Bundeskanzler Friedrich Merz während einer Rede im Bundestag

Merz und die Renten-Revolte: Wie gefährlich wird der Streit für die Koalition?

Der Streit um die Rente droht für Kanzler und Koalition zur Zerreißprobe zu werden. Beim Deutschlandtag der Jungen Union, traditionell ein Heimspiel für den CDU-Vorsitzenden, schlug Friedrich Merz an diesem Wochenende demonstrativ Enttäuschung entgegen. Die Junge Union lehnt den vorliegenden Gesetzentwurf zum Rentenpaket weiterhin ab, die SPD will ihn nicht mehr abändern, und der Kanzler ebenfalls nicht. Die Frage, die sich seither durch das politische Berlin zieht: Kann Merz die Situation noch einmal einfangen, oder bewegt sich die Koalition auf den Abgrund zu?

Die phoenix runde vom 18. November 2025 diskutierte diese Frage unter Moderation von Ulrich Deppendorf, langjährigem Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, mit Sara Sievert, stellvertretender Ressortleiterin und Chefkorrespondentin bei Table Briefings, die selbst ein Buch über Friedrich Merz geschrieben hat und beim Deutschlandtag vor Ort war, Volker Resing, Leiter des Ressorts Berliner Republik beim Cicero und ebenfalls Buchautor über Merz und die CDU, sowie Sabine Kropp, Professorin für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin.

Video: phoenix runde vom 18. November 2025

"Er hat ihnen die Tür ins Gesicht geschlagen"

Sara Sievert beschrieb die Atmosphäre beim Deutschlandtag als "eingefroren": "Das habe ich so auch in einigen Jahren der Berichterstattung über die Union noch nicht erlebt." Der Deutschlandtag sei eigentlich ein Heimspiel für Merz, die Anhängerinnen und Anhänger seiner ersten Stunde hätten viel von seinem Auftritt erwartet. "Er hat ihnen die Tür ins Gesicht geschlagen, gewissermaßen." Bemerkenswert fand Sievert dabei die Disziplin der Jungen Union: keine Buhrufe, sondern "ein dröhnendes Schweigen" und eine sachlich geführte, aber schmerzhafte Debatte.

Auf dem Podium hatte JU-Chef Johannes Winkel die Kritik zuvor unmissverständlich formuliert: "Glaubt jemand ernsthaft, dass wir einen Unterbietungswettkampf gewinnen? Wer bietet an das niedrigste Rentenniveau? Das kann doch wohl nicht euer Ernst sein." Merz erwiderte, er sei zur Auseinandersetzung bereit, müsse aber "dafür sorgen, dass wir strukturell in der Bundesrepublik Deutschland mehrheitsfähig bleiben" und verwies auf seine Pflicht als Parteivorsitzender, unterschiedliche Interessen auszugleichen, von der Jungen bis zur Seniorenunion.

Kein inhaltlicher, sondern ein pragmatischer Konflikt

Volker Resing ordnete den Streit als weniger inhaltlich ein, als er zunächst wirke: "Friedrich Merz hat der Jungen Union sozusagen als Lehrer die letzten 20 Jahre erklärt, wie das Sozialsystem vor die Wand fährt." JU-Chef Winkel habe die Bücher von Merz "leidenschaftlich" gelesen und schon früher für dessen Reformkurs Plakate geklebt, aus eigener Tasche bezahlt. "Das sind die gelehrigen Schüler ihres Lehrers", so Resing. Der Konflikt sei deshalb "kein inhaltlicher, sondern ein pragmatischer": Im Kern wisse Merz, dass die Junge Union recht habe, könne dies aber innerhalb der Koalition politisch nicht durchsetzen.

Sabine Kropp bestätigte, dass beiden Seiten das Ausmaß des Risikos bewusst sei: "Ich glaube schon, dass sie wissen, dass sie sich eine zweite Ampelerfahrung nicht zumuten können." Die eigentliche Schwierigkeit liege darin, aus einer Situation herauszukommen, in der "verschiedene Züge aufeinander zurasen, keiner nachgeben will".

Die Haltelinie 2031 als Streitpunkt

Konkret entzündet sich der Konflikt an der im Koalitionsvertrag vereinbarten Haltelinie, die das Rentenniveau bis 2031 künstlich stabil halten soll. Strittig ist, was danach gilt: Setzt die Berechnung ab 2031 beim künstlich gehaltenen, höheren Niveau an, oder kehrt sie zum eigentlichen, niedrigeren Ausgangswert zurück? Resing kritisierte die Kommunikation des Kanzlers in dieser Frage scharf: Merz habe der jungen Gruppe zunächst signalisiert, "ihr habt einen Punkt", um danach ohne weitere Kommunikation von dieser Linie abzurücken. "Danach gab es von Seiten des Kanzleramtes keinerlei Kommunikation mehr mit der Jungruppe."

