Das Reichstagsgebäude — Sitz des Bundestags und Symbol der Demokratie
Key-Facts: Reichstagsgebäude
- Erbaut: 1884–1894 (Architekt: Paul Wallot)
- Inschrift: „Dem Deutschen Volke“ (seit 1916)
- Reichstagsbrand: 27. Februar 1933
- Umgebaut: 1995–1999 (Architekt: Sir Norman Foster)
- Kuppel: 23,5 m Durchmesser, 800 Tonnen Stahl, 3.000 m² Glas
- Besucher: ca. 3 Millionen pro Jahr
- Adresse: Platz der Republik 1, 11011 Berlin
Kein anderes Gebäude in Deutschland verkörpert die Brüche und Wandlungen der deutschen Geschichte so unmittelbar wie das Reichstagsgebäude. Erbaut im Kaiserreich, ausgebrannt in der Weimarer Republik, zerstört im Zweiten Weltkrieg, jahrzehntelang ein Mauerblumen-Dasein in West-Berlin — und seit 1999 der moderne, lichtdurchflutete Sitz des Deutschen Bundestags.
Die Geschichte des Reichstags ist eine Geschichte Deutschlands in Stein und Glas. Sie erzählt von Demokratie, Diktatur, Teilung und Wiedervereinigung.
Die historische Timeline des Reichstags
132 Jahre Geschichte — Vom Kaiserreich bis heute
- 9. Juni 1884: Grundsteinlegung durch Kaiser Wilhelm I.
- 5. Dezember 1894: Feierliche Eröffnung. Kaiser Wilhelm II. nennt den Bau abfällig „Reichsaffenhaus“.
- Weihnachten 1916: Die Inschrift „Dem Deutschen Volke“ wird angebracht — aus Bronzebuchstaben zweier erbeuteter französischer Kanonen.
- 9. November 1918: Philipp Scheidemann ruft vom Reichstagsfenster die Republik aus.
- 27. Februar 1933: Der Reichstagsbrand. Der Plenarsaal wird zerstört. Die Nationalsozialisten nutzen den Brand als Vorwand für die Reichstagsbrandverordnung.
- 30. April 1945: Sowjetische Soldaten hissen die rote Flagge auf dem Dach — eines der berühmtesten Fotos des 20. Jahrhunderts.
- 1954–1973: Behutsame Instandsetzung, ohne die Kuppel wiederherzustellen. Nutzung für Ausstellungen.
- 20. Juni 1991: Der Bundestag beschließt den Umzug von Bonn nach Berlin (337:320 Stimmen). Knappe Entscheidung.
- 24. Juni – 7. Juli 1995: „Wrapped Reichstag“ von Christo und Jeanne-Claude. 5 Millionen Besucher bestaunen das verhüllte Gebäude.
- 1995–1999: Umbau durch Sir Norman Foster. Der britische Stararchitekt entkernt das Innere, behält die historischen Außenmauern und setzt die gläserne Kuppel auf.
- 19. April 1999: Erste Plenarsitzung des Bundestags im umgebauten Reichstag. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse eröffnet die Sitzung.
- 3. Oktober 2024: 25 Jahre Reichstag als Parlamentssitz — Festakt mit über 1.000 Gästen.
Bau und Kaiserreich (1884–1918)
Am 9. Juni 1884 legte Kaiser Wilhelm I. den Grundstein. Der Architekt Paul Wallot hatte den Wettbewerb gewonnen — sein Entwurf im Stil der Neorenaissance setzte sich gegen 189 Mitbewerber durch. Die Baukosten betrugen damals 24 Millionen Goldmark — nach heutiger Kaufkraft rund 200 Millionen Euro.
