Junger Mann in Berlin denkt nachdenklich über seine Wahlentscheidung nach

Underdog-Effekt erklärt – Wenn der Außenseiter profitiert

Key-Facts

  • Definition: Wähler unterstützen bewusst den Außenseiter
  • Gegenpol: Wirkt entgegengesetzt zum Bandwagon-Effekt
  • Forschungslage: Schwächer belegt als der Bandwagon-Effekt
  • Besonders relevant: Bei Parteien nahe der Fünf-Prozent-Hürde
  • Psychologie: Solidarität, Gerechtigkeitsempfinden, Protest

In jeder guten Geschichte gibt es einen Underdog – den Außenseiter, den niemand auf der Rechnung hat, der aber am Ende triumphiert. Diese Erzählung übt eine starke emotionale Anziehungskraft aus, nicht nur im Sport oder im Film, sondern auch in der Politik. Der Underdog-Effekt beschreibt das Phänomen, dass manche Wähler eine Partei oder einen Kandidaten gerade deshalb unterstützen, weil sie in Umfragen schlecht abschneiden.

Die Psychologie des Underdogs

Warum sympathisieren Menschen mit dem Außenseiter? Die psychologische Forschung identifiziert mehrere Motive:

Gerechtigkeitsempfinden: Viele Menschen haben ein intuitives Fairness-Gefühl. Wenn eine Partei „alle gegen sich hat", empfinden manche das als ungerecht und reagieren mit Solidarität. Dieses Motiv ist besonders stark, wenn der Underdog als Opfer unfairer Berichterstattung wahrgenommen wird.

Protest gegen den Mainstream: Manche Wähler wählen bewusst gegen den prognostizierten Sieger, um zu zeigen: „Die Wahl ist noch nicht entschieden." Das ist kein irrationales Verhalten, sondern ein bewusster Ausdruck politischer Autonomie.

Identifikation: Menschen, die sich selbst als Außenseiter fühlen – sei es sozial, wirtschaftlich oder kulturell – identifizieren sich häufiger mit politischen Underdogs. Die Psychologin Kim (2009) zeigte, dass persönliche Erfahrungen von Benachteiligung die Neigung zum Underdog-Effekt verstärken.

Empirische Befunde

Im Vergleich zum Bandwagon-Effekt ist der Underdog-Effekt empirisch schwächer belegt. Die meisten Studien finden einen dominierenden Bandwagon-Effekt, während der Underdog-Effekt nur bei bestimmten Wählergruppen signifikant auftritt. Eine Meta-Analyse von Hardmeier (2008) kommt zum Schluss, dass der Bandwagon-Effekt in etwa 60 bis 70 Prozent der untersuchten Fälle dominiert, während der Underdog-Effekt nur in 10 bis 20 Prozent der Fälle überwiegt.

Allerdings gibt es Situationen, in denen der Underdog-Effekt besonders stark auftritt. In Deutschland ist die wichtigste Konstellation die Fünf-Prozent-Hürde: Wenn eine Partei in Umfragen knapp unter fünf Prozent liegt, erhält sie oft „Leihstimmen" von Sympathisanten anderer Parteien, die verhindern wollen, dass die kleine Partei aus dem Bundestag fliegt.

Junge Frau mit Smartphone grinst über Wahlumfrage-Ergebnisse
Besonders jüngere Wähler sympathisieren manchmal bewusst mit dem politischen Außenseiter.

Der Underdog-Effekt in der deutschen Wahlgeschichte

Mehrere Episoden der deutschen Wahlgeschichte zeigen den Underdog-Effekt in Aktion:

Wahlumfrage-Auswertung am Laptop — Meinungsforschung und Sonntagsfrage Deutschland
Demokratie in Aktion: Underdog-Effekt erklärt – Wenn der Außenseiter profitiert — Fakten und Einordnung.

FDP und die Sperrklausel: Bei mehreren Bundestagswahlen lag die FDP in Umfragen nahe der Fünf-Prozent-Hürde. 2013 scheiterte sie trotz Leihstimmen-Appellen mit 4,8 Prozent. Bei der Bundestagswahl 2017 hingegen profitierte sie möglicherweise vom Underdog-Effekt und erreichte 10,7 Prozent – deutlich mehr als in Umfragen prognostiziert.

Linkspartei 2002: Die PDS lag in Umfragen bei 4 bis 5 Prozent. Trotz Solidaritätsaufrufen erreichte sie nur 4,0 Prozent und scheiterte an der Hürde. Der Underdog-Effekt reichte nicht aus – hier überwog offenbar die Demobilisierung.

Grüne in den 1990ern: Als kleine Partei galten die Grünen lange als Underdog. Ihre Anhänger waren überdurchschnittlich motiviert, was der Partei half, trotz niedriger Umfragewerte Wahlen erfolgreich zu bestehen.

Merkmal Bandwagon-Effekt Underdog-Effekt
Richtung Wähler schließen sich dem Führenden an Wähler unterstützen den Rückständigen
Motivation Auf der Gewinnerseite stehen Solidarität, Gerechtigkeit, Protest
Stärke Mittel bis stark Schwach bis mittel
Zielgruppe Unentschlossene, Mainstream-Wähler Idealisten, politisch Aktive
Forschungslage Gut belegt Schwächer belegt
Häufigkeit Dominiert in 60–70 % der Fälle Dominiert in 10–20 % der Fälle

Leihstimmen: Der institutionalisierte Underdog-Effekt

In Deutschland gibt es ein spezifisches Phänomen, das eng mit dem Underdog-Effekt zusammenhängt: die Leihstimmen-Debatte. Wenn eine Koalitionspartei in Umfragen an der Fünf-Prozent-Hürde kratzt, rufen Politiker der größeren Partei ihre Wähler auf, die Zweitstimme dem kleineren Partner zu geben. Das ist eine strategische Nutzung des Underdog-Effekts: Die kleine Partei wird als gefährdet dargestellt, um Solidaritätsstimmen zu mobilisieren.

