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Bundestagspräsident — das zweithöchste Staatsamt Deutschlands

Der Bundestagspräsident — Hüter der parlamentarischen Ordnung

Key-Facts: Bundestagspräsident

  • Staatsamt: Protokollarisch zweithöchstes Amt nach dem Bundespräsidenten
  • Wahl: Durch die Abgeordneten in der konstituierenden Sitzung
  • Tradition: Kandidat der stärksten Fraktion wird vorgeschlagen
  • Stellvertreter: Jede Fraktion stellt einen Vizepräsidenten
  • Hausrecht: Vollständiges Hausrecht über alle Bundestagsgebäude
  • Amtsinhaber seit 2025: Julia Klöckner (CDU/CSU)

Der Bundestagspräsident ist weit mehr als ein Sitzungsleiter. Er oder sie bekleidet das zweithöchste Staatsamt der Bundesrepublik Deutschland — protokollarisch noch vor dem Bundeskanzler. Das Amt vereint repräsentative, organisatorische und disziplinarische Aufgaben und ist ein Eckpfeiler der parlamentarischen Demokratie.

In diesem Ratgeber erklären wir, wie der Bundestagspräsident gewählt wird, welche Befugnisse das Amt mit sich bringt und wer dieses Amt seit Gründung der Bundesrepublik bekleidet hat.

Aufgaben des Bundestagspräsidenten

Die Aufgaben des Bundestagspräsidenten lassen sich in vier Bereiche gliedern:

1. Leitung der Sitzungen

Die sichtbarste Aufgabe: Der Bundestagspräsident leitet die Plenarsitzungen, erteilt das Wort, überwacht die Einhaltung der Redezeiten und sorgt für einen geordneten Ablauf der Debatten. Bei hitzigen Debatten greift er oder sie ein, mahnt zur Ordnung oder erteilt Ordnungsrufe.

2. Repräsentation des Parlaments

Der Bundestagspräsident vertritt den gesamten Bundestag nach außen. Das umfasst Staatsempfänge, Treffen mit ausländischen Parlamentspräsidenten und offizielle Reden bei Gedenktagen. Bei Abwesenheit des Bundespräsidenten übernimmt der Bundestagspräsident dessen Aufgaben.

3. Verwaltung und Organisation

Der Bundestagspräsident leitet die Bundestagsverwaltung mit rund 3.000 Mitarbeitern. Er ist oberster Dienstherr aller Beamten und Angestellten des Bundestags und verantwortlich für den Haushalt des Parlaments.

4. Hausrecht und Polizeigewalt

Eine besonders weitreichende Befugnis: Der Bundestagspräsident übt das Hausrecht und die Polizeigewalt in allen Gebäuden des Bundestags aus (Art. 40 Abs. 2 GG). Ohne seine Genehmigung darf keine Durchsuchung oder Beschlagnahme in den Räumen des Bundestags stattfinden — nicht einmal durch die Polizei.

Wahl des Bundestagspräsidenten

Die Wahl findet in der konstituierenden Sitzung des neu gewählten Bundestags statt — also in der allerersten Sitzung nach einer Bundestagswahl. Der Ablauf:

  1. Die stärkste Fraktion schlägt einen Kandidaten vor (parlamentarische Tradition, nicht gesetzlich vorgeschrieben).
  2. Andere Fraktionen können Gegenkandidaten aufstellen.
  3. Gewählt ist, wer die absolute Mehrheit der Stimmen erhält (Mehrheit aller Mitglieder des Bundestags).
  4. Erreicht kein Kandidat die Mehrheit, gibt es weitere Wahlgänge.

In der Praxis wird der Vorschlag der stärksten Fraktion fast immer angenommen. Dennoch gab es Ausnahmen: 2017 sorgte die Frage, ob die AfD als größte Oppositionsfraktion einen Vizepräsidenten stellen darf, für langwierige Debatten.

Rednerpult im Bundestag — hier leitet der Präsident die Debatten
Der Bundestagspräsident leitet vom Präsidium aus die Debatten im Plenum.