Zehn Jahre später, am 5. Dezember 1894, wurde das Gebäude eröffnet. Kaiser Wilhelm II. war vom Bau wenig begeistert — er nannte ihn abfällig den „Reichsaffenhaus“ und weigerte sich, den Architekten zu empfangen. Die berühmte Widmung „Dem Deutschen Volke“ über dem Hauptportal wurde erst 1916 angebracht, mitten im Ersten Weltkrieg — gegen den ausdrücklichen Wunsch des Kaisers, der eine Widmung an das Volk für unangemessen hielt.
Die ursprüngliche Kuppel war eine imposante Konstruktion aus Stahl und Glas, 75 Meter hoch und ein Wahrzeichen des Berliner Stadtbilds. Sie wurde bei der Zerstörung 1945 schwer beschädigt und in den 1950er-Jahren aus Sicherheitsgründen gesprengt.
Weimarer Republik und der Brand
Nach der Novemberrevolution 1918 wurde im Reichstagsgebäude die erste deutsche Republik ausgerufen. In den folgenden 14 Jahren war es Sitz des demokratischen Reichstags der Weimarer Republik.
Am 27. Februar 1933 — vier Wochen nach Hitlers Machtergreifung — brannte der Plenarsaal. Der niederländische Kommunist Marinus van der Lubbe wurde als Brandstifter verurteilt und hingerichtet. Die Nationalsozialisten nutzten den Brand als Vorwand für die Reichstagsbrandverordnung, die wesentliche Grundrechte außer Kraft setzte und den Weg in die Diktatur ebnete.
Bis heute ist umstritten, ob van der Lubbe allein handelte oder ob die Nationalsozialisten selbst den Brand gelegt oder zumindest unterstützt haben.
Zerstörung und Teilung (1945–1990)
Im April 1945 tobten erbitterte Kämpfe um das Gebäude. Für die Rote Armee hatte der Reichstag hohen symbolischen Wert — das berühmte Foto der sowjetischen Flagge auf dem Dach wurde zum Sinnbild des Kriegsendes. Das Gebäude war danach eine ausgebrannte Ruine.
Nach dem Mauerbau 1961 lag der Reichstag direkt an der Berliner Mauer — auf West-Berliner Seite, aber unmittelbar an der Grenze. In West-Berlin tagte der Bundestag in Bonn; der Reichstag diente nur noch für Ausstellungen und gelegentliche symbolische Sitzungen.
Wiedervereinigung und Umbau
1995 verhüllte Christo den Reichstag. Vier Jahre später wurde er zum modernsten Parlament Europas. Dazwischen lag ein Umbau, der alles veränderte. Nach der Wiedervereinigung 1990 beschloss der Bundestag 1991 mit knapper Mehrheit (337:320), den Regierungssitz von Bonn nach Berlin zu verlegen. Der Reichstag sollte wieder Sitz des Parlaments werden — aber nicht im alten Zustand.
Bevor der Umbau begann, wurde das Gebäude 1995 vom Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude in silberglänzenden Stoff verhüllt. Das Projekt „Wrapped Reichstag“ zog fünf Millionen Besucher an und wurde zu einem der bedeutendsten Kunstprojekte des 20. Jahrhunderts.
Der britische Architekt Sir Norman Foster gewann den Wettbewerb für den Umbau. Er behielt die historischen Außenmauern, entkernte das Innere und setzte die berühmte Glaskuppel auf das Dach. Die Kuppel ist begehbar und ermöglicht Besuchern, von oben in den Plenarsaal hinabzublicken — ein bewusstes Symbol: Die Bürger schauen der Regierung auf die Finger.
