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Politiker beim TV-Interview vor der Pressewand im Bundestag

Große Koalitionen im Rückblick — 15 Jahre GroKo-Erfahrung

Key-Facts: Große Koalitionen

  • Anzahl: 5 auf Bundesebene (1966, 2005, 2013, 2018, 2025)
  • Gesamtdauer: Über 16 Jahre (inkl. aktuelle GroKo)
  • Partner: Immer CDU/CSU + SPD
  • Kanzler: Kiesinger (1x), Merkel (3x), Merz (1x, seit 2025)
  • Muster: Entstand stets als „Notlösung“, nie als Wunschkoalition

Fünf Mal versuchte Deutschland die GroKo. Fünf Mal ging es anders aus als geplant. Die erste brachte die außerparlamentarische Opposition hervor, die zweite kostete die SPD elf Prozentpunkte, die dritte öffnete der AfD die Tür zum Bundestag, die vierte endete in einer Pandemie — und die fünfte begann 2025 unter Friedrich Merz mit einem Stimmenanteil von unter 50 Prozent für beide Parteien zusammen. Keine einzige Große Koalition begann als Wunschprojekt — jede war die Antwort auf ein Scheitern.

Die Große Koalition zwischen CDU/CSU und SPD ist das am häufigsten wiederholte Regierungsmodell der jüngeren deutschen Geschichte — und zugleich das unbeliebteste. Kein Koalitionspartner wünscht sich die GroKo, doch immer wieder blieb sie als einzige Option übrig. Dieser Rückblick analysiert alle fünf Großen Koalitionen: ihre Entstehung, ihre Leistungen und ihre Folgen für das Parteiensystem.

GroKo I: Kiesinger 1966–1969

Die erste Große Koalition entstand aus einer Wirtschaftskrise. Die FDP hatte die Koalition mit der Union verlassen, weil sie die Haushaltspolitik von Kanzler Erhard nicht mittragen wollte. CDU/CSU und SPD fanden unter Kurt Georg Kiesinger (CDU) als Kanzler und Willy Brandt (SPD) als Außenminister zusammen.

Diese GroKo war die produktivste: Sie verabschiedete die Notstandsverfassung, reformierte das Strafrecht grundlegend und führte das Stabilitätsgesetz ein. Gleichzeitig formierte sich die außerparlamentarische Opposition (APO), weil im Bundestag nur die kleine FDP-Fraktion als Opposition übrigblieb.

GroKo II: Merkel I, 2005–2009

Nach der Bundestagswahl 2005 war keine andere Mehrheit möglich: CDU/CSU und SPD lagen fast gleichauf (35,2% vs. 34,2%). Angela Merkel wurde Kanzlerin, die SPD erhielt acht Ministerien — darunter Finanzen (Steinbrück) und Außen (Steinmeier).

Diese GroKo musste 2008/2009 die globale Finanzkrise bewältigen. Die Konjunkturpakete, die Abwrackprämie und die Bankenrettung waren gemeinsame Projekte. Die SPD verlor trotzdem massiv: Bei der Wahl 2009 fiel sie auf 23% — ihr schlechtestes Ergebnis seit 1949.

Gruppe diskutiert Politik in einer Bar am Sommerabend
Die Große Koalition polarisiert: An Stammtischen und in Bars wird leidenschaftlich über Sinn und Unsinn der GroKo debattiert.

GroKo III: Merkel III, 2013–2017

Die Bundestagswahl 2013 brachte ein Novum: Die FDP scheiterte an der Fünf-Prozent-Hürde und flog aus dem Bundestag. Eine schwarz-gelbe Koalition war damit unmöglich. CDU/CSU (41,5%) und SPD (25,7%) bildeten erneut eine Große Koalition.

Zentrale Projekte:

  • Mindestlohn: Einführung des gesetzlichen Mindestlohns von 8,50 Euro (2015)
  • Rente mit 63: Abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren
  • Flüchtlingskrise 2015: Merkels „Wir schaffen das“ und die Folgen
  • Ehe für alle: In einer Gewissensabstimmung kurz vor der Wahl 2017 beschlossen

Die Flüchtlingskrise 2015/2016 veränderte die politische Landschaft grundlegend. Die AfD, die 2013 noch an der 5%-Hürde gescheitert war, profitierte massiv und zog 2017 mit 12,6% in den Bundestag ein.

