CDU/CSU Europapolitik — EVP-Fraktion, EU-Positionen und Kommissare
Adenauer, Kohl, von der Leyen — die CDU hat Europa mitgebaut. Keine andere deutsche Partei hat die europäische Einigung so kontinuierlich vorangetrieben wie die CDU/CSU. Der erste EWG-Kommissionspräsident war CDU-Mitglied. Die Einführung des Euro war ein CDU-Kanzlerprojekt. Und die aktuelle EU-Kommissionspräsidentin trägt ein CDU-Parteibuch. Das ist kein Zufall — es ist Programm.
Von Hallstein bis von der Leyen: Die CDU/CSU in Brüssel
Walter Hallstein (CDU) war von 1958 bis 1967 der erste Präsident der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft — ein Vorläufer der heutigen EU-Kommission. Seine Vision eines supranationalen Europas ging vielen damals zu weit. Was viele nicht wissen: Hallstein scheiterte letztlich am Widerstand Charles de Gaulles, der eine stärker zwischenstaatliche EU bevorzugte.
Günther Oettinger (CDU) war von 2010 bis 2019 EU-Kommissar — zunächst für Energie, später für Digitalwirtschaft und Haushalt. Als ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg brachte er politisches Gewicht mit.
Ursula von der Leyen (CDU) führt seit 2019 die Europäische Kommission und wurde 2024 für eine zweite Amtszeit bestätigt. Bemerkenswert: Ihre Nominierung 2019 kam überraschend — sie war nicht Spitzenkandidatin der EVP, sondern ein Kompromiss zwischen den Staats- und Regierungschefs. Dennoch hat sie die Kommission spürbar geprägt: Green Deal, Digitalisierungsstrategie, Antwort auf den Ukraine-Krieg.
Key-Facts: CDU/CSU und Europa
- EU-Fraktion: Europäische Volkspartei (EVP)
- EVP-Größe: Größte Fraktion im EU-Parlament (ca. 190 Sitze)
- EU-Kommissionspräsidentin: Ursula von der Leyen (CDU, seit 2019)
- CDU/CSU-Europaabgeordnete: 29 (Europawahl 2024)
- Grundposition: Pro-europäisch, Subsidiarität, Wettbewerbsfähigkeit
Die EVP: Europas größte politische Familie
Im Europäischen Parlament gehört die CDU/CSU zur EVP-Fraktion, dem Zusammenschluss christdemokratischer und konservativer Parteien. Mit rund 190 der 720 Sitze ist die EVP die mit Abstand größte Fraktion. Die CDU/CSU stellt mit 29 Abgeordneten die größte nationale Delegation.
Zur EVP gehören die österreichische ÖVP, die spanische PP, die polnische PO und Dutzende weitere Parteien. Die CDU/CSU prägt die programmatische Ausrichtung maßgeblich mit. Bei Abstimmungen koordinieren sich die EVP-Mitglieder — was der CDU/CSU europäisches Gewicht verleiht, das weit über eine einzelne nationale Partei hinausgeht.
Europapolitische Positionen: Zwischen Idealismus und Haushaltsdisziplin
| EU-Politikfeld | CDU/CSU-Position | EVP-Konsens |
|---|---|---|
| Integration | Pro-EU, aber Subsidiarität | Weitgehend einig |
| Binnenmarkt | Vertiefung, Digitalisierung | Hohe Übereinstimmung |
| Finanzen | Keine Schuldenunion, Stabilitätspakt | Nord-Süd-Spaltung |
| Verteidigung | Europäische Säule in der NATO | Zunehmend einig |
| Migration | Außengrenzschutz, GEAS-Reform | Breiter Konsens |
| Erweiterung | Bedingt, strenge Kriterien | Mehrheitlich dafür |
| Klimapolitik | Emissionshandel, Technologieoffenheit | Teils kontrovers |
Die CDU/CSU bekennt sich zur europäischen Einigung, betont aber das Subsidiaritätsprinzip: Die EU soll handeln, wo nationale Lösungen nicht ausreichen, aber nicht überregulieren. In der Finanzpolitik ist die Union strenger als viele EVP-Partner: Keine Vergemeinschaftung von Schulden, keine Eurobonds, Einhaltung des Stabilitätspakts. Das bringt sie regelmäßig in Konflikt mit südeuropäischen Partnerparteien.