Deppendorf sah darin ein grundsätzliches Problem der Regierungsführung: Merz sei "Topdown-Politiker", der in seinen eigenen Sätzen fast ausschließlich "ich" sage. Er habe "keinerlei Exekutiverfahrung", anders als frühere Kanzler, und ähnlich unerfahrene Berater um sich. Resing ergänzte, dass Kanzleramtsminister Jens Spahn die Bedenken der Jungen Gruppe in der Ressortabstimmung zwar zur Kenntnis genommen habe, diese aber "auf Regierungsebene ignoriert" worden seien.

Die Rolle der SPD

Für die SPD sei die Lage laut Deppendorf ebenso heikel: Sie stehe unter Druck, etwa nach schwachen Ergebnissen in Nordrhein-Westfalen, und müsse "die sozialdemokratische Karte spielen". Bärbel Bas habe zugleich öffentlich betont, im Fall von Neuwahlen am liebsten weiter mit Merz regieren zu wollen, was Deppendorf als Signal deutete, dass "beide sind sich bewusst, was sie da angerichtet haben". Kropp warf der SPD-Funktionärsebene vor, "ideologisch verhärtet" zu sein: Bas deute die Bürgergeldreform als reines "Geschenk an die Union", statt eigene Erfolge darin zu erkennen.

Ausblick: Minderheitsregierung als "doppelte Hölle"

Innerhalb der Union werde inzwischen offener über Alternativen nachgedacht, berichtete Sievert: "Es gibt tatsächlich erste Stimmen innerhalb der Union, die sagen, die Koalition ist nicht alternativlos." Resing hielt eine Minderheitsregierung dennoch für keine ernsthafte Option: "Jeder, der ehrlich den Politikbetrieb kennt, weiß, dass eine Minderheitsregierung die doppelte Hölle ist", da Merz bei jeder Abstimmung nach Mehrheiten bei Grünen, Linken oder gar der AfD suchen müsste, was die Koalition endgültig zerstören würde.

Am Ende der Sendung waren sich alle Gäste einig, dass ein Bruch der Koalition unwahrscheinlich bleibt, weil beide Seiten wüssten, was bei Neuwahlen auf dem Spiel steht. Kropp brachte es zugespitzt auf den Punkt: Bei einer Neuwahl mit einer SPD von nur 14 Prozent "haben wir eine Kanzlerin, die heißt möglicherweise Weidel". Deshalb, so die einhellige Erwartung der Runde, werde sich am Ende vor allem die SPD noch bewegen müssen, während beide Seiten hoffen dürfen, am Ende trotz "Schrammen im Gesicht" gesichtswahrend aus dem Streit herauszukommen. Ob daraus tatsächlich die im Koalitionsvertrag versprochene große Rentenreform wird, bleibt für die kommenden Monate die entscheidende Frage.

Häufige Fragen

Worum geht es beim Streit über das Rentenpaket zwischen Merz und der Jungen Union?

Der Koalitionsvertrag sieht vor, das Rentenniveau bis 2031 künstlich auf dem heutigen Niveau zu halten. Streitpunkt ist, was danach passiert: Startet die Berechnung ab 2031 vom künstlich hochgehaltenen Niveau, oder kehrt sie zum ursprünglichen, niedrigeren Ausgangswert zurück? Die Junge Union sieht darin eine versteckte dauerhafte Ausweitung der Haltelinie.

Wie groß ist die Rebellion in der Unionsfraktion?

Kern der Rebellion ist die junge Gruppe von 18 Abgeordneten, die eine Sperrminorität innerhalb der Koalitionsmehrheit besitzt. Laut der Sendung gab es zudem ein Treffen mit rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus der Fraktion, bei dem die Kritik am Rentenpaket über die junge Gruppe hinaus geteilt wurde.

Droht der Koalition wegen des Rentenstreits das Ende?

Die Expertinnen und Experten der Sendung hielten ein Scheitern der Koalition für unwahrscheinlich, da beide Seiten wissen, was auf dem Spiel steht: Bei Neuwahlen rechneten die Gäste mit erheblichen Verlusten für die SPD und einem weiteren Erstarken der AfD. Erwartet wurde stattdessen ein mühsamer, aber am Ende erreichbarer Kompromiss.

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