Geschichte der AfD — Von Lucke 2013 bis Weidel/Chrupalla
Key-Facts: AfD-Geschichte
- Gründung: 6. Februar 2013 in Oberursel (Hessen)
- Gründer: Bernd Lucke, Konrad Adam, Frauke Petry u. a.
- Erster Bundestagseinzug: Bundestagswahl 2017 (12,6 %)
- Einordnung: Rechtspopulistisch mit teilweise rechtsextremen Strömungen
- Aktuelle Vorsitzende: Alice Weidel und Tino Chrupalla (seit 2022)
12 Jahre, 4 Vorsitzende, 3 Richtungswechsel — die AfD hat mehr Geschichte als manche Partei in 50 Jahren. Wer ihre Entwicklung nachzeichnet, stößt auf eine Abfolge von Brüchen, die in der deutschen Nachkriegspolitik ihresgleichen sucht. Jeder dieser Brüche hat die Partei verändert, und keiner hat sie schwächer gemacht.
Von der eurokritischen Professorenpartei zur stärksten Kraft in ostdeutschen Landtagen — diese Transformation vollzog sich nicht planmäßig. Sie war das Ergebnis innerparteilicher Machtkkämpfe, externer Krisen und einer schrittweisen Verschiebung nach rechts, die jedes Mal die gemäßigteren Vertreter aus der Partei drängte.
Die Gründung: Euro-Wut in akademischer Verpackung
Am 6. Februar 2013 trafen sich in einem Gasthof in Oberursel, einer Kleinstadt im Taunus, rund zwei Dutzend Menschen. Unter ihnen: der Hamburger Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke, der Publizist Konrad Adam und die sächsische Chemikerin Frauke Petry. Was sie einte, war nicht die Migrationspolitik, sondern der Euro.
Die Rettungsschirme für Griechenland hatten in Teilen des konservativen Bürgertums und der Wirtschaftswissenschaft eine Wut ausgelöst, die in den bestehenden Parteien kein Ventil fand. Angela Merkels CDU hatte die Rettungspolitik mitgetragen. Die FDP war in der Koalition gefangen. Es fehlte eine Partei, die „Nein“ zum Euro sagte — und zwar nicht vom rechten Rand aus, sondern mit dem Habitus des Seminars.
Am 14. April 2013 wurde die Alternative für Deutschland auf dem Gründungsparteitag in Berlin offiziell ins Leben gerufen. Lucke, Adam und Petry wurden zu gleichberechtigten Sprechern gewählt. Bei der Bundestagswahl 2013 verfehlte die AfD mit 4,7 Prozent knapp den Einzug in den Bundestag. Für eine wenige Monate alte Partei war das Ergebnis bemerkenswert. Bei der Europawahl 2014 erreichte sie 7,1 Prozent und zog ins Europaparlament ein.
| Phase | Zeitraum | Prägende Figuren | Kernthema |
|---|---|---|---|
| Gründung | 2013–2015 | Bernd Lucke | Euro-Kritik, Wirtschaftsliberalismus |
| Petry-Ära | 2015–2017 | Frauke Petry, Jörg Meuthen | Flüchtlingskrise, Migration |
| Meuthen/Gauland | 2017–2019 | Jörg Meuthen, Alexander Gauland | Opposition im Bundestag |
| Meuthen/Chrupalla | 2019–2022 | Jörg Meuthen, Tino Chrupalla | Innerparteiliche Richtungskämpfe |
| Weidel/Chrupalla | seit 2022 | Alice Weidel, Tino Chrupalla | Verfassungsschutz, Umfragehoch |
Der erste Bruch: Essen 2015
Die Spannungen kamen früh. Bernd Lucke wollte die AfD als bürgerlich-konservative Kraft halten, begrenzt auf Wirtschafts- und Währungspolitik. Aber eine Partei lässt sich nicht wie ein Universitätsseminar führen. In den Landesverbänden sammelten sich Menschen, die mehr wollten als Euro-Kritik: gesellschaftspolitische Protestpartei statt Professorenclub.
