Bundestagswahl 2013 — Merkels größter Sieg
Key-Facts: Bundestagswahl 2013
- Datum: 22. September 2013
- Wahlberechtigte: ca. 61,9 Millionen
- Wahlbeteiligung: 71,5%
- Stärkste Kraft: CDU/CSU mit 41,5%
- Bundeskanzlerin: Angela Merkel (CDU), 3. Amtszeit
- Koalition: CDU/CSU + SPD (Große Koalition)
- Sitze im Bundestag: 631
Die Bundestagswahl am 22. September 2013 brachte Angela Merkel den größten Wahlsieg ihrer Karriere. Die CDU/CSU erreichte 41,5% der Zweitstimmen — so viel wie seit 1994 nicht mehr und nur fünf Sitze von der absoluten Mehrheit entfernt. Doch der Triumph hatte eine Kehrseite: Der bisherige Koalitionspartner FDP scheiterte mit 4,8% an der Fünf-Prozent-Hürde und flog erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik aus dem Bundestag.
41,5 Prozent — fast hätte sie es allein geschafft. Es fehlten gerade einmal fünf Sitze zur absoluten Mehrheit. Merkels Wahlabend 2013 war ein persönlicher Triumph, wie ihn die Bundesrepublik seit Helmut Kohls Wiedervereinigungswahl 1990 nicht mehr erlebt hatte. Und doch war der Sieg verhängnisvoll: Er vernichtete den Koalitionspartner FDP, zwang die Union in eine Große Koalition, die sie nicht wollte, und legte den Grundstein für die Fragmentierung des Parteiensystems, die Deutschland seither prägt.
Da die Union trotz ihres überwältigenden Ergebnisses keine absolute Mehrheit hatte, blieb als einzige realistische Option eine Große Koalition mit der SPD.
Das amtliche Endergebnis (Zweitstimmen)
| Partei | Zweitstimmen (%) | Sitze | Veränderung zu 2009 |
|---|---|---|---|
| CDU/CSU | 41,5% | 311 | +7,7% |
| SPD | 25,7% | 193 | +2,7% |
| Die Linke | 8,6% | 64 | −3,3% |
| Grüne | 8,4% | 63 | −2,3% |
| FDP | 4,8% | 0 | −9,8% |
| AfD | 4,7% | 0 | neu |
| Piraten | 2,2% | 0 | +0,0% |
| Sonstige | 4,1% | 0 | — |
Bemerkenswert: 15,7% der abgegebenen Zweitstimmen entfielen auf Parteien, die den Einzug in den Bundestag verfehlten. So viele „verlorene Stimmen“ hatte es seit Bestehen der Fünf-Prozent-Hürde nicht gegeben. Die Stimmen von FDP (4,8%), AfD (4,7%) und Piraten (2,2%) flossen nicht in die Sitzverteilung ein.
Das FDP-Debakel: Vom Koalitionspartner ins Nichts
Der Absturz der FDP von 14,6% (2009) auf 4,8% (2013) war einer der dramatischsten Einbrüche in der deutschen Parteiengeschichte. Noch 2009 hatte die FDP unter Guido Westerwelle ihr bestes Ergebnis aller Zeiten erzielt. Was war passiert?
- Gebrochene Versprechen: Die FDP hatte im Wahlkampf 2009 massive Steuersenkungen versprochen, konnte diese in der Koalition aber nicht durchsetzen.
- Hotelier-Affäre: Die Senkung der Mehrwertsteuer für Hotels wurde als Klientelpolitik wahrgenommen.
- Führungskrise: Mehrere Parteichef-Wechsel (Westerwelle, Rösler, Brüderle als Spitzenkandidat) schadeten der Glaubwürdigkeit.
- Leihstimmen-Debatte: Merkel rief indirekt dazu auf, die Zweitstimme der Union zu geben — viele FDP-Wähler folgten.
Merkels Beinahe-Absolute-Mehrheit
Mit 311 von 631 Sitzen fehlten der CDU/CSU lediglich fünf Sitze zur absoluten Mehrheit. Seit Konrad Adenauer 1957 (mit 50,2%) hatte keine Partei mehr so nah an der absoluten Mehrheit gestanden. Merkel profitierte von mehreren Faktoren:
- Präsidiale Strategie: Merkel vermied im Wahlkampf scharfe Konfrontation und positionierte sich als überparteiliche Krisenmanagerin. In der Euro- und Schuldenkrise galt sie als „Mutti Europas“ — eine Rolle, die ihr bei den Wählern Vertrauen einbrachte.
- Asymmetrische Demobilisierung: Die CDU-Wahlkampfstrategie zielte bewusst darauf ab, die Wähler der Konkurrenz nicht zu mobilisieren, indem kaum polarisierende Themen gesetzt wurden. SPD-Herausforderer Peer Steinbrück fand gegen diese Strategie kein Mittel.