Das Gebäude in Zahlen
| Merkmal | Wert |
|---|---|
| Grundfläche | 13.290 m² |
| Nutzfläche (nach Umbau) | 61.166 m² |
| Höhe (mit Kuppel) | 47 m |
| Kuppeldurchmesser | 38 m (außen), 23,5 m (innen begehbar) |
| Gewicht der Kuppel | ca. 800 Tonnen Stahl, 3.000 m² Glas |
| Spiegel im Kuppeltrichter | 360 Spiegel auf einem Konus |
| Baukosten Umbau | ca. 600 Mio. DM (ca. 300 Mio. Euro) |
| Besucher pro Jahr | ca. 3 Millionen |
| Plenarsaal-Kapazität | 750 Sitze (Abgeordnete + Regierung + Bundesrat) |
Die Kuppel — Architektur als Demokratie-Symbol
Die gläserne Kuppel von Norman Foster ist mehr als ein architektonisches Meisterwerk — sie ist ein politisches Statement. Die Konstruktion:
- 360 Spiegel auf einem umgekehrten Konus leiten Tageslicht in den Plenarsaal darunter — natürliche Beleuchtung statt künstlichem Licht.
- Zwei spiralförmige Rampen führen Besucher nach oben zur Aussichtsplattform — symbolisch „aufsteigend“ über die Köpfe der Abgeordneten.
- Von oben können Besucher durch die Glasdecke direkt in den Plenarsaal hinabblicken — die Bürger schauen der Regierung buchstäblich auf die Finger.
- Ein beweglicher Sonnenschutz folgt dem Sonnenstand und verhindert Überhitzung des Plenarsaals.
- Die Kuppel dient auch als Belüftungsanlage: Verbrauchte Luft wird nach oben abgeführt, frische Luft strömt nach.
Foster sagte über seinen Entwurf: Die Kuppel solle zeigen, dass in einer Demokratie das Volk über dem Parlament steht — nicht umgekehrt. Dieses Konzept hat den Reichstag zum meistbesuchten Parlament der Welt gemacht.
Die Graffiti der Rotarmisten
Ein besonderes Detail: Bei den Umbauarbeiten in den 1990er-Jahren entschied man, die Graffiti sowjetischer Soldaten aus dem April 1945 zu erhalten. An mehreren Stellen im Gebäude sind noch heute kyrillische Inschriften sichtbar — Namen, Heimatorte, Sprüche, manchmal auch derbe Kommentare. Sie erinnern an die Befreiung vom Nationalsozialismus und mahnen zur Erinnerung.
Norman Foster integrierte diese historischen Spuren bewusst in das moderne Gebäude. Die Entscheidung war umstritten — einige Abgeordnete wollten die Graffiti entfernen lassen, andere plädierten für den Erhalt als Mahnmal. Foster setzte sich durch: Die Inschriften bilden einen bewussten Kontrast zur gläsernen Transparenz der Kuppel und machen den Reichstag zu einem begehbaren Geschichtsbuch.
Den Reichstag besuchen
Besucherinformationen (Stand 2026)
- Besucherzahlen: Ca. 3 Millionen Besucher pro Jahr — damit ist der Reichstag das meistbesuchte Parlament der Welt und eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten Berlins.
- Kuppel & Dachterrasse: Kostenlos zugänglich, täglich 8:00–24:00 Uhr (letzter Einlass 21:45 Uhr). Voranmeldung über visite.bundestag.de erforderlich.
- Plenarsitzungen: Die Besuchertribüne ist während Sitzungswochen frei zugänglich. Eintrittskarten über das Büro eines Bundestagsabgeordneten oder online.
- Führungen: Kostenlose Vorträge auf der Besuchertribüne (45 Min.) sowie Hausführungen (90 Min.) in mehreren Sprachen.
- Dachgartenrestaurant: Käfer-Restaurant auf der Dachterrasse mit Blick über Berlin. Reservierung erforderlich.
- Sicherheitskontrolle: Wie am Flughafen. Personalausweis oder Reisepass erforderlich. Keine großen Taschen, keine Messer.
- Tipp: Abendbesuche sind weniger überfüllt und bieten einen spektakulären Blick auf das erleuchtete Berlin.
Das Regierungsviertel — Mehr als nur der Reichstag
Der Reichstag ist Teil eines größeren Ensembles im Berliner Regierungsviertel (Band des Bundes). Dazu gehören:
- Paul-Löbe-Haus: Hier befinden sich die Ausschuss-Sitzungssäle und Büros der Abgeordneten. Benannt nach dem Reichstagspräsidenten der Weimarer Republik.