GroKo IV: Merkel IV, 2018–2021

Die längste Regierungsbildung der Bundesrepublik (171 Tage) führte zur vierten Großen Koalition. Vorausgegangen war das Scheitern der Jamaika-Sondierungen. Die SPD, die ursprünglich in die Opposition gehen wollte, wurde von Bundespräsident Steinmeier überzeugt, erneut Regierungsverantwortung zu übernehmen.

Zentrale Projekte und Ereignisse:

  • Grundrente: Einführung nach langem Koalitionsstreit (2021)
  • Corona-Pandemie (2020/21): Dominierte die gesamte zweite Hälfte der Legislaturperiode
  • Klimapaket: CO2-Preis, Kohleausstieg bis 2038
  • Konjunkturpakete: Milliarden-Programme gegen die Corona-Wirtschaftskrise

Vergleichstabelle: Die vier abgeschlossenen Großen Koalitionen im Direktvergleich

Die folgende Tabelle stellt die vier abgeschlossenen GroKos nach den wichtigsten Erfolgskriterien nebeneinander — von Entstehung über zentrale Leistungen bis zu den strukturellen Schwächen. So lässt sich auf einen Blick erkennen, wie sich das Modell „Große Koalition“ über die Jahrzehnte verändert hat.

KriteriumGroKo I (1966–69)GroKo II (2005–09)GroKo III (2013–17)GroKo IV (2018–21)
Kanzler/inKiesinger (CDU)Merkel (CDU)Merkel (CDU)Merkel (CDU)
AnlassFDP verließ KoalitionPatt-SituationFDP unter 5%Jamaika gescheitert
Dauer3 Jahre4 Jahre4 Jahre3,5 Jahre
Sitze gemeinsam~90% (447/518)~73% (448/614)~80% (504/631)~56% (399/709)
Größte ErfolgeNotstandsverfassung, Strafrechtsreform, StabilitätsgesetzFinanzkrise gemeistert, Konjunkturpakete, SchuldenbremseMindestlohn, Rente mit 63, Ehe für alleGrundrente, Corona-Bewältigung, Klimapaket
Größte ProblemeAPO-Proteste, keine OppositionSPD-Profilverfall, BankenrettungFlüchtlingskrise, AfD-Aufstieg171 Tage Regierungsbildung, Pandemiestress
Prägende KriseWirtschaftskrise 1966/67Globale Finanzkrise 2008/09Flüchtlingskrise 2015/16Corona-Pandemie 2020/21
SPD-Ergebnis danach42,7% (+3,4)23,0% (−11,2)20,5% (−5,2)25,7% (+5,2)
CDU/CSU-Ergebnis danach46,1% (−1,5)33,8% (−1,4)32,9% (−8,6)24,1% (−8,8)
Neuer Player entstanden?APO (außerparlam.)Linke gestärktAfD im Bundestag
GesamtbewertungProduktivste GroKoSolide KrisenbewältigungPolarisierendPandemie-Notregierung

Quellen: bpb.de, bundeswahlleiter.de

GroKo-Bilanz in Zahlen: Wahlergebnisse vorher/nachher

GroKoSPD vorherSPD nachherCDU/CSU vorherCDU/CSU nachherStärkste Opposition
1966–196939,3%42,7%47,6%46,1%FDP (5,8%)
2005–200934,2%23,0%35,2%33,8%Linke (11,9%)
2013–201725,7%20,5%41,5%32,9%AfD (12,6%)
2018–202120,5%25,7%32,9%24,1%AfD (10,3%)

Das Muster ist eindeutig: In drei von vier abgeschlossenen Fällen verlor die SPD in der GroKo massiv. Nur 2018–2021 konnte sie sich — durch den Scholz-Effekt im Wahlkampf 2021 — erholen. Die Union verlor in den letzten beiden GroKos ebenfalls deutlich. Beide Volksparteien zusammen sanken von über 70% (2005) auf unter 50% (2021).

Auffällig ist, dass die erste Große Koalition von diesem Muster abweicht: Die SPD gewann sogar leicht hinzu. Der Grund: 1966–1969 konnte sich die SPD als kompetenter Regierungspartner profilieren und überholte die Union bei der nächsten Wahl erstmals in der Bundesgeschichte. Ab 2005 gelang das nicht mehr — im Gegenteil: Die SPD wurde in jeder GroKo zum Steigbügelhalter der Kanzlerin und verlor dabei ihre eigene Identität.