- SPD-Schwäche: Steinbrück war durch mehrere Affären (Nebeneinkünfte, Stinkefinger auf einem Magazincover) angeschlagen. Die SPD kam nie über 26% in den Umfragen hinaus.
Die Ironie des Wahlergebnisses: Ausgerechnet die Überstärke der Union wurde zum Problem. Weil so viele Wähler ihre Zweitstimme der CDU/CSU statt der FDP gaben, scheiterte der Koalitionspartner an der Hürde. Die Union gewann die Wahl, verlor aber ihren Partner (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung).
Die Geburtsstunde der AfD
Bei der Bundestagswahl 2013 trat die Alternative für Deutschland (AfD) erstmals bei einer Bundestagswahl an. Die im Februar 2013 von Bernd Lucke gegründete Partei positionierte sich als Euro-kritische Partei und forderte die Auflösung der Eurozone bzw. eine geordnete Rückkehr zu nationalen Währungen. Mit 4,7% verfehlte sie den Einzug knapp — eine beachtliche Leistung für eine erst sieben Monate alte Partei.
Die AfD gewann ihre Wähler hauptsächlich von der FDP (430.000), der CDU/CSU (290.000) und der Linken (340.000). Politikwissenschaftler erkannten früh, dass die Partei ein Potential ansprach, das über reine Euro-Kritik hinausging — nämlich eine Unzufriedenheit mit dem politischen Establishment insgesamt.
Rückblickend war das knappe Scheitern 2013 ein Glücksfall für die Partei: Es erzeugte ein Narrativ des „Beinahe“, das die Anhänger motivierte. Schon bei der Europawahl 2014 erreichte die AfD 7,1%, und bei der Bundestagswahl 2017 zog sie mit 12,6% in den Bundestag ein.
Die Regierungsbildung: Dritte Große Koalition
Obwohl Angela Merkel am Wahlabend triumphal gefeiert wurde, stand sie vor einem Koalitionsproblem. Die FDP war ausgefallen, eine schwarz-grüne Koalition war rechnerisch möglich, aber politisch in weiter Ferne. Es blieb nur die Große Koalition.
Die SPD unter Sigmar Gabriel ließ sich die Zusammenarbeit teuer bezahlen: Der Mindestlohn von 8,50 Euro (ein SPD-Kernprojekt), die Rente mit 63, die Mietpreisbremse und das Elterngeld Plus waren zentrale Zugeständnisse im Koalitionsvertrag. Ein SPD-Mitgliedervotum stimmte mit 76% zu.
Wahlbeteiligung und Wählerstruktur
Die Wahlbeteiligung lag bei 71,5% — ein leichter Anstieg gegenüber dem historischen Tiefpunkt von 2009 (70,8%), aber immer noch deutlich unter den Werten der 1970er und 1980er Jahre.
| Altersgruppe | CDU/CSU | SPD | Grüne | Linke |
|---|---|---|---|---|
| 18–24 Jahre | 30% | 22% | 15% | 8% |
| 25–34 Jahre | 33% | 24% | 13% | 9% |
| 35–44 Jahre | 38% | 25% | 11% | 8% |
| 45–59 Jahre | 40% | 27% | 9% | 10% |
| 60+ Jahre | 49% | 28% | 5% | 8% |
Die Union profitierte 2013 besonders stark von älteren Wählern: In der Altersgruppe 60+ erreichte sie fast die Hälfte aller Stimmen. Bei den unter 25-Jährigen lag sie dagegen „nur“ bei 30%.
Die Piratenpartei: Aufstieg und Fall
Die Piratenpartei, die 2011/12 mit Werten von bis zu 13% in Umfragen gehandelt wurde, erlebte bei der Bundestagswahl 2013 ein ernüchterndes Ergebnis: 2,2%. Interne Streitigkeiten, fehlende inhaltliche Breite und die Kannibalisierung durch die etablierten Parteien (die viele Netzpolitik-Themen übernahmen) hatten die Partei marginalisiert.
Die 15,7% verlorenen Stimmen
Ein wenig beachtetes, aber demokratietheoretisch bedeutsames Phänomen der Wahl 2013: 15,7% aller gültigen Zweitstimmen entfielen auf Parteien, die den Einzug in den Bundestag verfehlten. So viele „verlorene Stimmen“ hatte es seit Einführung der Fünf-Prozent-Hürde 1953 nicht mehr gegeben.
| Partei unter 5% | Stimmenanteil | Absolute Stimmen (ca.) |
|---|---|---|
| FDP | 4,8% | 2,08 Mio. |
| AfD | 4,7% | 2,06 Mio. |
| Piraten | 2,2% | 0,96 Mio. |
| NPD | 1,3% | 0,56 Mio. |
| Sonstige | 2,7% | 1,18 Mio. |
| Gesamt unter Hürde | 15,7% | ca. 6,84 Mio. |
Fast 6,9 Millionen Wähler waren im Bundestag nicht repräsentiert — eine Zahl, die Debatten über die Höhe der Sperrklausel auslöste. Das Bundesverfassungsgericht hatte für die Europawahl bereits 2011 die 5%-Hürde für verfassungswidrig erklärt; für Bundestagswahlen blieb sie jedoch bestehen (Quelle: Bundesverfassungsgericht).
