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Staatsempfang vor dem Bundestag in Berlin mit Limousinen und Sicherheitskräften

Bundeskanzler — Amt, Aufgaben und Wahl

Konrad Adenauer regierte 14 Jahre. Helmut Kohl 16. Angela Merkel ebenfalls 16. Und Olaf Scholz? Drei Jahre und zwei Monate. Die Geschichte der deutschen Bundeskanzler ist eine Geschichte extremer Unterschiede — im Stil, in der Amtsdauer, in der Wirkung. Eines haben alle zehn bisherigen Amtsinhaber gemeinsam: Sie besetzten das mächtigste politische Amt der Bundesrepublik.

Der Bundeskanzler ist der Regierungschef. Nicht das Staatsoberhaupt — das ist der Bundespräsident — aber derjenige, der die Politik tatsächlich gestaltet. Das Grundgesetz gibt dem Kanzler dafür ein mächtiges Werkzeug: die Richtlinienkompetenz.

Der Weg ins Kanzleramt

Was viele nicht wissen: Den Bundeskanzler wählt nicht das Volk, sondern der Bundestag. Das Verfahren nach Artikel 63 GG hat drei Stufen, von denen bisher nur die erste je gebraucht wurde:

Stufe 1: Der Bundespräsident schlägt einen Kandidaten vor. Der Bundestag stimmt ohne Aussprache ab. Absolute Mehrheit = gewählt.

Stufe 2: Scheitert der Vorschlag, hat der Bundestag 14 Tage Zeit, mit absoluter Mehrheit einen eigenen Kandidaten zu wählen.

Stufe 3: Klappt auch das nicht, genügt im nächsten Wahlgang die relative Mehrheit. Der Bundespräsident kann dann ernennen — oder den Bundestag auflösen. Dieser Fall ist in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie eingetreten.

Was der Kanzler darf — und was nicht

Kompetenz Beschreibung Rechtsgrundlage
Richtlinienkompetenz Bestimmt die Grundlinien der Regierungspolitik Art. 65 GG
Kabinettsbildung Schlägt Minister zur Ernennung und Entlassung vor Art. 64 GG
Organisationsgewalt Bestimmt Zahl und Zuschnitt der Ministerien Art. 65 GG
Vertrauensfrage Kann die Vertrauensfrage im Bundestag stellen Art. 68 GG
Oberbefehl Befehls- und Kommandogewalt über die Streitkräfte im Verteidigungsfall Art. 115b GG
Limousinen im Regierungsviertel Berlin bei einem Staatsempfang
Das Regierungsviertel in Berlin — hier sitzt die Exekutive.

Alle Bundeskanzler auf einen Blick

Nr. Name Partei Amtszeit
1Konrad AdenauerCDU1949–1963
2Ludwig ErhardCDU1963–1966
3Kurt Georg KiesingerCDU1966–1969
4Willy BrandtSPD1969–1974
5Helmut SchmidtSPD1974–1982
6Helmut KohlCDU1982–1998
7Gerhard SchröderSPD1998–2005
8Angela MerkelCDU2005–2021
9Olaf ScholzSPD2021–2025
10Friedrich MerzCDUseit 2025

Ein Muster fällt auf: Sieben von zehn Kanzlern kamen aus der CDU, drei aus der SPD. Keine andere Partei hat je den Regierungschef gestellt. Und noch eine Zahl: Die durchschnittliche Amtszeit beträgt knapp acht Jahre — wer einmal drin ist, bleibt oft lange.

Wählerinnen und Wähler im Wahllokal bei der Stimmabgabe — Demokratie in Deutschland
Im Wahllokal: Bürgerinnen und Bürger geben ihre Stimme ab.

Das Sicherheitsnetz: Konstruktives Misstrauensvotum

Die Väter des Grundgesetzes hatten ein Trauma: die Instabilität der Weimarer Republik. Deshalb erfanden sie das konstruktive Misstrauensvotum (Art. 67 GG): Der Bundestag kann den Kanzler nur stürzen, wenn er gleichzeitig einen Nachfolger wählt. Keine destruktive Mehrheit, kein Machtvakuum.

Nur zweimal wurde es versucht: 1972 gegen Willy Brandt (gescheitert) und 1982 gegen Helmut Schmidt (erfolgreich — Nachfolger Helmut Kohl). Das ist bemerkenswert wenig für über 75 Jahre Bundesrepublik.

