Umfragen Landtagswahl Thüringen 2024 — Rückblick & Analyse
Key-Facts: Landtagswahl Thüringen 2024
- Wahltag: 1. September 2024
- Wahlberechtigte: Rund 1,7 Millionen
- Wahlbeteiligung: 73,6 Prozent
- Stärkste Kraft: AfD mit 32,8 Prozent (historisch)
- CDU: 23,6 Prozent (Platz 2)
- BSW: 15,8 Prozent (Platz 3)
- Koalition: CDU/BSW/SPD unter Mario Voigt (CDU)
Ausgangslage: Thüringen in einer Sonderrolle
Thüringen nahm bereits vor der Wahl 2024 eine politische Sonderstellung ein. Als einziges Bundesland wurde es von einem Ministerpräsidenten der Linken regiert: Bodo Ramelow führte seit 2014 (mit Unterbrechung) eine rot-rot-grüne Regierung, die seit 2020 nur noch eine Minderheitskoalition war. Die Landespolitik war seit der Kemmerich-Krise 2020 dauerhaft angespannt.
Die Wahlumfragen zeigten seit Monaten ein klares Bild: Die AfD unter Björn Höcke lag stabil an der Spitze, die CDU deutlich dahinter, und mit dem BSW tauchte ein neuer Akteur auf, der die bisherigen Koalitionsarithmetiken völlig veränderte.
Umfrageverlauf: AfD stabil an der Spitze
Anders als in Sachsen, wo CDU und AfD ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten, war die Führung der AfD in Thüringen von Anfang an deutlich. Bereits im Frühjahr 2024 lag die AfD in den meisten Sonntagsfragen bei 28 bis 34 Prozent – mit klar aufsteigender Tendenz.
Die CDU pendelte zwischen 20 und 24 Prozent, konnte also nie ernsthaft an die AfD heranrücken. Das BSW wurde in den frühen Umfragen bei 15 bis 18 Prozent gemessen – erstaunlich hoch für Thüringen, wo Sahra Wagenknechts Popularität auch durch ihre Zeit als Linken-Politikerin gefestigt war.
Die Linke, die 2019 noch 31 Prozent geholt hatte, stürzte in den Umfragen auf 11 bis 15 Prozent ab. Die SPD lag bei 6 bis 8 Prozent, die Grünen bei 3 bis 4 Prozent – weit unter der Fünf-Prozent-Hürde.
Letzte Umfragen und Ergebnis
| Partei | Letzte Umfragen (Schnitt) | Ergebnis 1.9.2024 | Abweichung |
|---|---|---|---|
| AfD | 30,0 % | 32,8 % | +2,8 |
| CDU | 22,0 % | 23,6 % | +1,6 |
| BSW | 17,0 % | 15,8 % | −1,2 |
| Linke | 13,0 % | 13,1 % | +0,1 |
| SPD | 7,0 % | 6,1 % | −0,9 |
| Grüne | 3,5 % | 3,2 % | −0,3 |
| FDP | 2,5 % | 1,1 % | −1,4 |
Die größte Abweichung gab es bei der AfD: Sie wurde um 2,8 Prozentpunkte unterschätzt. Dieses Muster ist aus ostdeutschen Wahlen bekannt und wird in der Literatur als Kombination aus sozialer Erwünschtheit und Spätmobilisierung von Nichtwählern erklärt. Die Wahlbeteiligung stieg gegenüber 2019 um fast neun Prozentpunkte – ein Teil dieser Neuwahlenden dürfte AfD gewählt haben.
Historische Dimension: Erstmals AfD stärkste Kraft
Die Thüringer Landtagswahl 2024 markierte einen historischen Moment: Zum ersten Mal wurde die AfD bei einer Landtagswahl stärkste Kraft. Dieses Ergebnis wurde von den Umfrage-Aggregationen seit Monaten vorhergesagt – die Frage war nur, wie groß der Abstand zur CDU ausfallen würde.
In der Nachbetrachtung zeigt sich: Die Institute hatten die grundlegende Dynamik richtig erfasst. Dass die AfD letztlich noch stärker abschnitt als in den letzten Umfragen, passt zum bekannten Muster einer systematischen leichten Unterschätzung der AfD in telefonischen Befragungen.
BSW: Vom Umfrage-Hype zur Realität
Das BSW wurde in Thüringen besonders intensiv beobachtet. In den Sommermonaten maßen einzelne Institute die Partei bei bis zu 21 Prozent – das hätte sie zur zweitstärksten Kraft gemacht. Am Wahltag wurden es 15,8 Prozent: ein starkes Ergebnis, aber unter dem Umfrage-Hoch.
Die Erklärung: In den Wochen vor der Wahl verlor das BSW an Dynamik, während die AfD nochmals zulegte. Offenbar gab es eine Wanderungsbewegung von BSW-Sympathisanten zur AfD – möglicherweise Wähler, die sich erst spät zwischen den beiden protestorientierten Parteien entschieden.
Koalitionsbildung: Drei-Parteien-Bündnis als Notlösung
Die Regierungsbildung in Thüringen war die schwierigste seit Bestehen des Bundeslandes. Keine Zweier-Koalition ohne AfD hatte eine Mehrheit. Letztlich einigten sich CDU, BSW und SPD auf eine Dreier-Koalition unter dem CDU-Vorsitzenden Mario Voigt – ein Bündnis, das in dieser Konstellation bundesweit einmalig war.
