AfD-Bundesvorsitzende Alice Weidel bei einer Rede auf einem Parteitag

AfD-Umfragehoch im Osten: Warum in Berlin die Nervosität wächst

Was wird bloß nach dem 6. September, sollte die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt die Mehrheit der Sitze erringen? Vier Monate vor der Wahl ist eine anschwellende Nervosität im politischen Berlin unübersehbar. Die Suche nach Antworten, wie eine Regierungsübernahme durch die AfD verhindert werden könnte, mutet dabei streckenweise wie ein Lotteriespiel an: Wahlentscheidend dürfte sein, welche der kleineren Parteien die 5-Prozent-Hürde noch überspringen, sodass am Ende wenige tausend Wählerstimmen über die Machtverhältnisse im Land entscheiden könnten.

Die phoenix runde vom 2. Juni 2026 diskutierte unter Moderation von Alexander Kähler mit Sabine Falk-Bartz, Reporterin und Politikredakteurin des MDR in Sachsen-Anhalt, Nadine Lindner, Korrespondentin im Hauptstadtstudio des Deutschlandradios mit Schwerpunkt AfD und Ostdeutschland, Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin und früheres Mitglied der Grundwertekommission der SPD, sowie Werner Patzelt, emeritierter Politikwissenschaftsprofessor der TU Dresden und ehemaliges Mitglied der inzwischen verlassenen Werteunion.

Video: phoenix runde vom 2. Juni 2026

41 Prozent für die AfD, 7 Prozent für die SPD

Falk-Bartz stellte gleich zu Beginn klar, dass wirtschaftliche Unzufriedenheit allein die AfD-Stärke nicht erkläre: "Wir wissen mittlerweile auch aus diversen Studien, dass die Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Lage allein nicht die Erklärung darstellt." Während der Kanzler beim Ostdeutschen Wirtschaftsforum sprach, besuchte die Linke parallel Leuna, wo der US-Chemiekonzern Dow trotz vorhandener Investoren einen Standort schließen will.

Nadine Lindner zitierte die zugrunde liegenden Zahlen aus der Infratest-dimap-Erhebung vom Mai 2026: Die AfD lag in Sachsen-Anhalt bei 41 Prozent, die CDU bei 26 Prozent, die Linke relativ stabil bei 12 Prozent, die SPD nur noch bei 7 Prozent. Das BSW und alle übrigen Parteien lagen unter der 5-Prozent-Marke. Ein Kollege habe ihr gegenüber kürzlich gesagt: "Wir reden diesen Wahlsieg hier noch herbei", ein Satz, den Falk-Bartz "bemerkenswert" fand und unkommentiert im Raum stehen ließ.

Reformstau statt Aufbruch

Wolfgang Schroeder erklärte den Zusammenhang zwischen politischer Enttäuschung und AfD-Höhenflug mit einem gescheiterten "Erwartungsmanagement": Die Koalition habe suggeriert, an der Regierung werde sich automatisch eine ökonomische Beflügelung einstellen. "Mit dem Nichteintreten ist aber eingetreten eine sich zunehmend stärker dynamisierende Verzweiflung, Ratlosigkeit und mit der Ratlosigkeit auch eine Strategielosigkeit", so Schroeder, was "Futter für alle" sei, die populistisch radikale Positionen verträten.

Als Schlüsselereignis benannte Schroeder das Koalitionstreffen in der Villa Borsig: Zwei Tage vor dem Treffen habe es bereits ein fertiges Reformpaket von Merz, Klingbeil und Söder gegeben, das dann von Söder gestoppt worden sei. "Das heißt, wir haben hier wieder eine Dreier-Konstellation wie in der Ampelregierung, und an die Stelle von Lindner ist Söder getreten." Die für Ende Juni erwarteten Ergebnisse der Rentenkommission kämen dabei denkbar ungünstig kurz vor der heißen Phase des Wahlkampfs in Sachsen-Anhalt, wo laut Schroeder rund 80 Prozent der Menschen allein auf die gesetzliche Rente angewiesen sind, ohne nennenswerte Betriebsrenten oder private Kapitaldeckung.

Ein neuer Ministerpräsident ohne Amtsbonus

Falk-Bartz verglich den neuen Ministerpräsidenten Sven Schulze mit seinem Vorgänger Reiner Haseloff, der trotz mäßiger Rhetorik von einem über Jahre aufgebauten "Landesvaterbonus" profitiert habe. Schulze, 46 Jahre alt und Vater junger Kinder, könne und wolle diese Rolle nicht spielen und positioniere sich stattdessen bewusst als dynamischer "Macher" gegenüber dem jungen AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund.

Vertrauensverlust und weitergegebene Traumata

Besonders eindringlich beschrieb Falk-Bartz die Kluft zwischen persönlicher Zufriedenheit und Vertrauen in die Politik: Laut der Infratest-dimap-Erhebung seien 60 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt mit ihrer eigenen wirtschaftlichen Lage zufrieden, gleichzeitig äußerten 82 Prozent kein Vertrauen in die Landespolitik. Migration stehe trotz eines Migrantenanteils von nur rund 10 Prozent weiterhin ganz oben auf der Liste der wichtigsten Themen, noch vor Bildung und Wirtschaft.

