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AfD Ost-West — Warum die AfD im Osten stärker ist

Key-Facts: AfD Ost-West

  • Ost-Durchschnitt (LTW): 25–33 % (2024)
  • West-Durchschnitt (LTW): 5–15 % (2022–2023)
  • Stärkstes Ost-Ergebnis: Thüringen 2024 (32,8 %)
  • BTW 2025 (bundesweit): 20,8 % — zweite Kraft hinter CDU/CSU
  • Faktor Ost/West: ca. 2–3x so hoch im Osten
  • Vergleichbare Partei: Keine — der Ost-West-Gap ist einzigartig

Im Osten erste, im Westen dritte Kraft — der AfD-Graben verläuft entlang der alten Mauer. Nicht physisch, nicht mehr. Aber in den Wahlergebnissen ist die Linie so scharf, als hätte sie nie aufgehört zu existieren. In Thüringen 32,8 Prozent, in Schleswig-Holstein 4,4 Prozent: Zwischen diesen beiden Zahlen liegt nicht nur ein statistisches Gefälle, sondern ein Bruch, der das Land immer noch definiert.

Kein anderer Ost-West-Unterschied im deutschen Parteiensystem ist so ausgeprägt. Nicht einmal die frühere PDS, die spätere Linke, deren Existenzberechtigung ja gerade in dieser Teilung lag, wies eine vergleichbare Asymmetrie auf. Bei der AfD ist das Gefälle extremer, und es wächst.

Die Parteibindung, die es nie gab

Westdeutschland hatte 40 Jahre Zeit, um stabile Bindungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen und Parteien aufzubauen. Gewerkschaftsmitglieder wählen SPD, Kirchgänger wählen Union, Beamte tendieren zum Konservativen — diese Zuordnungen sind nicht ehern, aber sie sind real, messbar und relativ stabil. Politikwissenschaftler nennen das Parteiidentifikation.

In Ostdeutschland gibt es diese Bindungen kaum. Die Parteien des westdeutschen Systems wurden nach 1990 übertragen, aber sie wuchsen nie richtig ein. Die CDU hatte in Sachsen und Thüringen zwar jahrzehntelang Mehrheiten, doch die beruhten weniger auf tiefer Identifikation als auf der Abwesenheit von Alternativen. Als die AfD auftrat, zeigte sich, wie dünn diese Bindung war. Ostdeutsche Wähler sind wechselbereiter, und sie beweisen es bei jeder Wahl.

Davon profitierte zunächst die PDS/Linke, die als „ostdeutsche Partei“ eine ähnliche Rolle spielte. Seit 2014 hat die AfD diese Position übernommen — mit dem Unterschied, dass sie auch im Westen existiert, dort aber eine andere Partei zu sein scheint.

1990: Die Wunde, die offen blieb

Die Wiedervereinigung war für viele Ostdeutsche kein Neuanfang, sondern ein Bruch. Arbeitsplätze verschwanden innerhalb von Monaten. Berufsabschlüsse, die 20 Jahre gegolten hatten, waren plötzlich wertlos. Betriebe, die ganze Regionen getragen hatten, wurden von der Treuhand abgewickelt. Die „blühenden Landschaften“, die Helmut Kohl versprochen hatte, kamen für viele nicht oder erst Jahrzehnte später.

Politikwissenschaftler sprechen von einer „doppelten Enttäuschung“: erst die Erfahrung, dass die Versprechen der Wende nicht eintraten, dann die Wahrnehmung, dass die eigene Lebenserfahrung nicht anerkannt wird. Dieses Misstrauen gegenüber politischen Eliten und Institutionen hat sich über 35 Jahre verstetigt. Die AfD muss es nicht erzeugen — sie muss es nur ansprechen.

Faktor Ostdeutschland Westdeutschland
Parteibindung Schwach, hohe Wechselbereitschaft Stärker, stabilere Bindungen
Migrationserfahrung Gering, homogenere Bevölkerung Längere Geschichte der Zuwanderung
Wirtschaftslage Niedrigere Löhne, höhere Arbeitslosigkeit Höheres Lohnniveau, stärkere Wirtschaft
Institutionenvertrauen Niedriger, Skepsis gegen Establishment Höher, stabileres Vertrauen
Zivilgesellschaft Schwächer organisiert Dichtes Netz (Vereine, Kirchen, Verbände)
Kirchenbindung Unter 25 % Mitglieder Über 60 % Mitglieder
AfD-Ergebnis (LTW) 25–33 % 5–15 %

Das Paradox: Wenig Migranten, viel Angst vor Migration

Der statistisch auffälligste Befund ist gleichzeitig der kontraintuitivste: Die AfD ist dort am stärksten, wo die wenigsten Migranten leben. In den ostdeutschen Flächenländern liegt der Ausländeranteil deutlich unter dem westdeutschen Durchschnitt. Trotzdem ist die Ablehnung von Zuwanderung dort am größten.

