Alle Bundespräsidenten seit 1949
Key-Facts: Bundespräsident
- Anzahl: 12 Bundespräsidenten seit 1949
- Amtszeit: 5 Jahre, einmal wiederwählbar
- Wahl durch: Bundesversammlung
- Amtssitz: Schloss Bellevue, Berlin
- Aktuell: Frank-Walter Steinmeier (SPD, seit 2017)
- Rechtsgrundlage: Grundgesetz, Artikel 54–61
Das höchste Amt im Staat — und das am meisten unterschätzte. Der Bundespräsident hat keine Macht im Sinne einer Richtlinienkompetenz, keinen Zugriff auf Ministerien und kein Veto gegen Gesetze. Und doch haben die Worte, die aus dem Schloss Bellevue kommen, ein Gewicht, das kein Kanzler und kein Ministerpräsident erreicht. Wenn Frank-Walter Steinmeier 2024 nach den Landtagswahlen in Thüringen zur Verteidigung der Demokratie aufrief, hörte das Land zu — weil der Bundespräsident über den Parteien steht und sein Wort nicht dem nächsten Wahlkampf dient.
Der Bundespräsident ist das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland. Anders als in präsidentiellen Systemen (etwa den USA) hat er überwiegend repräsentative Aufgaben. Dennoch ist das Amt politisch bedeutsam: Der Bundespräsident schlägt den Bundeskanzler vor, unterzeichnet Gesetze und kann in Krisenfällen den Bundestag auflösen.
Seit 1949 haben zwölf Persönlichkeiten das Amt bekleidet. Einige prägten es durch wegweisende Reden, andere durch stille Autorität — und zwei traten vorzeitig zurück.
Alle Bundespräsidenten im Überblick
| Nr. | Name | Partei | Amtszeit | Gewählt von |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Theodor Heuss | FDP | 1949–1959 | 1. & 2. Bundesversammlung |
| 2 | Heinrich Lübke | CDU | 1959–1969 | 3. & 4. Bundesversammlung |
| 3 | Gustav Heinemann | SPD | 1969–1974 | 5. Bundesversammlung |
| 4 | Walter Scheel | FDP | 1974–1979 | 6. Bundesversammlung |
| 5 | Karl Carstens | CDU | 1979–1984 | 7. Bundesversammlung |
| 6 | Richard von Weizsäcker | CDU | 1984–1994 | 8. & 9. Bundesversammlung |
| 7 | Roman Herzog | CDU | 1994–1999 | 10. Bundesversammlung |
| 8 | Johannes Rau | SPD | 1999–2004 | 11. Bundesversammlung |
| 9 | Horst Köhler | CDU | 2004–2010 | 12. & 13. Bundesversammlung |
| 10 | Christian Wulff | CDU | 2010–2012 | 14. Bundesversammlung |
| 11 | Joachim Gauck | parteilos | 2012–2017 | 15. Bundesversammlung |
| 12 | Frank-Walter Steinmeier | SPD | seit 2017 | 16. & 17. Bundesversammlung |
Was macht der Bundespräsident eigentlich?
Bundespräsident vs. Bundeskanzler — Wer hat mehr Macht?
Eine der häufigsten Verwechslungen in der deutschen Politik: Der Bundespräsident ist das Staatsoberhaupt (repräsentativ, überparteilich, völkerrechtlich). Der Bundeskanzler ist der Regierungschef (exekutiv, parteipolitisch, innenpolitisch). In der Praxis hat der Kanzler die größere politische Macht — der Präsident aber die größere moralische Autorität. Der Kanzler regiert, der Präsident repräsentiert und mahnt. Beide zusammen bilden die Doppelspitze des deutschen Staats.