Im Juli 2015 kam es in Essen zum Showdown. Frauke Petry wurde zur alleinigen Vorsitzenden gewählt, Lucke unterlag deutlich. Er verließ die Partei, mit ihm ging ein erheblicher Teil der Gründungsgeneration. Seine Neugründung „Liberal-Konservative Reformer“ (LKR) verschwand in der Bedeutungslosigkeit. Es war das erste Mal, dass die AfD einen Vorsitzenden verlor. Es sollte nicht das letzte Mal sein.
Flüchtlingskrise: Der Treibstoff
Was dann kam, konnte niemand vorhersehen — und es veränderte alles. Im Sommer 2015, wenige Wochen nach dem Parteitag von Essen, begann die Flüchtlingskrise. Angela Merkels Entscheidung, die Grenzen offen zu halten, polarisierte das Land. Der AfD lieferte sie den Treibstoff, den die Euro-Kritik nie hatte bieten können.
In dieser Phase gewann der national-konservative Flügel massiv an Einfluss. Björn Höcke, Thüringer Landesvorsitzender und spätere Galionsfigur des rechten Rands, wurde zur innerparteilichen Machtgröße. Seine Reden lösten auch innerhalb der AfD heftige Debatten aus, aber seine Anhänger waren zahlreicher als seine Kritiker.
Bei der Bundestagswahl 2017 zog die AfD mit 12,6 Prozent als drittststärkste Kraft in den Bundestag ein. Am Wahlabend erklärte Frauke Petry ihren Austritt aus der Fraktion. Der zweite große Bruch. Sie gründete die „Blaue Partei“, die sich 2020 auflöste.
Im Bundestag: Konfrontation als Strategie
Als Oppositionspartei im Bundestag setzte die AfD von Anfang an auf Konfrontation. Alexander Gauland und Alice Weidel führten die Fraktion, setzten auf pointierte Reden, provokante Anfragen und eine Parlamentsarbeit, die bewusst auf Abgrenzung zu allen anderen Parteien zielte. Das war keine Improvisation, sondern Methode.
Parallel dazu wuchs die Aufmerksamkeit des Verfassungsschutzes. 2019 wurde die Gesamtpartei zum Prüffall, der „Flügel“ um Höcke zum Verdachtsfall. 2020 stufte das Bundesamt den Flügel als gesichert rechtsextremistisch ein. Die AfD reagierte mit der formellen Auflösung des Flügels — ein Schritt, den Kritiker als kosmetisch bezeichneten.
Bei der Bundestagswahl 2021 fiel die AfD auf 10,3 Prozent. In den ostdeutschen Bundesländern blieb sie jedoch stark: In Sachsen und Thüringen wurde sie stärkste Kraft.
Der dritte Bruch: Meuthen geht
Im Januar 2022 verließ Jörg Meuthen die AfD. Er war der am längsten amtierende Vorsitzende gewesen, hatte versucht, die Partei in der bürgerlich-konservativen Mitte zu verankern, und war dabei gescheitert. Sein Abgang war leiser als der von Lucke und Petry, aber er besiegelte ein Muster: Wer in der AfD für Mäßigung steht, verliert.
Auf dem Parteitag im Juni 2022 wurden Alice Weidel und Tino Chrupalla als Doppelspitze gewählt. Unter ihrer Führung erlebte die AfD ab Herbst 2023 in Umfragen ein Hoch und erreichte bundesweit zeitweise über 20 Prozent.
2024: Stärkste Kraft im Osten, isoliert im System
Bei den Landtagswahlen 2024 in Thüringen, Sachsen und Brandenburg wurde die AfD jeweils stärkste oder zweitstärkste Kraft. In Thüringen errang sie mit 32,8 Prozent erstmals die Spitzenposition in einem Landtag. Regierungsbeteiligung: null. Alle anderen Parteien halten die Koalitionsabsage aufrecht.
Das ist der Widerspruch, der die AfD-Geschichte zusammenfasst: Eine Partei, die im permanenten Aufstieg begriffen ist und doch nirgendwo mitregiert. Die ihre Vorsitzenden verschleißt und trotzdem wächst. Die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall geführt wird und in manchen Regionen trotzdem die stärkste Partei ist. 12 Jahre Geschichte, und kein Ende des Wandels in Sicht.