Die Umfragen hatten diese Koalitionsarithmetik korrekt vorgezeichnet: Schon Wochen vor der Wahl war klar, dass nur ein Dreier-Bündnis aus CDU, BSW und SPD eine Mehrheit ohne AfD bilden konnte. Die Umfragegenauigkeit reichte also aus, um die politisch relevanten Szenarien korrekt zu identifizieren.
Vergleich: Thüringen vs. Sachsen am selben Wahltag
| Merkmal | Thüringen | Sachsen |
|---|---|---|
| AfD-Ergebnis | 32,8 % (Platz 1) | 30,6 % (Platz 2) |
| CDU-Ergebnis | 23,6 % | 31,9 % |
| BSW-Ergebnis | 15,8 % | 11,8 % |
| Wahlbeteiligung | 73,6 % | 74,4 % |
| Umfrage-Abweichung (AfD) | +2,8 Pkt. | +0,6 Pkt. |
| Koalition | CDU/BSW/SPD | CDU/BSW (Minderheit) |
Der Vergleich zeigt: Obwohl beide Wahlen am selben Tag stattfanden, waren die Dynamiken unterschiedlich. In Sachsen funktionierte die CDU-Mobilisierung gegen die AfD besser als in Thüringen. Das BSW war in Thüringen stärker – vermutlich, weil ein größerer Teil der ehemaligen Linke-Wähler zum BSW wechselte.
Fazit: Richtige Tendenz, typische Ostdeutschland-Herausforderungen
Die Wahlumfragen zur Thüringer Landtagswahl 2024 erfassten die grundlegende Dynamik korrekt: AfD vorne, CDU auf Platz zwei, BSW als starker neuer Akteur, Linke dramatisch geschwächt. Die Unterschätzung der AfD um knapp drei Prozentpunkte bleibt ein bekanntes Problem der Wahlforschung in Ostdeutschland. Für die Zukunft stellt sich die Frage, ob Institute ihre Gewichtungsverfahren anpassen, um diesen systematischen Bias zu korrigieren.
September 2024: Thüringen – AfD gewinnt erstmals, Institute liegen 3 Punkte daneben
Bei der thüringischen Landtagswahl am 1. September 2024 lagen die letzten Umfragen für die AfD bei 28–30 Prozent. Das tatsächliche Ergebnis: 32,8 Prozent – rund 3 Prozentpunkte mehr. Es war das erste Mal, dass die AfD eine Landtagswahl gewann. Der bekannte Ostdeutschland-Bias der Telefonumfragen trat wieder auf: Online-Institute (INSA: 30%) kamen näher als CATI-Institute (Forsa: 28%). Die Linkspartei wurde mit 3,4 Prozent prognostiziert und erzielte 13,1 Prozent – eine der größten Einzelpartei-Fehlprognosen der deutschen Wahlgeschichte.
Thüringen 2024: BSW-Überschätzung und die Logik der Protestpartei-Blase
Das BSW wurde in Thüringen in einzelnen Umfragen mit bis zu 21 % gemessen – das Ergebnis waren 15,8 %. Die Überschätzung von knapp 5 Prozentpunkten folgt einem bekannten Muster: Neu gegründete Protestparteien werden systematisch überschätzt, weil ihr früher Zustrom aus protestmotivierten Wählern besteht, die volatil und kurzfristig entscheiden. FDP 2017: In Umfragen zeitweise bei 10–11 %, Ergebnis 10,7 % (gut getroffen, aber der Verlauf hatte Hochphasen von 12–14 %). Grüne 2021: Frühjahr bei 26 % in Umfragen, Ergebnis 14,8 %. Die Linke in Thüringen lieferte die größte Gegenraschung: In Umfragen kaum noch messbar (3–5 %), Ergebnis 13,1 % – gerettet durch Direktmandate in Wahlkreisen (Ramelow-Effekt). Das zeigt: In Thüringen spielen DDR-Strukturen (starke lokale Parteiloyalität, personelle Verwurzelung) eine Rolle, die Standard-Sonntagsfragen nicht erfassen. Wer Thüringen pollen will, muss Direktmandat-Potenziale mitmodellieren. Wahlumfragen und ihre Grenzen →
Häufige Fragen
Wann war die Landtagswahl in Thüringen 2024?
Am 1. September 2024, zeitgleich mit der Landtagswahl in Sachsen.
Wurde die AfD stärkste Kraft in Thüringen?
Ja, die AfD erreichte 32,8 Prozent und wurde damit erstmals bei einer Landtagswahl in Deutschland stärkste Kraft.
Wie schnitt das BSW in Thüringen ab?
Das BSW erreichte 15,8 Prozent und wurde drittstärkste Kraft – hinter AfD und CDU, aber vor der Linken.
Wie genau waren die Umfragen?
Die Rangfolge wurde korrekt vorhergesagt. Die AfD wurde um 2,8 Punkte unterschätzt – ein typisches Muster bei ostdeutschen Landtagswahlen.
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