Umfragen Landtagswahl Brandenburg 2024 — Rückblick & Analyse
Key-Facts: Landtagswahl Brandenburg 2024
- Wahltag: 22. September 2024
- Wahlberechtigte: Rund 2,1 Millionen
- Wahlbeteiligung: 72,9 Prozent (höchste seit 1990)
- Stärkste Kraft: SPD mit 30,9 Prozent
- AfD: 29,2 Prozent (Platz 2)
- BSW: 13,5 Prozent (Platz 3)
- Koalition: SPD/BSW unter Dietmar Woidke
Ausgangslage: Drei Wochen nach Sachsen und Thüringen
Die Brandenburgwahl am 22. September 2024 fand unter besonderen Vorzeichen statt. Drei Wochen zuvor hatten die Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen historische Ergebnisse gebracht: In Thüringen wurde die AfD erstmals stärkste Kraft, in Sachsen lag sie nur knapp hinter der CDU. Die Frage, ob sich dieses Muster auch in Brandenburg wiederholen würde, bestimmte den Wahlkampf.
Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) regierte seit 2013 und genoss hohe persönliche Beliebtheitswerte. In einer aufsehenerregenden Ankündigung stellte er seinen Rücktritt in Aussicht, falls die AfD stärkste Kraft würde. Diese Personalisierungsstrategie veränderte die Dynamik des Wahlkampfs grundlegend – und stellte die Umfrageinstitute vor besondere Herausforderungen.
Der Umfrageverlauf: Von AfD-Führung zum SPD-Comeback
Im Frühjahr 2024 lagen die Sonntagsfragen für Brandenburg eindeutig: Die AfD führte mit 25 bis 28 Prozent, die SPD lag bei 18 bis 22 Prozent. Der Abstand schien zu groß für eine SPD-Aufholjagd. Die CDU wurde bei 16 bis 19 Prozent gemessen, das BSW bei 12 bis 16 Prozent.
Im Sommer 2024 verschärfte sich die Lage für die SPD: Die AfD zog in einzelnen Umfragen auf bis zu 30 Prozent davon. Doch ab Anfang September – nach den Ergebnissen in Sachsen und Thüringen – drehte sich die Dynamik. Woidkes Rücktrittsankündigung mobilisierte strategische Wähler, die einen AfD-Sieg verhindern wollten. In den letzten zwei Wochen vor der Wahl schloss die SPD in den Umfragen rapide auf.
Letzte Umfragen und Ergebnis
| Partei | Letzte Umfragen (Schnitt) | Ergebnis 22.9.2024 | Abweichung |
|---|---|---|---|
| SPD | 25,0 % | 30,9 % | +5,9 |
| AfD | 28,0 % | 29,2 % | +1,2 |
| BSW | 14,0 % | 13,5 % | −0,5 |
| CDU | 16,0 % | 12,1 % | −3,9 |
| Grüne | 4,5 % | 4,1 % | −0,4 |
| Linke | 4,0 % | 3,0 % | −1,0 |
| BVB/Freie Wähler | 4,0 % | 2,6 % | −1,4 |
Die Ergebnisse offenbaren die größten Umfrageabweichungen des gesamten Wahljahres 2024. Die SPD wurde um fast sechs Prozentpunkte unterschätzt – ein außergewöhnlicher Wert. Gleichzeitig wurde die CDU um knapp vier Punkte überschätzt. Das deutet auf einen massiven strategischen Wählertransfer von CDU-Sympathisanten zur SPD hin, der sich in den letzten Tagen vor der Wahl vollzog und von den Umfragen nicht mehr erfasst werden konnte.
Der Woidke-Effekt: Personalisierung schlägt Partei
Dietmar Woidkes Strategie, seinen Rücktritt an den Wahlausgang zu knüpfen, war ein kalkuliertes Risiko. In der Praxis funktionierte es besser als von den meisten Beobachtern erwartet. Laut Nachwahlbefragungen gaben rund 30 Prozent der SPD-Wähler an, hauptsächlich wegen Woidke persönlich SPD gewählt zu haben – nicht wegen der Partei.
Für die Umfrageforschung ist das ein wichtiger Befund: Personalisierungseffekte sind in standardisierten Sonntagsfragen schwer zu erfassen, weil die Fragestellung auf Parteien abzielt, nicht auf Kandidaten. In der Direktwahlfrage (Kanzler- bzw. Ministerpräsidentenpraeferenz) lag Woidke durchgehend klar vorne – dieses Signal hätte stärker gewichtet werden können.
Spätentscheider und strategisches Wählen
Die hohe Abweichung zwischen Umfragen und Ergebnis erklärt sich maßgeblich durch Spätentscheider. Laut Infratest dimap entschieden sich rund 25 Prozent der Wähler erst in der letzten Woche – und von diesen wählte ein überproportionaler Anteil SPD. Viele dieser Spätentscheider hatten in früheren Umfragen noch CDU, Grüne oder BSW angegeben.
Das Phänomen des strategischen Wählens, bei dem Bürger nicht ihre Erstpräferenz, sondern die „nützlichste“ Stimme abgeben, ist in der Umfrageforschung eines der am schwersten zu erfassenden Verhaltensweisen. Brandenburg 2024 ist dafür ein Lehrbuch-Beispiel.
