Trumps Frieden mit Iran: Durchbruch oder Kapitulation der USA?
Gestern wollte Donald Trump die Zivilisation im Iran zerstören, heute spielen Iraner Fußball bei ihm zu Hause. Mit diesem Kontrast eröffnete Maybrit Illner ihre Sendung am 18. Juni 2026. Wenige Tage nach einem mehrwöchigen Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran hatte Donald Trump persönlich ein Rahmenabkommen mit Teheran unterzeichnet, während gleichzeitig eine Fußball-Weltmeisterschaft in den USA lief, bei der die iranische Nationalmannschaft antrat.
Zu Gast in der Runde waren der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen, die Friedens- und Konfliktforscherin Nicole Deitelhoff, die Filmproduzentin und Deutsch-Iranerin Minu Barati, der Nahost-Experte Guido Steinberg sowie aus Washington zugeschaltet ZDF-Studioleiter Elmar Theveßen. Die zentrale Frage des Abends: Ist das, was Bundeskanzler Merz und Außenminister als Durchbruch feiern, tatsächlich einer, oder handelt es sich, wie mehrere Gäste betonten, um eine Niederlage des Westens?
Video: Iran-Abkommen in der Illner-Runde
"Eine strategische Niederlage auf der gesamten Linie"
Norbert Röttgen, der im April in der gleichen Sendung noch erklärt hatte, das iranische Regime stehe kurz vor dem Ende, zeigte sich sichtlich konsterniert: "Jetzt ist es so stark wie wahrscheinlich nie zuvor. [...] Wir erleben jetzt, dass es gerettet wird." Das Abkommen bezeichnete er unmissverständlich als "die strategische Niederlage der Vereinigten Staaten von Amerika auf der gesamten Linie". Er stützte sich dabei auch auf eine Einschätzung des Grünen-Politikers Omid Nouripour, der laut Röttgen von einer "bedingungslosen Kapitulation der USA" gesprochen habe. Sein Kernargument: Über das ballistische Raketenprogramm des Iran werde im Abkommen gar nicht gesprochen, ebenso wenig über das "regionale Terrornetzwerk" Teherans, während die Nuklearfrage lediglich vertagt sei.
Die 14 Punkte: Was jetzt gilt und was noch offen ist
Nahost-Experte Guido Steinberg differenzierte zwischen Maßnahmen, die sofort innerhalb von 60 Tagen greifen sollen, und solchen, die erst später folgen könnten. Fest vereinbart sei bereits die Öffnung der Straße von Hormus für freie Schifffahrt, verbunden mit der Möglichkeit für Iran, wieder Öl zu exportieren. "Die Iraner dürfen ihr Öl verkaufen [...] und damit sind sie in der Lage, ihr Regime zu finanzieren, ihre Machtbasis zu sichern", so Steinberg. Für ihn ist das "ein ganz großer Sieg für die islamische Republik und eine Niederlage für die USA, ganz unabhängig davon, was vielleicht dann in 60 Tagen kommt". Weitere im Studio genannte Eckpunkte: rund 300 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau des Iran, die Aufhebung sämtlicher US-Sanktionen sowie jener der UN und der IAEA, und eine iranische Zusage, "niemals Atomwaffen herzustellen", ohne dass geklärt wäre, was mit dem bereits vorhandenen angereicherten Uran geschieht.
Barati: "Verheerend für die iranische Bevölkerung"
Minu Barati widersprach der Einordnung als Durchbruch scharf. Sie warf Bundeskanzler Merz vor, ihn interessierten offenbar "die Preise an der Tankstelle mehr als das Leid der iranischen Bevölkerung", zumal er im Januar noch erklärt habe, das Regime habe "jede Legitimation nach dem Massaker der Bevölkerung verloren". Barati schilderte die wirtschaftliche Lage im Land als katastrophal: Die Lebensmittelinflation liege bei über 100 Prozent, "das bedeutet, dass Eier inzwischen einzeln verkauft werden", viele Menschen könnten ihre Medikamente nicht mehr bezahlen. Für 88 Tage habe die Islamische Republik der Zivilbevölkerung zudem das Internet komplett abgeschaltet. Nach vorliegenden Erhebungen wollten rund 85 Prozent der Bevölkerung diese Islamische Republik nicht.