Die Aufgaben des Bundespräsidenten sind im Grundgesetz festgelegt. Sie lassen sich in drei Bereiche gliedern:
Repräsentation: Der Bundespräsident vertritt Deutschland völkerrechtlich. Er empfängt Staatsgäste, beglaubigt Botschafter und hält Reden zu wichtigen Anlässen. Diese Reden sind oft seine wirksamste „Waffe" — sie können Debatten auslösen und die öffentliche Meinung beeinflussen. Unvergessen sind Weizsäckers Rede zum 8. Mai 1985, Herzogs „Ruck-Rede" 1997 oder Gaucks Freiheitsreden.
Staatsorganisation: Er schlägt dem Bundestag den Bundeskanzler zur Wahl vor, ernennt und entlässt Minister, Bundesrichter und Bundesbeamte. Er unterzeichnet Bundesgesetze und prüft dabei, ob sie verfassungsgemäß zustande gekommen sind. In seltenen Fällen hat ein Bundespräsident die Unterzeichnung eines Gesetzes verweigert — etwa Horst Köhler 2006 beim Flugsicherungsgesetz.
Reservefunktion in Krisen: In Krisenzeiten wird die Rolle des Präsidenten besonders wichtig. Er kann den Bundestag auflösen (wenn der Kanzler die Vertrauensfrage verliert) und den Gesetzgebungsnotstand erklären. Diese Reservefunktion wurde bewusst nach den Erfahrungen der Weimarer Republik eingeschränkt: Der Reichspräsident hatte damals mit weitreichenden Notverordnungsrechten (Artikel 48) maßgeblich zur Aushöhlung der Demokratie beigetragen.
| Aufgabe | Bundespräsident | Bundeskanzler |
|---|---|---|
| Rolle | Staatsoberhaupt | Regierungschef |
| Wahl durch | Bundesversammlung | Bundestag |
| Amtszeit | 5 Jahre, 1x wiederwählbar | 4 Jahre, unbegrenzt wiederwählbar |
| Parteipolitik | Überparteilich, ruhend | Aktiv parteipolitisch |
| Gesetzgebung | Unterzeichnet Gesetze (formale Prüfung) | Initiiert Gesetze (materielle Gestaltung) |
| Krisenfunktion | Kann Bundestag auflösen | Kann Vertrauensfrage stellen |
| Amtssitz | Schloss Bellevue, Berlin | Bundeskanzleramt, Berlin |
Prägende Bundespräsidenten
Theodor Heuss (1949–1959)
Der erste Bundespräsident definierte das Amt. Heuss, ein liberaler Intellektueller, füllte die repräsentative Rolle mit Substanz und setzte Maßstäbe für die politische Kultur der jungen Bundesrepublik. Seine beständige Mahnung zur demokratischen Verantwortung prägte das Amtsverständnis für Jahrzehnte.
Richard von Weizsäcker (1984–1994)
Weizsäckers Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985 gilt als eine der bedeutendsten politischen Reden der Nachkriegsgeschichte. Er nannte den 8. Mai einen „Tag der Befreiung" — eine damals revolutionäre Sichtweise, die das Geschichtsbild Deutschlands nachhaltig veränderte.
Roman Herzog (1994–1999)
Bekannt für seine „Ruck-Rede" 1997, in der er Reformen einforderte: „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen." Herzog nutzte das Amt offensiver als seine Vorgänger und mischte sich bewusst in politische Debatten ein.
Joachim Gauck (2012–2017)
Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler und Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde war der einzige parteilose Bundespräsident. Gauck betonte Freiheit und Verantwortung als Kernwerte und sprach sich klar für ein stärkeres internationales Engagement Deutschlands aus.
Frank-Walter Steinmeier (seit 2017)
Der amtierende Bundespräsident war zuvor Außenminister und SPD-Kanzlerkandidat. Steinmeier wurde 2017 mit überwältigender Mehrheit gewählt und 2022 für eine zweite Amtszeit bestätigt. Seine Präsidentschaft wurde geprägt von der Corona-Pandemie, dem russischen Angriff auf die Ukraine und dem Bruch der Ampel-Koalition 2024, nach dem er den Bundestag auflöste. Steinmeier betont in seinen Reden regelmäßig den gesellschaftlichen Zusammenhalt und warnt vor einer Spaltung der Gesellschaft.