Das GroKo-Paradoxon: Stabilität nach außen, Erosion nach innen

Politikwissenschaftler sprechen vom „GroKo-Paradoxon“: Nach außen vermittelt die Große Koalition maximale Stabilität — sie hat riesige Mehrheiten, kann jedes Gesetz durchbringen und muss keine Angst vor Abstimmungsniederlagen haben. Nach innen jedoch erodiert sie das Parteiensystem. Die beiden größten Parteien können sich nicht voneinander abgrenzen, verhandeln Kompromisse auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner und bieten den Wählern keine echte Alternative.

Die Konsequenz zeigt sich bei jeder Folgewahl: Die Wähler wandern zu Parteien ab, die klarere Positionen vertreten. 2009 profitierten FDP und Linke, 2017 die AfD und die FDP, 2021 die Grünen und die FDP. Ironischerweise führt die Flucht aus der GroKo oft dazu, dass eine GroKo wieder die einzige rechnerisch mögliche Mehrheit wird — weil die Volksparteien so geschwächt sind, dass sie allein mit einem kleinen Partner nicht regieren können.

Systemische Folgen der GroKo-Ära

Die jahrelange GroKo-Dominanz hat das deutsche Parteiensystem nachhaltig verändert:

  1. Erosion der Volksparteien: Union und SPD hatten 2005 zusammen 69,4% — 2021 nur noch 49,8%. Die GroKo beschleunigte diesen Trend.
  2. Aufstieg der Ränder: Die AfD wurde zur stärksten Oppositionskraft, die Grünen stiegen zur dritten Kraft auf.
  3. Koalitionsvielfalt: Die GroKo-Müdigkeit führte zu neuen Modellen — die Ampel-Koalition 2021 war eine direkte Folge.
  4. Oppositionsproblem: In GroKo-Zeiten fehlte eine starke, konstruktive Opposition. Das Bundesverfassungsgericht musste sogar die Oppositionsrechte stärken.

Lehren aus der GroKo-Geschichte

Was lehren fünf Große Koalitionen? Politikwissenschaftler ziehen mehrere Schlüsse:

  • Die GroKo ist kein Dauerzustand: Sie funktioniert als Übergangslösung, nicht als Regelfall. Je länger sie dauert, desto größer der Schaden für beide Partner.
  • Krisen kann sie gut: Finanzkrise 2008, Corona 2020 — in Krisen ist die breite Mehrheit der GroKo ein Vorteil.
  • Reform kann sie schlecht: Mutige Reformen scheitern am kleinsten gemeinsamen Nenner.
  • Demokratiekosten: Eine schwache Opposition schadet der parlamentarischen Kontrolle.

Ein wenig beachteter Aspekt der GroKo-Geschichte ist die Rolle des Bundesverfassungsgerichts. Während der Großen Koalitionen 2013–2017 und 2018–2021 musste das Gericht in Karlsruhe die Oppositionsrechte mehrfach stärken, weil die verbliebene Opposition (Grüne, Linke, FDP, AfD) zusammen nicht die für einen Untersuchungsausschuss oder eine Normenkontrollklage erforderliche Sperrminorität von 25% der Abgeordneten erreichte. 2014 senkte der Bundestag auf Initiative der Opposition die Schwelle für Normenkontrollanträge und Untersuchungsausschüsse von einem Viertel auf 120 Abgeordnete. Dieser Vorgang ist einzigartig in der Geschichte der Bundesrepublik und zeigt, wie tief die GroKo in die parlamentarische Architektur eingreift.

