Geschichte der CDU/CSU — Von Adenauer bis Merz
6 Kanzler in 77 Jahren — aber nur in 52 davon regierte die Union. Die CDU/CSU hat die Bundesrepublik länger geführt als jede andere Partei, und doch verbrachte sie ein Drittel ihrer Existenz in der Opposition. Dieses Wechselspiel aus Macht und Erneuerung ist der eigentliche Kern ihrer Geschichte.
Was die Union von allen anderen deutschen Parteien unterscheidet: Sie wurde nie als Einheit gegründet. CDU und CSU sind zwei eigenständige Parteien, die seit 1949 eine gemeinsame Bundestagsfraktion bilden. Diese Konstruktion — einzigartig in Europa — ist Quelle ständiger Spannung und gleichzeitig das Erfolgsgeheimnis der größten Volkspartei des Landes.
| Zeitraum | Bundeskanzler | Koalition | Prägende Ereignisse |
|---|---|---|---|
| 1949–1963 | Konrad Adenauer | CDU/CSU, FDP, DP u. a. | Westbindung, Wirtschaftswunder, NATO-Beitritt |
| 1963–1966 | Ludwig Erhard | CDU/CSU, FDP | Soziale Marktwirtschaft, erste Wirtschaftskrise |
| 1966–1969 | Kurt G. Kiesinger | CDU/CSU, SPD | Große Koalition, Notstandsgesetze |
| 1982–1998 | Helmut Kohl | CDU/CSU, FDP | Wiedervereinigung, EU-Integration, Euro |
| 2005–2021 | Angela Merkel | Große Koal. / Schwarz-Gelb | Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Corona |
| seit 2025 | Friedrich Merz | CDU/CSU, SPD | Neue Regierungsbildung |
Aus Trümmern geboren (1945–1949)
Die CDU entstand 1945 nicht als eine Partei, sondern als viele. In Berlin, Köln, Frankfurt und Dutzenden anderen Städten gründeten Christdemokraten unabhängig voneinander lokale Parteien unter dem Namen „CDU“. Was sie verband: der Wunsch, die konfessionelle Spaltung der Weimarer Republik zu überwinden. Anders als die alte Zentrumspartei sollte die CDU Katholiken und Protestanten vereinen.
Am 13. Oktober 1945 entstand in Bayern die CSU als eigenständige Schwesterpartei. Beide einigten sich früh: Die CSU tritt nur in Bayern an, die CDU in den übrigen 15 Bundesländern. Diese Arbeitsteilung besteht bis heute. Was viele nicht wissen: Es gab in den 1970ern einen ernsthaften Versuch, diese Trennung aufzuheben — Franz Josef Strauß drohte 1976 mit einer bundesweiten CSU, Kohl konterte mit einer bayerischen CDU. Am Ende blieb alles beim Alten.
Bei der ersten Bundestagswahl 1949 wurde die CDU/CSU mit 31 Prozent knapp stärkste Kraft vor der SPD.
Ära Adenauer: Die Gründungsjahre der Republik (1949–1963)
Konrad Adenauer wurde am 15. September 1949 zum ersten Bundeskanzler gewählt — mit einer Stimme Mehrheit. Seiner eigenen, wie er später zugab. Was folgte, waren 14 Jahre, die Deutschland prägten wie kaum eine andere Kanzlerschaft: Westbindung, NATO-Beitritt, die soziale Marktwirtschaft unter Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, das Wirtschaftswunder.
1957 der Höhepunkt: 50,2 Prozent — die einzige absolute Mehrheit in der Geschichte des Bundestags. Ein Ergebnis, das nie wieder erreicht wurde. Adenauer trat 1963 im Alter von 87 Jahren zurück, nicht ganz freiwillig.