Ob Leihstimmen-Appelle tatsächlich wirken, ist umstritten. Die Erfahrung der FDP 2013 zeigt: Trotz massiver Leihstimmen-Kampagne reichte es nicht. 2017 hingegen übertraf die FDP ihre Umfragewerte deutlich – ob das an Leihstimmen oder an genuiner Begeisterung lag, lässt sich nicht eindeutig sagen.

Wann wirkt der Underdog-Effekt?

Die Forschung zeigt, dass der Underdog-Effekt an bestimmte Voraussetzungen geknüpft ist:

Erstens muss der Underdog als „würdiger" Kandidat wahrgenommen werden. Eine Partei, die als extrem oder unseriös gilt, profitiert nicht vom Mitleidsbonus. Zweitens muss die Rückstandslage als ungerecht empfunden werden – nicht als verdient. Drittens muss die Unterstützung als sinnvoll erscheinen: Eine Partei bei 1 Prozent löst weniger Underdog-Solidarität aus als eine bei 4,5 Prozent, weil bei letzterer jede Stimme tatsächlich über den Einzug in den Bundestag entscheiden kann.

Fazit

Der Underdog-Effekt ist das Gegengewicht zum Bandwagon-Effekt – allerdings ein deutlich schwächeres. Er tritt vor allem bei politisch bewussten Wählern auf und entfaltet seine größte Wirkung in spezifischen Konstellationen wie dem Kampf um die Fünf-Prozent-Hürde. Für die Einordnung von Umfrageergebnissen ist er ein wichtiger Faktor: Parteien, die in Umfragen schlecht abschneiden, können am Wahltag besser dastehen als erwartet – aber nur unter bestimmten Bedingungen.

2013: FDP an der Hürde – die Solidaritaetsstimmen blieben aus

Im Bundestagswahlkampf 2013 lag die FDP wochenlang bei 4–5 Prozent. Parteistrategen hofften auf den Underdog-Effekt: Wähler sollten aus Solidaritaet taktisch wählen, um die 5-Prozent-Hürde zu retten. Umfragen zeigten, dass 8 Prozent der Deutschen sagten, sie würden die FDP wählen, wenn ihr Einzug gefährdet sei. Doch am 22. September 2013 erhielt die FDP 4,8 Prozent. Die Solidaritaetsstimmen blieben aus. Spaetere Analysen zeigten: Menschen sagen in Umfragen häufig, sie würden taktisch wählen – tun es dann aber seltener als angekuendigt.

Underdog-Effekt in echten deutschen Wahlen: Brandenburg 2024 und Schröder 2002

Brandenburg 2024 lieferte das klarste Underdog-Beispiel der jüngeren deutschen Geschichte. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) erklärte öffentlich, er werde sein Amt zur Verfügung stellen, wenn die SPD nicht stärkste Kraft wird – eine dramatische Personalisierung. Die Umfragen sahen SPD und AfD gleichauf bei 23–26 %. Ergebnis: SPD 30,9 %, AfD 29,2 %. Die SPD mobilisierte rund 7 Prozentpunkte mehr als in Umfragen gemessen – ein klassischer Underdog-Mobilisierungseffekt durch Kandidatenbindung. 2002 nutzte Gerhard Schröder eine ähnliche Dynamik: Umfragen sahen Edmund Stoiber klar vorne, Schröder setzte auf Elbe-Flut und Iraq-Opposition als Underdog-Narrative. Ergebnis: SPD knapper Sieg. Die Forschung zeigt, dass der Underdog-Effekt bei Kandidaten-gebundenen Wahlen stärker wirkt als bei reinen Parteiwahlen – und besonders bei Wählern mit schwacher Parteiidentifikation. Bandwagon-Effekt als Gegenpol →

Weiterführende Informationen: Bundeswahlleiter · Wikipedia

Häufige Fragen

Was ist der Underdog-Effekt?

Der Underdog-Effekt beschreibt die Tendenz mancher Wähler, eine Partei oder einen Kandidaten gerade deshalb zu unterstützen, weil sie in Umfragen schlecht abschneiden. Es ist eine Art Solidarität mit dem Außenseiter, getrieben von Gerechtigkeitsempfinden und Protest gegen den Mainstream.

Ist der Underdog-Effekt stärker als der Bandwagon-Effekt?

Nein. Die meisten Studien zeigen, dass der Bandwagon-Effekt stärker wirkt. Der Underdog-Effekt tritt bei einer kleineren Gruppe von Wählern auf, die bewusst gegen den Strom schwimmen, und ist empirisch schwächer belegt.

Wann tritt der Underdog-Effekt besonders auf?

Der Underdog-Effekt ist besonders relevant, wenn eine Partei knapp an der Fünf-Prozent-Hürde liegt und Sympathisanten anderer Parteien Leihstimmen geben, um sie im Bundestag zu halten. Auch bei als ungerecht empfundener Medienberichterstattung kann er auftreten.

Mehr dazu: SPD Umfragen · AfD Umfragen

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