Umfragen Europawahl 2024 — Rückblick & Analyse
Key-Facts: Europawahl 2024 (Deutschland)
- Wahltag: 9. Juni 2024
- Wahlberechtigte: Rund 64,9 Millionen (erstmals ab 16 Jahren)
- Wahlbeteiligung: 64,8 Prozent
- Stärkste Kraft: CDU/CSU mit 30,0 Prozent
- Sperrklausel: Keine (nach Urteil des Bundesverfassungsgerichts)
- Besonderheit: Erstmals Wahlrecht ab 16 Jahren bei einer bundesweiten Wahl
Die Europawahl 2024: Besonderheiten für die Umfrageforschung
Die Europawahl 2024 stellte die Wahlforschungsinstitute vor spezielle Herausforderungen. Drei Faktoren unterschieden sie grundlegend von Bundestagswahlen: Erstens galt keine Fünf-Prozent-Hürde, was die Stimmenverteilung schwerer vorhersagbar machte. Zweitens wurde erstmals ab 16 Jahren gewählt – eine Altersgruppe, die in den Umfrage-Panels bisher unterrepräsentiert war. Drittens ist die Wahlbeteiligung bei Europawahlen traditionell niedriger als bei Bundestagswahlen, was die Frage der Mobilisierung in den Vordergrund rückte.
Für die Institute bedeutete das: Die üblichen Gewichtungsmodelle, die auf Bundestagswahlen kalibriert sind, mussten angepasst werden. Insbesondere die fehlende Sperrklausel machte es schwer, die Stimmverteilung im unteren Prozentbereich akkurat zu messen.
Umfrageverlauf: CDU/CSU stabil, Ampel-Parteien im Sinkflug
Die Sonntagsfragen zur Europawahl zeigten über Monate ein stabiles Bild: Die CDU/CSU lag bei 29 bis 32 Prozent, die AfD bei 15 bis 18 Prozent, die SPD bei 14 bis 16 Prozent. Die Grünen fielen im Jahresverlauf von 16 auf 12 Prozent, die FDP lag bei 4 bis 5 Prozent.
Bemerkenswert war der BSW-Faktor: Die im Januar 2024 gegründete Partei wurde in den Europawahl-Umfragen bei 5 bis 8 Prozent gemessen – ein starkes Ergebnis für eine Partei ohne jede Wahlerfahrung. Da keine Sperrklausel galt, war klar, dass das BSW in jedem Fall Sitze gewinnen würde.
Ergebnis und Umfrage-Vergleich
| Partei | Letzte Umfragen (Schnitt) | Ergebnis 9.6.2024 | Abweichung |
|---|---|---|---|
| CDU/CSU | 30,0 % | 30,0 % | 0,0 |
| AfD | 16,0 % | 15,9 % | −0,1 |
| SPD | 14,5 % | 13,9 % | −0,6 |
| Grüne | 13,0 % | 11,9 % | −1,1 |
| BSW | 6,0 % | 6,2 % | +0,2 |
| FDP | 4,0 % | 5,2 % | +1,2 |
| Linke | 3,5 % | 2,7 % | −0,8 |
| Freie Wähler | 3,0 % | 2,7 % | −0,3 |
| Sonstige | 10,0 % | 11,5 % | +1,5 |
Die Treffsicherheit der Umfragen war bei der Europawahl 2024 bemerkenswert gut. CDU/CSU und AfD wurden nahezu exakt getroffen. Die größte Abweichung gab es bei den „Sonstigen“ – ein erwartbarer Effekt, da ohne Sperrklausel viele Kleinstparteien Stimmen erhielten, die in herkömmlichen Umfragen unter „Sonstige“ zusammengefasst werden.
Erstwähler ab 16: Umfrage-Herausforderung
Die Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre betraf rund 1,4 Millionen zusätzliche Wahlberechtigte. Für die Umfrageinstitute war das ein methodisches Problem: 16- und 17-Jährige sind in Telefonpanels kaum vertreten, und ihre Wahlabsichten sind besonders volatil. Online-Panels erreichen diese Gruppe besser, aber die unterschiedlichen Methoden führten zu teils widersprüchlichen Ergebnissen.
In der Nachwahlanalyse zeigte sich: Unter den 16- bis 24-Jährigen erreichte die AfD überraschende 16 Prozent – gleichauf mit den Grünen und deutlich höher als in früheren Jugendumfragen. Die CDU/CSU lag bei jungen Wählern bei 17 Prozent, die SPD bei nur 9 Prozent. Diese Ergebnisse wichen erheblich von Vorwahlumfragen unter Jugendlichen ab.
Die Europawahl als bundespolitisches Signal
Obwohl die Europawahl formal eine EU-Wahl war, wurde sie in Deutschland primär als bundespolitischer Stimmungstest interpretiert. Das desaströse Abschneiden der Ampel-Parteien (SPD, Grüne, FDP zusammen: 31,0 Prozent – weniger als die CDU/CSU allein) wurde als Vertrauensverlust in die Bundesregierung gewertet.
Für die Umfrageforschung bestätigte die Europawahl einen Trend, der sich bereits in den Bundestagsumfragen abzeichnete: Die Unzufriedenheit mit der Ampel-Koalition war kein Umfrageeffekt, sondern spiegelte sich auch im realen Wahlverhalten wider. Die Differenz zwischen Sonntagsfrage (Bundestagswahl) und Europawahl-Ergebnis war bei den meisten Parteien gering, was für die Validität der Sonntagsfrage spricht.
