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Politiker in Nahaufnahme im Flur des Bundestags in Berlin

Dienstag nach der Wahl — Was passiert nach der Bundestagswahl?

Sonntag 18:01 Uhr, die ersten Hochrechnungen laufen. Montag: Parteigremien tagen, Gesichter sind betroffen oder strahlend. Und dann? Am Dienstag nach der Wahl beginnt das, was im Grundgesetz kein einziges Mal vorkommt — und trotzdem über die nächsten vier Jahre entscheidet: die Sondierungsgespräche.

Kein Gesetz schreibt vor, wer mit wem redet. Keine Frist zwingt zur Eile. Der einzige formale Rahmen: Der neue Bundestag muss spätestens 30 Tage nach der Wahl zu seiner konstituierenden Sitzung zusammentreten.

Der Weg von der Wahl zur Regierung

Phase Dauer (typisch) Was passiert?
Wahltag (Sonntag) Ab 18:00 Uhr Auszählung, Hochrechnungen, vorläufiges Ergebnis
Analyse (Montag) 1 Tag Gremiensitzungen, erste Signale
Sondierung 1–4 Wochen Ausloten möglicher Koalitionen
Koalitionsverhandlungen 2–8 Wochen Koalitionsvertrag aushandeln
Kanzlerwahl 1 Tag Bundestag wählt den Bundeskanzler
Abgeordnete eilen durch den Flur des Bundestags zu einer Sitzung
Hektische Tage: Die Weichen für vier Jahre Regierungspolitik werden in wenigen Wochen gestellt.

6 Wochen oder 5 Monate?

Die Spannbreite ist enorm. Nach der Wahl 2017 brauchte Deutschland über fünf Monate bis zur Regierungsbildung — die Jamaika-Sondierungen scheiterten, die GroKo musste über SPD-Mitgliederentscheid abgesichert werden. Nach der Wahl 2025 ging es in etwa sechs Wochen — die Mehrheitsverhältnisse waren klarer, CDU/CSU und SPD fanden schnell zusammen.

Während der Verhandlungen bleibt die alte Regierung geschäftsführend im Amt. Sie darf keine großen neuen Vorhaben starten, aber die laufenden Geschäfte weiterführen. Ein Zustand, den manche als demokratische Schwachstelle kritisieren — andere als nötige Sorgfalt bei der Regierungsbildung verteidigen.

19. November 2017, 23:23 Uhr: Lindner verlässt Jamaika

Nach der Bundestagswahl am 24. September 2017 versuchten CDU/CSU, FDP und Grüne erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine sogenannte Jamaika-Koalition zu bilden. Die Verhandlungen dauerten 32 Tage. Um 23:23 Uhr am 19. November 2017 verließ FDP-Chef Christian Lindner plötzlich die Verhandlungen und erklärte vor Kameras: „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren.“ Die Jamaika-Verhandlungen waren gescheitert. Deutschland stand ohne absehbare Regierung da.

Was folgte, war parlamentarisches Neuland: Bundespräsident Steinmeier versuchte alle Parteien zu Verantwortungsbewusstsein zu mahnen. Die SPD, die nach ihrer Wahlniederlage (­20,5 %) eine GroKo kategorisch ausgeschlossen hatte, änderte ihre Haltung. Am 21. Januar 2018 stimmten 66,02 % der SPD-Mitglieder in einem Mitgliedervotum für die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen — 566.000 von 464.000 Mitgliedern. Am 14. März 2018 wurde Angela Merkel zur Kanzlerin gewählt: 171 Tage nach der Wahl — Rekord in der Geschichte der Bundesrepublik. Lindners Satz wurde zum geflügelten Wort — und zur Blaupause dafür, wie ein Satz um 23 Uhr vier Monate Regierungslosigkeit auslösen kann.

2000: Das Lobbying-Register – 20 Jahre später kommt Transparenz

Lobbyismus ist so alt wie der Bundestag. Jahrzehntelang war er unsichtbar: Interessenverbände, Unternehmen und NGOs beeinflussten Gesetzgebung ohne jede Registrierungspflicht. 2021 führte der Bundestag das Lobbyregister ein: Wer politisch Einfluss nehmen will, muss sich registrieren. Kritiker nannten es zahnlos – es deckt nicht alle Kontakte ab. Erst 2023 wurde das Register schärfer: Auch informelle Treffen müssen dokumentiert werden. Deutschland hinkte damit Frankreich, Österreich und der EU-Transparenzinitiative hinterher. Das Register ist ein Anfang – kein Ende des Lobbyismus. Aber Transparenz beginnt mit Sichtbarkeit.

Häufige Fragen

Steht im Grundgesetz, wer mit wem koalieren muss?

Nein. Die Koalitionsbildung ist politische Praxis, nicht verfassungsrechtlich geregelt. Das Grundgesetz kennt nur die Kanzlerwahl durch den Bundestag — wie die Mehrheit dafür zustande kommt, bleibt den Parteien überlassen.

Was passiert, wenn keine Koalition zustande kommt?

Im äußersten Fall kann der Bundespräsident einen Minderheitskanzler ernennen oder den Bundestag auflösen und Neuwahlen ausrufen. Beides ist in der Bundesrepublik noch nie vorgekommen.

Mehr dazu: Große Koalition · Forsa · Erststimme und Zweitstimme
SonntagsfrageCDU/CSU25,7%SPD12,3%Grüne13,7%AfD25,7%BSW3,5%FDP3,3%Linke10,2%INSA · 08.04.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%FAZ Politik Ungarns Nähe zu Moskau: Und Orbán versprach Putin: Ich bin Dir zu DienstenFAZ Politik Elsass will mehr Rechte: Autonomie in Straßburg und ParisWelt Politik „Wir brauchen Planungssicherheit in der Reserve“Spiegel Politik News des Tages: Mario Adorf, der Zauberer. Donald Trumps Ultimatum.Welt Politik Flasche mit Aufschrift „Polonium“ bei Ostereiersuche gefunden – Ergebnis steht festSpiegel Politik Boris Pistorius: Kommunikationsdesaster und die Frage nach seiner TauglichkeitTagesschau Ankündigung von Merz: Deutschland will wieder Gespräche mit Iran aufnehmenFAZ Politik In Tschechien: Langjähriger Rechtsextremist Liebich gefasstWelt Politik Trump erhöht den Druck auf Europa – und fordert laut Bericht konkrete Zusagen einZDF heute Europas KI-AufholjagdSpiegel Politik München: Nach Tod von Surferin wächst Streit um Risiko am EisbachTagesschau Ein Jahr Koalitionsvertrag: Von Liebe, Brücken und Reformen
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