Als Erklärung verwies Falk-Bartz auf einen "Transfer von Traumata" aus der DDR-Umbruchzeit: Selbst 30-Jährige, die den Mauerfall nicht mehr erlebt hätten, würden Verlustnarrative von Eltern und Großeltern übernehmen, "das wird zu Hause aufgenommen". Dieses generationenübergreifende Erleben lasse sich auf den Umgang mit der AfD übertragen.

Überzeugungswähler statt Protestwähler

Werner Patzelt sah in der AfD-Wählerschaft längst nicht mehr nur Protest: "Pi mal Daumen kann die Formel helfen, dass wir bei der AfD inzwischen mindestens 50 Prozent Überzeugungswähler und Protestwähler haben, und wahrscheinlich wird der Anteil der Überzeugungswähler immer größer." Jede politische Korrektur in Richtung AfD-Positionen, etwa in der Migrationspolitik, verstärke bei den Wählern den Eindruck: "Jetzt sehen die anderen auch allmählich ein, dass unsere Sorgen nicht unbegründet waren." Hinzu komme im Osten die spezifische Erfahrung des Systemzusammenbruchs: "Wir im Osten haben ja im Unterschied zu denen im Westen die Erfahrung gemacht, wie es ist, wenn ein System so allmählich in Sackgassen gerät und dann zusammenbricht. Das wollen wir nicht noch mal neu erleben."

Was eine AfD-Mehrheit bedeuten würde

Falk-Bartz verwies auf ein aktuelles Szenario der Amadeu-Antonio-Stiftung: Käme es zu einer AfD-Mehrheit der Sitze, wären vor allem die originären Landeskompetenzen Bildung und Kultur betroffen, etwa bei der Kulturförderung oder beim Thema Homeschooling, das in anderen europäischen Ländern bereits praktiziert werde. Der Landtag habe bereits vorsorglich ein Kulturfördergesetz sowie eine Parlamentsreform verabschiedet, um Eingriffsmöglichkeiten zu begrenzen.

Schroeder mahnte zugleich vor einer "Lust am Untergang" in der öffentlichen Debatte und plädierte für eine neu gedachte Brandmauer, die sich "auf den Kern ihrer Funktion" konzentrieren müsse: eine Kraft von der Regierung fernzuhalten, die "nicht die Kompetenz hat, verantwortlich ein Land zu führen", statt starre Regeln für jede einzelne Abstimmung aufzustellen. Er verwies zudem auf ein Ranking, laut dem nur Alice Weidel, Alexander Gauland und Heidi Reichinnek im Osten besser abschneiden als im Westen, während es der Regierung an ostdeutschen Identifikationsfiguren fehle.

Ausblick: Das Rennen entscheidet sich am 5-Prozent-Rand

Patzelt widersprach der Einschätzung, die AfD sei "noch nie so nah dran an der Macht" gewesen, deutlich Optimismus entgegenzusetzen: Genau deshalb sei es "total unverantwortlich", die Machtübernahme-Szenarien nicht durchzudenken. Schroeder betonte hingegen, das eigentliche Rennen finde nicht zwischen CDU und AfD statt, sondern am unteren Rand um die 5-Prozent-Hürde: Je mehr kleinere Parteien wie das BSW oder eine wiederbelebte FDP um Wolfgang Kubicki den Einzug schaffen, desto schwieriger werde die Machtoption für die AfD.

Auch die CDU sucht nach neuen Wegen im Umgang mit der AfD: Eine 30-seitige Informationsbroschüre über die Partei wurde von der Runde als sinnvoll bewertet, während eine Aktion mit vorgefertigten Parteiaustrittsschreiben für AfD-Bundestagsabgeordnete auf Skepsis stieß. Bis zum 6. September bleibt damit vor allem eines gewiss: Die Sonntagsfrage für Sachsen-Anhalt wird noch mehrfach neu gestellt, und jede kleine Verschiebung am unteren Rand der Parteienlandschaft kann über die Machtfrage im Land entscheiden.

Häufige Fragen

Wie hoch liegt die AfD aktuell in Sachsen-Anhalt?

Laut der in der Sendung zitierten Infratest-dimap-Umfrage von Mai 2026 lag die AfD in Sachsen-Anhalt bei 41 Prozent, die CDU bei 26 Prozent, die Linke bei 12 Prozent und die SPD bei nur noch 7 Prozent. Alle übrigen Parteien lagen unter der 5-Prozent-Hürde.

Was würde eine absolute Mehrheit der AfD in Sachsen-Anhalt bedeuten?

Laut einem in der Sendung erwähnten Szenario der Amadeu-Antonio-Stiftung könnte eine AfD-Mehrheit vor allem in den Landeskompetenzen Bildung und Kultur Änderungen bringen, etwa bei Kulturförderung oder beim Thema Homeschooling. Die Gäste betonten jedoch, dass die AfD trotz eines möglichen Wahlsiegs mangels Koalitionspartnern nicht automatisch die Regierung übernehmen würde.

Warum ist die AfD im Osten so viel stärker als im Westen?

Die Gäste der Sendung verwiesen unter anderem auf einen dramatischen Vertrauensverlust in die Politik, eine als unzureichend wahrgenommene Bearbeitung wirtschaftlicher Probleme sowie einen über Generationen weitergegebenen Transfer von Verlusterfahrungen aus der DDR-Umbruchzeit. Zugleich wachse laut Politikwissenschaftler Werner Patzelt der Anteil echter Überzeugungswähler gegenüber reinen Protestwählern.

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