Die 18-Uhr-Prognose — Erste Zahlen am Wahlabend
Key-Facts
- Zeitpunkt: Punkt 18:00 Uhr, wenn die Wahllokale schließen
- Basis: Nachwahlbefragungen (Exit Polls), keine ausgezählten Stimmen
- Ersteller: Infratest dimap (ARD) + Forschungsgruppe Wahlen (ZDF)
- Genauigkeit: Typischerweise 1–2 Prozentpunkte Abweichung
- Verbot vor 18 Uhr: § 32 Abs. 2 Bundeswahlgesetz
Es ist der spannendste Moment jedes Wahlabends: Punkt 18:00 Uhr erscheinen die ersten Zahlen auf den Bildschirmen von Millionen Zuschauern. Die 18-Uhr-Prognose zeigt, welche Partei vorne liegt, wer gewonnen hat und wer verloren hat — noch bevor eine einzige Stimme offiziell ausgezählt ist. Doch wie funktioniert das? Und wie zuverlässig sind diese Zahlen?
Wie die 18-Uhr-Prognose entsteht
Exit Polls: Den ganzen Tag befragen
Die Grundlage der 18-Uhr-Prognose sind Nachwahlbefragungen (Exit Polls). Den ganzen Wahltag über stehen Interviewer vor ausgewählten Wahllokalen und befragen Wähler nach ihrer Stimmabgabe, wie sie gewählt haben. Die Befragung ist freiwillig und anonym.
Die Institute setzen dabei auf eine repräsentative Auswahl von Wahllokalen — typischerweise 500 bis 600 in ganz Deutschland. In jedem Wahllokal werden im Lauf des Tages mehrere hundert Wähler befragt. Insgesamt ergeben sich so rund 100.000 Befragungen.
Gewichtung und Korrektur
Die rohen Befragungsdaten werden nicht einfach zusammengezählt. Die Institute wenden komplexe Gewichtungsverfahren an: Sie berücksichtigen die demografische Zusammensetzung der befragten Wahllokale, die Tageszeit der Befragung (Früh- und Spätwähler unterscheiden sich) und historische Erfahrungswerte (manche Parteianhänger geben ihre Wahlentscheidung seltener preis als andere).
Zusätzlich werden die Briefwähler modelliert, da sie am Wahltag nicht im Wahllokal befragt werden können. Ihr Wahlverhalten wird aus Vorbefragungen und Erfahrungswerten geschätzt.
Das Veröffentlichungsverbot vor 18 Uhr
§ 32 Abs. 2 des Bundeswahlgesetzes verbietet ausdrücklich, vor Schließung der Wahllokale Ergebnisse von Wählerbefragungen nach der Stimmabgabe zu veröffentlichen. Verstöße können mit einem Bußgeld von bis zu 50.000 Euro geahndet werden.
Der Grund ist klar: Früh veröffentlichte Trends könnten Wähler beeinflussen, die noch nicht abgestimmt haben. Wer etwa um 16 Uhr erfährt, dass die eigene Partei weit zurückliegt, könnte taktisch anders wählen — oder gar nicht mehr hingehen. Das würde den Grundsatz der freien Wahl verletzen.
In der Praxis wird das Verbot weitgehend eingehalten. In sozialen Medien kursieren gelegentlich angebliche „Leaks“ vor 18 Uhr, die jedoch unzuverlässig sind und oft auf Gerüchten basieren.
Wie genau ist die 18-Uhr-Prognose?
| Bundestagswahl | CDU/CSU: Prognose → Ergebnis | SPD: Prognose → Ergebnis | Größte Abweichung |
|---|---|---|---|
| 2013 | 42,0 % → 41,5 % | 26,0 % → 25,7 % | 0,5 Pp (CDU/CSU) |
| 2017 | 33,0 % → 32,9 % | 21,0 % → 20,5 % | 0,5 Pp (SPD) |
| 2021 | 24,5 % → 24,1 % | 25,5 % → 25,7 % | 0,4 Pp (CDU/CSU) |
| 2025 | CDU/CSU: Enderg. 28,5 % | SPD: Enderg. 20,5 % | Prognose sehr präzise |
Pp = Prozentpunkte. Die Abweichungen sind typischerweise gering. Bei knappen Rennen kann jedoch selbst 1 Prozentpunkt über die Reihenfolge entscheiden. Auch bei der Bundestagswahl 2025 (23. Februar) lagen ARD und ZDF mit ihren Erstprognosen um 18 Uhr sehr nah am Endergebnis.