BSW in Brandenburg: Stabil, aber keine Sensation
Anders als in Thüringen, wo das BSW 15,8 Prozent erreichte, blieb die Partei in Brandenburg mit 13,5 Prozent leicht unter den Umfragewerten. Die Erklärung: In Brandenburg fehlte das Alleinstellungsmerkmal der Linke-Tradition, das in Thüringen die BSW-Basis verbreiterte. Zudem dürften einige potenzielle BSW-Wähler am Wahltag strategisch zur SPD gewechselt sein, um Woidke zu unterstützen.
Vergleich: Ostdeutsche Landtagswahlen 2024
| Merkmal | Sachsen | Thüringen | Brandenburg |
|---|---|---|---|
| Wahltag | 1. September | 1. September | 22. September |
| AfD-Ergebnis | 30,6 % | 32,8 % | 29,2 % |
| Stärkste Kraft | CDU (31,9 %) | AfD (32,8 %) | SPD (30,9 %) |
| BSW | 11,8 % | 15,8 % | 13,5 % |
| Wahlbeteiligung | 74,4 % | 73,6 % | 72,9 % |
| Größte Umfrage-Abweichung | BSW (+1,8) | AfD (+2,8) | SPD (+5,9) |
Der Vergleich zeigt: In allen drei Ländern gab es signifikante Umfrageabweichungen, aber aus unterschiedlichen Gründen. In Sachsen wurde eine neue Partei leicht unterschätzt, in Thüringen griff die bekannte AfD-Unterschätzung, und in Brandenburg sorgte ein später Personalisierungseffekt für die größte Überraschung.
Koalitionsbildung: SPD und BSW
Nach der Wahl bildeten SPD und BSW eine Koalition – ein in Deutschland völlig neues Bündnis auf Landesebene. Dietmar Woidke blieb Ministerpräsident. Die CDU, die in den Umfragen noch als potenzieller Koalitionspartner gehandelt wurde, fiel mit nur 12,1 Prozent auf ihr historisch schlechtestes Ergebnis in Brandenburg und wurde nicht einmal drittstärkste Kraft.
Lehren für die Umfrageforschung
Brandenburg 2024 ist für die Umfrageforschung ein Extrembeispiel. Die Abweichung von fast sechs Prozentpunkten bei der SPD zeigt die Grenzen standardisierter Sonntagsfragen auf. Wenn ein Wahlkampf stark personalisiert ist und strategisches Wählen dominiert, können herkömmliche Umfragen die tatsächliche Wahldynamik nur unzureichend erfassen.
Mögliche Verbesserungsansätze wären: stärkere Einbeziehung der Kandidatenpräferenz, häufigere Erhebungen in der letzten Woche vor der Wahl und spezielle Fragen zum strategischen Wahlverhalten. Auch die Gewichtung könnte angepasst werden, um Spätentscheider-Dynamiken besser abzubilden.
September 2024: SPD-Sieg in Brandenburg – 180.000 Spaetentscheider kippen die Prognose
Bei der Brandenburgischen Landtagswahl am 22. September 2024 zeigten die letzten Umfragen AfD knapp vor der SPD. Das Ergebnis: SPD 30,9 Prozent, AfD 29,2 Prozent. Die SPD hatte in der letzten Woche massiv bei Spaetentscheidern zugelegt. Ministerpraesident Dietmar Woidke hatte angekuendigt, bei einem Ergebnis hinter der AfD nicht mehr kandidieren zu wollen. Dieser persoenliche Faktor mobilisierte rund 180.000 Spaetentscheider, die in keiner Vorwahlumfrage abgebildet waren. Es war der größte Spaetentscheider-Effekt, der in einer deutschen Landtagswahl je dokumentiert wurde.
2025: KI in der Demoskopie – können Algorithmen Wahlen besser vorhersagen?
Seit 2020 experimentieren Institute mit KI-gestützten Vorhersagemodellen: Social-Media-Sentiment-Analyse (Twitter/X, Facebook), Google-Trends-Analyse, Kombination von Umfragen mit Wirtschaftsdaten. Ergebnisse gemischt: 538 (USA) kombiniert Umfragen mit politischen und wirtschaftlichen Indikatoren. In Deutschland: Keine öffentlichen KI-Modelle auf gleichem Niveau. Grundproblem: Auch KI-Modelle trainieren auf historischen Daten – und versagen bei strukturellen Brüchen (Corona, Flüchtlingskrise, neue Parteien). Die Zukunft liegt in Hybrid-Modellen: Umfragen + KI + Strukturdaten + Expert-Urteile.
Häufige Fragen
Wann fand die Landtagswahl in Brandenburg 2024 statt?
Am 22. September 2024, drei Wochen nach den Wahlen in Sachsen und Thüringen.
Wer gewann die Brandenburgwahl 2024?
Die SPD unter Dietmar Woidke wurde mit 30,9 Prozent knapp stärkste Kraft vor der AfD (29,2 Prozent).
Warum lagen die Umfragen so deutlich daneben?
Ein später Mobilisierungseffekt durch Woidkes Rücktrittsankündigung und massives strategisches Wählen zugunsten der SPD konnten von den Umfragen nicht rechtzeitig erfasst werden.
Welche Koalition regiert in Brandenburg seit 2024?
Eine Koalition aus SPD und BSW unter Ministerpräsident Dietmar Woidke.
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