat |
| CDU | 22,9 % | 2 |
| BSW | 11,8 % | 3 |
| SPD | 9,6 % | 4 |
| Linke | 6,9 % | 5 |
| Grüne | 3,1 % | 6 |
| FDP | 1,8 % | 7 |
| Sonstige | 8,3 % | – |
BSW: Die neue Kraft im Protestviertel
Bemerkenswert ist das BSW-Ergebnis von 11,8 Prozent. Das Bündnis Sahra Wagenknecht, erst 2024 gegründet, wurde auf Anhieb drittstärkste Kraft – noch vor der SPD. Das BSW spricht Wähler an, die mit der Bundespolitik unzufrieden sind, die AfD aber als zu radikal empfinden. In einer Region, in der fast die Hälfte aller Erststimmen an AfD oder BSW gingen, ist die Entfremdung von den etablierten Parteien offensichtlich.
Eine Region verliert ihre Menschen
Seit 1990 hat der Wahlkreis rund ein Drittel seiner Bevölkerung verloren. Das Durchschnittsalter steigt, die Geburtenrate sinkt. Dorffeuerwehren finden keine Nachwuchskräfte mehr, Gaststätten schließen mangels Personal, Busse fahren nur noch im Stundentakt. Wer hier lebt, organisiert seinen Alltag anders als in Erfurt oder Jena – und wählt anders.
| Bundestagswahl | Direktmandat |
|---|---|
| 2025 | AfD |
| 2021 | AfD |
| 2017 | CDU |
Lage des Wahlkreises
Wahlkreise in der Nähe
1990: Erste Gesamtdeutsche Wahl – 144 neue Wahlkreise aus dem Osten
Am 2. Dezember 1990 wählten erstmals alle Deutschen gemeinsam den Bundestag. Die DDR lieferte 144 zusätzliche Wahlkreise: Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Berlin-Ost. Wahlbeteiligung im Osten: 74,5 Prozent – niedriger als im Westen (78,4 Prozent). CDU/CSU gewann 43,8 Prozent – im Osten dank des Einheitsversprechens sogar über 40 Prozent. PDS (Nachfolgerin der SED) zog mit 2,4 Prozent bundesweit – dank Ostklausel fünf Direktmandate in Berlin – in den Bundestag ein. Die Wahlrechtsänderung für 1990 war eine historische Ausnahmeregelung.
Häufige Fragen
Warum hat Wahlkreis 108 das höchste AfD-Ergebnis in Thüringen?
Der Wahlkreis vereint extreme Strukturprobleme: Seit 1990 ist die Bevölkerung um rund ein Drittel geschrumpft. Überalterung, wirtschaftliche Schwäche und dünne Infrastruktur fördern ein Gefühl der Abhängung, das sich in hohen AfD-Werten niederschlägt.
Was hat Altenburg mit Skat zu tun?
Das Kartenspiel Skat wurde um 1810 in Altenburg erfunden. Die Stadt beherbergt das Deutsche Spielkartenmuseum und die Altenburger Spielkartenfabrik, die seit 1832 produziert. Skat ist fester Bestandteil der Stadtidentität.
Welche Rolle spielt das BSW im Wahlkreis?
Das BSW erreichte auf Anhieb 11,8 % und wurde drittstärkste Kraft – noch vor der SPD. Es spricht Wähler an, die mit Berlin unzufrieden sind, aber die AfD als zu radikal empfinden. Zusammen mit der AfD erhielten Protestparteien fast die Hälfte aller Erststimmen.
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