Key-Facts: CDU/CSU-Geschichte
- Gründung CDU: 1945 (erster Bundesparteitag 1950)
- Gründung CSU: 13. Oktober 1945 in Bayern
- Bundeskanzler: 6 (Adenauer, Erhard, Kiesinger, Kohl, Merkel, Merz)
- Regierungsjahre im Bund: über 55 Jahre seit 1949
- Aktueller Vorsitzender: Friedrich Merz (seit 2022)
Erhard, Kiesinger und das Ende der Alleinherrschaft (1963–1969)
Ludwig Erhard, der Vater des Wirtschaftswunders, folgte Adenauer — doch als Kanzler war er glücklos. Die erste Wirtschaftskrise der Bundesrepublik zerstörte seinen Nimbus. 1966 zerbrach die Koalition mit der FDP. Kurt Georg Kiesinger bildete eine Große Koalition mit der SPD, Willy Brandt wurde Außenminister. Bemerkenswert: Kiesingers NSDAP-Vergangenheit wurde damals kaum thematisiert — heute wäre eine solche Biografie undenkbar im Kanzleramt.
1969 verlor die Union die Regierung. Eine sozialliberale Koalition aus SPD und FDP übernahm. Es begannen 13 Jahre Opposition.
Kohl: Vom Unterschätzten zum Kanzler der Einheit (1973–1998)
Helmut Kohl übernahm 1973 den Parteivorsitz und machte die CDU zur modernen Mitgliederpartei. Sein erster Anlauf aufs Kanzleramt 1976 scheiterte knapp. Erst 1982 gelang der Machtwechsel durch ein konstruktives Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt.
Was folgte, war die zweitlängste Kanzlerschaft der Bundesrepublik: 16 Jahre. Sein größter Moment kam 1990 mit der Deutschen Wiedervereinigung. Kohl nutzte das historische Fenster mit einer Entschlossenheit, die ihm den Titel „Kanzler der Einheit“ einbrachte. Parallel trieb er die europäische Integration voran — Maastricht-Vertrag, Euro-Einführung. Was dabei oft untergeht: Innenpolitisch war Kohls Bilanz gemischter. Die Arbeitslosigkeit im Osten blieb hoch, der „Aufbau Ost“ wurde teurer als versprochen.
1998 verlor die Union deutlich gegen Gerhard Schröders SPD. Dann kam die Spendenaffäre.
Spendenaffäre und Merkels Aufstieg (1998–2005)
Die CDU-Spendenaffäre war die schwerste Krise der Partei. Helmut Kohl hatte über Jahre verdeckte Spenden angenommen und weigerte sich bis zuletzt, die Namen der Spender zu nennen. Wolfgang Schäuble, sein Nachfolger als Parteivorsitzender, trat ebenfalls zurück, als eine eigene Spendenannahme bekannt wurde.
In dieses Vakuum stieß Angela Merkel. Im Dezember 1999 veröffentlichte sie einen Gastbeitrag in der FAZ, in dem sie die Partei zum Bruch mit Kohl aufforderte. Es war ein beispielloser Akt innerparteilicher Rebellion — und er funktionierte. Im April 2000 wurde Merkel zur ersten Frau an der CDU-Spitze gewählt.
Ära Merkel: 16 Jahre Krisenmanagement (2005–2021)
Angela Merkel wurde 2005 Bundeskanzlerin — die erste Frau in diesem Amt. Ihre 16-jährige Kanzlerschaft war eine Abfolge von Krisen: Finanzkrise 2008, Eurokrise, Flüchtlingskrise 2015, Corona-Pandemie. Merkel führte zwei Große Koalitionen und eine schwarz-gelbe Regierung.
Was die CDU unter Merkel veränderte, war tiefgreifend: Abschaffung der Wehrpflicht, Atomausstieg nach Fukushima, Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Kritiker sprachen von „Sozialdemokratisierung“. Die Partei gewann in der Mitte, verlor am rechten Rand — eine Lücke, die die AfD füllte. Merkel trat 2021 nicht erneut an.
Merz und die konservative Wende (seit 2021)
Die Bundestagswahl 2021 brachte mit 24,1 Prozent das schlechteste Ergebnis der CDU/CSU-Geschichte. Der gescheiterte Kanzlerkandidat Armin Laschet trat ab. Friedrich Merz übernahm im Januar 2022 den Parteivorsitz — im dritten Anlauf, nach Niederlagen gegen Kramp-Karrenbauer (2018) und Laschet (2021).