Heinrich Lübke (1959–1969)
Lübkes Präsidentschaft gilt als schwierigste der Bundesgeschichte. In seinen letzten Amtsjahren machten gesundheitliche Probleme und Vorwürfe wegen seiner Rolle im Nationalsozialismus Schlagzeilen. Er trat ein halbes Jahr vor Ende seiner zweiten Amtszeit vorzeitig zurück — der einzige Präsident, der freiwillig früher ging (ohne Skandal-Druck).
Walter Scheel (1974–1979)
Der FDP-Politiker war vor seiner Präsidentschaft Außenminister und Vizekanzler unter Brandt. Scheel wurde populär durch seine Interpretation des Liedes „Hoch auf dem gelben Wagen", das millionenfach als Single verkauft wurde — ein einmaliger Vorgang für einen Bundespräsidenten.
Johannes Rau (1999–2004)
Der frühere Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen prägte sein Amt mit dem Leitmotiv „Versöhnen statt spalten". Rau war der erste Bundespräsident, der eine Rede vor der Knesset in Jerusalem auf Deutsch hielt — ein hochsymbolischer Akt der deutsch-israelischen Beziehungen.
Rücktritte und Krisen
Zwei Bundespräsidenten traten vorzeitig zurück — eine Seltenheit in der deutschen Geschichte:
| Präsident | Rücktritt | Grund |
|---|---|---|
| Horst Köhler | 31. Mai 2010 | Kritik an Äußerungen zu Bundeswehreinsätzen und wirtschaftlichen Interessen. Köhler fühlte sich missverstanden und trat überraschend zurück. |
| Christian Wulff | 17. Februar 2012 | Affäre um Privatkredit, Vorteilsnahme-Vorwürfe und umstrittene Anrufe bei Medienvertretern. Wulff trat nach Aufhebung seiner Immunität zurück (später freigesprochen). |
Die Bundesversammlung
Der Bundespräsident wird nicht direkt vom Volk, sondern von der Bundesversammlung gewählt. Dieses Gremium besteht aus:
- Allen Mitgliedern des Bundestags (aktuell 630)
- Einer gleichen Anzahl von Delegierten der 16 Landesparlamente (630)
Die Bundesversammlung hat also 1.260 Mitglieder und tritt ausschließlich zur Wahl des Bundespräsidenten zusammen. Gewählt ist, wer im ersten oder zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit erreicht. Im dritten Wahlgang genügt die einfache Mehrheit.
Das Amt im Wandel der Zeit
Die zwölf Bundespräsidenten haben das Amt auf sehr unterschiedliche Weise interpretiert. Während Theodor Heuss bewusst zurückhaltend auftrat, um das Amt von der belasteten Rolle des Reichspräsidenten in der Weimarer Republik abzugrenzen, nutzte Roman Herzog seine Ruck-Rede 1997 offensiv als politisches Signal. Gustav Heinemann verstand sich explizit als „Bürgerpräsident" und distanzierte sich von jeder staatlichen Pomp — er fuhr demonstrativ Straßenbahn statt Limousine. Karl Carstens wiederum wurde für seine ausgedehnten Wanderungen durch Deutschland bekannt, mit denen er die Verbundenheit des Präsidenten mit den Bürgern symbolisierte. Diese Bandbreite zeigt, dass das Amt des Bundespräsidenten trotz seiner begrenzten formalen Befugnisse erheblichen Gestaltungsspielraum bietet — allerdings fast ausschließlich über das gesprochene Wort und die persönliche Autorität.
