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Bauarbeiter liest Wahlnachrichten auf dem Handy in der Pause

Wahlverhalten nach Berufsgruppe — Wer wählt was?

Key-Facts: Beruf und Wahlverhalten

  • Beamte: CDU/CSU und Grüne überdurchschnittlich
  • Arbeiter: AfD stärkste Kraft (seit 2017), SPD auf Platz 2
  • Selbstständige: CDU/CSU und FDP dominant
  • Angestellte: Nahe am Gesamtdurchschnitt, breit gestreut
  • Rentner: CDU/CSU klar führend (über 40%)
  • Arbeitslose: AfD und BSW zusammen über 40%

Der Handwerksmeister wählt anders als der Professor. Aber nicht so, wie Sie denken. Der Beruf prägt das Wahlverhalten stärker als oft angenommen. Nicht nur das Einkommen spielt eine Rolle, sondern auch die berufliche Lebenswelt: Wer täglich körperlich arbeitet, hat andere politische Prioritäten als jemand im Büro. Wer als Beamter Staatstreue verinnerlicht hat, wählt anders als ein Selbstständiger, der den Staat vor allem als Bürokratie erlebt. Und wer arbeitslos ist, sieht die Welt nochmals anders.

Diese Analyse untersucht, wie die fünf großen Berufsgruppen — Arbeiter, Angestellte, Beamte, Selbstständige und Rentner — bei Bundestagswahlen abstimmen und wie sich diese Muster in den letzten Jahrzehnten verändert haben.

Die Daten: Parteienpräferenzen nach Berufsgruppe

ParteiArbeiterAngestellteBeamteSelbstständigeRentnerArbeitslose
CDU/CSUca. 23%ca. 28%ca. 32%ca. 34%ca. 38%ca. 16%
SPDca. 20%ca. 20%ca. 18%ca. 13%ca. 22%ca. 16%
Grüneca. 5%ca. 14%ca. 19%ca. 12%ca. 7%ca. 5%
AfDca. 30%ca. 19%ca. 12%ca. 18%ca. 17%ca. 28%
FDPca. 3%ca. 5%ca. 5%ca. 10%ca. 4%ca. 2%
BSWca. 9%ca. 6%ca. 4%ca. 5%ca. 6%ca. 15%
Linkeca. 4%ca. 3%ca. 4%ca. 3%ca. 3%ca. 8%

Quelle: Infratest dimap, Forschungsgruppe Wahlen (Nachwahlbefragung 2025, gerundete Werte). Die Zahlen offenbaren dramatische Unterschiede: Die AfD ist bei Arbeitern die stärkste Partei, bei Beamten dagegen nur viertstärkste. Die Grünen erzielen bei Beamten 19%, bei Arbeitern nur 5%.

Arbeiter: Von der SPD zur AfD

Der tiefgreifendste Wandel im Wahlverhalten nach Berufsgruppe betrifft die Arbeiter. Noch in den 1990er Jahren war die SPD mit über 40% die unangefochtene Arbeiterpartei. Bei der Bundestagswahl 2017 überholte die AfD erstmals die SPD bei gewerkschaftlich nicht organisierten Arbeitern. 2025 lag die AfD mit rund 30% deutlich vor allen anderen Parteien in dieser Gruppe.

Die Gründe für diese Verschiebung sind vielschichtig: Die SPD hat sich programmatisch von der klassischen Arbeiterpolitik wegbewegt — Hartz-IV-Reformen, Klimapolitik und gesellschaftlicher Liberalismus sprechen Akademiker an, nicht aber Facharbeiter im Schichtbetrieb. Die AfD dagegen adressiert mit ihrer Migrationskritik, ihrer Ablehnung der Energiewende und ihrer Anti-Establishment-Rhetorik genau die Sorgen vieler Arbeiter: Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, steigende Energiepreise und das Gefühl, von der Politik vergessen zu werden.

Wahlkampfveranstaltung in Köln — Publikum hört einer politischen Rede zu
Wahlkampfveranstaltungen erreichen verschiedene Berufsgruppen unterschiedlich — Arbeiter sind dort seltener vertreten als Beamte und Angestellte.

