Relative vs. absolute Mehrheit — Wann gilt welche Regel?
Key-Facts
- Relative Mehrheit: Mehr Stimmen als jeder andere Kandidat einzeln
- Absolute Mehrheit: Mehr als 50 % aller (abgegebenen) Stimmen
- Kanzlermehrheit: Absolute Mehrheit der Mitglieder des Bundestags (316 von 630)
- Qualifizierte Mehrheit: z. B. Zweidrittel für Grundgesetzänderungen
- Wahlkreise: Direktmandate werden mit relativer Mehrheit vergeben
In der Politik fallen ständig Begriffe wie „absolute Mehrheit“, „Kanzlermehrheit“ oder „Zweidrittelmehrheit“. Doch was genau bedeuten diese Begriffe, und wann kommt welche Mehrheitsform zur Anwendung? Der Unterschied ist nicht bloß akademisch: Er entscheidet darüber, ob ein Kanzler gewählt wird, ein Gesetz verabschiedet werden kann oder eine Verfassungsänderung möglich ist.
Die einfache (relative) Mehrheit
Die relative Mehrheit (auch einfache Mehrheit genannt) ist die schwächste Form der Mehrheit. Sie liegt vor, wenn ein Vorschlag, Kandidat oder eine Partei mehr Stimmen erhält als jeder einzelne Mitbewerber — nicht aber zwingend mehr als die Hälfte aller Stimmen.
Bei der Bundestagswahl gilt die relative Mehrheit für die Vergabe der Direktmandate in den 299 Wahlkreisen. Der Kandidat mit den meisten Erststimmen zieht in den Bundestag ein, selbst wenn er nur 25 % der Stimmen erhalten hat. Eine Stichwahl gibt es nicht.
Beispiel: In einem Wahlkreis mit sechs Kandidaten könnte das Ergebnis so aussehen: 28 %, 24 %, 19 %, 14 %, 10 %, 5 %. Der Kandidat mit 28 % gewinnt — obwohl 72 % der Wähler andere Kandidaten bevorzugt haben.
Die absolute Mehrheit
Die absolute Mehrheit erfordert mehr als 50 % der Stimmen. Dabei gibt es eine wichtige Unterscheidung:
Absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen: Mehr als die Hälfte der tatsächlich abgegebenen gültigen Stimmen. Enthaltungen und ungültige Stimmen zählen nicht mit.
Absolute Mehrheit der Mitglieder (Kanzlermehrheit): Mehr als die Hälfte aller gesetzlichen Mitglieder des Bundestags — unabhängig davon, wie viele anwesend sind oder abstimmen. Bei 630 Abgeordneten sind das mindestens 316 Stimmen.
Die Kanzlermehrheit ist in mehreren Situationen erforderlich: bei der Wahl des Bundeskanzlers im ersten Wahlgang (Art. 63 GG), beim konstruktiven Misstrauensvotum (Art. 67 GG) und bei der Vertrauensfrage (Art. 68 GG).
Qualifizierte Mehrheiten
Eine qualifizierte Mehrheit liegt über der absoluten Mehrheit und verlangt einen bestimmten Bruch, zum Beispiel zwei Drittel oder drei Viertel. Im deutschen Verfassungsrecht ist die Zweidrittelmehrheit die wichtigste qualifizierte Mehrheit.
Für eine Änderung des Grundgesetzes (Art. 79 Abs. 2 GG) müssen sowohl der Bundestag als auch der Bundesrat mit Zweidrittelmehrheit zustimmen. Im Bundestag mit 630 Sitzen bedeutet das mindestens 420 Ja-Stimmen.
Übersicht: Mehrheitsformen im Vergleich
| Mehrheitsform | Definition | Beispiel (630 Sitze) | Anwendung |
|---|---|---|---|
| Relative Mehrheit | Mehr als jeder andere | z. B. 200 von 630 reichen | Direktmandate, 3. Wahlgang Kanzlerwahl |
| Einfache Mehrheit | > 50 % der Abstimmenden | z. B. 250 von 498 Anwesenden | Normale Gesetzgebung |
| Absolute Mehrheit (Kanzlermehrheit) | > 50 % aller Mitglieder | 316 von 630 | Kanzlerwahl (1. Wahlgang), Misstrauensvotum |
| Zweidrittelmehrheit | ≥ 2/3 aller Mitglieder | 420 von 630 | Grundgesetzänderung |
Mehrheitsbegriffe bei Wahlen und Abstimmungen
Bundestagswahl: Relative Mehrheit im Wahlkreis
Bei der Vergabe der 299 Direktmandate gilt ausschließlich die relative Mehrheit. Das Prinzip ist einfach, hat aber Konsequenzen: In Wahlkreisen mit vielen starken Kandidaten kann der Gewinner mit einem vergleichsweise niedrigen Stimmenanteil ins Parlament einziehen. Die Zweitstimme bestimmt hingegen proportional die Sitzverteilung im Bundestag.