Alle Bundestagspräsidenten seit 1949

Nr.NameParteiAmtszeitDauer
1Erich KöhlerCDU1949–19501 Jahr
2Hermann EhlersCDU1950–19544 Jahre
3Eugen GerstenmaierCDU1954–196915 Jahre
4Kai-Uwe von HasselCDU1969–19723 Jahre
5Annemarie RengerSPD1972–19764 Jahre
6Karl CarstensCDU1976–19793 Jahre
7Richard StücklenCSU1979–19834 Jahre
8Rainer BarzelCDU1983–19841 Jahr
9Philipp JenningerCDU1984–19884 Jahre
10Rita SüssmuthCDU1988–199810 Jahre
11Wolfgang ThierseSPD1998–20057 Jahre
12Norbert LammertCDU2005–201712 Jahre
13Wolfgang SchäubleCDU2017–20214 Jahre
14Bärbel BasSPD2021–20254 Jahre

Auffällig: Von 14 Bundestagspräsidenten stellte die CDU/CSU elf, die SPD drei. Annemarie Renger (1972) war die erste Frau in diesem Amt. Rita Süssmuth und Bärbel Bas folgten. Der am längsten amtierende Bundestagspräsident war Eugen Gerstenmaier mit 15 Jahren.

Zweites Amt im Staat — die protokollarische Rangfolge

Viele Bürger vermuten, der Bundeskanzler sei nach dem Bundespräsidenten die Nummer zwei im Staat. Das stimmt nicht. Die protokollarische Rangfolge der höchsten Staatsämter lautet:

  1. Bundespräsident — Staatsoberhaupt (Art. 54 GG)
  2. Bundestagspräsident — Höchster Repräsentant der Legislative (Art. 40 GG)
  3. Bundesratspräsident — Vertreter der Länderkammer (Art. 52 GG)
  4. Bundeskanzler — Regierungschef (Art. 63 GG)
  5. Präsident des Bundesverfassungsgerichts — Hüter der Verfassung

Diese Reihenfolge hat praktische Konsequenzen: Ist der Bundespräsident verhindert oder vakant, übernimmt gemäß Art. 57 GG der Bundesratspräsident dessen Befugnisse — nicht der Bundestagspräsident und nicht der Kanzler. Die protokollarische und die verfassungsrechtliche Vertretungsreihenfolge sind also nicht identisch.

Prägende Amtsinhaber und ihre Besonderheiten

Hinter der nüchternen Tabelle verbergen sich Persönlichkeiten, die das Amt auf unterschiedliche Weise geprägt haben:

Eugen Gerstenmaier (1954–1969) war nicht nur der am längsten amtierende Bundestagspräsident, sondern auch einer der einflussreichsten. Als Mitglied des Widerstands gegen den Nationalsozialismus brachte er moralische Autorität mit. Sein Rücktritt 1969 erfolgte nach einer öffentlichen Debatte über seine Entschädigungsansprüche als Verfolgter des NS-Regimes.

Annemarie Renger (1972–1976) brach als erste Frau in der Geschichte der Bundesrepublik in dieses Amt ein. Ihre Wahl war ein Symbol für den gesellschaftlichen Wandel der frühen 1970er Jahre. Sie leitete die Sitzungen mit einer Autorität, die selbst langjährigen Männern im Parlament Respekt abnötigte.

Rita Süssmuth (1988–1998) setzte mit zehn Jahren Amtszeit ebenfalls Akzente. Sie öffnete das Amt für gesellschaftliche Debatten, etwa zur AIDS-Prävention, und geriet dabei gelegentlich in Konflikt mit ihrer eigenen Partei. Ihr Name steht für ein modernes Amtsverständnis, das über die reine Sitzungsleitung hinausgeht.

Norbert Lammert (2005–2017) wurde für seine pointierten Zwischenrufe und seine Fähigkeit bekannt, auch hitzige Debatten mit trockenem Humor zu moderieren. Er scheute sich nicht, auch Abgeordnete der Regierungsfraktionen zur Ordnung zu rufen, und setzte sich vehement für eine Verkleinerung des Bundestags ein.

Wolfgang Schäuble (2017–2021) übernahm das Amt in einer Phase, die durch den erstmaligen Einzug der AfD geprägt war. Er musste häufiger als seine Vorgänger von Ordnungsmaßnahmen Gebrauch machen und stand vor der Herausforderung, die parlamentarische Kultur in einer zunehmend polarisierten Debattenlage zu wahren.