Beamte: Konservativ und grün zugleich

Beamte zeigen ein auf den ersten Blick widersprüchliches Muster: Sie wählen überdurchschnittlich CDU/CSU und Grüne. Die Erklärung liegt in der Heterogenität der Beamtenschaft. Ältere Beamte in der Verwaltung tendieren zur Union — konservatives Staatsbewusstsein und Ordnungsliebe passen zur CDU-Programmatik. Jüngere Beamte, vor allem Lehrer und Hochschuldozenten, wählen überdurchschnittlich Grüne — sie sind akademisch geprägt und gesellschaftlich progressiv.

Auffällig — und für manche überraschend — ist die geringe AfD-Unterstützung unter Beamten (ca. 12%). Die Partei, die den Staat fundamental kritisiert, findet bei den Dienern des Staates wenig Anklang. Ausnahme: Polizeibeamte wählen nach Umfragen überdurchschnittlich häufig AfD und CDU — Sicherheitsthemen und der Frustrationsalltag mit Bürokratie und Justiz spielen hier eine Rolle.

Selbstständige: Wirtschaftsliberal mit Tendenz nach rechts

Selbstständige sind die wirtschaftsliberalste Berufsgruppe. CDU/CSU und FDP erzielen zusammen rund 44% — mehr als in jeder anderen Berufsgruppe. Die AfD liegt bei 18%, was nahe am Gesamtdurchschnitt ist. Die Grünen kommen auf 12%, was für eine Berufsgruppe mit hohem Bildungsniveau relativ niedrig ist.

Der Grund: Selbstständige erleben den Staat vor allem als Regulierer und Steuereintreiber. Bürokratieabbau, niedrigere Steuern und weniger Eingriffe in die Wirtschaft sind ihre Top-Themen. Parteien, die mehr Staat fordern (SPD, Grüne, Linke), haben bei Selbstständigen strukturell einen schweren Stand.

Angestellte: Der Durchschnitt

Angestellte sind mit rund 45% aller Erwerbstätigen die größte Berufsgruppe. Ihr Wahlverhalten ähnelt dem Gesamtdurchschnitt am meisten — was angesichts ihrer Größe nicht überrascht. Innerhalb der Angestellten gibt es allerdings erhebliche Unterschiede: Büroangestellte im öffentlichen Dienst wählen ähnlich wie Beamte, während Angestellte im Einzelhandel oder der Logistik eher wie Arbeiter wählen.

Arbeitslose: Die vergessene Wählergruppe

Arbeitslose zeigen das extremste Wahlverhalten aller Gruppen: AfD und BSW erzielen zusammen über 40%. Die CDU/CSU und SPD kommen gemeinsam nur auf rund 32% — deutlich unter dem Gesamtdurchschnitt. Gleichzeitig ist die Wahlbeteiligung bei Arbeitslosen am niedrigsten: Schätzungen gehen von unter 50% aus.

Arbeitslosigkeit erzeugt ein Doppelgefühl: Einerseits Wut auf ein System, das einen abgehängt hat (Protest via AfD/BSW). Andererseits Resignation und das Gefühl, dass die eigene Stimme nichts ändert (Nichtwahl). Beide Reaktionen schwächen die demokratische Repräsentation von Arbeitslosen.

Vergleichs-Grid: Vier Berufsgruppen im Profil

Die folgende Übersicht stellt die vier wichtigsten Berufsgruppen — Arbeiter, Angestellte, Beamte und Selbstständige — in einem direkten Vergleich gegenüber. Neben den Parteienpräferenzen zeigt das Grid auch Wahlbeteiligung, Top-Themen und den historischen Wandel. Die Daten basieren auf Nachwahlbefragungen von Infratest dimap und der Forschungsgruppe Wahlen.

Arbeiter

  • Stärkste Partei: AfD (ca. 30%)
  • Zweite Partei: CDU/CSU (ca. 23%)
  • SPD: Nur noch ca. 20% (1990: über 50%)
  • Grüne: Ca. 5% (niedrigster Wert aller Gruppen)
  • Wahlbeteiligung: Ca. 72% (unterdurchschnittlich)
  • Top-Themen: Migration, Arbeitsplatzsicherheit, Energiepreise
  • Wandel: Von SPD-Hochburg zur AfD-Domäne in 25 Jahren

Angestellte

  • Stärkste Partei: CDU/CSU (ca. 28%)
  • Zweite Partei: SPD (ca. 20%)
  • AfD: Ca. 19% (nah am Durchschnitt)
  • Grüne: Ca. 14% (nah am Durchschnitt)
  • Wahlbeteiligung: Ca. 81% (Durchschnitt)
  • Top-Themen: Wirtschaft, Steuern, Gesundheit, Rente
  • Wandel: Kaum Veränderung — die stabile Mitte