22. September 2005: Schröder, Merkel, 34,2% vs. 35,2% — die GroKo entstand in einer einzigen Wahlnacht

Am Wahlabend des 22. September 2005 trat Gerhard Schröder (SPD) vor die Kameras und erklärte sich zum Sieger — obwohl die CDU/CSU mit 35,2% knapp vor der SPD mit 34,2% lag. Schröder hatte die Wahl selbst ausgelöst, die er nie gewinnen sollte. Angela Merkel sagte ruhig, sie werde die Regierungsbildung übernehmen. Die Mathematik: Schwarz-Gelb hatte keine Mehrheit (CDU/CSU 35,2% + FDP 9,8% = 45,0%), Rot-Grün hatte keine Mehrheit (SPD 34,2% + Grüne 8,1% = 42,3%), und die Linke (8,7%) kam für die SPD als Partner nicht infrage. Es gab rechnerisch nur eine Möglichkeit: CDU/CSU + SPD. Merkel verhandelte 65 Tage. Sie wurde am 22. November 2005 mit 397 von 613 Stimmen zur Kanzlerin gewählt — die ersten 9 Stimmen aus dem eigenen Lager fehlten. Sie rechnete: 448 Koalitionssitze minus 9 Abweichler = 439. Sie hatte trotzdem 397 bekommen, also 42 weniger als nötig aus den eigenen Reihen gestimmt. Merkel schwieg dazu öffentlich — und regierte 16 weitere Jahre.

2005: Große Koalition II – Merkel und Müntefering als ungleiches Paar

Die Große Koalition 2005-2009 unter Merkel (CDU) und Müntefering (SPD) war pragmatisch: Keine Vision, aber Stabilität. Die SPD trat als Juniorpartner in eine CDU-Kanzlerschaft ein. Merkel: 35,2 Prozent. SPD: 34,2 Prozent. Fast gleich auf. Trotzdem: CDU-Kanzlerin. Für die SPD war es ein Pakt mit dem Teufel – sie verlor 2009 auf 23,0 Prozent. Das Koalitions-Syndrom: Wer in eine Große Koalition eintritt, verliert. 2013: SPD trat wieder ein (25,7 Prozent vorher, 20,5 Prozent danach). 2021 trat die Union ein – und verlor auf 24,1 Prozent. Die Große Koalition ist eine Falle für den Kleineren.

Häufige Fragen

Wie viele Große Koalitionen gab es in Deutschland?

Es gab fünf Große Koalitionen auf Bundesebene: 1966–1969 (Kiesinger), 2005–2009 (Merkel I), 2013–2017 (Merkel III), 2018–2021 (Merkel IV) und seit 2025 (Merz). Die ersten vier dauerten rund 15 Jahre, die fünfte läuft seit Anfang 2025.

Welche war die erfolgreichste Große Koalition?

Die erste GroKo 1966–1969 unter Kiesinger gilt als die produktivste. Sie führte die Notstandsverfassung ein, reformierte das Strafrecht und stabilisierte die Wirtschaft. Die GroKo 2005–2009 meisterte die globale Finanzkrise.

Warum schwächt die GroKo die Volksparteien?

In der GroKo müssen Union und SPD ständig Kompromisse eingehen, verlieren ihr Profil und können sich nicht voneinander abgrenzen. Wähler wandern zu kleineren Parteien ab, die klarere Positionen vertreten.

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Mehr dazu: Briefwahl · Parteien im Überblick · der Bundestag
SonntagsfrageCDU/CSU25,7%SPD12,3%Grüne13,7%AfD25,7%BSW3,5%FDP3,3%Linke10,2%INSA · 08.04.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%FAZ Politik Liveblog Ukrainekrieg: Selenskyj stimmt Putins Feuerpause zuFAZ Politik Deutschland-Liveblog: Verteidigungsministerium:  Genehmigungspflicht für Auslandsreisen entfälltFAZ Politik Liveblog Irankrieg: USA wollen Gespräche zwischen Israel und dem Libanon ausrichtenZDF heute Vorschau "maybrit illner" 9. April 2026Welt Politik Putin kündigt Feuerpause in der Ukraine während orthodoxer Ostertage anWelt Politik „Die Lügen müssen ein Ende haben“ – Melania Trump bestreitet Verbindungen zu EpsteinWelt Politik Martin Sellner hält Migrationsvortrag in Straßenbahn – Unternehmen ist „schockiert“Spiegel Politik USA, Donald Trump und Marco Rubio: Warum Standorte wie Ramstein entscheidend sindSpiegel Politik Buchenwald: Gericht bestätigt Verbot für »Kufiyas in Buchenwald«Spiegel Politik NRW-Ministerin Ina Scharrenbach: Vorwürfe von Machtmissbrauch bleiben interne SacheTagesschau Untergetauchte Rechtsextremistin Liebich in Tschechien gefasstTagesschau Ankündigung von Merz: Deutschland will wieder Gespräche mit Iran aufnehmenZDF heute Europas KI-Aufholjagd
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