Bärbel Bas (2021–2025) war erst die dritte Frau im Amt. Sie setzte einen Schwerpunkt auf Bürgernähe und Transparenz und führte neue Formate der Öffentlichkeitsarbeit ein, um den Bundestag einem jüngeren Publikum zugänglich zu machen.

Ordnungsmaßnahmen: Was darf der Präsident?

Der Bundestagspräsident verfügt über ein abgestuftes System von Ordnungsmaßnahmen gemäß der Geschäftsordnung:

MaßnahmeAnlassFolge
SachrufAbgeordneter weicht vom Thema abErmahnung, zum Thema zurückzukehren
OrdnungsrufVerstoß gegen parlamentarische OrdnungFormelle Rüge, wird im Protokoll vermerkt
WortentziehungNach drei Ordnungsrufen in einer RedeRedner muss das Pult verlassen
SaalverweisGrobe Verstöße gegen die OrdnungAusschluss für den Rest der Sitzung
SitzungsausschlussWiederholte schwere VerstößeAusschluss für bis zu 30 Sitzungstage

In der 19. und 20. Legislaturperiode nahm die Zahl der Ordnungsrufe deutlich zu. Insbesondere Abgeordnete der AfD erhielten überdurchschnittlich viele Rügen — was zu Debatten über die Neutralität des Amtes führte.

Das Vizepräsidium

Neben dem Bundestagspräsidenten gibt es mehrere Vizepräsidenten. Traditionell stellt jede Fraktion mindestens einen Vizepräsidenten. Sie vertreten den Präsidenten bei der Sitzungsleitung und übernehmen abwechselnd den Vorsitz. Zusammen bilden sie das Präsidium des Bundestags.

Die Wahl der Vizepräsidenten erfolgt ebenfalls mit absoluter Mehrheit. Kommt ein Kandidat nicht durch, kann die Fraktion einen neuen Vorschlag machen. Dieser Mechanismus führte nach 2017 mehrfach zu Kontroversen, als AfD-Kandidaten in mehreren Wahlgängen keine Mehrheit fanden.

Die Rolle in der Krise

In besonderen Situationen wird die Bedeutung des Bundestagspräsidenten besonders sichtbar. Wenn der Bundespräsident verhindert ist oder das Amt vakant wird, übernimmt der Bundestagspräsident gemäß Art. 57 GG die Befugnisse des Bundespräsidenten. Diese Regelung kam bisher selten zum Tragen, zeigt aber die verfassungsrechtliche Bedeutung des Amtes.

Auch bei der Vertrauensfrage und beim Misstrauensvotum spielt der Bundestagspräsident eine zentrale Rolle: Er leitet die Abstimmung und verkündet das Ergebnis, das über den Fortbestand einer Regierung entscheidet.

Quellen und weiterführende Informationen

Ein wenig bekanntes Detail: Der Bundestagspräsident verfügt über das Hausrecht im gesamten Reichstagsgebäude — nicht einmal die Polizei darf ohne seine Genehmigung das Gebäude betreten. Dieses Privileg geht auf die parlamentarische Tradition zurück, das Parlament vor Einschüchterung durch die Exekutive zu schützen. Wolfgang Schäuble nutzte als Präsident (2017–2021) sein Ordnungsrecht so konsequent wie kein Vorgänger: Er erteilte in einer Wahlperiode mehr Ordnungsrufe als manche seiner Vorgänger in ihrer gesamten Amtszeit.