Beamte

  • Stärkste Partei: CDU/CSU (ca. 32%)
  • Zweite Partei: Grüne (ca. 19%)
  • AfD: Ca. 12% (niedrigster Wert aller Gruppen)
  • SPD: Ca. 18% (stabil)
  • Wahlbeteiligung: Ca. 90% (höchster Wert)
  • Top-Themen: Öffentlicher Dienst, Besoldung, Bildung
  • Wandel: Grüne haben bei jungen Beamten stark zugelegt

Selbstständige

  • Stärkste Partei: CDU/CSU (ca. 34%)
  • Zweite Partei: AfD (ca. 18%)
  • FDP: Ca. 10% (höchster Wert aller Gruppen)
  • Grüne: Ca. 12% (für Bildungsniveau niedrig)
  • Wahlbeteiligung: Ca. 86% (überdurchschnittlich)
  • Top-Themen: Bürokratie, Steuern, Wirtschaftspolitik
  • Wandel: FDP-Verluste fließen teils zur AfD

Das Grid zeigt auf einen Blick: Beamte und Arbeiter bilden die Extreme. Beamte haben die höchste Wahlbeteiligung, den niedrigsten AfD-Anteil und den höchsten Grünen-Anteil. Arbeiter haben die niedrigste Wahlbeteiligung, den höchsten AfD-Anteil und den niedrigsten Grünen-Anteil. Angestellte und Selbstständige liegen dazwischen — wobei Selbstständige stärker nach rechts-liberal tendieren und Angestellte den Gesamtdurchschnitt abbilden.

Gewerkschaftsmitgliedschaft als Schutzfaktor

Ein Faktor, der innerhalb der Berufsgruppen einen erheblichen Unterschied macht, ist die Gewerkschaftsmitgliedschaft. Gewerkschaftlich organisierte Arbeiter wählen immer noch überdurchschnittlich SPD (ca. 28%), während nicht organisierte Arbeiter die AfD bevorzugen (ca. 33%). Dieser „Gewerkschafts-Schutzfaktor“ erklärt, warum die SPD in industriellen Hochburgen (Ruhrgebiet, Salzgitter, Wolfsburg) noch besser abschneidet als in ländlichen Arbeiterregionen.

Der Mechanismus dahinter ist politische Sozialisation: Gewerkschaften bieten nicht nur Interessenvertretung, sondern auch politische Bildung, Gemeinschaftsgefühl und eine Anbindung an die institutionalisierte Linke. Wo diese Strukturen fehlen — in Klein- und Kleinstbetrieben, im Dienstleistungssektor, auf dem Land — fehlt auch der politische Anker, und die AfD füllt das Vakuum.

Der öffentliche Dienst als Grünen-Biotop

Neben Beamten wählen auch Angestellte im öffentlichen Dienst überdurchschnittlich Grüne und SPD. Das liegt an mehreren Faktoren: hoher Akademikeranteil, sichere Beschäftigung (die wirtschaftliche Abstiegsängste reduziert), überdurchschnittlicher Frauenanteil und ein Arbeitsumfeld, in dem progressive Werte (Gleichstellung, Diversität, Nachhaltigkeit) institutionell verankert sind. Der öffentliche Dienst ist damit nicht nur ein Arbeitgeber, sondern auch ein politisches Milieu — ähnlich wie früher die Fabriken der SPD-Basis waren.

Der historische Wandel: Auflösung der Berufsmilieus

Die Bindung zwischen Beruf und Partei hat sich in den letzten 50 Jahren dramatisch geschwächt. In den 1970er Jahren wählten über 60% der Arbeiter SPD, über 55% der Selbstständigen CDU/CSU. Heute liegt keine Partei in irgendeiner Berufsgruppe über 40% (außer CDU bei Rentnern). Die Auflösung der Milieus — bedingt durch gesellschaftliche Individualisierung, den Rückgang der Gewerkschaften und den Wandel der Arbeitswelt — hat die Parteien gezwungen, über Berufsgrenzen hinweg zu werben.