Kanzlerwahl: Abgestufte Mehrheitsanforderungen
Die Wahl des Bundeskanzlers kennt drei Wahlgänge mit unterschiedlichen Mehrheitsanforderungen. Im ersten Wahlgang schlägt der Bundespräsident einen Kandidaten vor, der die Kanzlermehrheit (316 Stimmen) benötigt. Scheitert dies, kann der Bundestag im zweiten Wahlgang innerhalb von 14 Tagen eigene Kandidaten vorschlagen, die ebenfalls die Kanzlermehrheit brauchen. Gelingt auch das nicht, reicht im dritten Wahlgang die relative Mehrheit — allerdings kann der Bundespräsident dann entscheiden, ob er den Gewählten ernennt oder den Bundestag auflöst.
Gesetzgebung: Einfache Mehrheit als Regel
Für die meisten Gesetze genügt die einfache Mehrheit der anwesenden Abgeordneten. Der Bundestag ist beschlussfähig, wenn mehr als die Hälfte seiner Mitglieder anwesend ist. In der Praxis wird die Beschlussfähigkeit nur selten angezweifelt.
Bedeutung für Koalitionen
Die verschiedenen Mehrheitsformen haben direkte Auswirkungen auf die Koalitionsbildung. Eine Koalition muss mindestens die Kanzlermehrheit sicherstellen, um im ersten Wahlgang einen Kanzler zu wählen. Für die normale Gesetzgebung reicht die einfache Mehrheit, doch in der Praxis muss eine Koalition auch unerwartete Abweichler verkraften können.
Der Koalitionsrechner zeigt, welche Parteienkombinationen nach aktuellen Umfragen eine parlamentarische Mehrheit erreichen würden — und wie knapp oder komfortabel diese ausfiele.
22. September 2013: Angela Merkel fehlten 2 Sitze zur absoluten Mehrheit — und bekam sie trotzdem
Am 22. September 2013 gewann die CDU/CSU unter Angela Merkel mit 41,5 Prozent der Zweitstimmen — das beste CDU/CSU-Ergebnis seit dem Erdrutschsieg 1983 unter Helmut Kohl. Die absolute Mehrheit der Sitze hätte 316 Sitze erfordert. CDU/CSU holte 311 Sitze — fünf zu wenig. Gleichzeitig verpasste die FDP mit 4,8 Prozent die Fünf-Prozent-Hürde — Merkels bevorzugter Koalitionspartner war aus dem Bundestag geflogen. Eine CDU/CSU-Alleinregierung war knapp gescheitert, eine CDU+FDP-Koalition ebenfalls. Merkel musste eine Große Koalition mit der SPD bilden — obwohl die SPD nur 25,7 Prozent geholt hatte. Die politische Konsequenz: Die SPD stellte als Junior-Partner mit 25,7 Prozent trotzdem die Hälfte der Minister und setzte in den Koalitionsverhandlungen den Mindestlohn durch. Zwei fehlende Sitze zur absoluten Mehrheit entschieden damit über einen der wichtigsten Politikschwenks der Merkel-Ära.
Die einzige absolute Mehrheit in der Geschichte der Bundesrepublik
CDU/CSU unter Konrad Adenauer erzielte 1957 mit 50,2 Prozent der Zweitstimmen die einzige absolute Mehrheit, die jemals eine Partei bei einer Bundestagswahl erreicht hat. Auf Länderebene gelingt das der CSU in Bayern gelegentlich — zuletzt 1974 mit 62,1 Prozent. Im übrigen deutschen Parteiensystem ist die absolute Mehrheit strukturell kaum erreichbar: Zu viele Parteien teilen sich das Stimmvolumen. Die allermeisten Regierungen sind daher Koalitionen, die sich auf eine relative Mehrheit der Koalitionssumme und mindestens die Kanzlermehrheit (316 von 630 Stimmen) stützen. Was passiert, wenn auch ein dritter Wahlgang keinen Kanzler mit Kanzlermehrheit erbringt? Art. 63 Abs. 4 GG gibt dem Bundespräsidenten dann die Wahl: Er kann den Kandidaten mit relativer Mehrheit ernennen oder den Bundestag auflösen. Bisher musste dieser äußerste Notfallparagraph noch nie angewandt werden. Welche Koalitionen aktuell eine Mehrheit hätten →
Häufige Fragen
Was ist eine relative Mehrheit?
Eine relative Mehrheit liegt vor, wenn ein Vorschlag oder Kandidat mehr Stimmen erhält als jeder einzelne Konkurrent, aber nicht zwingend mehr als 50 %. Beispiel: Bei drei Kandidaten gewinnt einer mit 40 %, obwohl 60 % anders gestimmt haben.
Was ist eine absolute Mehrheit?
Eine absolute Mehrheit bedeutet mehr als die Hälfte aller abgegebenen (oder aller möglichen) Stimmen. Im Bundestag mit 630 Sitzen liegt die absolute Mehrheit der Mitglieder bei mindestens 316 Stimmen — die sogenannte Kanzlermehrheit.
Wann braucht der Bundestag eine Zweidrittelmehrheit?
Eine Zweidrittelmehrheit ist für Grundgesetzänderungen erforderlich. Sowohl der Bundestag als auch der Bundesrat müssen mit Zweidrittelmehrheit zustimmen. Im Bundestag sind das mindestens 420 von 630 Stimmen.
Welche Mehrheit gilt bei der Bundestagswahl in Wahlkreisen?
Bei der Vergabe der Direktmandate in den 299 Wahlkreisen gilt die relative Mehrheit. Der Kandidat mit den meisten Erststimmen gewinnt — egal ob er 20 % oder 60 % erreicht.
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