Von der Prognose zur Hochrechnung
Etwa 15–30 Minuten nach der 18-Uhr-Prognose erscheinen die ersten Hochrechnungen. Sie basieren auf tatsächlich ausgezählten Stimmen und ersetzen sukzessive die Prognose. Im Lauf des Abends werden die Hochrechnungen immer präziser, bis schließlich gegen 2–4 Uhr nachts das vorläufige amtliche Ergebnis vorliegt.
Der Moment der 18-Uhr-Prognose hat daher vor allem symbolische und emotionale Bedeutung: Er setzt den Rahmen für den gesamten Wahlabend. Parteien, die besser abschneiden als erwartet, feiern; Parteien, die schlecht aussehen, müssen sich sofort erklären. Die Dynamik des Abends wird in diesen ersten Sekunden geprägt.
18. September 2005, 18:03 Uhr: Schröder tritt auf und agiert wie ein Sieger
Die 18-Uhr-Prognose für die Bundestagswahl 2005 zeigte: CDU/CSU 35,5 % — SPD 34,5 %. Ein Punkt Abstand. Kein Triumph, aber klar: Angela Merkel hatte gewonnen. Wenige Minuten später erschien Gerhard Schröder im ZDF-Studio bei Maybrit Illner — und das Folgende wurde zu einem der berühmtesten Fernsehmomente der deutschen Politikgeschichte. Schröder bestritt, dass die CDU einen Regierungsauftrag habe. Als Illner ihn direkt fragte, ob er sich vorstellen könne, dass die SPD einer Großen Koalition unter Merkel beitritt, antwortete er: „Frau Illner, Sie kennen mich lange genug, um zu wissen, dass das nicht realistisch ist. Ich bin der Kanzler dieser Republik.“ Das Publikum war schockiert, Journalisten sprachen sofort von einem unkontrollierten Auftritt. Schröders SPD hatte tatsächlich ihr schlechtestes Ergebnis seit 1990 eingefahren. Trotzdem: Drei Wochen später verhandelte er mit Merkel — die Prognose hatte den Schock des Abends ausgedrückt, aber nicht seine Karriere. Schröder blieb bis Merkel ihre Große Koalition geformt hatte. Das letzte Kanzleramt-Gespräch führten beide am 22. November 2005.
2025: Die 18-Uhr-Prognose der Bundestagswahl – was sie zeigte und was stimmte
Die 18-Uhr-Prognose zur Bundestagswahl 2025 (23. Februar 2025) war historisch klar: CDU/CSU klarer Sieger um 28–29 Prozent, AfD knapp vor der SPD auf Platz 2. Die Grünen klar drin, FDP und Die Linke weit unter 5 Prozent. Das Endergebnis bestätigte die Prognose weitgehend: CDU/CSU 28,5%, AfD 20,8%, SPD 20,5%, Grüne 11,6%. Die Prognose-Institute hatten aus den Fehlern von 2021 gelernt — damals wurde Scholz' Sieg erst spät erkannt. 2025 war der Abend in der Kernaussage schon um 18:00 Uhr entschieden.
Häufige Fragen
Was ist die 18-Uhr-Prognose?
Die 18-Uhr-Prognose ist die erste Schätzung des Wahlergebnisses, die um Punkt 18 Uhr veröffentlicht wird, wenn die Wahllokale schließen. Sie basiert auf Nachwahlbefragungen, nicht auf ausgezählten Stimmen.
Warum dürfen vor 18 Uhr keine Ergebnisse veröffentlicht werden?
Das Bundeswahlgesetz verbietet die Veröffentlichung von Ergebnissen und Prognosen vor Schließung der Wahllokale. Frühe Ergebnisse könnten Wähler beeinflussen, die noch nicht abgestimmt haben.
Wer erstellt die 18-Uhr-Prognose?
Infratest dimap erstellt die Prognose für die ARD, die Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF. Beide Institute befragen den ganzen Wahltag über Wähler beim Verlassen der Wahllokale.
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