2017–2021: Die AfD scheitert neunmal an der Wahl zum Vizepräsidenten

Als die AfD 2017 mit 12,6 Prozent in den Bundestag einzog, beanspruchte sie nach dem Proportionalprinzip einen der Vizepräsidenten-Posten für sich. Insgesamt neun Mal stellte die AfD in der 19. Wahlperiode einen Kandidaten auf — neun Mal verweigerten die anderen Fraktionen die nötige Mehrheit. Selbst Kandidaten wie Albrecht Glaser, Michael von Abercron oder Gerold Otten bekamen nie genügend Stimmen. Der Verfassungsstreit der AfD vor dem Bundesverfassungsgericht endete 2020 mit einer Niederlage: Das Gericht bestätigte, dass der Bundestag jeden Kandidaten für das Präsidium ablehnen darf — das Gremium habe ein Recht auf Vertrauenswürdigkeit. Dies zeigt, wie weitreichend das Amt des Bundestagspräsidenten ist: Es ist nicht nur repräsentativ, sondern erfordert die Anerkennung aller Fraktionen. Ein Präsident, dem wichtige Teile des Hauses misstrauen, könnte die Parlamentsarbeit destabilisieren — weshalb selbst ein demokratisch legitimer Anteil keine automatische Repräsentation erzwingt.

2023: Wahlrechtsreform nach 74 Jahren – das schwierigste Gesetz der Bundesrepublik

Die Wahlrechtsreform 2023 war die umstrittenste Parlamentsreform seit der Gründung der Bundesrepublik. CDU/CSU klagte vor dem Bundesverfassungsgericht: Direktmandate könnten verfallen, ohne Einzug des Abgeordneten. Im Juli 2024 urteilte das BVerfG: Teilweise verfassungswidrig, aber Kernreform zulässig. 2025 wurde die Reform zum ersten Mal angewendet: Mehrere CDU-Direktkandidaten gewannen ihren Wahlkreis, zogen aber wegen fehlender Zweitstimmendeckung nicht in den Bundestag ein. Das Verfassungsgericht hatte einen historischen Eingriff in 74 Jahre Wahlrechtstradition gebilligt.

Häufige Fragen

Wer wählt den Bundestagspräsidenten?

Die Abgeordneten des Bundestags wählen den Bundestagspräsidenten in der konstituierenden Sitzung. Traditionell wird der Kandidat der stärksten Fraktion gewählt.

Welches ist das zweithöchste Staatsamt in Deutschland?

Das Amt des Bundestagspräsidenten ist protokollarisch das zweithöchste Staatsamt nach dem Bundespräsidenten und noch vor dem Bundeskanzler.

Darf der Bundestagspräsident Abgeordnete des Saals verweisen?

Ja. Der Bundestagspräsident hat das Hausrecht und kann Ordnungsrufe erteilen, Redebeiträge unterbrechen und im äußersten Fall Abgeordnete für den Rest der Sitzung ausschließen.

Wie viele Bundestagspräsidenten gab es bisher?

Seit 1949 gab es 14 Bundestagspräsidenten (Stand 2026). Der längste Amtsinhaber war Eugen Gerstenmaier (1954–1969) mit 15 Jahren.

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SonntagsfrageCDU/CSU25,7%SPD12,3%Grüne13,7%AfD25,7%BSW3,5%FDP3,3%Linke10,2%INSA · 08.04.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%Welt Politik „Sieht nach nächstem transatlantischen Krach aus“Spiegel Politik NRW-Ministerin Ina Scharrenbach: Vorwürfe von Machtmissbrauch bleiben interne SacheFAZ Politik Dienste für Putin: Orbán ist ein Ärgernis, aber über ihn entscheiden Ungarns WählerWelt Politik „Werden weiterhin die Hisbollah überall dort angreifen, wo es nötig ist“, bekräftigt NetanjahuWelt Politik Mann verschanzt sich in Bankfiliale und löst Großeinsatz ausTagesschau Untergetauchte Rechtsextremistin Liebich in Tschechien gefasstFAZ Politik Liveblog Irankrieg: Netanjahu kündigt direkte Verhandlungen mit Libanon anSpiegel Politik USA, Donald Trump und Marco Rubio: Warum Standorte wie Ramstein entscheidend sindFAZ Politik Deutschland-Liveblog: Merz: Koalition uneinig über EntlastungenSpiegel Politik News des Tages: Mario Adorf, der Zauberer, Donald Trumps Ultimatum, russische U-BooteTagesschau Ankündigung von Merz: Deutschland will wieder Gespräche mit Iran aufnehmenZDF heute Europas KI-AufholjagdTagesschau Ein Jahr Koalitionsvertrag: Von Liebe, Brücken und Reformen
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