Lage der Nation — AfD erstmals klar vor der Union
Sonntagsfrage KW 16 — Snapshot 19.04.2026 (fixiert bei Erscheinen)
- AfD erstmals klar vor Union: +3 Prozentpunkte Vorsprung — historischer Wert
- Kanzlerzufriedenheit Merz: 36 % zufrieden / 56 % unzufrieden (Forsa)
- Richtige Richtung? 28 % ja / 64 % nein (Infratest dimap)
- Quellen: Infratest dimap (ARD Deutschlandtrend), Forsa-Wochentrend, INSA/Bild — KW 16, April 2026
Die Zahl der Woche: AfD vor CDU/CSU
Es ist eine Zahl, die man sich merken wird: 28 zu 25. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik liegt die AfD in der Sonntagsfrage klar vor CDU/CSU — drei Prozentpunkte Vorsprung, bestätigt durch mehrere Institute in dieser Woche. Infratest dimap für die ARD, Forsa und INSA/Bild zeigen denselben Trend — unterschiedliche Methoden, dasselbe Bild.
Die AfD war bei der Bundestagswahl 2025 mit 20,8 Prozent noch Zweite. Seitdem hat sie in 14 Monaten Regierungszeit der Koalition mehr als sieben Prozentpunkte zugelegt. CDU/CSU verlor in derselben Zeit rund drei Punkte vom Wahlergebnis. Was sich hier zeigt, ist keine Meinungsschwankung — es ist ein struktureller Trend. Der Spiegel sprach in dieser Woche von einer "politischen Tektonik", die sich in den Zahlen abbildet.
Für Kanzler Friedrich Merz ist es ein persönlicher Tiefpunkt: Seine Zufriedenheitswerte fallen laut Forsa auf 36 Prozent — jeder zweite Deutsche ist unzufrieden mit seiner Amtsführung. Das ist keine kurzfristige Reaktion auf eine Krise, sondern der Ausdruck einer anhaltenden Skepsis gegenüber dem Kurs der Regierung.
Was diese Zahlen politisch bedeuten
Man muss die Konsequenzen nüchtern betrachten. Die AfD regiert nicht, sie wird nicht regieren — die Brandmauer aller demokratischen Parteien hält. Aber 28 Prozent in der Sonntagsfrage bedeuten: Die AfD wäre bei einer Wahl heute mit Abstand die stärkste Kraft. Sie hätte eine Sperrminorität, die Verfassungsänderungen blockieren kann. Sie diktierte die Oppositionsrhetorik im Bundestag. Und sie sendete eine Botschaft an alle Koalitionsparteien: Die Unzufriedenheit der Bevölkerung hat eine Adresse gefunden.
Für die CDU/CSU ist das besonders schmerzhaft. Sie regiert und verliert dabei Wähler nicht an die Mitte oder an den Koalitionspartner, sondern direkt nach rechts. FAZ-Analysen zeigen, dass ein erheblicher Teil der aktuellen AfD-Wähler bei der letzten Bundestagswahl noch CDU oder CSU gewählt hat. Das ist eine Wanderbewegung, die Merz aufhalten müsste — und für die es bislang kein überzeugendes Rezept gibt.
Die SPD steht mit 16 Prozent am Rand der politischen Relevanz. Als Juniorpartner in einer Koalition, die mit sinkenden Umfragewerten kämpft, fehlt ihr der Spielraum für eigene Akzente. ARD/Tagesschau berichtete in dieser Woche über interne Debatten in der SPD-Fraktion, die den Unmut über die eigene Sichtbarkeit im Regierungshandeln widerspiegeln. Soziale Kernanliegen — Wohnen, Rente, Pflege — werden von der Öffentlichkeit nicht als SPD-Leistungen wahrgenommen.
Trend-Watch: Wohin die Zahlen zeigen
Umfragen sind keine Prognosen — aber sie zeigen, wohin ein Trend läuft. Und dieser Trend läuft seit 14 Monaten in eine Richtung. Die AfD legte bei jeder vierten Infratest-Erhebung seit der Bundestagswahl 2025 zu. Die Union verlor in sieben von zwölf Monatsmessungen. Die Linie ist eindeutig.
Besonders aufschlussreich: der Rechts-Richtungs-Index. Auf die Frage, ob Deutschland auf dem richtigen Weg ist, sagen laut Infratest dimap in dieser Woche nur noch 28 Prozent "ja" — 64 Prozent sagen "nein". Das ist der niedrigste Wert seit dem Regierungsantritt der Koalition. Vergleichbare Werte gab es zuletzt in den letzten Monaten der Ampel-Koalition, kurz vor ihrem Bruch im Herbst 2024.
Drei Gruppen treiben den AfD-Anstieg besonders: Männer unter 35, Wähler in Ostdeutschland, und — das ist neu — ein wachsender Anteil von Erstwählern in Westdeutschland. Handelsblatt-Recherchen auf Basis von Forsa-Daten zeigen: In der Altersgruppe 18 bis 29 Jahre liegt die AfD bundesweit bereits bei über 30 Prozent. Das ist eine Verschiebung, die, wenn sie anhält, das politische Fundament des Landes neu ordnet — unabhängig davon, wer 2029 regiert.
Ausblick: Was die Koalition jetzt tun muss
Die Frage ist nicht mehr, ob diese Zahlen ernst zu nehmen sind. Die Frage ist, ob die Koalition die richtigen Schlüsse zieht.
Haushalt als Schicksalsfrage. CDU/CSU und SPD wollen nach Politico Europe-Informationen noch vor der Sommerpause eine Grundsatzeinigung zur Haushaltsarchitektur erzielen. Gelingt das nicht, liefert es der Opposition weiteres Material. Gelingt es, muss die Koalition daraus einen für Bürger sichtbaren Erfolg machen — keine Selbstverständlichkeit.
Energiepreise als Stimmungsbarometer. Die anhaltend hohen Energiepreise infolge des Iran-Konflikts sind der vielleicht größte Hebel für die Zufriedenheitswerte. Reuters und die FAZ berichten für die Folgewoche über neue Großhandelsdaten. Jede weitere Preissteigerung landet direkt in der Sonntagsfrage.
Neue Umfragen am Mittwoch und Freitag. Infratest dimap und INSA legen kommende Woche neue Erhebungen vor. Die entscheidende Frage: Verfestigt sich die AfD bei 28 Prozent oder darüber — oder war diese Woche ein temporärer Ausschlag? Für die Koalition wäre Stabilisierung auf diesem Niveau bereits Warnsignal genug. Jeder weitere Punkt AfD-Aufstieg macht das politische Jahr 2026 zu einem der unruhigsten seit der Wiedervereinigung.
Was diese Woche bleibt: 28 zu 25. Eine Zahl, die Geschichte schreibt — und die Regierung zwingt, Politik endlich wieder als Kommunikation mit dem eigenen Land zu begreifen.
Lage der Nation erscheint jeden Sonntag um 12 Uhr auf bundestagwahlumfrage.de. Datenquellen: Infratest dimap (ARD Deutschlandtrend), Forsa-Wochentrend, INSA/Bild — KW 16, April 2026.