Fußballweltmeisterschaft als bitteres Symbol
Der von Illner gewählte Aufhänger, das gleichzeitige Fußballturnier in den USA, bekam im Gespräch eine bittere Note: Barati erinnerte daran, dass der eigentliche Nationaltorwart des Iran im Gefängnis sitzt und auf die Vollstreckung seines Todesurteils wartet, weil er Machthaber Chamenei auf sozialen Medien kritisiert hatte. Zudem seien 44 iranische Fußballspieler und Trainer bei den Protesten im Januar getötet worden. Friedensforscherin Nicole Deitelhoff ordnete das Phänomen grundsätzlicher ein: Es zeige, "dass Krieg nicht mehr die Ultima Ratio ist [...], sondern von bestimmten Staaten [...] immer mehr als ein ganz normales Mittel der Politik begriffen wird".
Der Vergleich mit 2015: Schlechter als Obamas Abkommen
Steinberg zog einen direkten Vergleich zum damaligen Atomabkommen JCPOA: 2015 sei der Iran bereit gewesen, 97 Prozent seines angereicherten Urans abzugeben. Das aktuelle Abkommen liege "weit hinter" diesem Niveau zurück, während Iran bereits in der Vorleistung sei: Drei Öltanker mit insgesamt 5 Millionen Barrel seien schon unterwegs. Aus Washington bestätigte Elmar Theveßen die politische Brisanz: In republikanischen Kreisen werde bereits von Kapitulation gesprochen, während Trump-Anhänger vor allem auf sinkende Benzinpreise hofften, die tatsächlich unter 4 Dollar pro Gallone gefallen seien. Theveßen verwies zudem auf die "Panik im Weißen Haus" angesichts der bevorstehenden Kongresswahlen als Erklärung für das schnelle Kriegsende.
Ausblick: Ein Frieden auf wackligen Beinen
Einig waren sich die Gäste, dass Frieden in 60 Tagen unwahrscheinlich ist. Deitelhoff verwies auf die Komplexität der offenen Fragen und die Erfahrung des Iran, "dass die USA immer angreifen können, egal ob sie gerade mit ihm verhandeln oder nicht". Auch das Verhältnis zwischen Trump und dem israelischen Regierungschef Netanyahu gilt als Belastungsfaktor: Trump soll ihm laut in der Sendung zitierten Berichten unter anderem gesagt haben, er sei "fucking crazy" und solle "verantwortungsvoller" sein. Deitelhoff ordnete das Verhalten der beteiligten Mächte in ihr aktuelles Friedensgutachten ein, das von "Warlords" spricht: nicht mehr nichtstaatliche Gewaltakteure wie in den 1990er Jahren, sondern mächtige Staaten selbst, die "zum Mittel der Gewalt schlicht und einfach greifen, weil es ihnen gerade gelegen kommt". Für die Bundesregierung, die das Abkommen als Chance zur Stabilisierung der Weltwirtschaft begrüßt, bleibt die Gratwanderung zwischen wirtschaftlichem Interesse und außenpolitischer Glaubwürdigkeit eine der zentralen Herausforderungen der kommenden Monate.
Häufige Fragen
Was steht im Memorandum zwischen den USA und dem Iran?
Das Rahmenabkommen sieht die Öffnung der Straße von Hormus für freie Schifffahrt vor, rund 300 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau des Iran, die Aufhebung von US-Sanktionen und weiterer internationaler Sanktionen sowie eine iranische Zusage, keine Atomwaffen zu bauen. Über das Raketenprogramm und das bereits angereicherte Uran wird laut den Gästen der Sendung nicht verhandelt.
Warum wird der Deal von manchen als Kapitulation bezeichnet?
CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen nannte das Vorgehen eine strategische Niederlage der USA, weil keines der ursprünglichen Kriegsziele erreicht worden sei: Weder das Raketenprogramm noch das regionale Terrornetzwerk des Iran werden im Abkommen adressiert, während der Iran wieder Öl exportieren und sein angereichertes Uran behalten darf.
Wie bewertet die iranische Bevölkerung das Abkommen?
Die Filmproduzentin Minu Barati beschrieb die Stimmung als bitter: Die Lebensmittelinflation liegt bei über 100 Prozent, Eier werden einzeln verkauft, viele Menschen können Medikamente nicht mehr bezahlen. Laut zitierten Erhebungen wollen rund 85 Prozent der Bevölkerung die Islamische Republik nicht.