Die Sozialforschung erklärt das mit der „Kontakthypothese“, die auf Gordon Allport (1954) zurückgeht: Wer regelmäßigen persönlichen Kontakt zu Migranten hat, entwickelt tendenziell differenziertere Einstellungen. Wer diesen Kontakt nicht hat, bleibt auf medial vermittelte Bilder angewiesen — und die sind selten nuanciert. Die homogenere Bevölkerungsstruktur in Ostdeutschland führt dazu, dass Zuwanderung stärker als abstrakte Bedrohung wahrgenommen wird als als alltägliche Realität.

Das bedeutet nicht, dass die Ablehnung unbegründet oder die Einstellungen falsch sind. Es bedeutet, dass der Kontext, in dem sich Meinungen bilden, zwischen Ost und West fundamental unterschiedlich ist.

Menschen vor dem Bundestag in Berlin
Berlin nimmt als geteilte Stadt eine Sonderrolle ein — die AfD-Ergebnisse liegen hier näher am westdeutschen Durchschnitt.

Wirtschaft: 15 bis 20 Prozent weniger

Trotz erheblicher Fortschritte seit 1990 besteht weiterhin ein wirtschaftliches Gefälle. Die Löhne in Ostdeutschland liegen im Durchschnitt rund 15 bis 20 Prozent unter dem westdeutschen Niveau. Die Arbeitslosenquote ist überdurchschnittlich. Kein einziger DAX-Konzern hat seinen Sitz in den neuen Bundesländern. Die wirtschaftliche Entscheidungsmacht sitzt in München, Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg — nicht in Dresden, Erfurt oder Magdeburg.

Die AfD verbindet diese wirtschaftliche Realität mit einer Erzählung, die für Teile der ostdeutschen Bevölkerung anschlussfähig ist: Die da oben kümmern sich nicht um euch. Die Wählerstruktur zeigt, dass die subjektiv empfundene wirtschaftliche Unsicherheit ein stärkerer Prädiktor für die AfD-Wahl ist als das tatsächliche Einkommen. Es geht nicht nur um Armut. Es geht um das Gefühl, dass die eigene Region, die eigene Biografie, der eigene Beitrag nicht zählt.

Die fehlende Gegenstruktur

Westdeutschland verfügt über ein dichtes Netz zivilgesellschaftlicher Organisationen: Kirchen, Gewerkschaften, Sportvereine, Kulturverbände. Diese Strukturen binden Menschen in demokratische Prozesse ein, schaffen soziale Kontakte außerhalb der eigenen Blase und wirken als Gegenpol zu populistischen Angeboten. In Ostdeutschland sind diese Strukturen schwächer.

Die Kirchenbindung ist der deutlichste Indikator: Unter 25 Prozent Kirchenmitglieder im Osten gegenüber über 60 Prozent im Westen. Die Gewerkschaftsdichte ist niedrig. Viele ländliche Regionen haben in den 1990er-Jahren ihre jungen, gut ausgebildeten Einwohner verloren — und mit ihnen einen Teil der sozialen Infrastruktur, die eine Gesellschaft zusammenhält.

Ostdeutsche Identität als politischer Faktor

35 Jahre nach der Wiedervereinigung existiert eine eigenständige ostdeutsche Identität, die sich vom westdeutschen Selbstverständnis unterscheidet. Umfragen zeigen, dass sich eine Mehrheit der Ostdeutschen weiterhin primär als „Ostdeutsche“ identifiziert — nicht als Deutsche schlechthin. Dieses Identitätsgefühl wird von einer Generation weitergetragen, die die DDR selbst nicht erlebt hat.

Die AfD spricht dieses Gefühl gezielt an. Sie positioniert sich als Vertreterin ostdeutscher Interessen, als Partei, die die spezifischen Erfahrungen der neuen Bundesländer ernst nimmt. In Teilen der ostdeutschen Bevölkerung wird die AfD nicht als Protestpartei wahrgenommen, sondern als legitime Volkspartei — eine Einschätzung, die im Westen deutlich seltener vorkommt.