Ein besonders aufschlussreicher Aspekt ist die Prüfung von Gesetzen durch den Bundespräsidenten. Insgesamt haben Bundespräsidenten in der Geschichte der Bundesrepublik acht Mal die Ausfertigung eines Gesetzes verweigert — ein extrem seltener, aber folgenreicher Vorgang. Horst Köhler verweigerte 2006 die Unterschrift unter das Flugsicherungsgesetz und das Verbraucherinformationsgesetz aus verfassungsrechtlichen Bedenken. Heinrich Lübke weigerte sich 1969, das Architektengesetz zu unterzeichnen. In jedem dieser Fälle musste der Bundestag das Gesetz überarbeiten. Diese Fälle verdeutlichen, dass das Amt zwar primär repräsentativ ist, aber in Einzelfällen ein reales Vetorecht gegenüber dem Parlament beinhaltet — eine Reservefunktion, die gerade deshalb wirkt, weil sie so selten eingesetzt wird.
30. Juni 2010: Drei Wahlgänge, 15 Stunden, eine Zitterpartie — Wulff gegen Gauck
Die Bundesversammlung vom 30. Juni 2010 wurde zur meistbeobachteten Präsidentenwahl seit Jahrzehnten. Die schwarz-gelbe Koalition hatte Christian Wulff nominiert und verfügte über eine knappe Mehrheit von 644 der 1.244 Stimmen. Doch im ersten Wahlgang erhielt Wulff nur 600 Stimmen — 23 Koalitionsabgeordnete hatten gegen ihre eigene Regierung gestimmt. SPD, Grüne und FDP-Linke hatten den parteilosen Joachim Gauck aufgestellt, der 499 Stimmen bekam. Im zweiten Wahlgang: 615 für Wulff, 490 für Gauck. Erst im dritten Wahlgang (einfache Mehrheit genügt) gewann Wulff mit 625. Wäre er im zweiten Wahlgang gescheitert, wäre Gauck ohne schwarz-gelbe Mehrheit Bundespräsident geworden. Im Januar 2012 trat Wulff dann wegen eines Kreditzins-Skandals zurück — und Gauck wurde trotzdem Präsident. Geschichte der Bundesrepublik, in zwei Jahren erzählt.
Christian Wulff 2012: Rücktritt nach 598 Tagen — wie Medien das Amt des Bundespräsidenten eröffneten
Christian Wulff trat am 17. Februar 2012 nach nur 598 Tagen zurück — der kürzeste Amtsinhaber in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Auslöser: Vorwürfe wegen eines Privatkredits seines Freundes Egon Geerkens für ein Haus in Burgwedel sowie der Versuch, eine Berichterstattung durch Anruf beim Bild-Chefredakteur zu verhindern. Strafrechtlich wurde Wulff später vollständig freigesprochen. Politisch hinterließ er dennoch eine Debatte: Welchen moralischen Standard muss ein Bundespräsident erfüllen? Sein Nachfolger Joachim Gauck (2012–2017) und Frank-Walter Steinmeier (2017–2022, 2022–2027) stehen im Kontrast als Bundespräsidenten, deren Amtsführung als unangreifbar gilt. Die vollständige Liste der Bundespräsidenten zeigt, wie unterschiedlich das Amt interpretiert wurde.
Häufige Fragen
Wie viele Bundespräsidenten hatte Deutschland?
Seit 1949 hatte Deutschland zwölf Bundespräsidenten. Der amtierende Bundespräsident ist Frank-Walter Steinmeier (SPD, seit 2017, zweite Amtszeit seit 2022).
Wie wird der Bundespräsident gewählt?
Der Bundespräsident wird von der Bundesversammlung gewählt — einem Gremium aus allen Bundestagsabgeordneten und einer gleichen Zahl von Delegierten der Landtage.
Was sind die Aufgaben des Bundespräsidenten?
Der Bundespräsident repräsentiert Deutschland völkerrechtlich, unterzeichnet Gesetze, schlägt den Bundeskanzler vor und kann in Krisenfällen den Bundestag auflösen.
Wie lange ist die Amtszeit des Bundespräsidenten?
Die Amtszeit beträgt fünf Jahre. Eine einmalige Wiederwahl ist möglich, sodass ein Bundespräsident maximal zehn Jahre im Amt sein kann.
ZDF · Sommerinterview mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
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