- Marie-Elisabeth-Lüders-Haus: Parlamentsbibliothek, Archiv und weitere Büros. Benannt nach einer Politikerin und Frauenrechtlerin.
- Jakob-Kaiser-Haus: Weitere Abgeordnetenbüros. Benannt nach einem CDU-Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.
- Bundeskanzleramt: Direkt neben dem Reichstag, am Spreebogen. Das 2001 eröffnete Gebäude wird wegen seiner Form scherzhaft „Waschmaschine“ genannt.
Die Architektur des gesamten Viertels folgt dem Konzept der Transparenz: Glas, offene Strukturen, Blickachsen. Die Bundesbauten überqueren mit einer Brücke sogar die Spree — symbolisch für die Überwindung der Teilung zwischen Ost und West.
27. Februar 1933, 21:14 Uhr: Das Feuer, das die Demokratie beendete
Um 21:14 Uhr ging bei der Berliner Feuerwehr der Notruf ein: Das Reichstagsgebäude brannte. Der niederländische Kommunist Marinus van der Lubbe wurde noch in der Nacht verhaftet. Hermann Göring traf um 22:00 Uhr ein und erklärte sofort: kommunistischer Anschlag. Das Feuer brannte keine drei Stunden — doch Hitler hatte am nächsten Morgen die "Reichstagsbrandverordnung" bereits fertig ausgearbeitet. Sie hob mit sofortiger Wirkung alle Grundrechte auf: Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Postgeheimnis. Innerhalb von vier Wochen folgte das Ermächtigungsgesetz. Das Gebäude, das als Symbol der deutschen Demokratie gebaut worden war, stand jahrzehntelang als ausgebrannte Ruine — bis Norman Foster 1999 aus der Hülle des 19. Jahrhunderts die transparenteste Demokratiearchitektur der Welt formte.
1951: Bundestagsgebaeude-Debatte – Bonn vs. Frankfurt, Demokratie vs. Wirtschaft
Die Entscheidung für Bonn als Hauptstadt war 1949 eine knappe: 200 zu 176 Stimmen im Parlamentarischen Rat. Frankfurt (Sitz der Bankenzentrale) wurde abgelehnt. Bonn war Adenauers Wahlkreis-Stadt. Das vorläufige Bundeshaus in Bonn wurde in 7 Wochen gebaut – ein umgebautes Wasserwerk. Adenauer wollte ein Signal: Bonn ist vorläufig, Berlin ist das Ziel. Die vorläufige Hauptstadt blieb 40 Jahre. 1991 beschloss der Bundestag mit 338 zu 320 Stimmen den Umzug nach Berlin. 1999 zog der Bundestag ins Reichsgebäude um.
Häufige Fragen
Wann wurde das Reichstagsgebäude gebaut?
Das Gebäude wurde von 1884 bis 1894 nach Plänen des Architekten Paul Wallot errichtet. Die Inschrift „Dem Deutschen Volke“ wurde 1916 angebracht.
Was geschah beim Reichstagsbrand 1933?
Am 27. Februar 1933 brannte der Plenarsaal. Die Nationalsozialisten nutzten den Brand als Vorwand für die Reichstagsbrandverordnung, die Grundrechte außer Kraft setzte.
Wer hat die Kuppel des Reichstags entworfen?
Die Glaskuppel wurde vom britischen Architekten Sir Norman Foster entworfen und 1999 fertiggestellt. Sie symbolisiert Transparenz und Offenheit der Demokratie.
Kann man den Reichstag besuchen?
Ja, die Kuppel und die Dachterrasse sind kostenlos zugänglich. Eine Anmeldung über die Website des Bundestags ist erforderlich. Auch Plenarsitzungen können von der Besuchertribüne verfolgt werden.
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