Frauenwahlrecht — Geschichte und Bedeutung in Deutschland
Am 19. Januar 1919, einem kalten Sonntag, strömten Millionen Frauen in die Wahllokale. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte durften sie wählen — und gewählt werden. 82,3 % der wahlberechtigten Frauen gaben ihre Stimme ab. Mehr als bei vielen Bundestagswahlen Jahrzehnte später.
Was an diesem Tag selbstverständlich wirken mag, war das Ergebnis eines Kampfes, der über 70 Jahre gedauert hatte.
Die lange Geschichte bis 1918
Schon während der Märzrevolution 1848 forderten einzelne Stimmen das Wahlrecht für Frauen — ohne Erfolg. Die Paulskirche diskutierte Grundrechte, aber das Stimmrecht blieb Männern vorbehalten. 1865 gründete Louise Otto-Peters den Allgemeinen Deutschen Frauenverein — den Beginn einer organisierten Bewegung, die nicht mehr verstummen sollte.
Bis 1908 durften Frauen in den meisten deutschen Staaten nicht einmal Parteien beitreten. Erst das Reichsvereinsgesetz änderte das. Ab diesem Moment wuchs die Frauenbewegung explosionsartig. Clara Zetkin mobilisierte über die Sozialdemokratie, Marie Juchacz über die Arbeiterwohlfahrt, Helene Lange über die bürgerliche Frauenbewegung.
Dann kam der November 1918. Der Kaiser dankte ab, der Rat der Volksbeauftragten übernahm die Regierung — und am 30. November verkündete er das allgemeine, gleiche, geheime Wahlrecht für alle Bürger ab 20 Jahren. Für Frauen und Männer.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1848 | Erste Forderungen bei der Märzrevolution — erfolglos |
| 1865 | Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins |
| 1908 | Reichsvereinsgesetz: Frauen dürfen Parteien beitreten |
| 1918 | 30. November — Aktives und passives Wahlrecht eingeführt |
| 1919 | 19. Januar — Erste Wahl mit Frauenbeteiligung, 37 Parlamentarierinnen |
| 1949 | Grundgesetz Art. 3: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ |
| 1994 | Grundgesetzänderung: Staat fördert aktiv die Gleichberechtigung |
„Meine Herren und Damen!“
Am 19. Februar 1919 sprach Marie Juchacz als erste Frau in einem deutschen Parlament. Ihre Anrede „Meine Herren und Damen!“ war kein Versehen — sie stellte die Herren bewusst voran, weil es das Protokoll verlangte. Das Neue war das Wort „Damen“. Es hatte in diesem Saal noch nie jemand gebraucht. Die Abgeordneten lachten. Juchacz blieb ruhig und hielt ihre Rede.
37 Frauen saßen in der Weimarer Nationalversammlung — 9,6 % der Abgeordneten. Gemessen an der Tatsache, dass Frauen wenige Wochen zuvor noch nicht einmal wählen durften, war das bemerkenswert.
Frauenanteil im Bundestag — langsamer Anstieg
Nach dem anfänglichen Schub der Weimarer Republik sank der Frauenanteil in der jungen Bundesrepublik wieder auf unter 10 %. Erst ab den 1980er-Jahren, mit dem Einzug der Grünen und der Einführung von Quotenregelungen bei mehreren Parteien, stieg er merklich an.
Im 21. Bundestag (gewählt 2025) liegt der Frauenanteil bei rund 35 %. Das ist historisch hoch, aber weit entfernt von Parität. Die Unterschiede zwischen den Parteien sind dabei enorm: Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke haben traditionell den höchsten Frauenanteil, die AfD den niedrigsten.
Das Brandenburg-Urteil 2020: Wenn Parität gegen Wahlfreiheit stößt
Für kurze Zeit sah es so aus, als würde Deutschland einen Quantensprung in Richtung Parität machen. Im Jahr 2019 beschloss der Brandenburgische Landtag das Paritätsgesetz: Parteien müssen ihre Landeslisten abwechselnd mit Frauen und Männern besetzen, 1:1. Ein Novum in der deutschen Geschichte. Einige andere Länder überlegten, das Modell zu übernehmen.
Am 23. Oktober 2020 entschied das Verfassungsgericht des Landes Brandenburg: Das Gesetz ist verfassungswidrig. Die Richter sahen die Grundsatznorm verletzt, nach der die innere Ordnung einer Partei den demokratischen Grundsätzen entsprechen muss — dazu gehöre auch, dass die Partei ihre Kandidaten frei wählt. Ein gesetzlicher Zwang zur Reihung nach Geschlecht greife in die Parteiautonomie ein. Thüringen hatte kurz vor Brandenburg ein ähnliches Gesetz verabschiedet; nach dem Brandenburgischen Urteil wurde es dort ausgesetzt und 2021 ebenfalls gekippt.
Warum der Frauenanteil im Bundestag trotzdem stieg
Paritätsgesetze scheiterten vor Gericht — aber Parteien können Quoten intern einführen. Die Grünen haben seit 1979 ein verbindliches Quorum (mindestens 50% Frauen auf ihrer Liste). Die SPD hat seit 1988 eine Frauenquote von 40% für Parteiämter und Kandidaturen. Die Linke hat eine Gleichstellungsregel. Das Ergebnis: Diese Parteien haben deutlich mehr Frauen im Bundestag als CDU/CSU oder FDP, die bis 2025 keine verbindlichen Quoten hatten. Die CDU diskutierte nach ihrer historischen 2021-Niederlage, ob Quoten die Ursache für das bessere Abschneiden von SPD und Grünen bei Frauen-Zielgruppen waren — eine Debatte, die intern bis heute weitergeht.
Und anderswo?
Deutschland war 1918 früh dran — aber nicht am frühesten. Neuseeland führte das Frauenwahlrecht bereits 1893 ein, Finnland 1906. Die Schweiz ließ sich bis 1971 Zeit. Im Kanton Appenzell Innerrhoden mussten Frauen sogar bis 1990 warten — dann zwang das Bundesgericht die Männer zur Zustimmung.
Heute haben Frauen in fast allen Ländern der Welt das Wahlrecht. Der Frauenanteil in Parlamenten variiert allerdings zwischen über 60 % (Ruanda) und unter 5 % in einigen Staaten. Deutschland liegt im europäischen Mittelfeld.
Internationaler Vergleich: Wann führten andere Länder das Frauenwahlrecht ein?
Neuseeland war 1893 weltweit erstes Land mit Frauenwahlrecht, Australien folgte 1902. Finnland war 1906 das erste europäische Land. Deutschland und Österreich führten es 1918 ein, Großbritannien 1928 vollständig. Die Schweiz ließ sich bis 1971 Zeit — und der Kanton Appenzell Innerrhoden musste erst 1990 durch ein Bundesgerichtsurteil zur Gleichstellung gezwungen werden. Frankreich folgte 1944, Italien 1945. In Saudi-Arabien dürfen Frauen erst seit 2015 an Kommunalwahlen teilnehmen.
Häufige Fragen
Seit wann gibt es das Frauenwahlrecht in Deutschland?
Seit dem 30. November 1918. Bei der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 konnten Frauen erstmals wählen und gewählt werden.
Wie hoch ist der Frauenanteil im Bundestag?
Im 21. Deutschen Bundestag (gewählt 2025) liegt er bei rund 35 %. Paritätisch besetzt ist das Parlament nicht.
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