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Politische Nachrichten im Fernsehen

90 Prozent Macht, null Opposition

Die Zahlen der ersten GroKo

  • Zeitraum: 1. Dezember 1966 – 21. Oktober 1969
  • Regierung: 447 von 496 Sitzen (90,1 %)
  • Opposition: FDP mit 49 Sitzen (9,9 %)
  • Kanzler: Kiesinger (CDU) — früheres NSDAP-Mitglied
  • Vizekanzler: Willy Brandt (SPD) — Emigrant, Widerstandskämpfer

447 gegen 49. So sah das Machtverhältnis im Bundestag aus, als CDU/CSU und SPD am 1. Dezember 1966 die erste Große Koalition bildeten. Die FDP, einzige Opposition, saß auf einer Bank, die man hätte zählen können. Rein rechnerisch kontrollierte die Regierung über 90 % des Parlaments. Sie hätte jede Grundgesetzänderung durchdrücken können — und genau das tat sie.

Die GroKo entstand nicht aus Stärke, sondern aus einer Krise. Ludwig Erhard, der „Vater des Wirtschaftswunders“, war als Kanzler gescheitert. Die erste echte Rezession der Bundesrepublik traf ihn unvorbereitet. Die FDP verließ die Regierung am 27. Oktober 1966. Statt Neuwahlen auszurufen, fanden sich CDU/CSU und SPD zusammen — ein Bündnis, das niemand gewollt hatte, aber alle für nötig hielten.

Warum sie so umstritten war

Es war nicht die Effizienz, die Kritiker auf die Barrikaden trieb — es war die Frage: Wer kontrolliert eine Regierung, die 90 % des Parlaments kontrolliert? Die Antwort war: niemand. Die FDP mit 49 Sitzen konnte keinen einzigen Untersuchungsausschuss erzwingen. Keine Anfrage konnte die Regierung wirklich unter Druck setzen.

Für Studenten, Intellektuelle und Bürgerrechtler war die Lage unerträglich. Wenn das Parlament keine Opposition hat, muss die Opposition auf die Straße. So entstand die APO — die Außerparlamentarische Opposition. Sie wurde zum Kern der 68er-Bewegung und veränderte die politische Kultur der Bundesrepublik nachhaltiger als jede Koalition es je tat.

Ein pikantes Detail machte die Sache noch brisanter: Kanzler Kurt Georg Kiesinger war 1933 in die NSDAP eingetreten und hatte während des Krieges in der Rundfunkpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes gearbeitet. Sein Vizekanzler Willy Brandt war vor den Nazis ins Exil geflohen und hatte im Widerstand gekämpft. Dass diese beiden Biografien am selben Kabinettstisch saßen, war für die 68er ein Symbol für die unaufgearbeitete NS-Vergangenheit der Bundesrepublik.

Was die GroKo durchsetzte

Die Notstandsgesetze — das Projekt, das eine Große Koalition brauchte. Seit den 1950er-Jahren hatten alle Regierungen versucht, Notstandsbestimmungen ins Grundgesetz einzufügen. Es fehlte immer die Zweidrittelmehrheit. Am 30. Mai 1968 verabschiedete die Große Koalition die Gesetze — während draußen Zehntausende demonstrierten.

Dazu kamen das Stabilitätsgesetz von Karl Schiller (SPD) — erstmals wurde der Staat auf wirtschaftspolitische Ziele verpflichtet — und die Finanzverfassungsreform, die den Länderfinanzausgleich neu regelte. Reformen, die bis heute nachwirken.

Nachrichten über Politik in der Hotellobby
Die Große Koalition 1966 war hocheffizient — und provozierte die größten Proteste der Nachkriegszeit.

7. November 1968: Die Ohrfeige

Es war der dramatischste Moment der Großen Koalition — und er dauerte Sekunden. Am 7. November 1968 betrat die 29-jährige Beate Klarsfeld den CDU-Bundesparteitag in West-Berlin, trat direkt auf Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger zu und gab ihm eine Ohrfeige. „Nazi, Nazi!“ rief sie, bevor sie von Sicherheitskräften abgeführt wurde.

Klarsfeld hatte seit Monaten Kiesingers NSDAP-Mitgliedschaft und seine Rolle in der Rundfunkpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amts öffentlich gemacht. Ihr Brief an US-Präsident Johnson, in dem sie Kiesinger als Nazi bezeichnete, war ignoriert worden. Interviews interessierten niemanden. Also wählte sie die direkte Konfrontation. Sie wurde wegen einfacher Körperverletzung zu vier Monaten Gefängnis verurteilt — auf Bewährung.

Die Ohrfeige als politisches Symbol

Klarsfelds Aktion wurde zum Bild der Epoche. Sie stand für die 68er-Forderung, dass die NS-Vergangenheit der Älteren nicht durch Schweigen überwunden, sondern durch explizite Konfrontation aufgearbeitet werden müsse. Kiesinger selbst reagierte würdevoll — er kommentierte die Attacke nicht öffentlich.

Dass Kiesinger (NSDAP-Mitglied, Propagandaarbeit) und Brandt (Exil, Widerstand) gleichzeitig an der Spitze Deutschlands standen, war für die 68er kein Zufall, sondern ein Symptom. Die Große Koalition, die Deutschland regierte, hatte den NS in ihren eigenen Reihen noch nicht aufgearbeitet — und diskutierte gleichzeitig Notstandsgesetze. Klarsfeld schlug ihnen buchstäblich ins Gesicht.