Merz setzte auf konservative Schärfung: härtere Migrationspolitik, klareres Wirtschaftsprofil, Abgrenzung nach links. Bei der Bundestagswahl 2025 führte er die Union zurück ins Kanzleramt. Die CDU/CSU blickt auf über 75 Jahre zurück — eine Partei, die sich immer wieder neu erfunden hat, ohne ihren Kern zu verlieren.
1976: Helmut Kohl scheitert mit 48,6 Prozent – das beste Oppositions-Ergebnis und eine Niederlage
Bei der Bundestagswahl am 3. Oktober 1976 erzielte die CDU/CSU unter Helmut Kohl 48,6 Prozent – das dritthochste Ergebnis in der Geschichte der Bundesrepublik und das hoechste je fuer eine Oppositionspartei. Schmidt gewann trotzdem: SPD und FDP zusammen kamen auf 50,5 Prozent. Kohl hatte alles gegeben und verloren. Intern wurde er als Versager behandelt. Franz Josef Strauss forderte oeffentlich seinen Ruecktritt. Kohl weigerte sich. Sechs Jahre spaeter, im Oktober 1982, wurde er Bundeskanzler durch das konstruktive Misstrauensvotum. Die Niederlage von 1976 hatte ihn gehaertet.
1976: Helmut Kohl scheitert mit 48,6 Prozent – das beste Oppositions-Ergebnis und eine Niederlage
Bei der Bundestagswahl am 3. Oktober 1976 erzielte die CDU/CSU unter Helmut Kohl 48,6 Prozent – das dritthochste Ergebnis in der Geschichte der Bundesrepublik und das hoechste je fuer eine Oppositionspartei. Schmidt gewann trotzdem: SPD und FDP zusammen kamen auf 50,5 Prozent. Kohl hatte alles gegeben und verloren. Intern wurde er als Versager behandelt. Franz Josef Strauss forderte oeffentlich seinen Ruecktritt. Kohl weigerte sich. Sechs Jahre spaeter, im Oktober 1982, wurde er Bundeskanzler durch das konstruktive Misstrauensvotum. Die Niederlage von 1976 hatte ihn gehaertet.
1953: Die CDU ohne Adenauer – warum christdemokratische Volksparteien fragil sind
Die CDU wurde 1945 als überkonfessionelle Volkspartei gegündet – ein Experiment. Konrad Adenauer gab ihr ihre Identität. 1957 erreichte sie 50,2 Prozent – absolute Mehrheit. Nach Adenauer: Erhard, Kiesinger, Barzel, Kohl, Merkel. Jeder Kanzler/jede Kanzlerin prägte die Partei anders. 2021: CDU/CSU auf 24,1 Prozent – historisches Tief. 2025: Merz führte auf 28,5 Prozent. Die CSU ist seit 1945 die dominierende Kraft in Bayern: nie unter 38 Prozent. Das CDU/CSU-Modell – Volkspartei mit Schwester-Partei im Süden – ist einzigartig in Europa.
Häufige Fragen
Wann wurde die CDU gegründet?
Die CDU wurde 1945 in mehreren deutschen Städten als überkonfessionelle Volkspartei gegründet. Der erste Bundesparteitag fand 1950 in Goslar statt, wo Konrad Adenauer zum ersten Bundesvorsitzenden gewählt wurde.
Welche Bundeskanzler stellte die CDU/CSU?
Die CDU/CSU stellte bisher sechs Bundeskanzler: Konrad Adenauer (1949–1963), Ludwig Erhard (1963–1966), Kurt Georg Kiesinger (1966–1969), Helmut Kohl (1982–1998), Angela Merkel (2005–2021) und Friedrich Merz (seit 2025).
Was war die Spendenaffäre der CDU?
Die CDU-Spendenaffäre wurde 1999/2000 bekannt. Es ging um verdeckte Spenden und schwarze Kassen unter Helmut Kohl, der die Spendernamen nie preisgab. Die Affäre führte zum Rücktritt von CDU-Ehrenvorsitzendem Kohl und ebnete Angela Merkels Weg an die Parteispitze.
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