In der Sicherheitspolitik hat sich die CDU/CSU-Position seit dem Ukraine-Krieg verschärft: Stärkere europäische Verteidigungsfähigkeiten, besserer Schutz der EU-Außengrenzen, Reform des Asylsystems. Was dabei oft untergeht: Die CDU/CSU sieht europäische Verteidigung ausdrücklich innerhalb der NATO, nicht als Alternative.
Von der EGKS zum Euro: Die historische Linie
Konrad Adenauer trieb die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (1951) und der EWG (1957) voran. Die deutsch-französische Aussöhnung und der Élysée-Vertrag 1963 waren seine Meisterstücke.
Helmut Kohl ging weiter: Maastricht-Vertrag 1992, Euro-Einführung, EU-Osterweiterung. Kohl verstand Europa als Friedensprojekt und historische Lehre aus zwei Weltkriegen. Angela Merkel prägte die EU-Politik während dreier Krisen — Eurokrise, Flüchtlingskrise, Corona — mit einem pragmatischen Stil der Kompromissfindung im Europäischen Rat.
Bemerkenswert: Die Linie von Adenauer über Kohl zu von der Leyen ist lückenlos. In keiner Phase der Bundesrepublik hat die CDU/CSU ihre pro-europäische Grundhaltung aufgegeben — auch nicht, als es innerparteilich Widerstand gegen den Euro gab oder die EU-Skeptiker in anderen konservativen Parteien Europas an Boden gewannen.
Europawahl 2024: Die CDU/CSU als stärkste Kraft
Bei der Europawahl 2024 erreichte die Union 30,0 Prozent und entsandte 29 Abgeordnete — erneut stärkste deutsche Kraft. Traditionell nutzt die CDU/CSU den Europawahlkampf auch als Stimmungstest für Berlin. 2024 bestätigte das Ergebnis den Aufwind, der die Union wenige Monate später zurück ins Kanzleramt trug.
1992: Kohl setzt Maastricht durch – gegen Widerstand in der eigenen Fraktion
Am 7. Februar 1992 wurde der Maastricht-Vertrag unterzeichnet, der die EU gründete und den Euro beschloss. Helmut Kohl hatte den Vertrag gegen erheblichen Widerstand in der eigenen Partei durchgesetzt. Eine Minderheit sprach von einer Preisgabe der D-Mark. 71 CDU/CSU-Abgeordnete enthielten sich bei der Bundestagsabstimmung im Dezember 1992 oder stimmten dagegen. Es war das erste Mal seit Gründung der CDU, dass ein Bundeskanzler in einer europapolitischen Kernfrage offene Gegenstimmen aus der eigenen Fraktion erhielt.
CDU/CSU in der EVP: Stärkste Kraft im Europäischen Parlament
Die CDU/CSU ist über die Europäische Volkspartei (EVP) im EU-Parlament vertreten — und ist dort ein zentrales Schwergewicht. Bei der Europawahl 2024 gewann die EVP 188 von 720 Sitzen und blieb stärkste Fraktion. Ursula von der Leyen (CDU) wurde als EU-Kommissionspräsidentin für eine zweite Amtszeit bestätigt. Die CDU/CSU stellt damit sowohl die führende Bundespartei in der GroKo als auch die wichtigste Figur der EVP auf europäischer Ebene. Die Kontinuität in der CDU-Europapolitik: christdemokratische Werte, transatlantische Partnerschaft, pro-EU-Integration — klare Abgrenzung zur AfD, die aus dem EU-Parlament heraus an EU-Institutionen sägt.
Häufige Fragen
Zu welcher Fraktion gehört die CDU/CSU im Europaparlament?
Die CDU/CSU gehört zur Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP). Die EVP ist die größte Fraktion im EU-Parlament und vereint christdemokratische und konservative Parteien aus ganz Europa.
Welche EU-Kommissare kamen aus der CDU/CSU?
Zu den bekanntesten deutschen EU-Kommissaren aus CDU/CSU-Reihen zählen Walter Hallstein (erster EWG-Kommissionspräsident), Günther Oettinger (Energie/Digitales 2010–2019) und Ursula von der Leyen (EU-Kommissionspräsidentin seit 2019).
Wie steht die CDU/CSU zur EU-Erweiterung?
Die CDU/CSU unterstützt die EU-Erweiterung grundsätzlich, besteht aber auf strengen Beitrittskriterien. Die Union befürwortet den Beitrittsprozess der Westbalkanstaaten und der Ukraine, knüpft dies aber an Reformen bei Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung.
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