Kein kurzfristiges Phänomen

Der Ost-West-Unterschied bei der AfD ist kein Strohfeuer. Die zugrundeliegenden Faktoren — geringere Parteibindung, wirtschaftliches Gefälle, schwächere Zivilgesellschaft, fortbestehende Identitätsdifferenz — verändern sich nur langsam, wenn überhaupt. Die Wahlergebnisse seit 2014 zeigen einen klaren Trend: Der Graben wird nicht kleiner. Die Ergebnisse in den Landtagen deuten darauf hin, dass die AfD in Ostdeutschland mittelfristig als feste Größe etabliert bleibt — mit allen Konsequenzen für Koalitionsbildungen, Regierungsfähigkeit und die Frage, was Demokratie in einer gespaltenen Gesellschaft bedeutet.

2024: In Thueringen waehlt 1 von 3 Menschen AfD – in Hamburg 1 von 10

Bei den Landtagswahlen am 1. September 2024 erhielt die AfD in Thueringen 32,8 Prozent. Bei der Europawahl im Juni 2024 lag die AfD in Hamburg bei 9,7 Prozent, in Bayern bei 11,5 Prozent. Die Schere betrug rund 20 Prozentpunkte zwischen Ost und West. Soziologen analysierten: In ostdeutschen Laendern hatten 30 Prozent der Befragten den Eindruck, als Ostdeutsche zweiter Klasse behandelt zu werden – gegenueber 8 Prozent in Westdeutschland. Das Gefuehl des Abgehaengtseins war der staerkste Einzelpraediktor fuer AfD-Wahlabsicht.

BTW 2025: Der Ost-West-Graben bei der Bundeswahl

Bei der Bundestagswahl 2025 erzielte die AfD bundesweit 20,8 Prozent – die zweitstärkste Partei. Das Ost-West-Gefälle blieb dabei in vollem Umfang sichtbar: In den ostdeutschen Bundesländern erreichte die AfD deutlich über 30 Prozent, während sie in Westdeutschland in vielen Flächenländern um die 15 Prozent lag. Die AfD ist damit – gemäß Erststimmenergebnissen nach Bundesland – im Osten die stimmstärkste Partei, im Westen meist zweite oder dritte Kraft. Der strukturelle Graben, der sich seit 2014 aufgebaut hat, blieb auch unter echten Bundeswahl-Bedingungen erhalten.

Häufige Fragen

Warum ist die AfD im Osten stärker?

Mehrere Faktoren spielen zusammen: geringere Parteibindung, Transformationserfahrung nach 1990, wirtschaftliche Unsicherheit, geringere Erfahrung mit Zuwanderung und eine stärkere Skepsis gegenüber dem politischen Establishment.

Wie groß ist der AfD-Unterschied zwischen Ost und West?

Die AfD erreicht im Osten bei Landtagswahlen 25 bis 33 Prozent, im Westen meist 5 bis 15 Prozent. Der Unterschied beträgt also oft das Doppelte bis Dreifache.

War die AfD schon immer im Osten stärker?

Ja, bereits bei den ersten Landtagswahlen 2014 zeigte sich der Ost-West-Unterschied. Er hat sich seitdem jedoch deutlich verstärkt.

Mehr dazu: der Bundestag · Briefwahl
SonntagsfrageCDU/CSU25,7%SPD12,3%Grüne13,7%AfD25,7%BSW3,5%FDP3,3%Linke10,2%INSA · 08.04.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%Welt Politik „Sieht nach nächstem transatlantischen Krach aus“Spiegel Politik NRW-Ministerin Ina Scharrenbach: Vorwürfe von Machtmissbrauch bleiben interne SacheFAZ Politik Dienste für Putin: Orbán ist ein Ärgernis, aber über ihn entscheiden Ungarns WählerWelt Politik „Werden weiterhin die Hisbollah überall dort angreifen, wo es nötig ist“, bekräftigt NetanjahuWelt Politik Mann verschanzt sich in Bankfiliale und löst Großeinsatz ausTagesschau Untergetauchte Rechtsextremistin Liebich in Tschechien gefasstFAZ Politik Liveblog Irankrieg: Netanjahu kündigt direkte Verhandlungen mit Libanon anSpiegel Politik USA, Donald Trump und Marco Rubio: Warum Standorte wie Ramstein entscheidend sindFAZ Politik Deutschland-Liveblog: Merz: Koalition uneinig über EntlastungenSpiegel Politik News des Tages: Mario Adorf, der Zauberer, Donald Trumps Ultimatum, russische U-BooteTagesschau Ankündigung von Merz: Deutschland will wieder Gespräche mit Iran aufnehmenZDF heute Europas KI-AufholjagdTagesschau Ein Jahr Koalitionsvertrag: Von Liebe, Brücken und Reformen
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