Beate Klarsfeld später: „Ich habe eine Ohrfeige gegeben. Die Deutschen haben diesen Mann zum Kanzler gemacht.“

Das Ende — und was folgte

Am 28. September 1969 wählte Deutschland. Die CDU/CSU wurde mit 46,1 % stärkste Kraft. Aber Willy Brandt bildete mit der FDP eine sozialliberale Koalition — der erste echte Machtwechsel der Bundesrepublik. Die GroKo hatte ihr eigenes Ende geboren: Ohne die APO, ohne die Politisierung einer ganzen Generation, wäre der Machtwechsel 1969 kaum denkbar gewesen.

Seitdem gilt in Deutschland: Große Koalitionen sind Notlösungen, keine Normalität. Dass unter Angela Merkel drei von vier Legislaturperioden als GroKo regiert wurden, empfanden viele als demokratiepolitisches Problem. Die Lehre von 1966 war eigentlich klar: Wo keine Opposition ist, sucht sie sich ihren Weg — auf der Straße.

Kiesinger, Brandt, ein Kabinett — und die APO als ungewollte Oppositionspartei

Am 1. Dezember 1966 wurde Kurt Georg Kiesinger (CDU) mit 340 von 447 Stimmen zum Kanzler gewählt. Er ernannte Willy Brandt (SPD) zum Außenminister. CDU/CSU und SPD hatten zusammen 447 von 496 Bundestags-Sitzen — die FDP war mit 49 Sitzen die einzige formale Opposition. Im Plenarsaal sahen 49 FDP-Abgeordnete einer Koalition gegenüber, die beinahe das gesamte Spektrum abdeckte. Innerhalb von Monaten entstand außerhalb des Parlaments, was es drinnen nicht gab: die Außerparlamentarische Opposition (APO). Studenten, Intellektuelle, Schriftsteller — alle, die sich von keiner Partei vertreten fühlten, protestierten auf der Straße. Der Lerneffekt für die Demokratie: Wenn das Parlament keine echte Opposition mehr enthält, entsteht sie anderswo. Drei Jahre später gründeten Teile der APO-Generation die Grünen, Rückgrat der nächsten parlamentarischen Oppositionskraft.

1982: Das konstruktive Misstrauensvotum – wie Helmut Kohl Bundeskanzler wurde ohne Wahl

Am 1. Oktober 1982 wurde Helmut Schmidt durch das konstruktive Misstrauensvotum gestürzt: 256 Ja-Stimmen für Helmut Kohl als neuen Kanzler. Die FDP wechselte die Koalition mitten in der Legislaturperiode. Schmidt nannte es "Verrat". Kohl regierte ohne Volksmandat. Er stellte die Vertrauensfrage, verlor absichtlich, löste den Bundestag auf. Neuwahlen im März 1983: Kohl gewann 48,8 Prozent. Das konstruktive Misstrauensvotum hat Deutschland stabilere Regierungen beschert als jedem anderen europäischen Land.

Häufige Fragen zur Großen Koalition 1966

Wann gab es die erste Große Koalition?

Die erste Große Koalition auf Bundesebene bestand von Dezember 1966 bis Oktober 1969 unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) und Vizekanzler Willy Brandt (SPD). Sie verfügte über 447 von 496 Sitzen im Bundestag.

Warum kam es 1966 zur Großen Koalition?

Die Koalition aus CDU/CSU und FDP unter Ludwig Erhard zerbrach im Oktober 1966 an Haushaltsstreitigkeiten. Die FDP verließ die Regierung. Statt Neuwahlen bildeten CDU/CSU und SPD eine Große Koalition.

Was war die Folge der Großen Koalition 1966?

Da im Bundestag nur die kleine FDP als Opposition übrig blieb, entstand die Außerparlamentarische Opposition (APO). Die 68er-Bewegung war eine direkte Folge und veränderte die politische Kultur der Bundesrepublik nachhaltig.

Mehr dazu: 5%-Hürde · INSA · Briefwahl · Deutsche Wahlgeschichte
SonntagsfrageCDU/CSU25,7%SPD12,3%Grüne13,7%AfD25,7%BSW3,5%FDP3,3%Linke10,2%INSA · 08.04.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%FAZ Politik Liveblog Ukrainekrieg: Selenskyj stimmt Putins Feuerpause zuFAZ Politik Deutschland-Liveblog: Verteidigungsministerium:  Genehmigungspflicht für Auslandsreisen entfälltFAZ Politik Liveblog Irankrieg: USA wollen Gespräche zwischen Israel und dem Libanon ausrichtenZDF heute Vorschau "maybrit illner" 9. April 2026Welt Politik Putin kündigt Feuerpause in der Ukraine während orthodoxer Ostertage anWelt Politik „Die Lügen müssen ein Ende haben“ – Melania Trump bestreitet Verbindungen zu EpsteinWelt Politik Martin Sellner hält Migrationsvortrag in Straßenbahn – Unternehmen ist „schockiert“Spiegel Politik USA, Donald Trump und Marco Rubio: Warum Standorte wie Ramstein entscheidend sindSpiegel Politik Buchenwald: Gericht bestätigt Verbot für »Kufiyas in Buchenwald«Spiegel Politik NRW-Ministerin Ina Scharrenbach: Vorwürfe von Machtmissbrauch bleiben interne SacheTagesschau Untergetauchte Rechtsextremistin Liebich in Tschechien gefasstTagesschau Ankündigung von Merz: Deutschland will wieder Gespräche mit Iran aufnehmenZDF heute Europas KI-Aufholjagd
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