Wahlkreis 101: Erzgebirgskreis I – Zwischen Schwibboegen und Strukturwandel
33,1 Prozent. So viele Wähler im Erzgebirgskreis I gaben bei der Bundestagswahl 2025 ihre Erststimme dem AfD-Kandidaten. In einer Region, die weltweit für handgeschnitzte Weihnachtsfiguren, Schwibboegen und Nussknacker bekannt ist, hat sich politisch ein bemerkenswerter Wandel vollzogen – weg von der CDU, hin zur AfD.
Steckbrief: Wahlkreis 101
Über 800 Jahre Bergbau – und dann kam die Wende
Das Erzgebirge verdankt seinen Namen dem, was es reich machte: Erz. Seit dem 12. Jahrhundert gruben Bergleute Silber, Zinn, Kobalt und später Uran aus den Schächten. Städte wie Annaberg-Buchholz und Marienberg entstanden als Bergbausiedlungen, ihre spätgotischen Hallenkirchen zeugen vom einstigen Wohlstand. In Schwarzenberg, der “Perle des Erzgebirges”, thront ein Schloss über dem Schwarzwasser – Symbol einer Region, die sich über Jahrhunderte selbst versorgte.
Dann kam 1990. Die Wismut, die für die Sowjetunion Uran abbaute, stellte den Betrieb ein. Textilfabriken, Maschinenbauer und Zulieferer schlossen. Innerhalb einer Generation verlor das Erzgebirge rund ein Viertel seiner Bevölkerung – vor allem junge, gut ausgebildete Menschen zogen nach Westen. Aue-Bad Schlema, einst Kurort und Industriestandort, schrumpfte wie viele Nachbarorte.
Was von der Industrie blieb
Heute ist das Erzgebirge keineswegs wirtschaftlich tot. Die Holzkunst – Schwibboegen, Räuchermännchen, Weihnachtspyramiden – ist ein Wirtschaftsfaktor mit Exportvolumen. In Annaberg-Buchholz fertigen Manufakturen, deren Wurzeln bis ins 16. Jahrhundert reichen. Kleine und mittelständische Betriebe in der Metallverarbeitung und im Maschinenbau bilden das Rückgrat der regionalen Wirtschaft.
Doch die Löhne liegen spürbar unter dem sächsischen Durchschnitt, der wiederum unter dem Bundesmittel liegt. Fachkräftemangel trifft hier auf Überalterung. Wer einen Arzttermin braucht, fährt oft weit. Wer ins Theater will, noch weiter. Für viele Bewohner fühlt sich Berlin nicht wie die eigene Hauptstadt an – sondern wie ein anderes Land.
Bundestagswahl 2025: Das Ergebnis im Detail
Die AfD gewann den Wahlkreis zum zweiten Mal in Folge und baute ihren Vorsprung gegenüber der CDU sogar aus. Bemerkenswert: Das BSW, erst 2024 gegründet, holte aus dem Stand über 10 Prozent.
| Partei | Erststimmen 2025 | Rang |
|---|---|---|
| AfD | 33,1 % | 1 – Direktmandat |
| CDU | 25,8 % | 2 |
| SPD | 12,4 % | 3 |
| BSW | 10,2 % | 4 |
| Linke | 7,8 % | 5 |
| Grüne | 3,2 % | 6 |
| FDP | 2,1 % | 7 |
| Sonstige | 5,4 % | – |
Vom CDU-Stammland zur AfD-Hochburg
Noch 2017 gewann die CDU den Wahlkreis 101. Das Erzgebirge galt als konservatives Kernland: protestantisch geprägt, ordnungsliebend, heimatverbunden. Doch genau diese Eigenschaften machten die Region empfänglich für eine Partei, die versprach, die alte Ordnung wiederherzustellen – gegen Migration, gegen Euro-Rettung, gegen eine Berliner Politik, die man als fremd empfand.
| Bundestagswahl | Direktmandat |
|---|---|
| 2025 | AfD |
| 2021 | AfD |
| 2017 | CDU |
2019 wurde die Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří als UNESCO-Welterbe anerkannt – eine Auszeichnung, die den kulturellen Stolz der Region stärkte, am Wahlverhalten aber nichts änderte. Die Distanz zu den Parteien der Mitte blieb.
Lage des Wahlkreises
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1949: Die erste Bundestagswahl – 31 Millionen Wähler formen die Republik
Am 14. August 1949 wählten 31,2 Millionen Deutsche zum ersten Mal den Deutschen Bundestag. Wahlbeteiligung: 78,5 Prozent. Die CDU/CSU gewann 31,0 Prozent, SPD 29,2 Prozent, FDP 11,9 Prozent. Konrad Adenauer wurde am 15. September 1949 mit einer Stimme Mehrheit zum ersten Bundeskanzler gewählt – seiner eigenen. Die 242 Wahlkreise wurden nach Bevölkerungsstärke auf die Bundesländer verteilt. Die Direktmandate über Erststimme und die Listenplätze über Zweitstimme bildeten das Fundament des deutschen Mischwahlsystems, das bis heute gilt.
Häufige Fragen
Warum ist die AfD im Erzgebirge so stark?
Die AfD profitiert von mehreren Faktoren: Der Strukturwandel nach 1990 vernichtete tausende Arbeitsplätze, junge Menschen wanderten ab, und bei vielen Verbliebenen wuchs ein tiefes Misstrauen gegenüber der Bundespolitik. Die konservative Grundhaltung der ländlichen Region tut ihr Übriges.
Welche Rolle spielt die Bergbautradition für die Identität des Wahlkreises?
Der Bergbau prägt das Erzgebirge seit über 800 Jahren. Die Holzkunst – Schwibboegen, Nussknacker, Räuchermännchen – entstand als Nebengewerbe der Bergleute. 2019 wurde die Montanregion UNESCO-Welterbe. Tradition und Handwerk sind hier keine Folklore, sondern gelebte Identität.
Hat die CDU eine Chance, Wahlkreis 101 zurückzugewinnen?
2017 gewann die CDU hier noch. Aktuell beträgt der Rückstand auf die AfD über 7 Prozentpunkte. Ein Rückgewinn würde voraussetzen, dass die CDU bei Strukturpolitik und ländlicher Daseinsvorsorge deutlich an Glaubwürdigkeit gewinnt.
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