Bedeutung der Wahl 2013 im Rückblick
Die Bundestagswahl 2013 markierte den Höhepunkt der Ära Merkel. Nie zuvor und nie danach war die Kanzlerin so populär und die Union so stark. Gleichzeitig legte die Wahl den Grundstein für spätere Verwerfungen: Das FDP-Trauma, die AfD-Keimzelle, die GroKo-Müdigkeit und die Erosion der Volksparteien begannen alle 2013. Im Rückblick war der 22. September 2013 der letzte Tag, an dem das alte Zweieinhalb-Parteien-System der Bundesrepublik noch funktionierte.
Die Große Koalition und ihre Folgen: Der Mindestlohn-Effekt
Die Große Koalition ab 2013 setzte mit dem gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde (ab 1. Januar 2015) eines der bedeutendsten sozialpolitischen Projekte der Nachkriegsgeschichte um. Rund 3,7 Millionen Beschäftigte profitierten direkt, vor allem in Ostdeutschland, in der Gastronomie und im Einzelhandel. Arbeitgeber hatten einen Arbeitsplatzverlust prognostiziert — die Beschäftigung stieg jedoch entgegen der Prognosen weiter an. Der Mindestlohn wurde in den Folgejahren schrittweise erhöht und erreichte 2024 die Marke von 12,41 Euro. Das Projekt zeigte, dass eine Große Koalition trotz aller Kritik Gestaltungskraft entfalten konnte — allerdings zu dem Preis, dass die SPD als Juniorpartner kaum Profil gewann und weiter in den Umfragen sank.
22. September 2013: 2,0 Millionen Stimmen im Papierkorb — das Ende der FDP
Um 18:01 Uhr meldete die ARD das erste Ergebnis der Bundestagswahl 2013: FDP 4,8% — unter der 5%-Hürde. Es war das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, dass eine Regierungspartei aus dem Bundestag ausschied. Rund 2,0 Millionen Zweitstimmen wurden als "Reststimmen" ungültig — Stimmen von Menschen, die für eine Partei gestimmt hatten, die dann nicht in den Bundestag einzog. FDP-Parteichef Philipp Rösler erklärte noch am Wahlabend seinen Rücktritt. Das Paradoxe: Die CDU/CSU erzielte mit 41,5% ihr bestes Ergebnis seit 1990 — hatte aber keinen Koalitionspartner mehr. Merkel musste ausgerechnet die SPD in die Koalition zwingen, gegen die sie gerade gewählt hatte. Die Koalitionsverhandlungen dauerten 74 Tage.
1970: Wahlalter 18 – wie Studenten die Demokratie errang
Am 31. Juli 1970 wurde das Wahlalter von 21 auf 18 gesenkt. Die Impulsion: 68er-Bewegung, Vietnam-Kriegsproteste, APO. Das Argument: Wer einberufen werden kann, soll auch wählen dürfen. 1970 waren 4,5 Millionen neue Wähler wahlberechtigt. Sie wählten überproportional SPD. 1972: Brandt gewann mit 91,1 Prozent Wahlbeteiligung – der Mobilisierungseffekt der Jungswähler war messbar. 2013: Bundestagsdebatte über Wahlalter 16 für Bundestagswahlen (für Kommunal- und Landtagswahlen in manchen Bundesländern bereits gültig). Bundesweit gilt noch: 18 Jahre.
Häufige Fragen
Wer hat die Bundestagswahl 2013 gewonnen?
Die CDU/CSU unter Angela Merkel gewann mit 41,5% — dem besten Unionsergebnis seit 1994 und nur knapp an der absoluten Mehrheit vorbei.
Warum flog die FDP 2013 aus dem Bundestag?
Die FDP erreichte nur 4,8% und verfehlte damit die 5%-Hürde. Gründe waren gebrochene Steuersenkungsversprechen und der Verlust des eigenen Profils in der Koalition mit der Union.
Wie entstand die Große Koalition 2013?
Obwohl die CDU/CSU fast die absolute Mehrheit erreichte, fehlte ihr der Koalitionspartner FDP. Die einzige rechnerische Option war eine Große Koalition mit der SPD.
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