Woher kommen AfD-Wähler? Ost und West unterscheiden sich fundamental
Die Frage, wer die AfD wählt, lässt sich nicht einheitlich beantworten — denn das Profil der AfD-Wählerschaft unterscheidet sich zwischen Ost- und Westdeutschland erheblich. Diese Differenz erklärt viel über den dauerhaften Charakter des Phänomens.
Westdeutschland: Hier kommt ein überproportional großer Teil der AfD-Wähler aus dem früheren CDU/CSU-Lager. Wählerwanderungsanalysen zur Bundestagswahl 2017 zeigten, dass die AfD im Westen rund 1,2 Millionen Stimmen direkt von der Union gewann — mehr als von jeder anderen Partei. Diese Wähler reagierten auf die als zu weit links wahrgenommene Merkel-CDU, insbesondere nach dem Sommer 2015. Es sind häufig ältere, männliche, wirtschaftlich nicht schlechtergestellte Wähler, die eine kulturkonservative Wende vermissten.
Ostdeutschland: Hier ist das Bild ein anderes. Der größte Strom kommt aus dem Nichtwahl-Reservoir: Menschen, die jahrelang nicht gewählt hatten und durch die AfD mobilisiert wurden. Dazu kommen überproportional viele frühere SPD-Wähler — eine Abwanderung, die bereits mit der Agenda 2010 begann und mit der AfD einen neuen Kanal fand. Bei der Thüringen-Wahl 2024 kamen nach Infratest-Analysen rund 23 Prozent der AfD-Wähler aus dem Nichtwahl-Lager.
Die gescheiterte Alternative: Frauke Petrys „Blaue Partei“
Als Frauke Petry am Abend der Bundestagswahl 2017 der Fraktion nicht beitrat, gründete sie wenig später die Blaue Partei — eine moderatere rechtskonservative Alternative. Das Projekt scheiterte fast geräuschlos: Bei der sächsischen Landtagswahl 2019 verfehlte die Blaue Partei mit 0,3 Prozent jeden Einzug. Das Experiment zeigt, dass die AfD-Wählerschaft mehrheitlich keine gemäßigte Variante wünscht — die Radikalisierung war kein Fehler, sondern Programm.
Diese Wählerstruktur hat eine wichtige politische Konsequenz: Die AfD ist im Osten schwerer zu bekämpfen als im Westen, weil ihre Wähler keine direkte Alternative-Heimat haben. Wer früher nicht gewählt hat, kehrt im Zweifel ins Nichtwahl-Lager zurück — aber er wählt keine andere Partei. Im Westen hingegen ist das CDU-Reservoir theoretisch rückgewinnbar, wenn die Union konservativ genug erscheint.
1953: Die CDU ohne Adenauer – warum christdemokratische Volksparteien fragil sind
Die CDU wurde 1945 als überkonfessionelle Volkspartei gegündet – ein Experiment. Konrad Adenauer gab ihr ihre Identität. 1957 erreichte sie 50,2 Prozent – absolute Mehrheit. Nach Adenauer: Erhard, Kiesinger, Barzel, Kohl, Merkel. Jeder Kanzler/jede Kanzlerin prägte die Partei anders. 2021: CDU/CSU auf 24,1 Prozent – historisches Tief. 2025: Merz führte auf 28,5 Prozent. Die CSU ist seit 1945 die dominierende Kraft in Bayern: nie unter 38 Prozent. Das CDU/CSU-Modell – Volkspartei mit Schwester-Partei im Süden – ist einzigartig in Europa.
Häufige Fragen
Wann wurde die AfD gegründet?
Die Alternative für Deutschland wurde am 6. Februar 2013 in Oberursel (Hessen) gegründet. Gründungssprecher war der Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke.
Warum wurde die AfD gegründet?
Die AfD entstand als Reaktion auf die Euro-Rettungspolitik der Bundesregierung. Ursprünglich war sie eine eurokritische Partei von Wirtschaftsprofessoren und Unternehmern.
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