Soziale Erwünschtheit bei Wahlumfragen
Key-Facts
- Definition: Befragte geben sozial erwünschte statt ehrliche Antworten
- Betroffene Parteien: Vor allem Parteien am politischen Rand (AfD, früher NPD)
- Effektstärke: Geschätzt 1–3 Prozentpunkte bei betroffenen Parteien
- Gegenmaßnahmen: Anonyme Methoden, indirekte Fragen, statistische Korrektur
Bei der Bundestagswahl 2017 erreichte die AfD mit 12,6% ein deutlich höheres Ergebnis, als die meisten Umfragen vorhergesagt hatten. Ein wesentlicher Grund: der Social-Desirability-Bias. Manche AfD-Wähler hatten in Umfragen ihre wahre Wahlabsicht verschwiegen — aus Sorge vor negativer Bewertung durch den Interviewer.
Dieses Phänomen ist so alt wie die Umfrageforschung selbst. In der Wahlforschung stellt es eine der größten Herausforderungen für die Genauigkeit von Umfragen dar.
Was genau ist der Social-Desirability-Bias?
Der Social-Desirability-Bias beschreibt die systematische Verzerrung von Antworten in Richtung dessen, was als gesellschaftlich akzeptabel gilt. Bei Wahlumfragen äußert sich das in drei Formen:
- Verheimlichung: Befragte sagen „weiß nicht“ oder verweigern die Antwort, obwohl sie eine klare Präferenz haben.
- Umetikettierung: Befragte nennen eine andere Partei als die, die sie tatsächlich wählen würden.
- Nichtteilnahme: Personen mit gesellschaftlich stigmatisierten Meinungen lehnen die Umfrage von vornherein ab.
Welche Parteien sind betroffen?
Der Effekt betrifft vor allem Parteien, deren Wahl gesellschaftlich stigmatisiert ist oder war:
| Partei/Kontext | Zeitraum | Typische Abweichung | Richtung |
|---|---|---|---|
| AfD | 2015–heute | 1–3 Prozentpunkte | In Umfragen zu niedrig |
| NPD/Rechtsaußen | 1990er–2010er | 1–2 Prozentpunkte | In Umfragen zu niedrig |
| PDS/Linke (West) | 1990er–2000er | 0,5–1 Prozentpunkt | In Umfragen zu niedrig |
| Grüne (früh) | 1980er | 0,5–1 Prozentpunkt | Teils zu hoch (Protest-Bekenntnis) |
Interessanterweise kann der Effekt auch umgekehrt wirken: Wenn es als modern gilt, eine bestimmte Partei zu wählen, kann deren Wert in Umfragen zu hoch ausfallen. Dieser Overreporting-Effekt wurde zeitweise bei den Grünen diskutiert.
Welche Methode ist am wenigsten betroffen?
Der Effekt variiert je nach Befragungsmethode:
- Online-Panels: Geringster Effekt — keine Interaktion mit einem Interviewer.
- Face-to-Face mit Urne: Gering — Allensbach nutzt ein Urnenmodell.
- Telefonumfragen: Stärkster Effekt — direktes Gespräch fördert sozial erwünschte Antworten.
Das erklärt teilweise, warum INSA (Online) die AfD typischerweise höher misst als Forsa (Telefon) — ein klassischer House Effect.
Gegenmaßnahmen der Institute
- Anonyme Methoden: Online-Befragungen und das Urnenmodell minimieren den sozialen Druck.
- Indirekte Fragen: Statt direkt nach der Wahlabsicht wird nach Kompetenzwerten oder Sympathie gefragt.
- Statistische Korrektur: Institute berücksichtigen den Effekt bei der Gewichtung.
- Listentechnik: Experimentelle Methoden ermöglichen es, sensible Anteile zu schätzen, ohne dass Einzelpersonen ihre Meinung offenlegen.
Der Shy-Voter-Effekt im internationalen Kontext
International ist das Phänomen als Shy Voter oder Shy Tory Effect bekannt. In Großbritannien unterschätzten Umfragen die Konservativen regelmäßig, weil deren Wähler seltener an Umfragen teilnahmen. In den USA wurde der Effekt bei Trump-Wählern 2016 und 2020 diskutiert.
Der internationale Vergleich zeigt: Der Effekt ist nicht auf Deutschland beschränkt, aber seine Stärke und Richtung variieren je nach politischem und gesellschaftlichem Kontext erheblich.
1992: Der „Shy Tory Effect“ – 7 Prozentpunkte aus dem Nichts
Bei den britischen Unterhauswahlen von 1992 sagten alle Umfragen einen knappen Labour-Sieg voraus. Die Conservatives gewannen mit 41,9 Prozent – 7 Punkte mehr als erwartet. Der „Shy Tory Effect“ war geboren: Konservative Wähler gaben ihre Präferenz gegenüber Telefoninterviewern nicht zu. Der British Polling Council analysierte 1997 den Fehler und fand: Bei CATI-Umfragen lagen die Conservatives im Schnitt 4,2 Punkte zu niedrig, bei anonymen Online-Panels nur 1,1 Punkte. Das wurde zum empirischen Schlußssel für alle späteren Debatten über Social Desirability Bias bei europäischen Rechtsparteien – einschließlich der AfD.
1950: Repräsentativität – wie 1.000 Menschen für 60 Millionen sprechen
Eine repräsentative Umfrage mit 1.000 Befragten hat einen statistischen Fehler von ±3 Prozentpunkten. Das bedeutet: Eine Partei bei 35 Prozent könnte wirklich zwischen 32 und 38 Prozent sein. Das reicht oft nicht, um knappe Rennen zu prognostizieren. In Deutschland nutzen Institute 1.500-2.000 Befragte für Sonntagsfragen. Allensbach nutzt 1.500 mündliche Interviews – teuer, aber hochwertig. INSA nutzt bis zu 10.000 Befragte pro Woche – Online, günstig. Qualität hangt nicht nur von der Größe ab, sondern von der Zusammensetzung der Stichprobe.
Häufige Fragen
Was ist der Social-Desirability-Bias?
Die Tendenz von Befragten, sozial erwünschte statt ehrliche Antworten zu geben. Bei Wahlumfragen verschweigen manche ihre wahre Wahlabsicht oder nennen eine andere Partei, weil sie soziale Missbilligung fürchten.
Welche Parteien sind besonders betroffen?
Parteien am politischen Rand sind stärker betroffen, insbesondere die AfD. In Telefonumfragen machen AfD-Anhänger häufiger keine Angabe als in anonymen Online-Befragungen.
Wie können Institute den Effekt reduzieren?
Anonyme Befragungsmethoden (Online-Panel, Urnenmodell), indirekte Fragetechniken und statistische Korrekturen helfen. Komplett eliminieren lässt sich der Effekt jedoch nicht.
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