2021: AfD überholt SPD bei Arbeitern — das erste Mal in der deutschen Nachkriegsgeschichte

Bei der Bundestagswahl 2021 wählten unter den Arbeitern 27% die AfD — und nur 24% die SPD. Es war das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, dass eine rechtspopulistische Partei die SPD unter der deutschen Arbeiterschaft übertraf. 1972 hatten noch 67% der Arbeiter SPD gewählt. 1998, als Schröder auf Arbeiterslogan-Wahlkampf setzte, waren es noch 43%. Der Rückgang ist strukturell: Die klassische Industriearbeiterschaft schrumpft durch Automatisierung und Deindustrialisierung. Die verbliebenen Arbeiter in strukturschwachen Regionen fühlen sich von der SPD nicht mehr vertreten. Die Agenda 2010 (2003) gilt in Umfragen bis heute als Wendepunkt — seither hat die SPD nie wieder eine stabile Mehrheit bei Arbeitern gehabt. 2025 blieb der Trend: AfD 28%, SPD 22% unter Arbeitern.

2017: Protestwahl – wenn Wähler nicht für, sondern gegen jemanden stimmen

Die Protestwahl ist ein Phänomen, das schwer zu messen ist: Wähler stimmen für eine Partei nicht aus Überzeugung, sondern als Signal an die etablierten Parteien. AfD 2017: Viele Wähler gaben an, die AfD gewählt zu haben, um "denen in Berlin einen Denkzettel zu geben" – nicht aus Zustimmung zum AfD-Programm. Protestwahl verschwindet oft nach einer Wahl, wenn die Protest-Partei selbst Mitverantwortung übernimmt (und enttäuscht). AfD – immer in Opposition – behält Protest-Potential. Die Herausforderung: Protestwähler zuückzugewinnen, ohne ihr konkretes Anliegen anzusprechen, ist unmöglich.

Häufige Fragen

Welche Partei wählen Beamte am häufigsten?

Beamte wählen überdurchschnittlich CDU/CSU und Grüne. Die Union profitiert vom konservativen Staatsbewusstsein, die Grünen von der hohen Akademikerquote unter Beamten.

Wählen Arbeiter noch SPD?

Immer weniger. Die SPD hat ihre Dominanz bei Arbeitern verloren. Seit 2017 liegt die AfD bei gewerkschaftlich nicht organisierten Arbeitern oft vor der SPD. Bei Gewerkschaftsmitgliedern hält die SPD noch eine knappe Führung.

Wie wählen Selbstständige?

Selbstständige wählen überdurchschnittlich CDU/CSU und FDP. Sie bevorzugen wirtschaftsliberale Parteien, die niedrigere Steuern und weniger Bürokratie versprechen.

Gibt es einen Unterschied zwischen Angestellten und Arbeitern?

Ja. Angestellte wählen breiter gestreut und ähneln dem Gesamtdurchschnitt. Arbeiter tendieren stärker zu AfD und SPD und seltener zu Grünen und FDP.

Mehr dazu: Erststimme und Zweitstimme · INSA · Glossar
SonntagsfrageCDU/CSU25,7%SPD12,3%Grüne13,7%AfD25,7%BSW3,5%FDP3,3%Linke10,2%INSA · 08.04.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%Welt Politik „Sieht nach nächstem transatlantischen Krach aus“Spiegel Politik NRW-Ministerin Ina Scharrenbach: Vorwürfe von Machtmissbrauch bleiben interne SacheFAZ Politik Dienste für Putin: Orbán ist ein Ärgernis, aber über ihn entscheiden Ungarns WählerWelt Politik „Werden weiterhin die Hisbollah überall dort angreifen, wo es nötig ist“, bekräftigt NetanjahuWelt Politik Mann verschanzt sich in Bankfiliale und löst Großeinsatz ausTagesschau Untergetauchte Rechtsextremistin Liebich in Tschechien gefasstFAZ Politik Liveblog Irankrieg: Netanjahu kündigt direkte Verhandlungen mit Libanon anSpiegel Politik USA, Donald Trump und Marco Rubio: Warum Standorte wie Ramstein entscheidend sindFAZ Politik Deutschland-Liveblog: Merz: Koalition uneinig über EntlastungenSpiegel Politik News des Tages: Mario Adorf, der Zauberer, Donald Trumps Ultimatum, russische U-BooteTagesschau Ankündigung von Merz: Deutschland will wieder Gespräche mit Iran aufnehmenZDF heute Europas KI-AufholjagdTagesschau Ein Jahr Koalitionsvertrag: Von Liebe, Brücken und Reformen
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