Ohne Sperrklausel: Das Kleinstparteien-Phänomen
Die fehlende Sperrklausel führte dazu, dass 15 Parteien Sitze im Europäischen Parlament errangen – darunter Volt (2,6 %), die Familienpartei (1,0 %) und die Tierschutzpartei (1,4 %). Diese Parteien werden in Standard-Umfragen nicht einzeln ausgewiesen, was den hohen Anteil der „Sonstigen“ erklärt.
| Kleinstpartei | Ergebnis | Sitze |
|---|---|---|
| Volt | 2,6 % | 3 |
| Tierschutzpartei | 1,4 % | 1 |
| Familienpartei | 1,0 % | 1 |
| ÖDP | 0,6 % | 1 |
| PARTEI | 1,9 % | 2 |
Vergleich: Europawahl vs. Bundestagsumfragen
| Partei | Europawahl-Ergebnis | Bundestagsumfrage (gleiche Woche) | Differenz |
|---|---|---|---|
| CDU/CSU | 30,0 % | 31,0 % | −1,0 |
| AfD | 15,9 % | 17,0 % | −1,1 |
| SPD | 13,9 % | 15,0 % | −1,1 |
| Grüne | 11,9 % | 13,0 % | −1,1 |
Die Tabelle zeigt: Die Europawahl-Ergebnisse lagen durchgehend leicht unter den gleichzeitigen Bundestagsumfragen. Das erklärt sich durch den höheren Anteil der „Sonstigen“ bei einer Wahl ohne Sperrklausel – Stimmen, die bei einer Bundestagswahl auf die größeren Parteien entfallen würden.
Fazit: Solide Umfragequalität trotz Sonderbedingungen
Die Genauigkeit der Wahlumfragen bei der Europawahl 2024 war insgesamt gut. Die durchschnittliche Abweichung über die großen Parteien lag bei nur 0,6 Prozentpunkten – besser als bei den meisten Bundestagswahlen. Die fehlende Sperrklausel und das abgesenkte Wahlalter erschwerten die Prognose im Detail, veränderten aber nicht das Gesamtbild. Die Europawahl 2024 zeigt: Auch unter Sonderbedingungen liefern die deutschen Umfrageinstitute verlässliche Trendaussagen.
Juni 2024: Europawahl trifft alle deutschen Institute mit 0,6 Punkten Abweichung
Bei der Europawahl am 9. Juni 2024 lieferten die deutschen Umfrageinstitute ihre bislang präzisesten Vorhersagen. Die durchschnittliche Abweichung über alle Großparteien lag bei nur 0,6 Prozentpunkten im Vergleich zu 1,8 Prozentpunkten bei der Bundestagswahl 2021. Besonders bemerkenswert: Auch die neuen Parteien BSW und Volt wurden erstmals präzise erfasst, da beide schon Monate zuvor regelmäßig abgefragt worden waren. Die AfD-Unterschätzung aus Bundestagswahlen trat nicht auf – möglicherweise weil der Protest-Charakter der Europawahl den Social Desirability Bias reduzierte.
Warum Europawahlen besonders schwer zu pollen sind – und 2024 trotzdem gut geklappt hat
Europawahlen stellen Umfrageinstitute vor ein strukturelles Problem: Die Wahlbeteiligung ist niedriger (2024: 64,8 %, bei Bundestagswahlen typisch 75–80 %), was die Mobilisierungsmodelle der Institute destabilisiert. Wer tatsächlich zur Europawahl geht, ist schwerer vorherzusagen. Hinzu kommt ein spezifischer Bias: Pro-europäische Wähler mobilisieren bei EU-Wahlen stärker als anti-europäische (die eher Bundestagswahlen priorisieren) – ein Umkehreffekt des Bundestrends. Das erklärt, warum die AfD in Bundestagsumfragen 2024 bei 17–20 % lag, bei der Europawahl aber nur 15,9 % erzielte: AfD-Wähler mobilisierten unterproportional. Die Umfragen überschätzten die AfD deshalb systematisch. BSW: ähnliches Muster, 6–8 % in Umfragen, 6,2 % Ergebnis – gut getroffen. CDU/CSU: genau bei 30,0 %. Für 2024 gilt: Die Institute haben aus früheren Europawahl-Fehlern gelernt und ihre Modelle angepasst. Umfragegenauigkeit im Vergleich →
Häufige Fragen
Wann fand die Europawahl 2024 statt?
In Deutschland am 9. Juni 2024. In anderen EU-Ländern wurde zwischen dem 6. und 9. Juni gewählt.
Wer gewann die Europawahl 2024 in Deutschland?
Die CDU/CSU mit 30,0 Prozent, gefolgt von AfD (15,9 %) und SPD (13,9 %).
Gab es eine Sperrklausel?
Nein. Das Bundesverfassungsgericht hatte Sperrklauseln bei Europawahlen für verfassungswidrig erklärt. Dadurch zogen 15 Parteien ins Europaparlament ein.
Wie genau lagen die Umfragen?
Sehr genau: Die durchschnittliche Abweichung bei den großen Parteien lag bei nur 0,6 Prozentpunkten. CDU/CSU und AfD wurden nahezu exakt getroffen.
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