1. Oktober 1982: Das einzige erfolgreiche Misstrauensvotum — und ein FDP-Verrat, der Geschichte schrieb

Am 1. Oktober 1982 stimmte der Bundestag mit 256 zu 235 Stimmen für das konstruktive Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt — und wählte gleichzeitig Helmut Kohl (CDU) zum neuen Bundeskanzler. Das Besondere: Es war das erste und bis heute einzige erfolgreiche konstruktive Misstrauensvotum in der Geschichte der Bundesrepublik. Möglich wurde es durch einen Koalitionsbruch: Die FDP — seit 1969 Koalitionspartner der SPD — wechselte die Seiten und stimmte gemeinsam mit der CDU/CSU für Kohl. Wirtschaftsminister Lambsdorff hatte kurz zuvor ein Papier geleakt, das ein wirtschaftsliberales Programm enthielt, das mit der SPD unvereinbar war — von Kritikern als bewusstes "Scheidungspapier" bezeichnet. Schmidt weigerte sich zunächst zurückzutreten und verlangte Neuwahlen, die er für legitimer hielt als den parlamentarischen Seitenwechsel. Kohl regierte 16 Jahre — und gewann die darauf folgenden Wahlen 1983 mit 48,8 Prozent. Der FDP-Schwenk von 1982 blieb das kontroverseste Manöver einer deutschen Partei bis zur Ampel-Krise 2024.

Amtsdauer-Rekorde: Wer regierte am längsten – und warum Stabilität zum System gehört

Drei Kanzler dominierten die Geschichte der Bundesrepublik durch außergewöhnliche Amtszeiten: Konrad Adenauer regierte 14 Jahre (1949–1963) und formte den Weststaat aus dem Nichts. Helmut Kohl hält mit 16 Jahren (1982–1998) den Rekord — er erlebte die Wiedervereinigung und den Euro. Angela Merkel regierte ebenfalls 16 Jahre (2005–2021) — die längste Amtszeit einer Frau als Regierungschefin in Europa. Olaf Scholz dagegen scheiterte nach nur drei Jahren an der Ampelkoalition. Das Grundgesetz kennt keine Amtszeitbegrenzung: Wer das Vertrauen des Bundestages behält, kann unbegrenzt regieren. Art. 63 GG regelt die Wahl durch den Bundestag, Art. 67 GG das konstruktive Misstrauensvotum als einziges legales Abwahlwerkzeug. Zum Misstrauensvotum →

Häufige Fragen

Wählt das Volk den Bundeskanzler direkt?

Nein. Der Bundeskanzler wird vom Bundestag auf Vorschlag des Bundespräsidenten mit absoluter Mehrheit gewählt. Eine direkte Volkswahl findet nicht statt.

Was bedeutet Richtlinienkompetenz?

Die Richtlinienkompetenz (Art. 65 GG) gibt dem Bundeskanzler das Recht, die Grundlinien der Regierungspolitik verbindlich festzulegen. Die Minister leiten ihren Bereich innerhalb dieser Richtlinien eigenverantwortlich.

Wie viele Bundeskanzler gab es bisher?

Von Konrad Adenauer (1949) bis Friedrich Merz (2025) gab es neun Bundeskanzler: Adenauer, Erhard, Kiesinger, Brandt, Schmidt, Kohl, Schröder, Merkel und Merz. Angela Merkel regierte als erste Frau im Amt — 16 Jahre, von 2005 bis 2021.

Kann der Bundeskanzler vom Volk abgewählt werden?

Nicht direkt. Das Grundgesetz kennt das konstruktive Misstrauensvotum: Der Bundestag kann den Kanzler nur abwählen, wenn er gleichzeitig einen Nachfolger mit absoluter Mehrheit wählt. Das schützt vor instabilen Verhältnissen wie in der Weimarer Republik.

Wer war der längste Bundeskanzler Deutschlands?

Helmut Kohl (CDU) war von 1982 bis 1998 — 16 Jahre — Bundeskanzler und damit der am längsten amtierende Kanzler der Bundesrepublik. An zweiter Stelle steht Konrad Adenauer mit 14 Jahren (1949–1963).

Folge Q12: Kanzlerwahl erklärt — wie jemand Bundeskanzler wird · Alle Videos →
SonntagsfrageCDU/CSU25,3%SPD13,3%Grüne14,0%AfD25,7%BSW3,5%FDP3,0%Linke10,3%INSA · 11.04.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%Welt Politik „Es werden Steuergelder mobilisiert, die man woanders besser gebrauchen könnte“FAZ Politik Migration und Gewalt: Den inneren Frieden sichernFAZ Politik Merz und die Erwartungen: Eine Koalition der blanken NervenWelt Politik „Anders als Ursula von der Leyen kann man Orbán abwählen“FAZ Politik Nach Belästigungsvorwürfen: Mansoori entlässt seinen engsten politischen VertrautenSpiegel Politik AfD: Rüdiger Lucassen zum Rückzug gedrängtTagesschau Verteidigungspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion zurückgetretenWelt Politik „Ungarns Platz ist in Europa“ – Warum Russland für den neuen Premier dennoch wichtig bleibtTagesschau "Soziale Schieflage": Deutliche Kritik an Entlastungsplänen der KoalitionSpiegel Politik Friedrich Merz und Katherina Reiche: Machtkampf in der Energiepreis-KriseSpiegel Politik Mecklenburg-Vorpommern: Die AfD ist nicht zu stoppen? Das glaubt nicht mal die AfD

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